{"id":11595,"date":"2012-10-01T00:00:40","date_gmt":"2012-09-30T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11595"},"modified":"2022-07-26T14:12:17","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:17","slug":"veganismus-als-postmoderner-anarchismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/10\/veganismus-als-postmoderner-anarchismus\/","title":{"rendered":"Veganismus als postmoderner Anarchismus?"},"content":{"rendered":"<p>Das Buch ist eine ver\u00f6ffentlichte Uni-Dissertation, in der Bernd-Udo                 Rinas die Verbindung zwischen Anarchismus, Postmoderne und Veganismus                 herleiten will. Er interpretiert zun\u00e4chst den Veganismus als zeitgen\u00f6ssische                 Jugendbewegung, die vor dem Hintergrund von Individualisierung                 der Gesellschaft und der Suche nach nicht-traditionellen Identit\u00e4ten                 gesehen werden m\u00fcsse. <\/p>\n<p>Rinas zeichnet dann in einem zweiten, historischen Kapitel die                 Entwicklung des Veganismus nach, von Hinduismus\/Buddhismus ausgehend                 \u00fcber die Antike (Phytagoras), die Entwicklung einer nicht-anthropozentrischen                 Ethik bis zur vegetarisch\/veganen Bewegung im 20. Jahrhundert.               <\/p>\n<p>Es folgt ein Kapitel \u00fcber die zentralen Begriffe und Bewegungen                 der Postmoderne, des Anarchismus und des Veganismus. <\/p>\n<p>Schlie\u00dflich versucht Rinas im letzten Kapitel eine theoretische                 Begr\u00fcndung f\u00fcr seine These, dass die vegane Bewegung eine zeitgem\u00e4\u00dfe,                 postmoderne Form des Anarchismus sei, wobei der Autor insbesondere                 den in den sozialen Bewegungen diskutierten &#8222;Triple-Oppression&#8220;-Ansatz                 in einen &#8222;Unity-of-Oppression&#8220;-Ansatz, der auch das Herrschaftsverh\u00e4ltnis                 Mensch-Tier mitber\u00fccksichtigt, erweitern will. <\/p>\n<p>Rinas fordert eine Infragestellung des klassischen Anarchismus                 aus der Perspektive postmoderner Dekonstruktion, um traditionell                 auf die Moderne ausgerichteten Schl\u00fcsselbegriffen wie Herrschaft,                 Freiheit, Solidarit\u00e4t einen erweiterten Inhalt zu geben (z.B.                 Solidarit\u00e4t nunmehr im Sinne von Solidarit\u00e4t auch mit Tieren)                 und sie dadurch mit postmodernen veganen Bewegungen und Lebensstilen                 verkn\u00fcpfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Charakter einer Uni-Arbeit ist dem Buch anzumerken. Beim                 Lesen war f\u00fcr mich die auf vielen Seiten vorkommende, wortgleiche                 Wiederholung ein- und desselben Satzes st\u00f6rend. <\/p>\n<p>Die ersten einhundert Seiten wirken sehr referierend und kritiklos.<\/p>\n<p>Doch bei den Themen &#8222;Holismus&#8220; und der &#8222;Erdbefreiungsbewegung&#8220;                 setzt auch die Kritikf\u00e4higkeit des Autors ein und bleibt dann                 das Buch hindurch angenehm pr\u00e4sent. Werden etwa Jeremy Bentham                 oder Peter Singer anfangs unkritisch dargestellt, so werden Singer,                 Benthams Utilitarismus und Kaplan auf S. 215ff. von Rinas gut                 kritisiert und ihre Defizite (Ignoranz gegen\u00fcber Kapitalismus;                 Behindertenfeindlichkeit) als &#8222;v\u00f6llig unakzeptabel&#8220; (S. 216) bezeichnet.               <\/p>\n<p>Widerspr\u00fcchlich finde ich allerdings, dass dann trotz dieser                 Kritik direkt im Anschluss mit denselben Theoretikern versucht                 wird, den Gleichheitsgrundsatz zwischen Mensch und Tier bei &#8222;\u00e4hnlichen                 Interessen&#8220; (S. 222) zu begr\u00fcnden. Der dabei zentral werdende                 Begriff des &#8222;Interesses&#8220; wird dabei nicht hinterfragt.<\/p>\n<p>Besonders gut finde ich Rinas&#8216; Darstellung der anarchistischen                 Polemik zwischen Murray Bookchin, Janet Biehl und dem &#8222;Lifestyle&#8220;-Anarchismus.                 Denn aus Letzterem ging dann die Nach-Seattle-Bewegung hervor                 und r\u00fcckblickend waren hier Bookchin\/Biehl tats\u00e4chlich altbacken                 und verst\u00e4ndnislos gegen\u00fcber neuen libert\u00e4ren Lebensformen Jugendlicher.               <\/p>\n<p>Rinas bringt eine F\u00fclle an Material und Denktraditionen zusammen,                 das ist die St\u00e4rke des Buches. <\/p>\n<p>Seine Verkn\u00fcpfungen finde ich nicht immer evident: Die vegane                 Bewegung arbeitet subjektiv mit einem Wahrheitsanspruch und k\u00f6nnte                 insofern genauso gut als anti-postmodern klassifiziert werden.                 Vieles w\u00e4re genauer zu diskutieren. Aber die Defizite sind Rinas                 bewusst und er sieht &#8222;noch Diskussionsbedarf [&#8230;] f\u00fcr die Tierrechtsbewegung&#8220;                 (S. 241).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Buch ist eine ver\u00f6ffentlichte Uni-Dissertation, in der Bernd-Udo Rinas die Verbindung zwischen Anarchismus, Postmoderne und Veganismus herleiten will. Er interpretiert zun\u00e4chst den Veganismus als zeitgen\u00f6ssische Jugendbewegung, die vor dem Hintergrund von Individualisierung der Gesellschaft und der Suche nach nicht-traditionellen Identit\u00e4ten gesehen werden m\u00fcsse. 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