{"id":11541,"date":"2012-10-01T00:00:35","date_gmt":"2012-09-30T22:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11541"},"modified":"2022-07-26T14:12:18","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:18","slug":"die-anarchistische-konzeption-nimmt-das-gegenuber-ernst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/10\/die-anarchistische-konzeption-nimmt-das-gegenuber-ernst\/","title":{"rendered":"&#8222;Die anarchistische Konzeption nimmt das Gegen\u00fcber ernst&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>GWR: Was sind konkrete Erfolge, die das Komitee f\u00fcr Grundrechte                 und Demokratie vorzuweisen hat?<\/b><\/p>\n<p><i>Wolf-Dieter Narr (WDN):<\/i> Ich bin immer Berufsskeptiker                 gewesen und wenn ich die Entwicklung der Bundesrepublik sehe,                 speziell in meinem Bereich der Universit\u00e4t, dann ist das eine                 schiere Katastrophe. Es ist ein richtiges Verbrechen wie mit den                 Kindern und Jugendlichen umgegangen wird, wie die getrimmt werden                 und wie perspektivlos sie in eine Welt kommen, die sie nicht verstehen.                 Zu unseren Erfolgen w\u00fcrde ich sagen, dass wir dadurch, dass wir                 mit den sozialen Bewegungen zusammen demonstriert haben, es geschafft                 haben, mehr Leuten als einer kleinen Gruppe deutlich zu machen,                 dass das Demonstrationsrecht gerade in einer sogenannten repr\u00e4sentativen                 Demokratie essentiell ist. Diese repr\u00e4sentative Demokratie ist                 ohnehin eine immer an der Blutlosigkeit leidende, die im Grunde                 so nicht funktionieren kann. Die Demonstrationen alleine sind                 zwar nicht ausreichend, um die Demokratisierung weiterer Bereiche                 &#8211; also Schule, Krankenh\u00e4user und dergleichen mehr &#8211; voranzutreiben,                 aber wir haben den Artikel 8 des Grundgesetzes offengehalten.               <\/p>\n<p>Es gibt nat\u00fcrlich auch rechte Gruppen, die wir nicht lieben,                 beispielsweise die NPD. Diese nutzen das aus. Mit Verboten kann                 man keine L\u00f6sung herbeif\u00fchren: jeder innenpolitische Geheimdienst,                 wie der Verfassungsschutz, ist nichts weiteres, als eine schwelende                 Wunde jeder Art von b\u00fcrgerlich-demokratischer Gesellschaft. [\u2026]                 Ein weiterer Erfolg ist das Ausbreiten eines anderen Denkens.                 Eine gewisse Kritik hat sich gewisserma\u00dfen von selbst verstanden.                 Das Besuchen einer Demonstration wird nicht mehr per se als etwas                 &#8222;linksradikales&#8220; angesehen.<\/p>\n<p><b>GWR: Kannst Du uns etwas dar\u00fcber erz\u00e4hlen, wie es dazu kam,                 dass Du dich mit Themen wie Anarchismus besch\u00e4ftigt hast?<\/b><\/p>\n<p><i>WDN: <\/i>Mir ist es erst sp\u00e4t bewusst geworden, dass das anarchistische                 Motiv schon immer in meinem Herzen gewirkt hat. An der Ordinarienuniversit\u00e4t                 war ich von Anfang an kritisch.<\/p>\n<p>Ich habe niemanden mit &#8222;Professor&#8220; angeredet und habe diesen                 Titel sp\u00e4ter auch nicht gef\u00fchrt. Ein herrschaftskritisches Element                 war seit dem ersten Semester bei mir vorhanden, aber erst sp\u00e4ter                 ist mir klar geworden, dass die anarchistische Idee demokratisch-menschenrechtlich                 nur konsequent ist. Die anarchistische Konzeption ist radikaldemokratisch,                 l\u00e4sst Kritik zu, nimmt das Gegen\u00fcber immer ernst und stellt jede                 Form von Hierarchie in Frage. Keine Organisation wird davon leben                 k\u00f6nnen, dass alles spontan geschieht. <\/p>\n<p>Alle Organisationen haben die Tendenz ein St\u00fcck Ungleichheit                 hervorzubringen. Wenn man sich das vor Augen h\u00e4lt, hilft es, die                 Organisation von einer rigiden Form fernzuhalten.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich und mein Fach, also die politische Soziologie, die politische                 Wissenschaft und Soziologie, hat sich eine anarchistische Herangehensweise                 gebildet. Dies geschah vor allem vor der Frage: Wie kann man denn                 eine Gesellschaft nicht-staatlich organisieren, ohne zu denken,                 dass pl\u00f6tzlich alle Menschen fr\u00f6hliche S\u00e4uglinge w\u00e4ren? Wie kann                 man eine gro\u00dfe problembehaftete Gesellschaft organisieren, ohne                 dass es ein Monopol der physischen Gewalt gibt? Insofern steht                 im Anarchismus f\u00fcr mich die Gewaltfreiheit ganz zentral.<\/p>\n<p>Bakunin aus heutiger Sicht zu kritisieren ist unsinnig. Bakunin                 hat Gutes geleistet, es kommt darauf an die zentralen Prinzipien                 ins Heute zu \u00fcbertragen, als fr\u00fchere Jahrhunderte zu kritisieren.                 Kropotkins &#8222;Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt&#8220;                 ist zwar teilweise naiv, aber wunderbar.<\/p>\n<p>Diese Naivit\u00e4t ist nicht blind, sondern zeigt, was generell von                 Natur aus m\u00f6glich ist. Meine Konzeption von Menschenrechten ist                 schon die, dass es keine Ontologie von guten Menschen gibt, sondern                 dass man das vor dem sozialen Hintergrund sehen muss. Das kann                 man vom Nationalsozialismus lernen: Das meine Eltern Nazis geworden                 sind, lag nicht in ihrer Natur. Dazu kenne ich sie zu gut. Menschen                 sind hochgradig von ihren \u00e4u\u00dferen Bedingungen abh\u00e4ngig. <\/p>\n<p>Es ist wichtig das Bild einer Gesellschaft auch vor diesem Hintergrund                 zu sehen und zeitgem\u00e4\u00dfe Ver\u00e4nderungen zu installieren. Den aufrechten                 Gang muss man lernen, muss man t\u00e4glich \u00fcben, er ist nicht selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Wenn fast alle Menschen ihn beherrschen, besteht die Chance,                 dass auch diejenigen, die ihn nicht beherrschen, so behandelt                 werden k\u00f6nnen, dass sie nicht in Gef\u00e4ngnisse geworfen werden.<\/p>\n<p><b>GWR: Heute Abend h\u00e4ltst Du auf Einladung der Occupy-Bewegung                 in M\u00fcnster einen Vortrag an der Uni. Worum geht es da und was                 m\u00f6chtest du den &#8211; \u00fcberwiegend jungen &#8211; Menschen erz\u00e4hlen?<\/b><\/p>\n<p><i>WDN: <\/i>Ich habe den Eindruck, dass diejenigen, die Kontakt                 zu mir aufgenommen haben, selber merken, dass Occupy mit seiner                 Spontaneit\u00e4t und Programmlosigkeit wunderbar ist. Es ist partiell                 wie die Pariser Kommune: Einfach mal die Herrschaft loswerden.                 Man hat kein gro\u00dfes theologisch oder marxistisch gepr\u00e4gtes Programm,                 sondern kommuniziert miteinander herrschaftsfrei. Das finde ich                 wunderbar. Aber die Einladenden hatten den Eindruck, dass die                 Idee von Occupy auch in der Universit\u00e4t ausgeweitet werden muss.               <\/p>\n<p>Da man in einer Gesellschaft lebt, die eine F\u00fclle von komplexen                 Sachverhalten aufweist, kann man da nicht in einer falschen Weise                 naiv rangehen. <\/p>\n<p>Es ist notwendig zu lernen was auch zum Menschen geh\u00f6rt, um die                 Welt zu verstehen. Es ist ein Menschenrecht, dass von diesem uns\u00e4glichen                 Bologna-Prozess und sogenannter Exzellenzlehre behindert wird,                 soviel wie m\u00f6glich von der Welt zu verstehen, bewusst zu leben                 und mitbestimmen zu k\u00f6nnen. [\u2026] Als ich f\u00fcr den Vortrag angefragt                 wurde, habe ich sofort zugesagt und selbstverst\u00e4ndlich kein Honorar                 verlangt. <\/p>\n<p>Organisatorisch sollten sie [die Einladenden von Occupy M\u00fcnster,                 d.S.] die Sache aber anders angehen. Mit einem Vortrag \u00fcber die                 EU, Griechenland oder Frau Merkel kann man &#8211; selbst wenn er gut                 ist &#8211; in einer Stunde vor einem Publikum, das man gar nicht kennt,                 nur einige Schlagworte abgeben, aber nichts vermitteln. Eine andere                 Veranstaltungsform wollten sie aber nicht. Wir haben uns dann                 geeinigt, dass wir einen Seminarvortrag machen. Ich werde so anfangen,                 dass ich am Anfang die Kommilitonen fragen werde, ob sie Fragen                 haben, was sie erwarten, was sie wollen. Und danach werde ich                 \u00fcber den Zusammenhang von Politik und \u00d6konomie sprechen. Je nachdem                 wie weit ich komme, werde ich das dann an Hartz IV, dem Grundgesetz                 oder der EU festmachen. Ich werde immer wieder schauen, ob R\u00fcckfragen                 da sind und am Ende das Angebot machen, in den E-Mail-Verteiler                 aufgenommen zu werden. [\u2026]<\/p>\n<p>Die jungen Leute sind eher passiv, scheinaktiv oder werden passiv                 gemacht. Aber irgendwo muss man anfangen. Jeder Tag beginnt neu                 und wenn jemand meint, man k\u00f6nnte Menschenrechte irgendwann mal                 abhaken, der t\u00e4uscht sich dar\u00fcber, dass das Recht und die Selbstst\u00e4ndigkeit                 dann stirbt, wenn es nicht jeden Tag ge\u00fcbt wird. Wird die Selbstst\u00e4ndigkeit                 nicht jeden Tag \u00fcbt, ist sie am gr\u00f6\u00dften, wenn man im Bett liegt.<\/p>\n<p><b>GWR: Hast Du die Hoffnung, dass die Passivit\u00e4t der Gesellschaft                 sich zum Guten ver\u00e4ndern wird?<\/b><\/p>\n<p><i>WDN:<\/i> Ich habe aufgrund meiner Kenntnisse \u00fcber den Weltmarkt,                 die Weltbank und deren Dynamik, in dieser Hinsicht keine Zukunftsperspektive.                 Die Entwicklung des Internets, geht dahin, dass Freiheit schwinden                 wird. Alle Informationen jederzeit verf\u00fcgbar zu haben n\u00fctzt nichts,                 wenn man keine Urteilsbasis hat. Das Internet ist ein geeignetes                 Instrument eine Superb\u00fcrokratie zu errichten. <\/p>\n<p>Ich bin nicht sehr optimistisch, aber wir wissen, dass es kein                 Ende der Geschichte gibt. Es geht weiter und m\u00f6glicherweise werden                 die Probleme der Menschen noch gr\u00f6\u00dfer. Klimawandel und alternative                 Energien sind nicht im Sinne des nachhaltigen Wachstums inserierbar.                 Auch die alternativen Energien haben Kosten f\u00fcr das soziale Dasein.               <\/p>\n<p>Wir wissen noch nicht, ob das alles hinhaut. Ich hoffe, dass                 es gen\u00fcgend kritische Leute gibt, die das im Auge behalten. <\/p>\n<p>Dass die sozialistische Gesellschaft, in meinem Sinne, kommen                 wird, nehme ich mit Sicherheit an. Es lohnt sich daf\u00fcr zu streiten.<\/p>\n<p>Eine Lektion f\u00fcr j\u00fcngere Leute w\u00e4re es, auch singend mit einer                 Pfeife im Mund Niederlagen zu ertragen.<\/p>\n<p><b>GWR: Du hast mehrfach ausgef\u00fchrt, dass Krieg, Milit\u00e4r und                 R\u00fcstung sich nicht mit Menschenrechten vereinbaren lassen. Was                 bedeutet das konkret?<\/b><\/p>\n<p><i>WDN: <\/i>Wenn man Menschenrechte im Sinne einer gesamtgesellschaftlichen                 Konzeption ernst nimmt, sie gewisserma\u00dfen mit den Augen, den Beinen,                 dem Kopf materiell erf\u00e4hrt und sie nicht als abstrakte Normen                 begreift, kann man nicht nur sagen &#8222;Die Unversehrtheit des K\u00f6rpers                 ist wichtig&#8220;, da wir in einer Gesellschaft leben, in der permanent                 die Unversehrtheit verletzt wird. <\/p>\n<p>Es kann schlichtweg vers\u00e4umt werden, die Menschenrechte zu bewahren.                 Im Nationalsozialismus sind meine Eltern tief schuldig geworden,                 das wird nie wieder weggehen. Es kann von Menschen unmenschliches                 ausgehen. Das macht sie nicht automatisch zu Unmenschen, aber                 Menschen sind in der Lage je nach gesellschaftlichem Kontext Verbrechen                 zu begehen, die nicht mehr wieder gut zu machen sind. <\/p>\n<p>Der oft v\u00f6llig bl\u00f6dsinnig zitierte und verwendete Ausspruch eines                 meiner gr\u00f6\u00dften Lehrer, dem Theodor W. Adorno, es g\u00e4be kein richtiges                 Leben im Falschen bedeutet: es ist eine t\u00e4gliche Aufgabe herauszufinden,                 wie es richtig aussehen kann. Wenn tats\u00e4chlich vieles in der Gesellschaft                 falsch ist, wie kann man sich dann am Richtigen orientieren, ohne                 mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen? <\/p>\n<p>Da gibt es dieses Bild von zwei Freunden. Der eine schl\u00e4gt mit                 dem Kopf gegen die Wand und h\u00e4lt sich den Kopf, weil er wehtut.                 Da fragt der Andere, warum er dies tut. Darauf erwidert der Erste,                 dass er erfahren m\u00f6chte wie der Schmerz nachl\u00e4sst. Das ist nat\u00fcrlich                 keine sinnvolle Verhaltensweise.<\/p>\n<p>Sinnvoll ist es zu wissen, dass man t\u00e4glich scheitern kann und                 dass es genauso sinnvoll ist t\u00e4glich mit Kalk\u00fcl aber nicht opportunistisch                 in die Welt zu gehen. Wenn ich t\u00e4glich an meiner Behinderung leide,                 leide ich an etwas, was nicht mehr behebbar ist. Ich kann damit                 aber so umgehen, dass ich nicht daran verzweifle.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Was sind konkrete Erfolge, die das Komitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie vorzuweisen hat? Wolf-Dieter Narr (WDN): Ich bin immer Berufsskeptiker gewesen und wenn ich die Entwicklung der Bundesrepublik sehe, speziell in meinem Bereich der Universit\u00e4t, dann ist das eine schiere Katastrophe. 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