{"id":11582,"date":"2012-10-01T00:00:18","date_gmt":"2012-09-30T22:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11582"},"modified":"2022-07-26T14:12:18","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:18","slug":"gieriges-system","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/10\/gieriges-system\/","title":{"rendered":"Gieriges System"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Gerade das wiederholte Auftreten von Krisen in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden [\u2026] schlie\u00dft [\u2026] die Vorstellung aus, ihre letzten Gr\u00fcnde in der R\u00fccksichtslosigkeit einzelner zu suchen&#8220;, schrieb Karl Marx 1857, mitten in der ersten gro\u00dfen Wirtschaftskrise des Kapitalismus, in einem Beitrag f\u00fcr die New York Daily Tribune.<\/p>\n<p>Man mag heute ein wenig mit den Augen rollen, wenn im Zusammenhang mit der aktuellen Krise zum x-ten Mal der Hinweis kommt, die Kritik an Banksters und Spekulationen sei eine &#8222;verk\u00fcrzte Kapitalismuskritik&#8220;, eine &#8222;Personalisierung&#8220; oder \u00e4hnliches. Hei\u00dft das, &#8222;Profitgier&#8220; spiele keine Rolle?<\/p>\n<p>Im Gegenteil, so Paul Mattick, der mit &#8222;Business as usual&#8220; auf den Spuren seines r\u00e4tekommunistischen Vaters wandelt.<\/p>\n<p>Gerade weil Gier das &#8222;Grundmotiv kapitalistischer Investitionsentscheidungen&#8220; (S.76) ist und schon immer war, ger\u00e4t er immer wieder in Krisen.<\/p>\n<p>Matticks gleichnamiger Vater, Aktivist der R\u00e4terevolution 1919, sp\u00e4ter Mitglied verschiedener r\u00e4tekommunistischer und syndikalistischer Organisationen in Deutschland und den USA, hat w\u00e4hrend der f\u00fcr die aktuelle Krise urs\u00e4chlichen krisenhaften Ereignisse der sp\u00e4ten 1960er und der 1970er Jahre das theoretische Fundament gelegt, auf das sein Sohn heute aufbaut.<\/p>\n<p>In erster Linie ist dies Matticks &#8222;Marx und Keynes. Die Grenzen des \u201agemischten Wirtschaftssystems'&#8220; &#8211; eine dezidierte Untersuchung, in der Mattick den Keynesianismus als unzureichend kritisiert, bevor er mit der &#8222;Stagflation&#8220; der 1970er Jahre offiziell als gescheitert gilt.<\/p>\n<p>Keynes&#8216; Ansatz, den Staat antizyklisch investieren zu lassen, um die \u201afreie&#8216; Wirtschaft anzukurbeln, habe so nie funktioniert. Mattick jr. nennt zahlreiche Beispiele daf\u00fcr. Das Problem liege darin, dass zus\u00e4tzliche Wirtschaftsmittel die Wirtschaft eben nicht ankurbeln w\u00fcrden, sondern dies letztendlich nur durch Profitaussichten geschehe. Die Staaten pumpten also letztlich nicht nur kurzfristig Geld in die Wirtschaft, sondern waren gezwungen, dabei zu bleiben. Die &#8222;keynesianische Karte&#8220;, so schlussfolgert Mattick jr., ist &#8222;bereits weitgehend ausgespielt&#8220; (S.129).<\/p>\n<p>Letztlich sind aber die Vorschl\u00e4ge von links, die aktuelle Krise betreffend, zumeist nur ein Neuaufguss dieser keynesianischen Denkweise.<\/p>\n<p>Mattick jr. diagnostiziert dementsprechend eine Krise der Linken, denn &#8222;nirgends treten die Linken mit dem Anspruch auf, potenziell eine neue Gesellschaft zu begr\u00fcnden&#8220; (S.124). Im Gegenteil sieht er in &#8222;linke(n) Organisationen, die sich und ihren Einfluss als zentral f\u00fcr den Erfolg jedes revolution\u00e4ren Kampfes betrachteten&#8220; (S.136), als Hindernis. Andererseits: &#8222;Sich selbst \u00fcberlassen, verspricht der Kapitalismus auf Jahrzehnte hinweg wirtschaftliche Schwierigkeiten&#8220;.<\/p>\n<p>Der Widerstand dagegen resultiert nicht automatisch aus der Krise, Zyklen des Abschwungs sind seit 1800 in jedem Jahrzehnt zu finden und nur in einigen F\u00e4llen mit Revolten verbunden. &#8222;Die gr\u00f6\u00dfte Unbekannte, wenn man \u00fcber die Zukunft des Kapitalismus nachdenkt, ist die Hinnahmebereitschaft der Weltbev\u00f6lkerung [\u2026]&#8220; (S.134).<\/p>\n<p>Paul Matticks Zukunftsperspektive liegt daher auch nicht in irgendeiner Rettung dieser \u00d6konomie, sondern darin, &#8222;im Angesicht einer Katastrophe gegenseitige Hilfe zu organisieren&#8220; (S.137).<\/p>\n<p>Paul Mattick jr. distanziert sich zwar von allen politischen Str\u00f6mungen und Ideologien, aber gerade darin liegt seine anarchistische Denkweise begr\u00fcndet: &#8222;Uns aus dem Elend zu erl\u00f6sen, k\u00f6nnen wir nur selber tun&#8220;, hei\u00dft es im Liedtext der &#8222;Internationale&#8220; und &#8222;Es kann die Befreiung der Arbeiterklasse nur die Sache der Arbeiter sein&#8220; dichtete Bertolt Brecht in Anlehnung an die Statuten der Ersten Internationale.<\/p>\n<p>In dieser Tradition von Selbstorganisierung und Gegenseitiger Hilfe stehen Mattick sr. und jr.<\/p>\n<p>&#8222;Business as usual&#8220;, das wesentlich leichter verdaulich ist als die wissenschaftlichen Arbeiten Mattick sr., ist so au\u00dferordentlich lesenswert, weil er die Krise nicht als Ausnahmeerscheinung, sondern als ganz normalen Kapitalismus entlarvt. Sie ist eine zu dieser Zeit notwendige Intervention, die nicht zuletzt dazu anregt, die Klassiker seines Vaters wieder zu lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Gerade das wiederholte Auftreten von Krisen in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden [\u2026] schlie\u00dft [\u2026] die Vorstellung aus, ihre letzten Gr\u00fcnde in der R\u00fccksichtslosigkeit einzelner zu suchen&#8220;, schrieb Karl Marx 1857, mitten in der ersten gro\u00dfen Wirtschaftskrise des Kapitalismus, in einem Beitrag f\u00fcr die New York Daily Tribune. 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