{"id":1158,"date":"1997-05-01T00:00:24","date_gmt":"1997-04-30T22:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1158"},"modified":"2022-07-26T13:11:58","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:58","slug":"durch-castor-widerstand-zur-plutoniumwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/05\/durch-castor-widerstand-zur-plutoniumwirtschaft\/","title":{"rendered":"Durch Castor-Widerstand zur Plutoniumwirtschaft?"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Die Anti-Atom-Bewegung mu\u00df endlich ihre Weigerung aufgeben, \u00fcber die Lagerung von Atomm\u00fcll zu diskutieren!&#8220; verk\u00fcndet Michael Sailer in der Woche vom 28. Februar 1997 und h\u00e4lt der Anti-AKW- Bewegung vor: &#8222;Euer Widerstand gegen die Castor-Transporte sponsert die Plutoniumwirtschaft.&#8220; (Der Spiegel Nr. 9\/97) Sailers Hauptargument dabei ist, da\u00df der Widerstand gegen das Zwischenlager Gorleben die Atomkraftbetreiber &#8211; trotz h\u00f6herer Kosten &#8211; dazu dr\u00e4ngt, die Entsorgung \u00fcber die Wiederaufarbeitungsanlagen La Hague in Frankreich und Sellafield sowie Dounreay in Gro\u00dfbritannien zu w\u00e4hlen. Damit w\u00fcrde der Weg in die Plutoniumwirtschaft zementiert und letztendlich ein Atomausstieg in weitere Ferne ger\u00fcckt.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick klingt die Argumentation plausibel &#8211; und sie spricht ja durchaus Punkte an, die von der Bewegung vernachl\u00e4ssigt werden -, und das macht sie auch so gef\u00e4hrlich. Bei n\u00e4herem Hinsehen zeigt sich jedoch, da\u00df hier der Wissenschaftler sich auf ein Feld begibt &#8211; das der sozialen Bewegungen &#8211; mit deren Dynamiken er nicht vertraut ist. Was zun\u00e4chst wissenschaftlich plausibel klingt, mu\u00df es bewegungspolitisch noch lange nicht sein. Doch der Reihe nach:<\/p>\n<h3>Keine Diskussion \u00fcber Entsorgung<\/h3>\n<p>Sailer verabschiedet sich von einem alten Konsens der Anti-AKW-Bewegung: \u00dcber die Entsorgung der bestehenden Atomkraftwerke wird erst diskutiert, wenn sie abgeschaltet sind. Diese Position stellt Sailer nun mit seiner Forderung in Frage.<\/p>\n<p>Er ist dabei sicherlich nicht der Erste, denn auch Greenpeace hat sich mit Stellungnahmen, der Atomm\u00fcll solle doch in den Atomkraftwerken in den vorhanden Abklingbecken kompakter gelagert werden, schon in diese Richtung bewegt, die von der Ex-Greenpeacerin und nieders\u00e4chsischen Umweltministerin Monika Griefahn dann begierig aufgenommen wurde. Aus seiner Kritik an dieser Alternative &#8211; die aus seiner Sicht gef\u00e4hrlicher ist als die Lagerung in Castor- Beh\u00e4ltern in einem Lager a la Gorleben &#8211; kommt Michael Sailer zu der Forderung, die Lagerung in Gorleben doch zu erm\u00f6glichen, um so anderes zu verhindern.<\/p>\n<p>Die Diskussion um die Entsorgung ist jedoch eine Diskussion um Pest oder Cholera. Es kann f\u00fcr die Anti-AKW- Bewegung nicht darum gehen, die eine Art der Entsorgung der anderen vorzuziehen, sondern mit guten Gr\u00fcnden wird jede Art der Entsorgung abgelehnt &#8211; eine sichere Entsorgung gibt es derzeit nirgends, weder in La Hague oder Sellafield, noch in Gorleben oder Morsleben oder sonstwo.<\/p>\n<p>Beiden Seiten &#8211; den Atomkraftbetreibern und der Anti-AKW-Bewegung &#8211; ist klar, da\u00df die Entsorgung <strong>der<\/strong> kritischste Punkt im gesamten Atomprogramm ist. Das soll nicht hei\u00dfen, da\u00df Atomkraftwerke ja harmlos w\u00e4ren, wenn nur die Entsorgungsfrage gel\u00f6st ist (das sind sie mit Sicherheit nicht!), sondern an der Unm\u00f6glichkeit einer sicheren Entsorgung zeigt sich die ganze Absurdit\u00e4t und Verantwortungslosigkeit der Atompolitik. Die \u00c4nderung des Atomgesetzes, um eine direkte Endlagerung neben der Wiederaufarbeitung zu erm\u00f6glichen, erfolgte sicherlich auch aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden &#8211; die Wiederaufarbeitung war und ist schlicht zu teuer -, ein wichtiger Punkt war aber bei dieser \u00c4nderung eben auch, die <strong>Zwischenlagerung<\/strong> als Entsorgungsnachweis zu erm\u00f6glichen, da ein Endlager derzeit und in absehbarer Zeit auch in Gorleben eben nicht zur Verf\u00fcgung steht. Und ein Endlager wird auch dann gebraucht, wenn die abgebrannten Brennelemente wiederaufgearbeitet werden. (Drei der jetzt acht Castor-Beh\u00e4lter im Gorlebener Zwischenlager enthalten Wiederaufarbeitungsm\u00fcll aus La Hague, der bis zur Endlagerung zwischengelagert werden soll.)<\/p>\n<p>Der Widerstand gegen die Castor-Transporte nach Gorleben verfolgt nun das Ziel, genau diese Alternative zun\u00e4chst einmal zu verbauen &#8211; bisher mit Aussicht auf Erfolg. Die Reaktionen nach dem letzten Castor-Transport Anfang M\u00e4rz, die Ank\u00fcndigung aus Neckarwestheim, jetzt im Herbst einen Castor-Transport ins Zwischenlager im westf\u00e4lischen Ahaus bringen zu wollen und so dieses als Alternative zu Gorleben zu etablieren &#8211; in Ahaus lagern derzeit &#8222;nur&#8220; die Brennelemente aus dem stillgelegten Hochtemperaturreaktor Hamm-Uentrop &#8211; zeigen, da\u00df diese Strategie der Bewegung richtig war.<\/p>\n<p>In die gleiche Richtung weist die Diskussion w\u00e4hrend der derzeitigen &#8222;Konsens&#8220;-Gespr\u00e4che \u00fcber den Bau eines dritten, s\u00fcddeutschen Zwischenlagers. Diese Diskussionen machen aber auch deutlich, da\u00df jede Diskussion um Entsorgung letztendlich nur dem Zweck dient, den Weiterbetrieb der bestehenden Atomkraftwerke zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<h3>Wiederaufarbeitung: zu teuer<\/h3>\n<p>Der Ausstieg der bundesdeutschen Atomstromer aus der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf war zwar sicherlich auch eine Folge des Widerstandes, hatte aber vor allem \u00f6konomische Gr\u00fcnde. Die Wiederaufarbeitung und der Einsatz von plutoniumhaltigen MOX- (Mischoxid-) Brennelementen in den Atomkraftwerken ist schlicht teurer als die direkte Endlagerung. Selbst das wohl kaum als atomkritisch zu bezeichnende &#8218;Deutsche Atomforum&#8216; beziffert die Mehrkosten der Wiederaufarbeitung auf sechs Milliarden DM &#8211; nicht gerade wenig.<\/p>\n<p>1994 k\u00fcndigten dann auch die PreussenElektra und die HEW (Hamburgischen Electricit\u00e4ts-Werke) ihre Vertr\u00e4ge mit der WAA Sellafield. \u00dcber Dumping-Preise bem\u00fchen sich La Hague und Sellafield mittlerweile um eine Auslastung ihrer Kapazit\u00e4ten &#8211; bisher allerdings mit m\u00e4\u00dfigem Erfolg.<\/p>\n<h3>Sponsoring der Plutoniumwirtschaft?<\/h3>\n<p>Das f\u00fchrt Sailer zu der Argumentation, da\u00df die Blockade der inl\u00e4ndischen Entsorgung in den bestehenden Zwischenlagern die Entsorgung \u00fcber die ausl\u00e4ndischen Wiederaufarbeitungsanlagen &#8211; obwohl sie teurer ist, auch wenn durch die Dumping-Preise der Kostenunterschied geringer wird &#8211; zementieren w\u00fcrde. Er \u00fcbersieht dabei zweierlei:<\/p>\n<ol>\n<li>Von der Anti-AKW-Bewegung wurde immer wieder klar gemacht, da\u00df Atomtransporte nach La Hague und Sellafield ebenfalls abzulehnen sind. Versuche, auch diese zu behindern oder gar zu blockieren, hat es immer wieder gegeben (vgl. z.B. GWR 215), auch wenn sie bisher nicht den Mobilisierungseffekt des Gorlebenwiderstandes erreicht haben. Aber gerade<\/li>\n<li>die Mobilisierung gegen die Castor-Transporte nach Gorleben schafft die Basis und die Strukturen, die notwendig sind, auch andere Atomtransporte verst\u00e4rkt in den Widerstand einzubeziehen. Die Anti-Castor-Gruppen, die sich landauf und landab gebildet haben, besch\u00e4ftigen sich l\u00e4ngst nicht mehr nur mit den Gorleben-Transporten, sondern nehmen zunehmend auch die Transporte aus &#8222;ihren&#8220; umliegenden Atomkraftwerken oder entlang ihrer Strecke aufs Korn.<\/li>\n<\/ol>\n<p>W\u00e4hrend also Michael Sailer eine Gefahr richtig benennt &#8211; n\u00e4mlich da\u00df die Entsorgung im Ausland unbeachtet bleibt (was sie noch nicht einmal ist) &#8211; fehlt ihm der Einblick in die Funktionsweise sozialer Bewegungen. Die Alternative lautet nicht &#8222;Gorleben verhindern&#8220; oder &#8222;Wiederaufarbeitung im Ausland verhindern&#8220;, sondern schlicht &#8222;\u00fcber die Verhinderung von Gorleben die Voraussetzungen f\u00fcr die Verhinderung der Wiederaufarbeitung schaffen!&#8220;<\/p>\n<h3>Von Gorleben nach Sellafield<\/h3>\n<p>Da\u00df nur so eine erfolgversprechende Strategie aussehen kann, zeigen die aktuellen Entwicklungen um das Zwischenlager Ahaus. Dort existiert eine Lagerhalle f\u00fcr abgebrannte Brennelemente f\u00fcr insgesamt 1 500 Tonnen radioaktives Schwermetall. Und dort wurden ebenfalls &#8211; gegen nur geringen Widerstand &#8211; bisher 305 Beh\u00e4lter mit abgebrannten Brennelementen aus Hamm-Uentrop eingelagert. Die Lagerung von weiteren abgebrannten Brennelementen aus anderen Reaktoren in Castor-Beh\u00e4ltern ist ebenfalls genehmigt, f\u00fcr weitere Beh\u00e4ltertypen und eine Erh\u00f6hung der Lagerkapazit\u00e4t auf4 200Tonnen ist die Genehmigung beantragt.<\/p>\n<p>Seit den 70er Jahren wurden in der gesamten &#8222;Euregio&#8220;, der Region um Ahaus, Gronau, Lingen und Almelo (Niederlande) eine ganze Reihe von Atomanlagen hochgezogen: die Urananreicherungsanlage in Gronau, ein Atomkraftwerk und eine Brennelementefabrik in Lingen, ebenfalls eine Urananreicherungsanlage in Almelo, und eben das Zwischenlager in Ahaus. Bisher gelang es nicht, einen starken Widerstand in der Region zu entwickeln, gro\u00dfe Demonstrationen, geschweige denn massive Aktionen zivilen Ungehorsams oder gewaltfreie direkte Aktionen, fanden so gut wie nicht statt.<\/p>\n<p>Erst im R\u00fcckenwind der Castor-Transporte nach Gorleben stie\u00dfen die Gruppen in der Euregio in den letzten Jahren auf gr\u00f6\u00dfere Resonanz. Gegen den f\u00fcr Herbst angek\u00fcndigten Castor-Transport aus Neckarwestheim wird daher derzeit &#8211; mit Unterst\u00fctzung aus dem Wendland &#8211; f\u00fcr einen &#8222;Tag X&#8220; in Ahaus mobilisiert, mit der begr\u00fcndeten Hoffnung, einen erheblichen Teil des durch Gorleben mobilisierten Potentials auch f\u00fcr Ahaus nutzbar zu machen.<\/p>\n<p>Und nicht nur das K\u00f6lner Anti-Atom-B\u00fcndnis bem\u00fcht sich schon seit Jahren, ebenfalls motiviert durch die Castor-Auseinandersetzungen, Atomtransporte aus den norddeutschen Atomkraftwerken Brunsb\u00fcttel, Brokdorf, Kr\u00fcmmel, Stade und Esenshamm \u00fcber die Rheinstrecke nach Frankreich und Gro\u00dfbritannien \u00f6ffentlich zu machen und die Transporte zun\u00e4chst zu beobachten oder aber auch zu behindern. Und auch das AKW Esenshamm an der Unterweser ist erst durch die Gorleben-Auseinandersetzungen wieder st\u00e4rker ins Blickfeld der regionalen Gruppen um Oldenburg und Bremen geraten.<\/p>\n<p>Diese Entwicklungen machen deutlich: die von Michael Sailer an die Wand gemalte Alternative existiert so nicht. Eine soziale Bewegung wie die Anti-AKW-Bewegung entz\u00fcndet sich nun einmal nicht an der wissenschaftlichen Analyse &#8211; so bedauerlich das manchmal auch sein mag -, sondern entlang von Betroffenheit und Symbolen. Gorleben ist ein solches Symbol des Widerstandes, und dieses Symbol hat es m\u00f6glich gemacht, da\u00df sich um die Castor-Transporte eine Bewegung entwickelt hat, die erstmals seit Tschernobyl ernsthaft wieder das gesamte Atomprogramm in der BRD in Frage stellen kann.<\/p>\n<p>Der St\u00e4rke dieser Bewegung ist es zu verdanken, da\u00df \u00fcberhaupt \u00fcber massiven Widerstand gegen einen Castor-Transport nach Ahaus nachgedacht werden kann, ohne gleich als gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig verlacht zu werden. Und nur die St\u00e4rke dieser Bewegung wird es erm\u00f6glichen, auch das wirtschaftlich unattraktive Schlupfloch Plutoniumwirtschaft \u00fcber direkten Widerstand gegen Transporte in die Wiederaufarbeitungsanlagen La Hague, Sellafield und Dounreay zu stopfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die Anti-Atom-Bewegung mu\u00df endlich ihre Weigerung aufgeben, \u00fcber die Lagerung von Atomm\u00fcll zu diskutieren!&#8220; verk\u00fcndet Michael Sailer in der Woche vom 28. 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