{"id":11546,"date":"2012-10-01T00:00:21","date_gmt":"2012-09-30T22:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11546"},"modified":"2022-07-26T14:12:18","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:18","slug":"wer-verfolgt-wird-gilt-als-paranoid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/10\/wer-verfolgt-wird-gilt-als-paranoid\/","title":{"rendered":"Wer verfolgt wird, gilt als paranoid"},"content":{"rendered":"<p>Nat\u00fcrlich ist die Geschichte um Julian Assange reich an Lehrmaterial, wie man es nicht macht.<\/p>\n<p>Ohne zu den vielen einzelnen mehr ins Pers\u00f6nliche zielenden Vorw\u00fcrfen (etwa durch Ex-Kompagnon Daniel Domscheit-Berg) Position beziehen zu m\u00fcssen, l\u00e4sst sich zumindest aussagen, dass die Fixierung einer Institution &#8211; WikiLeaks &#8211; auf eine (&#8222;schillernde&#8220; d\u00fcrfte kaum zu nahe gehen) Person Gefahren f\u00fcr das Projekt mit sich bringt, die sich in diesem konkreten Fall praktisch alle manifestiert haben.<\/p>\n<p>Insbesondere ist die &#8222;Causa Assange&#8220; dazu geeignet, den Fokus der Berichterstattung wegzulenken vom politischen Hintergrund der Organisation wie auch jetzt vom Verfolgungswillen der US-amerikanischen Beh\u00f6rden.<\/p>\n<p>Ob Assange oder die Verfolger dabei den gr\u00f6\u00dferen Anteil an dieser Fokus-Verschiebung haben, kann ebenfalls dahingestellt bleiben. Es bleibt aber bei all dieser Kritik wichtig, einen k\u00fchlen Kopf zu bewahren und die Hintergr\u00fcnde der Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen &#8211; und diese sind und bleiben h\u00f6chst politisch.<\/p>\n<p>So ist etwa die Frage, ob die gegen Assange vorgebrachten Vorw\u00fcrfe der Sexualdelikte gegen zwei Schwedinnen haltlos oder vollumf\u00e4nglich zutreffend sind, in diesem Kontext (!) ebenfalls vernachl\u00e4ssigbar; damit soll nicht gesagt werden, dass diese Frage f\u00fcr die betroffenen Frauen vernachl\u00e4ssigbar sei, aber die Ebenen m\u00fcssen im Kopf zun\u00e4chst getrennt werden, um anschlie\u00dfend analysieren zu k\u00f6nnen, wer konkret welches Spiel spielt.<\/p>\n<p>Denn unabh\u00e4ngig von den zur Diskussion stehenden strafrechtlichen Vorw\u00fcrfen und deren Hintergrund ist es nun einmal auff\u00e4llig, dass Schweden hier einen Ermittlungseifer an den Tag legt, den sich von sexuellen \u00dcbergriffen betroffene Schwedinnen ansonsten nur ertr\u00e4umen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Hierauf weisen etwa die &#8222;Women Against Rape&#8220; in ihrer Stellungnahme hin, in der sie den Vorrang des politischen Verfolgungseifers gegen\u00fcber den Ermittlungen zu Sexualdelikten analysieren und sich vor diesem Hintergrund gegen die Auslieferung Assanges aussprechen. ((4))<\/p>\n<p>Das Tauziehen um Julian Assange wird in den Medien vor allem an diesen Vorw\u00fcrfen festgemacht, da diese auch den &#8222;technischen&#8220; Hintergrund der bisherigen und zuk\u00fcnftigen Aktionen darstellen: Liefert England nach Schweden aus? Und wenn ja, was droht Assange dann? F\u00fchlt er sich nur verfolgt oder wird er verfolgt?<\/p>\n<p>Dabei \u00fcbertreffen sich die KommentatorInnen gegenseitig in ihrem Optimismus, dass es sich doch &#8222;nur&#8220; um die Sache mit dem Sexualdelikt handele &#8211; niemand anders wolle Assange, nur dieser selbst stricke an einem Verschw\u00f6rungs-Mythos. So wei\u00df etwa die <em>taz<\/em>: &#8222;Wenn sich die [schwedischen] Vorw\u00fcrfe als haltlos erweisen, ist er ein freier Mann&#8220;. ((5))<\/p>\n<p>Die <em>Zeit<\/em> spielt Rechtsberater und erkl\u00e4rt, &#8222;dass das Auslieferungsabkommen zwischen Schweden und den USA Geheimnisverrat als Grund gar nicht vorsieht.&#8220;<\/p>\n<p>Kurzum: Der Patient bildet sich alles nur ein?! Dann lie\u00dfen sich diverse Vorkommnisse der letzten Wochen eher schwer erkl\u00e4ren: Nachdem Assange in die ecuadorianische Botschaft eingezogen war, schwadronierte England \u00fcber die M\u00f6glichkeit einer Erst\u00fcrmung der Botschaft durch die Polizei, sp\u00e4ter lie\u00dfen sie den Plan fallen. PolizistInnen sichern das Geb\u00e4ude dennoch weiter ab.<\/p>\n<p>Schweden lie\u00df Ende August verlauten, Assange &#8222;nicht an die USA auszuliefern, wenn ihm dort die Todeszelle drohe&#8220;; eine weitergehende Nichtauslieferungsgarantie, wie von Assange gefordert, sprach man allerdings nicht aus.<\/p>\n<p>Wenn aber doch formal alles so klar w\u00e4re, wo l\u00e4ge dann das Problem einer solchen Zusage?<\/p>\n<p>Eher d\u00fcrfte diese Art des Versprechens eine inoffizielle Erkl\u00e4rung dahingehend sein, dass sich unter der Hand die Auslieferung selbstverst\u00e4ndlich in Planung befindet.<\/p>\n<p>Man muss Assange nicht m\u00f6gen. Man muss Ecuador nicht m\u00f6gen. Man kann viele Schachz\u00fcge dieses scheinbar personengebundenen Spiels irritierend bis verwerflich finden.<\/p>\n<p>Aber man sollte Abstand davon nehmen, den politischen Hintergrund auszublenden und zu ignorieren, mit welch abgrundtiefen Hass die USA an der Verfolgung von Bradley Manning arbeiten, der ab dem 4. Februar 2013 &#8211; dann nach \u00fcber zweieinhalb Jahren Haft &#8211; nun vor dem Kriegsgericht angeklagt stehen wird.<\/p>\n<p>Auch bei diesem Verfahren ging und geht es durchgehend darum, Beweise gegen Assange zu sammeln. Und am Ende ist es egal, ob die Betroffenen Assange, Manning oder sonst wie hei\u00dfen &#8211; wer die Informationshoheit kriegsf\u00fchrender Superm\u00e4chte antastet, steht im Fadenkreuz. Hiergegen gilt es prim\u00e4r zu opponieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nat\u00fcrlich ist die Geschichte um Julian Assange reich an Lehrmaterial, wie man es nicht macht. 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