{"id":11610,"date":"2012-10-01T00:00:05","date_gmt":"2012-09-30T22:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11610"},"modified":"2022-07-26T14:22:29","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:29","slug":"ein-kriegsgegner-wird-zum-morder-gestempelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/10\/ein-kriegsgegner-wird-zum-morder-gestempelt\/","title":{"rendered":"Ein Kriegsgegner wird zum M\u00f6rder gestempelt"},"content":{"rendered":"<p>Wer die gro\u00dfen Verbrechen von Siegern ans Licht bringen will,                 hat es immer schwer gehabt &#8211; so auch Julian Assange mit seiner                 Whistleblower-Plattform WikiLeaks. <\/p>\n<p>Am 11.9.2012 sendete 3sat eine Dokumentation \u00fcber WikiLeaks,                 in deren Zentrum Julian Assange stand. Leider l\u00e4sst die Guardian-nahe                 TV-Produktion \u00fcberwiegend Guardian-Journalisten zu Wort kommen,                 die zumeist nur Negatives zum WikiLeaks-Gr\u00fcnder zu sagen haben.                 Guardian, Spiegel und New York Times bildeten 2010 ein Medienkonsortium,                 das die Leaks aus den Irak- und Afghanistan-Kriegen sowie vertrauliche                 US-Depeschen exklusiv vermarkten durfte. Doch schon bald kam es                 zum Bruch mit Assange und zur Gegnerschaft vor allem zum Guardian.<\/p>\n<h3>Julian Assange &#8211; Die D\u00e4monisierung eines Kriegsgegners<\/h3>\n<p>Aufh\u00e4nger ist ein vierst\u00fcndiges Home-Interview mit Assange, damals                 noch im britischen Hausarrest, aus dem aber nur acht Minuten heraus                 gefiltert wurden. Diese acht Minuten wurden zerhackt und in kleinen                 Happen zwischen die Statements seiner GegnerInnen geschnitten.                 So entsteht der Eindruck eines Tribunals, vor dem Assange auf                 die Vorw\u00fcrfe antworten kann. Doch was er sagen darf, bestimmen                 die Macher der Doku. Am Ende hat man nichts Neues erfahren, aber                 s\u00e4mtliche Vorw\u00fcrfe gegen WikiLeaks wurden noch einmal aufgew\u00e4rmt                 und suggestiv pr\u00e4sentiert. WikiLeaks protestierte gegen diese                 Darstellung.<\/p>\n<p>Schwer wiegen vor allem Beschuldigungen, Assange h\u00e4tte bez\u00fcglich                 der Vorw\u00fcrfe sexuellen Missbrauchs gelogen, an seinen H\u00e4nden w\u00fcrde                 &#8222;Blut kleben&#8220; und Quellenschutz w\u00e4re ihm unwichtig. Sogar die                 Schuld an der Inhaftierung des mutma\u00dflichen Whistleblowers Bradley                 Manning wird ihm tendenziell angelastet. Sein st\u00e4ndiger Einsatz                 und seine F\u00fcrsprache f\u00fcr Manning, dem auch die Solidarit\u00e4t vieler                 PazifistInnen gilt (vgl. Beutner 2011) wird verschwiegen. <\/p>\n<p>Stattdessen wird mit entsprechend eingef\u00fcgten Interview-Passagen                 der Eindruck nahegelegt, Assange w\u00e4re der Schutz seiner Whistleblower                 gleichg\u00fcltig, er wolle sie h\u00f6heren Zielen opfern.<\/p>\n<p>Dies alles behauptet die Doku nicht selbst, aber sie l\u00e4sst einen                 Assange-Gegner nach dem anderen sprechen. So werden die GegnerInnen                 quasi zu ZeugInnen der Anklage stilisiert, ihre Aussagen zu Beweismaterial                 &#8211; abgemischt mit unterst\u00fctzenden TV-Bildern, Presseberichten und                 Statements der US-Regierung. <\/p>\n<p>Dazwischen geschnitten sind Assange-Passagen, die zu seiner Verteidigung                 weitgehend nutzlos sind. Das erweckt nur auf den ersten Blick                 den Eindruck einer fairen Rede und Gegenrede. Assange bekommt                 tats\u00e4chlich kaum eine Chance, sich gegen Beschuldigungen zu wehren.<\/p>\n<p>Daniel Domscheit-Berg, der deutsche WikiLeaks-Abspalter und OpenLeaks-Gr\u00fcnder,                 ist der erste einer ganzen Phalanx von fr\u00fcheren Assange-Mitstreitern,                 die heute seine Gegner sind. <\/p>\n<p>Alle l\u00e4sst der Film gegen den WikiLeaks-Gr\u00fcnder aufmarschieren.                 In Szene gesetzt werden sie nach einem einheitlichen Muster: Zuerst                 d\u00fcrfen sie beschreiben, wie nett sie &#8222;Julian&#8220; anfangs fanden,                 aber dann zeigte Assange ihnen sein angeblich &#8222;wahres&#8220; Gesicht:                 Das eines &#8222;L\u00fcgners&#8220;, &#8222;Mafiosos&#8220; und &#8222;Irren&#8220;, eines &#8222;wahren Ungeheuers&#8220;                 (Zitate).<\/p>\n<h3>Assange der Kultf\u00fchrer<\/h3>\n<p>Die Hauptzeugen der Anklage kommen aus der Redaktion des Guardian:                 David Leigh und Nick Davies. Sie loben Julian erst \u00fcberschw\u00e4nglich,                 beschreiben die Zusammenarbeit mit ihm aber als irgendwie merkw\u00fcrdig,                 er sei wie ein &#8222;Kultf\u00fchrer&#8220;, der &#8222;nicht von diesem Planeten&#8220; stamme.                 David Leigh beginnt leutselig:<\/p>\n<p>&#8222;Julian umgab ein seltsames Charisma, er benahm sich, als sei                 er ein Kultf\u00fchrer. Wir machten sehr bald Witze \u00fcber die Leute                 um ihn herum, die Brause-Limonade tranken (&#8230;) Also nahm ich                 ihn mit in unsere Wohnung, gab ihm unser G\u00e4stebett. Nur schlief                 er nicht darin, sondern sa\u00df die ganze Nacht vor seinem Laptop                 und machte geheimnisvolle Dinge. Dann, um f\u00fcnf Uhr fr\u00fch, kippte                 er pl\u00f6tzlich weg. Er trug diese braune Lederjacke, immer bis zum                 Hals hoch gekn\u00f6pft. <\/p>\n<p>Die zog er nie aus. Um f\u00fcnf Uhr, am Ende seines Arbeitspensums,                 fiel er um und schlief in seiner zugekn\u00f6pften Lederjacke ein.                 Solche Dinge gaben einem das Gef\u00fchl, man h\u00e4tte es mit jemandem                 zu tun, der nicht von diesem Planeten ist.&#8220;<\/p>\n<p>Das klingt etwas nach Hacker-Klischee, aber noch ganz nett, doch                 Leigh schlie\u00dft sp\u00e4ter im Film seine Beschreibung von Assange weniger                 freundlich ab:<\/p>\n<p>&#8222;Er sch\u00fcttelte mir die Hand, schaute mir in die Augen wie ein                 Mafioso und sagte: \u201aSei vorsichtig&#8216;, so auf diese Art. Ich fand                 das l\u00e4cherlich, wie mich diese Person bedroht hat. Seitdem habe                 ich nicht mehr mit Julian Assange gesprochen.&#8220;<\/p>\n<p>Der Guardian-Journalist Nick Davies bezichtigt Assange mehrfach                 der L\u00fcge und zieht dann den Bogen zu den sexuellen Missbrauchsvorw\u00fcrfen                 aus Schweden:<\/p>\n<p>&#8222;Assange glaubt an die Dinge, die er ausspricht, in dem Moment,                 in dem er sie ausspricht. Das ist so wie bei den beiden Frauen                 aus Schweden. Wenn er das als schmutzige Tricks des Pentagon bezeichnet,                 dann glaubt er auch daran.&#8220;<\/p>\n<p>Davies glaubt nicht daran. Unklar bleibt, woher Nick Davies sein                 Wissen dar\u00fcber nimmt, wer hier die Wahrheit sagte und wer nicht.                 Davies redet sich \u00fcber Assange regelrecht in Rage, zieht die Brauen                 hoch, rollt mit den Augen und emp\u00f6rt sich:<\/p>\n<p>&#8222;Ich vermute, fast jeder, der ihm nahe kommt, erlebt das mit:                 Man beginnt ihn zu m\u00f6gen und ihm zu vertrauen und pl\u00f6tzlich erscheint                 aus dem Nichts dieses Ungeheuer! Wo um Himmels Willen kommt das                 jetzt her! Pl\u00f6tzlich erkennt man diesen au\u00dfergew\u00f6hnlich verlogenen                 Mann, ich bin niemals einem derart unehrlichen Menschen wie Julian                 Assange begegnet!&#8220;<\/p>\n<h3>Navy-Seals und Menschenrechte<\/h3>\n<p>Vieles bewegt sich auf der Ebene pers\u00f6nlicher Vorw\u00fcrfe gegen                 Julian Assange, doch auch die Leaks selbst werden haupts\u00e4chlich                 von ihrer negativen Seite dargestellt. Der Abschnitt \u00fcber die                 Publikation der Afghan War Diaries durch Guardian, Spiegel und                 New York Times r\u00fcckt die Gegenwehr der US-Regierung in den Mittelpunkt.                 Aber sie wird nicht analysiert oder reflektiert, sondern einfach                 im O-Ton wieder gegeben und best\u00e4tigt:<\/p>\n<p>&#8222;48 Stunden lang sprach die ganze Welt von zivilen Opfern und                 von Taskforce 373, dann fand die NYT auf WikiLeaks Dokumente,                 die eindeutig die Sicherheit afghanischer Zivilisten gef\u00e4hrdeten.&#8220;               <\/p>\n<p>Einspieler aus US-Fernsehen: &#8222;An WikiLeaks H\u00e4nden klebt Blut!&#8220;                 An dieser Stelle der Doku wiederholt ein unheimlicher, aber kaum                 wahrnehmbarer Hall-Effekt: &#8222;&#8230;klebt Blut!&#8220;<\/p>\n<p>Problematisiert wird in der Dokumentation nicht, dass unter dem                 Namen &#8222;Taskforce 373&#8220; eine US-Kommandoeinheit jenseits der Genfer                 Konvention Mordanschl\u00e4ge auf als Taliban verd\u00e4chtigte Menschen                 und ihre Familien durchf\u00fchrte. <\/p>\n<p>Wohl aber der &#8222;Geheimnisverrat&#8220; durch WikiLeaks, der die Informanten                 von &#8222;Taskforce 373&#8220; gef\u00e4hrdet haben k\u00f6nnte (was bis heute nicht                 bewiesen ist). Folgerichtig kommt dazu kein Menschenrechts-Experte                 zu Wort, sondern der US-Navy-Seal-Elitesoldat Christopher Heben:<\/p>\n<p>&#8222;Julian Assange und sein Haufen aufm\u00fcpfiger Dummk\u00f6pfe denken,                 sie verschie\u00dfen mal eben diese ganzen Informationen \u00fcber den Globus                 und tragen damit zum Weltfrieden bei. Weiter entfernt von der                 Wahrheit k\u00f6nnte das gar nicht sein. Sie untergraben damit die                 F\u00e4higkeit der NATO, f\u00fcr Stabilit\u00e4t in fast jeder Unruhe-Region                 der Welt zu sorgen [&#8230;]. Es gibt Drecksarbeit da drau\u00dfen und                 die muss getan werden.&#8220;<\/p>\n<p>Sogar die Verhaftung und Folterung Bradley Mannings wird tendenziell                 Assange angelastet. Dabei \u00fcbernimmt die Doku die Version der US-Regierung                 und stempelt den mutma\u00dflichen Whistleblower bereits jetzt zum                 Schuldigen. Manning stand inzwischen in seiner Vorverhandlung                 vor dem Milit\u00e4rgericht in Fort Meade, Maryland, hat dort aber                 keineswegs gestanden der gesuchte Whistleblower zu sein, geschweige                 denn Assange belastet. <\/p>\n<p>Als &#8222;Beweise&#8220; daf\u00fcr pr\u00e4sentiert die Doku nur die lange bekannten                 Screenshots eines Chats, in dem Manning angeblich zugab, die Geheimdateien                 geleakt zu haben. Der Anwalt von Bradley Manning hat f\u00fcr seinen                 Klienten mildernd geltend gemacht, dass kein einziges der angeblich                 blutigen Opfer des &#8222;Geheimnisverrats&#8220; bislang nachgewiesen wurde.<\/p>\n<h3>Zoten statt Medaillen<\/h3>\n<p>Die zotige Sprache, zu der sich Assange in den vier Stunden Interview                 offenbar einmal hinrei\u00dfen lie\u00df, macht ihn leider angreifbar: ZEIT.de                 zitierte sein Schimpfen auf die Medien als &#8222;nuttigste und hinterh\u00e4ltigste                 Industrie&#8220; in ihrer W\u00fcrdigung der Doku so, dass Assange sehr unvorteilhaft                 dastand. Die Doku vermeidet viele Themen, die f\u00fcr WikiLeaks und                 Assange sprechen k\u00f6nnten: Von der Abschreckung f\u00fcr Kriegsverbrecher                 bis zur Aufdeckung von Korruption, z.B. bei der deutschen Toll                 Collect-Aff\u00e4re. Kein Wort verliert sie \u00fcber die zahlreichen Auszeichnungen,                 von der Medaille der &#8222;Sidney Peace Foundation&#8220; f\u00fcr Assange oder                 vom deutschen &#8222;Whistleblower-Award&#8220; f\u00fcr &#8222;Anonymous&#8220; von WikiLeaks.<\/p>\n<p>Die Hauptkontroverse von WikiLeaks mit dem Guardian kreiste 2011                 um das in einem Guardian-Buch publizierte Passwort f\u00fcr die verschl\u00fcsselten                 US-Depeschen. Die vertraulichen Depeschen wurden damit auf einen                 Schlag f\u00fcr alle Welt lesbar, was etliche Skandale entfachte und                 generelle Zweifel am Konzept der Whistleblower-Plattform aufkommen                 lie\u00df. <\/p>\n<p>Die Kontroverse wird in der Doku nur andeutungsweise und zu Lasten                 von Assange angerissen, zu Wort kommt dazu allein der Buchautor                 David Leigh. Er wedelt mit einem St\u00fcck Papier vor der Kamera herum                 und behauptet: <\/p>\n<p>&#8222;&#8230;dieses St\u00fcck Papier hat Assange beschrieben&#8230; Er sagte mir,                 dass dieser Ordner dann ablaufen w\u00fcrde, innerhalb von ein paar                 Stunden gel\u00f6scht w\u00fcrde&#8230; das hatte viel von James Bond.&#8220;<\/p>\n<p>Nur wer die ganze Geschichte kennt, kann hier ahnen, dass es                 sich wohl um das besagte Passwort handeln sollte. Mit dem Depeschen-Streit                 zwischen Assange und Guardian wird kein direkter Zusammenhang                 hergestellt, aber Assange wird implizit die Alleinschuld zugeschoben.                 Die Frage nach eigener Sorgfaltspflicht stellen sich die Top-Journalisten                 des Guardian nicht, obwohl sie durchaus damit h\u00e4tten rechnen k\u00f6nnen,                 dass auch der um den Globus gehetzten Hackergruppe Fehler unterlaufen                 w\u00fcrden. Fazit: Wer ausschlie\u00dflich diese Dokumentation kennt, der                 kann am Ende wohl nur gegen Julian Assange sein. <\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise gibt es andere, weniger einseitige Dokumentationen                 \u00fcber WikiLeaks. ((1)) <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer die gro\u00dfen Verbrechen von Siegern ans Licht bringen will, hat es immer schwer gehabt &#8211; so auch Julian Assange mit seiner Whistleblower-Plattform WikiLeaks. Am 11.9.2012 sendete 3sat eine Dokumentation \u00fcber WikiLeaks, in deren Zentrum Julian Assange stand. 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