{"id":11532,"date":"2012-10-01T00:00:43","date_gmt":"2012-09-30T22:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11532"},"modified":"2022-07-26T14:22:28","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:28","slug":"der-krieg-in-den-stadten-syrien-am-abgrund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/10\/der-krieg-in-den-stadten-syrien-am-abgrund\/","title":{"rendered":"Der Krieg in den St\u00e4dten &#8211; Syrien am Abgrund"},"content":{"rendered":"<p>Ich war in der Stadt, um gemeinsam mit dem syrischen Regisseur                 Nabil Maleh einen Film vorzubereiten \u00fcber die Drusend\u00f6rfer auf                 den Golanh\u00f6hen, die seit 1967 von Israel besetzt sind. In den                 Gespr\u00e4chen, die ich in Damaskus f\u00fchrte, wurde immer wieder betont,                 dass man nichts so sehr f\u00fcrchte wie die Geschehnisse im benachbarten                 Irak. Dort hat eine urbane Kultur mit einer breiten gebildeten                 Mittelschicht, die ein Kernelement zivilgesellschaftlicher Entwicklung                 ist, praktisch aufgeh\u00f6rt zu existieren. <\/p>\n<p>Damaskus und Bagdad lassen sich miteinander vergleichen, sie                 sind das Ergebnis Jahrtausende alter st\u00e4dtischer Hochkulturen,                 gepr\u00e4gt vom Zusammenleben unterschiedlicher V\u00f6lker, Kulturen und                 Religionen, kosmopolitisch und s\u00e4kular zugleich. <\/p>\n<p>Meine Gespr\u00e4chspartnerinnen und Gespr\u00e4chspartner wollten sich                 diese Lebensweise nicht nehmen lassen, und nicht wenige schienen                 bereit, sich mit dem Baath-Regime zu arrangieren und daf\u00fcr den                 Preis der politischen Unfreiheit zu bezahlen. <\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass der Aufstand im Hinterland Syriens begann                 und erst viel sp\u00e4ter die gro\u00dfen St\u00e4dte an der K\u00fcste erreichte.                 Die agrarisch gepr\u00e4gte Landbev\u00f6lkerung hatte nichts von der vierzigj\u00e4hrigen                 Klientel- und G\u00fcnstlingswirtschaft einer kleinen Herrschaftsclique                 rund um die Familie Assad, die das Land mit einem monstr\u00f6s aufgebl\u00e4hten                 Geheimdienstapparat beherrscht. Linke, aufgekl\u00e4rte Westeurop\u00e4er                 neigen dazu, einem s\u00e4kular gepr\u00e4gten autorit\u00e4ren Regime den Vorzug                 zu geben gegen\u00fcber der Gefahr einer archaischen religi\u00f6sen Diktatur.                 Ich habe diesen Fehler 1992 ebenfalls begangen, als islamistische                 Fundamentalisten die demokratischen Wahlen in Algerien gewannen                 und ein Milit\u00e4rputsch sie anschlie\u00dfend in den Untergrund trieb.               <\/p>\n<p>W\u00e4hrend mehrerer Reisen durch Algerien hatte ich ihre fanatischen                 Prediger in den D\u00f6rfern und Oasen im Hinterland kennen und f\u00fcrchten                 gelernt. Ich beginne erst heute zu verstehen, woher der islamische                 Fundamentalismus seine Attraktivit\u00e4t bezieht.<\/p>\n<p>Das Kosmopolitische, die ethnische und kulturelle Vielfalt der                 urbanen Gesellschaft \u00fcbersteigt das Fassungsverm\u00f6gen der Menschen                 aus den D\u00f6rfern und kleinen St\u00e4dten des agrarisch gepr\u00e4gten Hinterlands                 und widerspricht ihrem Ideal einer eher konservativen geschlossenen                 Lebensform. <\/p>\n<p>Das Baath-Regime hat sich die Unterst\u00fctzung der BewohnerInnen                 der St\u00e4dte gesichert und nie etwas daf\u00fcr getan, um die Lebensqualit\u00e4t                 auf dem Land zu erh\u00f6hen. Es hat die Landbev\u00f6lkerung missachtet                 und ihr offen seine Geringsch\u00e4tzung gezeigt. Diese jahrzehntelange                 Dem\u00fctigung hat die Identit\u00e4t der Menschen in der Peripherie radikal                 in Frage gestellt und ihr Misstrauen gegen\u00fcber der fremden urbanen                 Welt gesch\u00e4rft. <\/p>\n<p>Ein Blick auf die Entwicklungen in Tunesien l\u00e4sst uns verstehen,                 warum der Islam aus der arabischen Revolte nicht wegzudenken ist.                 Wie war es m\u00f6glich, dass in einem arabischen Land, in dem die                 Verwirklichung westlicher Ideale so weit fortgeschritten war,                 eine islamistische Partei die Oberhand gewinnen konnte? <\/p>\n<p>Der Erfolg der Ennahda liegt in ihrer Botschaft: &#8222;Der radikale                 Bruch mit dem alten System wird nur m\u00f6glich durch die Wiedergewinnung                 des Stolzes auf arabisch-muslimische Identit\u00e4t. Das haben die                 tunesischen Laizisten als Hieb gegen Verwestlichung verstanden.                 Aber die Botschaft vom Stolz ist viel simpler; sie streicht heilende                 Salbe auf die gequ\u00e4lte arabische Psyche, auf die Wunden jahrzehntelanger                 Dem\u00fctigung und Selbstdem\u00fctigung.&#8220; ((1))<\/p>\n<p>Der Aufstand gegen die Diktatur in Syrien ist auch der Kampf                 um die Wiedergewinnung der Identit\u00e4t. Die Revolte war viele Monate                 lang strikt gewaltfrei. Erst die brutale und gezielt menschenverachtende                 Reaktion des Regimes hat die Gewaltspirale ausgel\u00f6st. Der Hass                 gegen den Diktator kann sich in eine entfesselte Wut gegen die                 Polis und ihre Symbole verwandeln, die die gemeinsame Kultur und                 Geschichte zerst\u00f6ren w\u00fcrde. ((2))               <\/p>\n<p>Paolo Rumiz hat in seiner leider viel zu wenig beachteten Analyse                 des Zerfalls Jugoslawiens aufgezeigt, wie dieser offenbare Gegensatz                 zwischen den Lebenswelten der st\u00e4dtisch und b\u00e4uerlich gepr\u00e4gten                 Kultur politisch manipuliert und in einen ethnischen Konflikt                 umgem\u00fcnzt wurde. ((3)) <\/p>\n<p>Dem Assad-Regime ist es gelungen, den spontan gewaltfreien Widerstand                 in einen blutigen B\u00fcrgerkrieg zu verwandeln, der scheinbar ethnisch                 und religi\u00f6s motiviert ist. Um zu verstehen, wie es die Diktatur                 erreichen konnte, Menschen zu Bestien zu machen, muss man die                 entscheidende Rolle der Schabiha ber\u00fccksichtigen. <\/p>\n<p>Das Regime griff die DemonstrantInnen &#8211; unbewaffnete Frauen und                 M\u00e4nner, Alte und Kinder &#8211; mit den Schabiha-Milizen an, deren Mitglieder                 aus dem subproletarischen Milieu der K\u00fcstenst\u00e4dte stammen, die                 mehrheitlich von Alawiten bewohnt werden. Diese jungen M\u00e4nner                 sind mit den &#8222;einfachen Soldaten&#8220; der italienischen Mafia vergleichbar,                 sie sind streng hierarchisch organisiert und haben nichts zu verlieren.                 Sie verdienen sich ihren Unterhalt mit Schmuggel und Erpressung.                 Ihre alawitische Zugeh\u00f6rigkeit macht sich das syrische Regime                 zunutze. <\/p>\n<p>Das sagt jedoch nichts \u00fcber ihre Gewaltt\u00e4tigkeit und R\u00fccksichtslosigkeit                 aus, die sich jederzeit gegen jede Volksgruppe in Syrien richtet.                 Seit ihren Anf\u00e4ngen in den siebziger Jahren stand die Schabiha                 unter dem Schutz der Diktatur. Der Assad-Clan hat sich praktisch                 eine Bande im Standby-Betrieb gehalten, die seit 2011 als Todesschwadron                 zum Einsatz kommt. ((4))<\/p>\n<p> Die oppositionelle syrische Journalistin Samar Yazbek, die aus                 einer alteingesessenen alawitischen Familie stammt, wurde von                 Mitgliedern der Bande verfolgt. Diese jungen t\u00e4towierten M\u00e4nner                 mit aufgepumpten Muskeln und dem Tod im Blick befolgen keine Befehle                 von Offizieren der Armee. Sie gehorchen einer h\u00f6heren Gewalt:                 &#8222;Ich h\u00f6rte das Aufheulen ihres Autos, eine Staubwolke umh\u00fcllte                 den Wagen, der wie wahnsinnig lospreschte.<\/p>\n<p>Ich schrie: &#8218;Das sind Verbrecher, die haben Pistolen!&#8216; Der Offizier                 drehte mir den R\u00fccken zu und lie\u00df mich bei seinen Soldaten zur\u00fcck.                 Der Soldat, der beinahe von dem Auto angefahren worden w\u00e4re, war                 w\u00fctend. Er kam zu mir und sagte: &#8218;Fahren Sie weiter, Schwester,                 das sind Sachen, die uns nichts angehen.'&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Die Kommentare in den westlichen Medien spekulieren \u00fcber den                 Einfluss fremder M\u00e4chte und bem\u00fchen sogar den alten Ost-West-Konflikt                 und dessen geostrategische Komponente, um den B\u00fcrgerkrieg in Syrien                 zu erkl\u00e4ren. Dabei versuchen sie nur in den seltensten F\u00e4llen                 einen innersyrischen Blickwinkel einzunehmen. Die B\u00fcrgerkriegsparteien                 sind jedoch keine ferngesteuerten Statisten, die sich hundertprozentig                 von geostrategischen Interessen manipulieren lassen. Sie verfolgen                 durchaus ihre eigene Agenda und sind dabei nat\u00fcrlich auch auf                 Unterst\u00fctzung aus dem Ausland angewiesen. <\/p>\n<p>Wenn wir uns die Kriege ansehen, die in der benachbarten Region                 um Afghanistan gef\u00fchrt wurden und immer noch werden, k\u00f6nnen wir                 leicht feststellen, dass es sich nicht nur um Kriege zwischen                 Afghanistan und ausl\u00e4ndischen M\u00e4chten handelte. Es gab zugleich                 immer den Konflikt innerhalb Afghanistans zwischen der st\u00e4dtischen                 Bev\u00f6lkerung vor allem in Kabul, die Modernisierung wollte und                 vorantrieb, und einer Landbev\u00f6lkerung, die sich jedem sozialen                 Wandel gewaltsam widersetzte. Beide Seiten haben sich ihre Unterst\u00fctzung                 unter anderem auch im Ausland gesucht. Dabei spielten und spielen                 ideologische Ausrichtungen eine untergeordnete Rolle. Die urbane                 Elite Kabuls fragte sich in erster Linie, wer die Modernisierung                 zustande bringt. Sie versuchte, ihre Interessen der Reihe nach                 mit der konstitutionellen Monarchie, einem &#8222;Sozialismus&#8220; sowjetischen                 Stils und heute einer von Nato-Truppen besch\u00fctzten &#8222;Demokratie&#8220;                 durchzusetzen. Dabei geht es in erster Linie um Kompetenz, und                 deshalb ist es nicht verwunderlich, dass ehemalige kommunistische                 Kader heute wieder an Schaltstellen der aktuellen Regierung sitzen                 und dort die kompetentesten Akteure sind. ((6))<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der eigenen sozialen und kulturellen Herkunft                 stehen wir westlichen Beobachter des B\u00fcrgerkriegs in Syrien der                 weltoffenen st\u00e4dtischen Kultur und ihrem Modernisierungswillen                 sehr viel n\u00e4her als dem Beharrungswillen einer konservativen Landbev\u00f6lkerung,                 die dem sozialen Wandel misstraut. Meine Ann\u00e4herung ist \u00e4hnlich                 verlaufen, und es ist kein Zufall, dass meine Gespr\u00e4che und Beobachtungen                 in Damaskus in erster Linie im s\u00e4kular b\u00fcrgerlichen und intellektuellen                 Milieu angesiedelt waren. Die Dominanz der st\u00e4dtischen Kultur                 in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung f\u00fchrt zu einer Verzerrung der                 Wirklichkeit und verst\u00e4rkt das Unterlegenheitsgef\u00fchl der b\u00e4uerlichen                 Bev\u00f6lkerung. Ideologische Falschm\u00fcnzer wenden es in ethnische                 \u00dcberlegenheit, womit der Ethnisierung des Konflikts T\u00fcr und Tor                 ge\u00f6ffnet wird. Westliche Medien spielen das Spiel mit.<\/p>\n<p>In der \u00c4ra nach dem Sturz des Assad-Regimes wird sich zeigen,                 ob die Syrer noch gen\u00fcgend Toleranz besitzen, in einer gemeinschaftlichen                 Kraftanstrengung, die Peripherie zu modernisieren, um dort den                 Lebensstandart anzuheben, ohne zugleich die konservativen Wertemuster                 der b\u00e4uerlich und religi\u00f6s gepr\u00e4gten Menschen zu missachten und                 ihre Identit\u00e4t infrage zu stellen. Ohne offensive Auseinandersetzung                 mit dem Stadt-Land-Konflikt wird es meines Erachtens zu keiner                 langfristig stabilen Befriedung kommen.<\/p>\n<p>Mein Kollege Nabil Maleh, den ich 2009 in Damaskus besuchte,                 ist inzwischen vor drohender Verhaftung nach Dubai gefl\u00fcchtet.                 Ich habe ihm k\u00fcrzlich drei Fragen gestellt, die er im nebenstehenden                 Interview beantwortet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich war in der Stadt, um gemeinsam mit dem syrischen Regisseur Nabil Maleh einen Film vorzubereiten \u00fcber die Drusend\u00f6rfer auf den Golanh\u00f6hen, die seit 1967 von Israel besetzt sind. In den Gespr\u00e4chen, die ich in Damaskus f\u00fchrte, wurde immer wieder betont, dass man nichts so sehr f\u00fcrchte wie die Geschehnisse im benachbarten Irak. Dort hat &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/10\/der-krieg-in-den-stadten-syrien-am-abgrund\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Der Krieg in den St\u00e4dten - Syrien am Abgrund - graswurzelrevolution","description":"Ich war in der Stadt, um gemeinsam mit dem syrischen Regisseur Nabil Maleh einen Film vorzubereiten \u00fcber die Drusend\u00f6rfer auf den Golanh\u00f6hen, die seit 1967 von"},"footnotes":""},"categories":[638,1025,1027],"tags":[],"class_list":["post-11532","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-372-oktober-2012","category-die-waffen-nieder","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11532","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11532"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11532\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11532"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11532"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11532"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}