{"id":11509,"date":"2012-09-01T00:00:03","date_gmt":"2012-08-31T22:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11509"},"modified":"2022-07-26T14:22:29","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:29","slug":"uber-leichen-im-keller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/09\/uber-leichen-im-keller\/","title":{"rendered":"\u00dcber Leichen im Keller"},"content":{"rendered":"<p>Der \u00f6sterreichische Dichter Erich Fried mahnte einst durch die                 folgenden Zeilen, dass uns Vergessen oder Nachl\u00e4ssigkeit zu Mitt\u00e4tern                 macht:<\/p>\n<p><i>Tote Menschen sind tote Menschen<br \/>                 <\/i><i>wer immer sie waren.<br \/>                 <\/i><i>Wer nicht nachfragt <br \/>                 <\/i><i>wie Menschen sterben<br \/>                 <\/i><i>der hilft sie t\u00f6ten.<\/i><\/p>\n<p>Namibia des 21. Jahrhunderts muss sich der Auseinandersetzung                 mit solchen Herausforderungen gleich in mehrfacher Hinsicht stellen.                 Sie m\u00f6gen auf den ersten Blick keinen direkten Zusammenhang erkennen                 lassen. Sie sind jedoch untrennbar damit verbunden, wie wir uns                 zu einer Geschichte der Gewalt in der Gegenwart verhalten. <\/p>\n<p>&#8222;Das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen&#8220;,                 mahnte der US-amerikanische Schriftsteller William Faulkner. Anders                 ausgedr\u00fcckt: Wir haben noch jede Menge Leichen im Keller. Und                 wir werden daran nicht nur durch Sch\u00e4del erinnert, die als ehemalige                 Kriegsbeute aus den Asservatenkammern deutscher Institute \u00fcber                 ein Jahrhundert sp\u00e4ter nach Namibia r\u00fcck\u00fcberf\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Im Sinne eines deutlich weiter gefassten Verst\u00e4ndnisses von Geschichte,                 das \u00fcber einzelne Zeitphasen bewusst hinaus reicht, agierte seinerzeit                 die sogenannte Reiterdenkmal-Initiative. Sie formierte sich wenige                 Jahre nach der Unabh\u00e4ngigkeit zu Mitte der 1990er Jahre unter                 den Deutschsprachigen im Lande, um das koloniale Relikt des Schutztruppenreiterstandbildes                 zeitgem\u00e4\u00df zu erg\u00e4nzen.<\/p>\n<p>Nach l\u00e4ngerer Diskussion entschieden sich die Initiatoren f\u00fcr                 eine scheinbar vage Inschrift auf der Tafel, die sie auf einem                 Gedenkstein in unmittelbarer Nachbarschaft zum Monument anbringen                 wollten. Diese sollte an alle Opfer seit der Kolonisierung des                 Landes erinnern und ihnen gedenken. <\/p>\n<p>Manchen KritikerInnen schien dies eine Verharmlosung der deutschen                 Kolonialherrschaft und eine Respektlosigkeit gegen\u00fcber der kolonisierten                 afrikanischen Bev\u00f6lkerung zu sein, die in den s\u00fcdlichen, mittleren                 und \u00f6stlichen Landesteilen den Widerstand gegen die Besiedlung                 durch Europ\u00e4er mit ihrer Vertreibung oder dem Tod bezahlen musste.               <\/p>\n<p>Doch was die Einen als Verharmlosung empfanden, wurde von Anderen                 als die radikalste aller m\u00f6glichen Aussagen gewertet. N\u00e4mlich                 die Zur\u00fcckweisung jeglicher Form von Gewalt und dadurch begangenem                 Unrecht &#8211; keinesfalls nur begrenzt auf eine bestimmte Epoche in                 der Landesgeschichte. Was als vage empfunden werden konnte, schlie\u00dft                 eben gerade auch Gewalt und Unrecht in vielen anderen Formen ein,                 denen sich nicht gestellt wird. So besehen war dies die auch zeitlich                 am weitest reichende Form von Erinnerung an die Verletzung von                 Menschenrechten im Schatten des deutschen Kolonialreiters.<\/p>\n<p>Nicht ganz zuf\u00e4llig scheiterte dieser Versuch von Angeh\u00f6rigen                 der deutschsprachigen Minderheit, sich im neuen demokratischen                 Staat Namibia sichtbar loyal und zukunftsorientiert zu verhalten.                 Dabei war es nicht nur eine kleine aber lautstarke Zahl Deutschsprachiger,                 die gegen diese Initiative agierte. F\u00fcr diese war dies eine Verunglimpfung                 des deutschen Erbes und seiner zivilisatorischen Errungenschaften.                 Auch unter den zust\u00e4ndigen Offiziellen und den politischen Machthabern                 fand sich willige Zur\u00fcckhaltung gegen\u00fcber der Ma\u00dfnahme, die zehnj\u00e4hrigem                 Tauziehen offiziell abgelehnt wurde. <\/p>\n<p>Dies war wohl eine kaum bewusste Solidarit\u00e4t unter Jenen, denen                 eine Verdr\u00e4ngung n\u00e4her lag als die Bew\u00e4ltigungsarbeit.<\/p>\n<p>Ihnen war selbstkritisches Engagement zur Standortsuche und -bestimmung                 im demokratischen Staat eher ungelegen und unbequem. Schlie\u00dflich                 enth\u00e4lt solch Engagement, das sich der historischen Hypothek zu                 stellen versucht, eine nicht zu kontrollierende Dynamik. <\/p>\n<p>Sie h\u00e4tte ja Vorbildfunktion f\u00fcr so manch andere Erkundung sein                 k\u00f6nnen. Herrschende sind an solchen Expeditionen in die Geschichte                 nur selten interessiert, da diese oftmals damit enden, Herrschaftsformen                 und deren Folgen zu hinterfragen.<\/p>\n<p>Denn ebenso kontrovers, emotional, sowie psychologisch und ideologisch                 befrachtet wie der Umgang mit deutscher Kolonialgeschichte und                 ihrer Folgen ist auch die (Nicht-)Befassung mit anderen Gewaltepisoden                 in der Geschichte des Landes. Das gilt nicht nur f\u00fcr die gezielte                 Erinnerungspolitik als Teil der patriotischen Mystifizierung des                 Befreiungskampfes, wie sie sich im Falle der j\u00e4hrlichen Feiertage                 in Erinnerung des Widerstands gegen die Zwangsumsiedlung von der                 Alten Werft 1959, des ersten Gefechts von Ongulumbashe 1966 sowie                 dem Trauma Kassingas von 1978 manifestiert [vgl. GWR 351]. <\/p>\n<p>Es gilt auch in gegens\u00e4tzlicher Form f\u00fcr die Tabuisierung und                 Verdr\u00e4ngung der SWAPO-Opfer im Exil. Als sogenannte Ex-Gefangene                 haben einige hundert unter ihnen im Gegensatz zu Tausenden ihrer                 LeidensgenossInnen die Tortur durch die eigene Befreiungsbewegung                 \u00fcberlebt. Doch bis zum heutigen Tage bleiben sie stigmatisiert                 und bem\u00fchen sich vergeblich um ihre Rehabilitierung und eine Entschuldigung                 f\u00fcr die an ihnen begangenen Verbrechen. Viele von ihnen sind den                 Rest ihres Lebens traumatisiert.<\/p>\n<p>In allen diesen und vielen anderen F\u00e4llen haben wir es mit Gef\u00fchlsverh\u00e4rtungen                 zu tun. Sie deuten auf einen selektiven Umgang und ein gest\u00f6rtes                 Verh\u00e4ltnis zu Gewaltereignissen in der namibischen Geschichte.                 Diese werden zu unterschiedlichen Zwecken instrumentalisiert,                 ignoriert oder einfach verharmlosend abgetan. Eine kollektive                 Trauer, die T\u00e4ter und Opfer beziehungsweise deren Nachfahren im                 Versuch zur nachtr\u00e4glichen \u00dcberwindung des Verlusts von Menschlichkeit                 der Beteiligten w\u00e4hrend der Ereignisse zusammen f\u00fchrt findet nicht                 statt. <\/p>\n<p>Das Nebeneinander \u00e4hnelt weiterhin eher einem Gegeneinander als                 einem Miteinander. <\/p>\n<p>Die von den Psychologen Alexander und Margarete Mitscherlich                 1967 diagnostizierte kollektive &#8222;Unf\u00e4higkeit zu trauern&#8220; ist somit                 keinesfalls nur ein auf die Aufarbeitung der Nazi-Diktatur begrenztes                 deutsches Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p>&#8222;Die Welt hat den Sinn, den man ihr gibt&#8220;, stellte der radikale                 Humanist Albert Camus in seinem Werk &#8222;Der Mensch in der Revolte&#8220;                 fest. Wie der vom Holocaust nachhaltig gepr\u00e4gte Erich Fried verwarf                 er aufgrund seiner Erfahrungen in der franz\u00f6sischen Resistance                 jegliche Form der Gewalt als Entmenschlichung. Seit 1948 f\u00fchrten                 die ersten Nachrichten \u00fcber den Gulag unter dem autorit\u00e4ren, menschenverachtenden                 Sowjetregime Stalins zu erbitterten Kontroversen innerhalb der                 westeurop\u00e4ischen Linken. Viele distanzierten sich von einer Diktatur,                 deren Herrschaftsformen f\u00fcr sie mit der Idee des Kommunismus nichts                 gemein hatten. Zu ihnen geh\u00f6rte auch Albert Camus, der gegen\u00fcber                 den Apologeten der Sowjetmacht kategorisch fest stellte: &#8222;Es ist                 besser, sich zu irren und niemanden umzubringen, als recht zu                 haben auf einem Berg von Leichen.&#8220;<\/p>\n<p>Nun gibt es aber die Berge von Leichen, nicht nur in den Gulags                 dieser Welt. So auch in der Omaheke des damaligen Deutsch-S\u00fcdwestafrika,                 wo im Originalton der Kriegsgeschichtlichen Abteilung des Gro\u00dfen                 Generalstabes des deutschen Kaisers das R\u00f6cheln der Sterbenden                 und das Wutgeschrei des Wahnsinns in der erhabenen Stille der                 Unendlichkeit verhallten und die Hereros aufgeh\u00f6rt hatten, ein                 selbst\u00e4ndiger Volksstamm zu sein. Es gibt sie in den anl\u00e4sslich                 des Burenkriegs von den Briten eingerichteten Konzentrationslagern                 S\u00fcdafrikas zur Wende in das 20. Jahrhundert ebenso wie in denen                 ein paar Jahre danach in L\u00fcderitzbucht und Swakopmund, wo die                 kriegsgefangenen Herero, Nama und Damara (zumeist Frauen und Kinder)                 wie die Fliegen krepierten.<\/p>\n<p>Die Aufz\u00e4hlung der Gewaltexzesse umfasst im Falle Namibias auch                 die Liquidierung des Widerstands innerhalb der Befreiungsbewegung                 SWAPO zu Mitte der 1970er Jahre in den sambischen St\u00fctzpunkten,                 in denen sich hunderte der SWAPO-K\u00e4mpfer gegen die autorit\u00e4re                 F\u00fchrungsclique wendeten und massenhaft verhaftet oder hingerichtet                 wurden. <\/p>\n<p>Sie schlie\u00dft das Fl\u00fcchtlingslager und den Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt der                 SWAPO im s\u00fcdangolanischen Kassinga ein, die nach dem Luft- und                 Bodenangriff der s\u00fcdafrikanischen Armee am 4. Mai 1978 als Folge                 der Bombenabw\u00fcrfe und dem Giftgaseinsatz zum Schauplatz des gr\u00f6\u00dften                 Massakers in der Geschichte des Befreiungskampfes wurde. Ebenso                 geh\u00f6ren zu den Schaupl\u00e4tzen des organisierten Grauens aber auch                 die Erdl\u00f6cher, in denen vermeintliche Dissidenten der SWAPO w\u00e4hrend                 der 1980er Jahre im s\u00fcdangolanischen Exil gefangen gehalten wurden                 und h\u00e4ufig die Folter und Auszehrung nicht \u00fcberlebten, sofern                 sie nicht direkt exekutiert wurden.<\/p>\n<p>Vom sexuellen Missbrauch der M\u00e4dchen und Frauen durch die Repr\u00e4sentanten                 der &#8222;Befreiungsmacht&#8220; ganz zu schweigen &#8211; diese Form der m\u00e4nnlichen                 Selbstbedienung geh\u00f6rte zu den Alltagspraktiken der vermeintlichen                 &#8222;Emanzipation vom kolonialen Joch&#8220;. <\/p>\n<p>Zu solchen Formen des skrupellosen Machtmissbrauchs und den dadurch                 geschaffenen Bergen von Leichen geh\u00f6ren auch die mehreren hundert                 am 1. April 1989 unter dem Waffenstillstand der \u00dcbergangsregelung                 f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit Namibias in den Norden des Landes zur\u00fcck                 beorderten Guerilleros der SWAPO, die aufgrund pseudo-strategischen                 Kalk\u00fcls ahnungslos in den kaltbl\u00fctig exekutierten Massenmord durch                 die s\u00fcdafrikanische Armee marschierten. &#8211; Nur um nach dem Willen                 der politischen F\u00fchrung der SWAPO zu dokumentieren, dass es eine                 milit\u00e4rische Pr\u00e4senz im Lande auch schon vor dem Waffenstillstand                 gegeben habe.<\/p>\n<p>Egal wer auf solchen Leichenbergen Recht reklamiert hat nach                 Albert Camus ein solches Recht als Anspruch auf Menschlichkeit                 verwirkt. <\/p>\n<p>In den nur scheinbar v\u00f6llig unterschiedlichen Diskursen zum Umgang                 mit der Gewalt in Namibia finden sich Gemeinsamkeiten. Sie alle                 stellen sich nicht der Verantwortung einer bekennenden Einlassung.                 Sie leugnen, relativieren, rechtfertigen, oder beschuldigen Andere                 der ideologischen Verblendung und agitatorischen Aufwiegelung.                 Sie beschw\u00f6ren einen Scheinfrieden der vorget\u00e4uschten Vers\u00f6hnung,                 der auf Schuldverdr\u00e4ngung ohne S\u00fchne baut und damit wenn schon                 nicht Vergebung, dann doch wenigstens Respekt vor dem Gegen\u00fcber                 unm\u00f6glich macht.<\/p>\n<p>Wenn es aber um Mensch-Sein geht, m\u00fcssen wir zu einer Form des                 Miteinander finden, indem wir uns jenseits von quantifizierenden                 Zahlenspielereien f\u00fcr prinzipiell begangenes Unrecht verantwortlich                 f\u00fchlen. Einem Unrecht, durch das wir mittels der dadurch geschaffenen                 neuen Strukturen zu den Nutznie\u00dfern geh\u00f6ren. <\/p>\n<p>Daf\u00fcr k\u00f6nnen wir nichts, sofern wir nicht am Tathergang beteiligt                 gewesen sind oder diesen wissentlich und billigend in Kauf genommen                 haben. Aber wir k\u00f6nnen etwas daf\u00fcr, wie wir uns zu dem geschehenen,                 meist von Anderen begangenem Unrecht verhalten, das &#8211; ob wir es                 wollen oder nicht &#8211; auch uns selbst betrifft.<\/p>\n<p>Die Freiheit Namibias wurde dem Liedtext der mit &#8222;Land of the                 Brave&#8220; (Land der Mutigen) betitelten Nationalhymne zufolge vom                 Blut dieser Mutigen getr\u00e4nkt. Diese haben sich auf allen Seiten                 der zahlreichen Konflikte befunden. Aber sie waren meist die Opfer.                 Zu diesen Mutigen geh\u00f6ren aber auch jene, die sich heute der Gewalt                 in der Geschichte stellen. &#8211; Sie als Aufforderung begreifen dazu                 beizutragen, dass diese sich in der Gegenwart und Zukunft nicht                 wiederholt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u00f6sterreichische Dichter Erich Fried mahnte einst durch die folgenden Zeilen, dass uns Vergessen oder Nachl\u00e4ssigkeit zu Mitt\u00e4tern macht: Tote Menschen sind tote Menschen wer immer sie waren. Wer nicht nachfragt wie Menschen sterben der hilft sie t\u00f6ten. Namibia des 21. Jahrhunderts muss sich der Auseinandersetzung mit solchen Herausforderungen gleich in mehrfacher Hinsicht stellen. 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