{"id":11592,"date":"2012-10-01T00:00:02","date_gmt":"2012-09-30T22:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11592"},"modified":"2022-07-26T14:12:18","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:18","slug":"das-emanzipatorische-potential-des-asthetischen-blicks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/10\/das-emanzipatorische-potential-des-asthetischen-blicks\/","title":{"rendered":"Das emanzipatorische Potential des &#8222;\u00e4sthetischen Blicks&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Was muss geschehen, damit das Allt\u00e4gliche aufh\u00f6rt, allt\u00e4glich zu sein? Wie ver\u00e4ndert man die Wahrnehmung des Sozialen, um Emanzipation zu erm\u00f6glichen?<\/p>\n<p>Und welche Rolle spielt die Wissenschaft dabei? Oder die Kunst?<\/p>\n<p>Um diese Fragen tobt in Frankreich ein Streit, der aus mehreren Gr\u00fcnden bemerkenswert ist.<\/p>\n<p>Zum einen ist da das schiere Niveau der Antagonisten: Jacques Ranci\u00e8re, der aufsteigende Stern am Himmel der franz\u00f6sischen Philosophie, polemisiert gegen Pierre Bourdieu.<\/p>\n<p>Zum anderen w\u00e4re da die Tatsache, dass die Polemik einseitig daherkommt: Denn Jacques Ranci\u00e8re streitet mit einem Toten &#8211; nicht eben ein Ausweis intellektueller Courage, zumal Bourdieu zu Lebzeiten selbst ein gef\u00fcrchteter Polemiker war.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich bleibt der Umstand, dass sich die Positionen der Kontrahenten politisch kaum unterscheiden.<\/p>\n<p>Beide haben sich im Widerstand gegen die Verw\u00fcstungen des Neoliberalismus einen Namen gemacht, und beiden geht es um die Frage, welche M\u00f6glichkeiten Kunst, Wahrnehmung und \u00c4sthetik besitzen, politische Ver\u00e4nderungen zu bewirken bzw. mitzubewirken.<\/p>\n<p>Der Wiener Soziologe und preisgekr\u00f6nte Kunstkritiker Jens Kastner hat nun eine Studie vorgelegt, die die in Deutschland bislang noch weitgehend unbekannte Kontroverse kompetent nachzeichnet. Sein Buch ist eine Mischung aus wissenschaftlicher Abhandlung und politisch-kunsttheoretischem Essay.<\/p>\n<p>Im Wandern zwischen den Gattungen liegt sein Reiz. Denn einerseits stellt Kastner die Positionen von Ranci\u00e8re und Bourdieu sachlich, systematisch und gut verst\u00e4ndlich dar.<\/p>\n<p>Andererseits geht er im letzten Drittel seines Buches \u00fcber sie hinaus und erg\u00e4nzt die Diskussion um eine bewegungsanalytische Perspektive, die sehr vielversprechend ist. Durch produktives Mitdenken wird <em>Der Streit um den \u00e4sthetischen Blick<\/em> zu einer innovativen kultursoziologischen Leistung, in der man sich eigentlich noch mehr Kastner zwischen Bourdieu und Ranci\u00e8re gew\u00fcnscht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Einen Gutteil seiner ebenso fundierten wie differenzierten Kritik verbannt Kastner in die Fu\u00dfnoten. Das ist zwar akademisch wohlerzogen, aber eigentlich unn\u00f6tig. Kastner versteht seine Studie als Einladung, die Bourdieu-Ranci\u00e8re-Kontroverse aus dem rein akademischen Feld zu l\u00f6sen und an anderen Orten weiterzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Die geistige und sprachliche Klarheit seines Buches ist angesichts des extrem hohen Abstraktionsniveaus und der holprigen terminologischen Eigenheiten der Beteiligten besonders wohltuend. Sie k\u00f6nnte tats\u00e4chlich helfen, den Inhalt der Debatte einem gr\u00f6\u00dferen Publikum verst\u00e4ndlich zu machen.<\/p>\n<p>Kastner macht deutlich, dass bei aller Sch\u00e4rfe der Ausgangspunkt der Kontroverse f\u00fcr Bourdieu und Ranci\u00e8re eigentlich gleich ist: Beide verstehen \u00c4sthetik als etwas, das \u00fcber den spezifischen Raum der Kunst hinaus mit &#8222;allgemeinen Denk- und Wahrnehmungsm\u00f6glichkeiten&#8220; (S. 7) verkn\u00fcpft und daher politisch bedeutsam ist. Sowohl Ranci\u00e8re als auch Bourdieu geht es um das &#8222;Problem der Politik der \u00c4sthetik&#8220; (S. 12).<\/p>\n<p>In ihrem Verst\u00e4ndnis dieser Politik allerdings k\u00f6nnten ihre Positionen kaum gegens\u00e4tzlicher sein. In seinem Werk &#8222;Die feinen Unterschiede&#8220; hat Bourdieu \u00e4sthetische Formen und die gesellschaftliche Art ihres Genusses als ordnungs- und letztlich herrschaftsstabilisierende Dispositionen identifiziert.<\/p>\n<p>Die Behauptung, die Wirkung der Kunst stehe \u00fcber den sozialen Realit\u00e4ten, ist f\u00fcr ihn eine Verschleierung eben dieser Realit\u00e4ten durch das zur Herrschaft strebenden B\u00fcrgertum. F\u00fcr ihn gibt es konsequenterweise keine &#8222;Gleichg\u00fcltigkeit des Sch\u00f6nen&#8220;. Ranci\u00e8re sieht das anders. F\u00fcr ihn ist Bourdieus Orientierung an sozialen Schichten und Klassen und seine entsprechende Zuordnung kultureller Praktiken kein <em>Be<\/em>&#8211; sondern im eigentlichen Wortsinn ein <em>Fest<\/em>schreiben sozialer Ungleichheiten.<\/p>\n<p>Die von Bourdieu analysierten sozialen Differenzen sieht Ranci\u00e8re als Ergebnis eines performativen Sprechakts der Soziologie. Ein statisches Modell <em>verhindere<\/em> die Wahrnehmung gelebter Regelbr\u00fcche &#8211; und damit soziale Emanzipation.<\/p>\n<p>Die Feststellung, dass der &#8222;\u00e4sthetische Blick&#8220; zu einem sozialen Distinktions- und Differenzkriterium geworden sei, h\u00e4lt Ranci\u00e8re f\u00fcr banal.<\/p>\n<p>Viel wichtiger ist ihm dessen F\u00e4higkeit, Menschen aus gesellschaftlichen (Zu)Ordnungen ausbrechen zu lassen: &#8222;Die Ordnung wird \u00fcberall dort bedroht, wo ein Schuster etwas anderes als Schuhe macht&#8220; (S. 44).<\/p>\n<p>Kastner: &#8222;W\u00e4hrend der \u00e4sthetische Blick f\u00fcr Ranci\u00e8re [&#8230;] einen Dissens definiert, ist er in der Analyse Bourdieus Ausdruck und Instrument einer Disposition der Herrschenden&#8220; (S. 83).<\/p>\n<p>Jacques Ranci\u00e8re macht in seinem posthumen Disput mit Bourdieu freilich nicht immer eine gute Figur. Das liegt aber weniger an einer unzul\u00e4ssigen Parteilichkeit des hervorragenden Bourdieukenners Kastner als daran, dass Ranci\u00e8res nie geleugneter philosophischer Idealismus seine Argumente oft zu unumst\u00f6\u00dflichen Behauptungen verkommen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Er will den Einzelnen und seine F\u00e4higkeit zu kategorial ungeh\u00f6rigem Verhalten zur\u00fcck in die Wissenschaft bringen. Das ist ebenso n\u00f6tig wie lobenswert.<\/p>\n<p>Nur hat man das Gef\u00fchl, dass er sich f\u00fcr dieses Unterfangen den falschen Gegner ausgesucht hat. Das emanzipatorische Potential der Soziologie Bourdieus unterschl\u00e4gt er. Kastner kritisiert zu recht Ranci\u00e8res &#8222;maximal missg\u00fcnstige Lekt\u00fcre&#8220; Bourdieus (S. 67).<\/p>\n<p>Kastner selbst bestreitet keineswegs ein emanzipatorisches Potential des &#8222;\u00e4sthetischen Blicks&#8220; &#8211; nur m\u00fcsse es durch soziale K\u00e4mpfe erst <em>durchgesetzt<\/em> werden und sei diesen keineswegs vorg\u00e4ngig. Die M\u00f6glichkeiten sozialer Bewegungen, den &#8222;\u00e4sthetischen Blick&#8220; von einem Privileg zu einem Mittel sozialer Emanzipation zu machen, h\u00e4lt er f\u00fcr wesentlich. Kastner favorisiert eine anti-essentialistische Differenzposition, die ungeregelte Formen gesellschaftlichen Handelns ausdr\u00fccklich einschlie\u00dft. Ein Ende der Debatte ist somit nicht abzusehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was muss geschehen, damit das Allt\u00e4gliche aufh\u00f6rt, allt\u00e4glich zu sein? Wie ver\u00e4ndert man die Wahrnehmung des Sozialen, um Emanzipation zu erm\u00f6glichen? 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