{"id":11564,"date":"2012-10-01T00:00:11","date_gmt":"2012-09-30T22:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11564"},"modified":"2022-07-26T14:12:18","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:18","slug":"konstruktiver-rundumschlag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/10\/konstruktiver-rundumschlag\/","title":{"rendered":"Konstruktiver Rundumschlag"},"content":{"rendered":"<p>Alle kriegen ihr Fett weg: Die Marxisten mit dem Hinweis des                 Staatstheoretikers Hirsch, &#8222;dass es unm\u00f6glich ist, die gesellschaftlichen                 Verh\u00e4ltnisse mittels des Staates grundlegend zu ver\u00e4ndern.&#8220; (S.                 117) Die Anarchisten, denen der Politikwissenschaftler Wallat                 bescheinigt, ihre &#8222;Kritik von Staat und Herrschaft [sei] in vielerlei                 Hinsicht defizit\u00e4r&#8220; (S. 146). Die radikale Linke, die der Gewerkschafter                 Gester mahnt: &#8222;Die N\u00fctzlichkeit von Theorien misst sich daran,                 ob sie diesen Prozess [sozialer Ver\u00e4nderung durch gemeinsames                 Handeln] f\u00f6rdern oder nicht.&#8220; (S. 48) Und sogar der Herausgeber                 selbst: Dessen Ver\u00f6ffentlichungen attestiert Adamczak ein unausgewogenes                 &#8222;Geschlechterverh\u00e4ltnis&#8220; (S. 37). <\/p>\n<p>Erfrischend streitfreudig und offen, doch keineswegs aggressiv                 oder rechthaberisch. So pr\u00e4sentieren sich Bini Adamczak, Jochen                 Gester, Gerhard Hanloser, Joachim Hirsch und Hendrik Wallat &#8211;                 allesamt studierte Leute &#8211; in den Unterhaltungen mit Philippe                 Kellermann. Dessen erkl\u00e4rtes Ziel ist es, gegenw\u00e4rtiges Denken                 und Handeln mit Blick auf die Vergangenheit zu verorten und zu                 entwickeln. <\/p>\n<p>Die gew\u00e4hlte Form, nicht eines Frage-Antwort-Spiels, sondern                 des Gespr\u00e4chs, ist daf\u00fcr genau die richtige. Zumal sie allen Beteiligten                 Gelegenheit gibt, schwungvoll verschiedenste Querverweise zu ziehen.                 So bieten sie einen Einblick in ihre Denkwerkstatt: die Fu\u00dfnoten                 eine Fundgrube. <\/p>\n<p>Kellermann nimmt die Nichtbeachtung anarchistischen Denkens im                 linken Diskurs beharrlich, fast schon penetrant zum Anlass, eben                 diese Denktradition ernsthaft auszubreiten und mit der marxistischen                 auf eine Stufe zu stellen. Dies ist aber durchaus fruchtbar. So                 kommen die Gegen\u00fcber immer wieder auf das Verh\u00e4ltnis von Theorie                 und Wirklichkeit im Hier und Jetzt zu sprechen. Dies ist umso                 wichtiger angesichts eines verbreiteten &#8222;Revolutionsfetisch&#8220;,                 also der &#8222;Verkehrung der Revolution von einem Mittel &#8230; zu einem                 Zweck an sich selbst&#8220; (Adamczak, S. 21). Denn letztlich, da sind                 sich alle einig, gilt es, &#8222;gesellschaftliche Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse                 zu ver\u00e4ndern &#8230; ein Prozess, der mit erheblichen Konflikten mit                 dem Staatsapparat, den Parteien und mit den bestehenden zivilgesellschaftlichen                 Organisationen einhergeht&#8220; (Hirsch, S. 120). <\/p>\n<p>Dieser Wandlungsdruck der Gegenwart betrifft indes auch anarchistische                 Vorstellungen, sei es das historische &#8222;Produktivit\u00e4tsparadigma&#8220;                 (Hanloser, S. 88) oder den zeitgen\u00f6ssischen &#8222;Rechtsnihilismus&#8220;                 (Wallat, S. 157). Die \u00dcberwindung des Kapitalismus, so meint u.                 a. Gester, erfordert eine Bewegung, &#8222;die den Staat nicht ignoriert                 oder lediglich bek\u00e4mpft, sondern ihn als politischen Raum begreift&#8220;                 (S. 61). <\/p>\n<p>Das B\u00fcchlein bietet eine gewichtige, aber nicht allzu schwere                 Lekt\u00fcre. Obwohl ihm stellenweise mehr Zur\u00fcckhaltung beim akademischen                 Slang gut getan h\u00e4tte. <\/p>\n<p>Selbst wenn Einigen die Gegen\u00fcberstellung von Anarchismus und                 Marxismus als alter Hut erscheint, tragen diese Gespr\u00e4che vielleicht                 doch dazu bei, die linksradikale &#8222;Identit\u00e4tsbildung entlang historischer                 Bruchlinien&#8220; endlich zu \u00fcberwinden, die Ralf Hoffrogge im November                 2011 auf einer Diskussionsveranstaltung benannte. Und am Ende                 ist eines klar (Adamczak, S. 41): &#8222;Es l\u00e4sst sich leider nie wieder                 so unschuldig von einer besseren Welt tr\u00e4umen wie im 19. Jahrhundert.&#8220; <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle kriegen ihr Fett weg: Die Marxisten mit dem Hinweis des Staatstheoretikers Hirsch, &#8222;dass es unm\u00f6glich ist, die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse mittels des Staates grundlegend zu ver\u00e4ndern.&#8220; (S. 117) Die Anarchisten, denen der Politikwissenschaftler Wallat bescheinigt, ihre &#8222;Kritik von Staat und Herrschaft [sei] in vielerlei Hinsicht defizit\u00e4r&#8220; (S. 146). 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