{"id":11514,"date":"2012-09-01T00:00:42","date_gmt":"2012-08-31T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11514"},"modified":"2022-07-26T14:22:29","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:29","slug":"ehrenmorde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/09\/ehrenmorde\/","title":{"rendered":"&#8222;Ehrenmorde&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Wie viele dieser Frauenbefreier legen zuhause die F\u00fc\u00dfe auf den                 Tisch, lassen sich von &#8222;ihrer&#8220; Frau das Bier bringen und die W\u00e4sche                 waschen und wie viele von ihnen werden handgreiflich gegen\u00fcber                 &#8222;ihren&#8220; so freien deutschen Frauen?<\/p>\n<p>Der populistische Missbrauch dieser Themen, wie er vor allem                 in Wahlkampfzeiten &#8211; und wann ist gerade mal nicht Wahlkampf?                 &#8211; von Politiker_innen betrieben wird, macht die Arbeit mit und                 f\u00fcr Migrant_innen, den Kampf f\u00fcr Menschen- und Frauenrechte und                 zugleich gegen Ausl\u00e4nderfeindlichkeit zu einer fortw\u00e4hrenden Gratwanderung.                 Dennoch kann und darf diese Thematik nicht ausgespart und auch                 nicht nur hinter vorgehaltener Hand angeprangert werden. <\/p>\n<p>Zwangsverheiratungen sind ein existentes und existenzielles Problem                 f\u00fcr viele junge Frauen (und M\u00e4nner), nicht nur irgendwo in der                 Welt, sondern auch hier bei uns. Viele kommen aus einem Urlaub                 im Land ihrer Eltern nicht mehr zur\u00fcck, weil dort eine arrangierte                 Ehe vollzogen wurden, nicht wenige suchen den Ausweg im Selbstmord,                 andere werden get\u00f6tet wenn sie sich weigern, offiziell im Namen                 der Ehre, in Wirklichkeit aber, weil sie sich dem Willen der Eltern                 nicht beugen wollen, weil &#8222;Was denken die Nachbarn \u00fcber uns?&#8220;                 mehr z\u00e4hlt als Elternliebe, oder aus Eifersucht.<\/p>\n<p>Wird ein islamisches M\u00e4dchen oder eine erwachsene Muslima aus                 diesen Gr\u00fcnden umgebracht, so ist es ein &#8222;Ehrenmord&#8220;, der von                 &#8222;guten Deutschen&#8220; schnell und gerne als Abschiebegrund herangezogen                 wird. Ist es ein deutsches M\u00e4dchen, eine deutsche Frau, so hat                 der Mann im Affekt gehandelt und sie hat seine Eifersucht herausgefordert.               <\/p>\n<p>H\u00e4ufig vergessen wird auch, dass Zwangsverheiratung und &#8222;Ehrenmord&#8220;                 nicht allein Frauen betreffen. Nicht immer sind es die klischeehaften                 &#8222;alten S\u00e4cke&#8220;, die sich eine junge Frau suchen, sondern Eltern                 verheiraten ihre Kinder nach sozialen oder finanziellen Vorteilen                 sichernden Kriterien. <\/p>\n<p>Auch schwule S\u00f6hne werden so manches Mal zur Heirat gezwungen,                 um dem Elternhaus die Schande und dem Sohn die Strafe wegen verbotener                 Homosexualit\u00e4t zu ersparen.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde sind allen patriarchalischen Kulturen gemein, auch                 in europ\u00e4ischen F\u00fcrstenh\u00e4usern wird oft nach Vernunft und Geld                 verheiratet und wie oft werden Beziehungen zwischen Jugendlichen                 von den Eltern kaputt geredet oder torpediert, weil auch bei uns                 gilt: \u201aWas denken die Nachbarn, wenn meine Tochter mit einem Hartz                 IV-Empf\u00e4nger oder einem Ausl\u00e4nder ankommt, oder mein Sohn mit                 einem Mann?&#8216;<\/p>\n<h3>Religi\u00f6se Instrumente?<\/h3>\n<p>&#8222;Ehrenmorde&#8220; und andere, \u00e4hnliche Unterdr\u00fcckungsmechanismen sind                 kein religi\u00f6ses Instrument, oft stehen sie auch in islamischen                 Staaten ausdr\u00fccklich unter Strafe, sondern sie entspringen der                 Geschichte und sind im Zusammenhang mit patriarchalen Verh\u00e4ltnissen,                 sozialem Gef\u00e4lle und st\u00e4dtisch\/l\u00e4ndlicher Entwicklung und Pr\u00e4gung                 zu sehen. <\/p>\n<p>Es ist noch nicht lange her, dass in deutschen fundamentalistisch                 katholischen oder pietistischen Familien, verst\u00e4rkt in l\u00e4ndlichen                 Gebieten, Frauen und M\u00e4nner sich erst nach der Verlobung oder                 gar der Eheschlie\u00dfung allein ohne Anstandswauwau treffen durften.<\/p>\n<p>Und noch heute besitzen ausl\u00e4ndische Frauen, die mit ihren Ehem\u00e4nnern                 in Deutschland leben, kein unabh\u00e4ngiges Bleiberecht. Wird der                 Mann abgeschoben, weil er die Frau schl\u00e4gt, so geht die Frau automatisch                 mit. (Finde den Unterschied zwischen den Kulturen!)<\/p>\n<p>So schwierig es ist, sich der Problematik zu stellen, dass diejenigen,                 f\u00fcr die wir uns engagieren, Dinge tun, die wir ablehnen und gegen                 die wir k\u00e4mpfen m\u00fcssen, so d\u00fcrfen wir auch vor diesem Themenbereich                 nicht die Augen verschlie\u00dfen und dazu schweigen, nur um uns unseren                 Kampf gegen die Ausl\u00e4nderfeindlichkeit nicht selbst zu erschweren.                 Es kann nicht sein, dass das eine auf Kosten des anderen pr\u00e4feriert                 wird und es wird auf Dauer so auch nicht funktionieren.<\/p>\n<p>Ein guter Ansatzpunkt ist die Zusammenarbeit mit Menschen aus                 den betroffenen Kulturkreisen, Gruppen, Gesellschaftsschichten,                 Ethnien. Wichtig ist auch die Unterst\u00fctzung bereits bestehender                 und funktionierender Einrichtungen, auf die auch in der \u00f6ffentlichen                 Diskussion Bezug genommen werden kann, um somit das Hier und Dort,                 das &#8222;Die mittelalterlichen Ausl\u00e4nder &#8211; Wir modernen Deutschen&#8220;                 aufzubrechen.<\/p>\n<h3>Ein gutes Beispiel<\/h3>\n<p>Ein unterst\u00fctzenswertes Beispiel ist die Arbeit zweier junger                 Frauen, die in der P.D.A. im Irak\/Kurdistan ((1))                 vor allem in der Beratung von jungen M\u00e4dchen und Frauen arbeiten,                 die von Zwangsverheiratung und &#8222;Ehrenmorden&#8220; bedroht sind und                 diese durch praktische Arbeit dabei unterst\u00fctzen, Auswege zu finden.<\/p>\n<p>Johanna L. Rivera und Bahar Munzir bieten sich auch f\u00fcr in Europa                 aufgewachsene Frauen und M\u00e4dchen als Ansprechpartnerinnen an,                 falls diese dazu gezwungen werden sollten, im Irak zu heiraten                 und\/oder zu leben. Die beiden haben einen aktuellen Bericht \u00fcber                 &#8222;Ehrenmorde&#8220; und Selbstmorde von von Zwangsverheiratung Betroffenen                 und \u00fcber ihre Arbeit verfasst.<\/p>\n<p>So wurden 2011 3766 Gewaltakte gegen Frauen in der Region offiziell                 registriert, etwa 400 Frauen wurden laut diesen Aufzeichnungen                 ermordet oder begingen Selbstmord, um einem unertr\u00e4glichen Leben                 zu entgehen. Die Autorinnen des Berichtes gehen aber von einer                 gro\u00dfen, nicht in die Statistik aufgenommenen Dunkelziffer aus.<\/p>\n<p>Die beiden f\u00fchren die Entwicklung von &#8222;Women and Honor Killings&#8220;                 in der kurdischen Gesellschaft vor allem auf den Beginn der 90er                 Jahre zur\u00fcck, als in der Region kein wirkliches Gesetz Bestand                 hatte, sondern nur einige wenige Einzelpersonen Macht besa\u00dfen.               <\/p>\n<p>Es gab weder Gerichte noch Polizei und allgemeiner Waffenbesitz                 war \u00fcblich, es war also sehr einfach, (Frauen) zu t\u00f6ten. Das Gesetz                 stand auf der Seite derer, die Frauen im Namen der Ehre t\u00f6teten.                 Heute gibt es diese Institutionen, aber sie arbeiten nicht wirklich                 erfolgreich zum Schutz von Frauen. <\/p>\n<p>Dieser Missstand wird von vielen Menschen, so sagen die Autorinnen,                 auf Kultur und Tradition zur\u00fcckgef\u00fchrt. Doch wer kann diese brutale                 Tradition und Kultur \u00e4ndern, fragen sie. <\/p>\n<p>In den letzten 20 Jahren wurde zwar von den politischen F\u00fchrern                 viel \u00fcber Gewalt gegen Frauen und die Ermordung von Frauen gesprochen,                 aber niemand ging an die Wurzeln des Problems. <\/p>\n<p>Rivera und Munzir beziehen sich auf eine Untersuchung von Dr.                 Nazand Begikhani aus dem Jahr 2010 (Honor Based Violence and Honor-based                 Killing in Iraqi Kurdistan and in the Kurdish Diaspora in the                 UK. Begikhani, Gill and Hague, 2010), die zu dem Ergebnis kommt,                 dass sehr viele Aspekte wie Tradition, Patriarchat, Stammessitten,                 Religion, usw. zusammenspielen und eine allgemeine Unterdr\u00fcckung                 der Frauen im t\u00e4glichen Leben zur Folge haben. &#8222;Ehrenmorde&#8220; sieht                 Dr. Nazand Begikhani als einen Ausdruck der allgemeinen m\u00e4nnlichen                 Vorherrschaft.<\/p>\n<h3>Auswege<\/h3>\n<p>Der Ausweg aus dieser Situation, so Bahar Munzir, f\u00fchrt \u00fcber                 die Gesetzgebung. Die Gesetze existieren bereits, aber sie werden                 nicht umgesetzt, da die weibliche Partizipation an Politik und                 Gesellschaft zu gering ist (gerade einmal 36 von 111 Abgeordneten                 sind Frauen): &#8222;Kurdistan is a man dominated culture and women                 do not have the same opportunities as men to participate in political                 life. In Kurdish political parties, the women don&#8217;t have a place&#8220;.<\/p>\n<p>In ihrem Bericht schildern Johanna L. Rivera und Bahar Munzir                 viele schreckliche Einzelschicksale und berichten dann \u00fcber die                 von ihnen durchgef\u00fchrte Kampagne zur Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Problematik                 der &#8222;Ehrenmorde&#8220; (Honor Killing Awareness Campaign).<\/p>\n<p>Ihre Organisation P.D.A. People&#8217;s Development Association, die                 seit 2006 mit Frauen in der Region arbeitet, betreibt ein Frauenzentrum                 in Kalar und eines in Rania. Gemeinsam mit lokalen und internationalen                 Nichtregierungsorganisationen arbeiten sie am Aufbau eines Netzes                 psychologischer und sozialer Dienste und juristischer Vertretungen                 betroffener Frauen und sie gehen mit dem Thema wo immer m\u00f6glich                 in die \u00d6ffentlichkeit, mit dem Ziel, ein kritisches Bewusstsein                 \u00fcber die Morde an Frauen im Namen der Ehre zu schaffen. <\/p>\n<p>Gemeinsam mit anderen lokalen und \u00fcberregionalen Menschenrechtsorganisationen                 wurde Mitte Februar die Kampagne <i>Not for Honor Killing under                 the Name of Tradition and Culture, Mamosta Sakar Campaign<\/i><b>,                 <\/b>gestartet, die Petitionen, Demonstrationen, ein Treffen mit                 dem Justizminister durchgef\u00fchrt und eine Emailkampagne durchgef\u00fchrt                 und eine TV-Show gedreht, die am 19. April gesendet wurde. ((2))               <\/p>\n<p>Das Gesetz ist ein wichtiges Instrument, um soziale Ver\u00e4nderungen                 zu bringen, schreiben die beiden. Aber es l\u00e4sst sich nicht wirklich                 nutzen, wenn diejenigen. die es umsetzen m\u00fcssen, und auch diejenigen,                 um die es geht und die durch das Gesetz gesch\u00fctzt werden sollen,                 noch die traditionelle Sichtweise von Ehre und Moral verinnerlicht                 haben. Und deshalb sehen sie noch viel Arbeit vor sich: Kurzfristig                 m\u00fcssen die betroffenen Frauen unterst\u00fctzt werden, langfristig                 wollen Rivera und Munzir aber auch an die Wurzeln gehen und das                 Problem Gewalt gegen Frauen grunds\u00e4tzlich \u00fcber die Ver\u00e4nderung                 sozialer und kultureller Gewohnheiten aufbrechen und bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Geplant sind ein Film, weitere TV- und Radiosendungen, Aktivit\u00e4ten                 in Gemeinden, vor allem in solchen, wo es in der Vergangenheit                 zu F\u00e4llen von Honor Killings gekommen ist, und vieles mehr.<\/p>\n<p>Wichtig ist den Aktivistinnen internationale Unterst\u00fctzung und                 Vernetzung. Dazu geh\u00f6rt ihre Partizipation in Weltforen und die                 Vernetzung mit internationalen Menschenrechtsorganisationen im                 Gro\u00dfen und zugleich die Vernetzung auf einer basisn\u00e4heren Ebene.                 Deshalb w\u00fcnschen sich Bahar Munzir und Johanna L. Rivera auch                 Kontakte zu deutschen Feministinnen, Frauenh\u00e4usern und Frauenberatungsstellen.<\/p>\n<p>Ebenfalls bitten sie darum, sie als Ansprechpartnerinnen vor                 Ort f\u00fcr junge Frauen aus Europa bekannt zu machen, die gezwungen                 werden sollen, im Irak\/Kurdistan zu leben und\/oder zu heiraten. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie viele dieser Frauenbefreier legen zuhause die F\u00fc\u00dfe auf den Tisch, lassen sich von &#8222;ihrer&#8220; Frau das Bier bringen und die W\u00e4sche waschen und wie viele von ihnen werden handgreiflich gegen\u00fcber &#8222;ihren&#8220; so freien deutschen Frauen? 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