{"id":11523,"date":"2012-09-01T00:00:34","date_gmt":"2012-08-31T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11523"},"modified":"2022-07-26T14:12:19","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:19","slug":"auf-wiedersehen-weinpinkler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/09\/auf-wiedersehen-weinpinkler\/","title":{"rendered":"Auf Wiedersehen, Weinpinkler!"},"content":{"rendered":"<h3>Anarchopop und Antifa<\/h3>\n<p>Beim Konzert, das Chumbawamba 2000 im Leipziger Club <i>Ilses                 Erika<\/i> unplugged spielte, stand die Agitation gegen den gerade                 in die \u00f6sterreichische Regierung gew\u00e4hlten J\u00f6rg Haider und gegen                 die europ\u00e4ischen Rechtsextremen ganz oben auf der Playlist. <\/p>\n<p>Auf der winzigen Tanzfl\u00e4che wurden F\u00e4uste gereckt, bei &#8222;Bella                 Ciao&#8220; gr\u00f6lte und kochte der Saal. Zum Einsatz kam selbst verst\u00e4ndlich                 auch &#8222;Enough is enough&#8220;, der antifaschistische Song, der schon                 einer der Hits auf der 1994er Platte <i>Anarchy<\/i> war. &#8222;I wouldn&#8217;t                 piss on you if you are on fire&#8220;, niemand konnte das so sch\u00f6n harmlos                 tr\u00e4llern, wie die S\u00e4ngerinnen der britischen Postpunk-Band. Aber                 die Band machte nie reine Politagitation. Schon sehr bald hatten                 Chumbawamba, deren Mitglieder in den fr\u00fchen 1980er Jahren in der                 HausbesetzerInnenszene in Leeds aktiv waren, Affekt und Ausdruck                 programmatisch entkoppelt: Die Hardcore-Gleichung &#8222;Wut = Schrei&#8220;                 wurde radikal durchkreuzt, f\u00fcr die emp\u00f6rendsten Inhalte konnten                 die s\u00fc\u00dflichsten Melodien eingesetzt werden, die Form hatte sich                 von der Autorit\u00e4t des contents losgesagt.<\/p>\n<p>Dabei entsprach die im nordenglischen Burnley gegr\u00fcndete Band                 zun\u00e4chst genau dem, was man sich unter einer Anarcho-Punkband                 vorstellt: Auftritte in kleinen Clubs und besetzten H\u00e4usern, meist                 in Solidarit\u00e4t mit irgendwelchen K\u00e4mpfen (streikende Minenarbeiter,                 Hausbesetzungen, Anti-Poll-Tax), musikalisch einfach, schr\u00e4g und                 laut. <\/p>\n<p>Das \u00e4nderte sich im Laufe der Jahre &#8211; bis \u00fcber den Top Ten Hit                 in UK- und US-Charts &#8222;Tubthumping&#8220; (1997) (von der CD <i>Tubthumper<\/i>)                 hinaus &#8211; die anarchistische Grundhaltung blieb. Musikalisch wurde                 es harmonischer, die Mittel wurden vielf\u00e4ltiger: es wurde gesampelt                 und zitiert, Punk fast g\u00e4nzlich durch poppige Rhythmen ersetzt,                 aufgehottet mit starken Folk-Elementen, aber auch Disco- und Elektro-Einspr\u00e4ngseln.                 Die LP <i>Slap!<\/i> (1990) war die erste, die sich von den allzu                 ruppigen und inkommensurablen, an der Musik von Anarchopunk-Legende                 CRASS angelehnten T\u00f6nen deutlich unterschied, sie wurde damals                 zu Recht vom Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen als die &#8222;beste                 dezidiert politische Platte&#8220; der letzten Jahre beschrieben. <\/p>\n<p>Es sind nun insgesamt 17 Alben, die in den vergangenen 30 Jahren                 mit unterschiedlichen Konzepten und Verkaufserfolgen, verschiedenen                 musikalischen Schwerpunkten und inhaltlichen Ausrichtungen entstanden                 sind. Und die die eingangs beschriebene Traurigkeit selbstredend                 etwas mildern helfen. Die letzten waren etwas ruhiger &#8211; besonders                 beliebt war die 1988 erstmals und 2003 neu aufgenommene a cappella                 Sammlung von English Rebel Songs 1381-1914 &#8211; aber deshalb nicht                 weniger zornig.<\/p>\n<p>Letztlich hielten Chumabawamba die ganze Zeit \u00fcber die Spannung                 zwischen politisch eindeutigen Statements etwa gegen die ideologische                 Scheinheiligkeit des Irakkrieges (&#8222;Smart Bombs&#8220;), gegen Homophobie                 (&#8222;Homophobia&#8220;) oder Hetero-Sch\u00f6nheitsideale (&#8222;This Dress Kills&#8220;)                 auf der einen und wirklich lustigen Kommentaren zu Zeitgeistph\u00e4nomenen                 auf der anderen Seite &#8211; wenn etwa der im Song &#8222;Add Me&#8220; beschriebene                 Typ, der als 50j\u00e4hriger noch bei seiner Mutter lebt, in Nazi-Uniform                 seinen Trick mit dem Ei vorf\u00fchrt und dann darum bittet, ihn im                 sozialen Netzwerk als Freund hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<h3>Durchbruch und Dilemmata<\/h3>\n<p>Anders als bei Stones-artigen Rockformationen, war Chumbawamba                 keine Band, die klassische Frontm\u00e4nner und peinlich mit je kleinen                 Soli am Instrument vorgestellte Musikerheroen hervorbrachte und                 damit ihren Mitgliedern zu Starruhm verhalf. <\/p>\n<p>Die wechselnden Mitglieder der Band pflegten stets Kollektivit\u00e4t                 als Band-Modell. Und anders als andere Bandprojekte mit dezidiert                 anarchistischen Anspr\u00fcchen wie etwa die deutsche 80er-Jahre-Folkband                 Cochise oder die spanische Hardcore-Combo Sin Dios blieben Chumbawamba                 nicht nur auf Polit- bzw. Punk-Milieus beschr\u00e4nkt. <\/p>\n<p>Schon die <i>Anarchy!-<\/i>Platte brachte Charthits, \u00fcber <i>Tubthumper<\/i>                 wurde dann immer vom &#8222;Durchbruch&#8220; geschrieben. Kommerzieller Erfolg                 konnte aus libert\u00e4rer Sicht nat\u00fcrlich kein G\u00fcte-Kriterium sein.                 Als sie 1997 vom Independent-Label <i>One Little Indian<\/i> zum                 Major EMI wechselten, wurde das von Teilen der puristischen anarchistischen                 Szene dementsprechend als Verrat empfunden. Die Band rechtfertigte                 den Wechsel damit, dass letztlich jede Plattenfirma unter kapitalistischen                 Bedingungen nach Profit streben m\u00fcsse. <\/p>\n<p>Damit war nur ein zentrales Dilemma von Pop-Aktivismus schlechthin                 benannt. Denn schlie\u00dflich m\u00fcsste der Widerspruch, wollte man ihn                 konstruieren, ja schon in dem Versuch gesehen werden, Anarchismus                 und Pop \u00fcberhaupt zusammenzubringen. Weil Pop immer hybrid und                 (auch) unlibert\u00e4r ist, also Kunst immer auch mit Kommerz und radikale                 queerness auch mit Sexismus verwoben sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Chumbawamba wussten diese Dilemmata immer auch mit Humor zu nehmen                 und zu repr\u00e4sentieren. Ihr Ansatz lie\u00dfe sich nach einer Songzeile                 als vielgestaltiger Versuch beschreiben, den M\u00e4chtigen in den                 Wein zu pinkeln (&#8222;When Fine Society Sits Down To Dine&#8220;). Aus Protest                 gegen die neoliberale Politik der New Labour-Regierung sch\u00fcttete                 Chumba-S\u00e4nger Danbert Nobacon im Jahr der EMI-Vertragsunterzeichnung                 dem stellvertretenden Premierminister John Prescott \u00f6ffentlich                 einen Eimer Wasser \u00fcber den Kopf. Und ebenfalls 1997 forderte                 S\u00e4ngerin Alice Nutter ihre Fans, die sich Chumbawamba-CDs nicht                 leisten k\u00f6nnten, in einer US-Talkshow auf, diese bei einer der                 gro\u00dfen Ketten wie Virgin Records oder HMV zu klauen &#8211; woraufhin                 Virgin Chumbawamba-CDs aus den Regalen nahm. <\/p>\n<p>Ab 2002 ver\u00f6ffentlichten sie ihre Platten auf dem neu gegr\u00fcndeten,                 eigenen Label MUTT. Auch in diesem Jahr gab es Geraune wegen einer                 recht undogmatischen Verfahrensweise der Politband: Chumbawamba                 erlaubte General Motors, ihr Lied &#8222;Pass It Along&#8220; in einen Auto-Werbespot                 zu benutzen. <\/p>\n<p>Die dabei verdienten 100.000 US-Dollar spendete die Band an das                 alternative Medienportal Indymedia und an die konzernkritische                 Webseite CorpWatch.<\/p>\n<p>Bands sind &#8211; \u00e4hnlich wie manche linke Zeitschrift oder bestimmte                 Kneipen &#8211; immer auch Kommunikationsmagneten, um die sich Leute                 versammeln, die sich zumindest in diesem einen Anziehungspunkt                 einer Gemeinsamkeit sicher sind. <\/p>\n<p>So gesehen hat sich mit Chumbawamba nicht nur eine gute Band,                 sondern eines der wichtigsten anarchistischen Projekte der letzten                 Jahrzehnte aufgel\u00f6st. Konstatiert der distanziert interessierte                 Beobachter. <\/p>\n<p>Der Fan hingegen gibt Chumbawamba in die iTunes-Suche ein, klickt                 ein paar der witzigen Balladen an &#8211; und schluchzt. Seit dem 8.                 Juli 2012 steht auf www.chumba.com: &#8222;That&#8217;s it then, it&#8217;s the                 end.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anarchopop und Antifa Beim Konzert, das Chumbawamba 2000 im Leipziger Club Ilses Erika unplugged spielte, stand die Agitation gegen den gerade in die \u00f6sterreichische Regierung gew\u00e4hlten J\u00f6rg Haider und gegen die europ\u00e4ischen Rechtsextremen ganz oben auf der Playlist. Auf der winzigen Tanzfl\u00e4che wurden F\u00e4uste gereckt, bei &#8222;Bella Ciao&#8220; gr\u00f6lte und kochte der Saal. 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