{"id":11621,"date":"2012-11-01T00:00:25","date_gmt":"2012-10-31T22:00:25","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11621"},"modified":"2022-07-26T14:12:17","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:17","slug":"ein-groser-menschenfreund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/11\/ein-groser-menschenfreund\/","title":{"rendered":"Ein gro\u00dfer Menschenfreund"},"content":{"rendered":"<p>Peter Lilienthal wurde am 27.11.1929 in Berlin als Sohn j\u00fcdischer                 Eltern geboren. 1939 floh er mit seiner Mutter und Gro\u00dfmutter                 vor den Faschisten nach Uruguay. Er wuchs vaterlos in dem Hotel                 auf, das seine Mutter in Montevideo betrieb. \u00dcber die dort gestrandeten                 Exilanten kam er in Ber\u00fchrung mit den Geschehnissen in der Welt.                 Bereits in seinen Jugendjahren kam er \u00fcber seinen Lehrer in Kontakt                 mit anarchistischen Theorien und entwickelte aus den h\u00e4ufigen                 Kinobesuchen seine Liebe zum Film. Er gr\u00fcndete einen Schmalfilmclub                 und unternahm erste Filmversuche. Nach einer Banklehre studierte                 er in Berlin im Nachkriegsdeutschland Film.<\/p>\n<p>Beim SWF bekam er danach eine Anstellung und nutzte die damals                 noch vorhandenen Sendepl\u00e4tze mit seinem Kollegen Michael Ballhaus,                 um mit experimentellen Versuchen die M\u00f6glichkeiten des Fernsehens                 intellektuell auszuloten. <\/p>\n<p>Sein erster Kinofilm &#8218;Malatesta&#8216; skizzierte 1970 das Leben des                 ber\u00fchmten italienischen Anarchisten im Londoner Exil und sorgte                 beim Sender SFB f\u00fcr einen Skandal &#8211; es war die Zeit der sogenannten                 &#8218;Studentenunruhen&#8216;. <\/p>\n<p>Auch seine n\u00e4chsten Kinofilme hatten politische Inhalte. Sie                 spielten in Lateinamerika: \u00fcber die Emanzipation einer jungen                 Chilenin in der Allende-Zeit (LA VICTORIA), \u00fcber die Folgen des                 Milit\u00e4rputsches in Chile (ES HERRSCHT RUHE IM LAND) und \u00fcber das                 Engagement eines Nationalgardisten f\u00fcr die sandinistische Revolution                 in Nicaragua (DER AUFSTAND). <\/p>\n<p>Aus der Perspektive der Unterdr\u00fcckten und hier meistens an den                 gebrochenen Biografien von Einzelschicksalen klagt er die Unterdr\u00fcckung                 an, zeigt aber auch Handlungspotentiale auf. Seine Utopie: ein                 Leben ohne Herrschaft und Gewalt.<\/p>\n<\/p>\n<h3>&#8222;Ich zeige die Geschichte von Menschen, die keine Heldenaureole                 um sich haben, die sich nicht \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen, die stumm vor dem                 schrecklichen Geschehen stehen und eigentlich nichts zu sagen                 haben.&#8220; (Peter Lilienthal, 1963)<\/h3>\n<p>In seinem 1979 mit dem Goldenen B\u00e4ren ausgezeichneten Film &#8218;DAVID&#8216;                 arbeitet er die Vernichtung der Juden im Nazideutschland auf und                 fragt nach den Urspr\u00fcngen von Rassismus und Hass. David ist 18                 Jahre alt und Jude. Er lebt mit seiner Familie in Berlin. Am Tag                 nach der Reichspogromnacht wird sein Vater verhaftet, misshandelt                 und eingesperrt. Noch glaubt die Familie glimpflich davon zu kommen,                 doch dann werden Davids Eltern deportiert. David taucht unter,                 versteckt sich vor den Nazis und sucht verzweifelt einen Weg,                 um aus Deutschland zu fliehen. Lilienthals Film basiert auf Joel                 K\u00f6nigs autobiografischen Aufzeichnungen &#8222;Den Netzen entkommen&#8220;.               <\/p>\n<p>Auch in vielen Dokumentarfilmen wandte er sich den Unterdr\u00fcckten,                 aber auch starken Charakteren zu, die ihr Leben selbst unter widrigsten                 Umst\u00e4nden zu meistern versuchen. In seinem letzten Film CAMILO                 wurde die Intention und das stetige Engagement dieses &#8218;rastlosen                 Nomaden&#8216; deutlich. Die urspr\u00fcngliche Fragestellung von Lilienthal                 in diesem Dokumentarfilm \u00fcber zwei Soldaten aus dem Irakkrieg                 war: Warum schicken V\u00e4ter ihre S\u00f6hne in den Krieg?<\/p>\n<p>Anhand zweier Einzelschicksale wird die M\u00f6glichkeit aufgezeigt,                 sich staatlicher Herrschaft zu widersetzen. Gleichzeitig wird                 &#8211; im Subtext &#8211; die doppelte Ausbeutung lateinamerikanischer Staaten                 durch die USA aufgezeigt, die die mittellosen S\u00f6hne aus diesen                 L\u00e4ndern mit Zukunftsversprechungen als Soldaten f\u00fcr ihre Kriege                 anwerben. CAMILO ist auch ein Blick auf das heutige Nicaragua,                 so weit weg von den sandinistischen Tr\u00e4umen aus DER AUFSTAND.<\/p>\n<p>Zeit seines Lebens hat sich Lilienthal f\u00fcr eine gewaltfreie,                 herrschaftslose Gesellschaft eingesetzt. Mit seinen k\u00fcnstlerischen                 Mitteln versucht er aus der Perspektive der Unterdr\u00fcckten Gewaltmechanismen                 aufzuzeigen und Menschen zu ermutigen, sich f\u00fcr eine bessere Gesellschaft                 zu engagieren. Jenseits von nationalstaatlichem Denken steht das                 Schicksal der Menschen in seinem Schaffen im Mittelpunkt der Reflexion.<\/p>\n<p>Diese Haltung besticht auch in seiner p\u00e4dagogischen Arbeit &#8211;                 erst in der DFFB und sp\u00e4ter als Gr\u00fcndungsdirektor der Abteilung                 Film in der Akademie der K\u00fcnste, der er mit seinen internationalen                 Sommerakademien einen Stempel aufdr\u00fcckte. Ebenso in den Seminaren,                 die er heute noch abh\u00e4lt. Er versucht seine KollegInnen zu organisieren                 (Filmverlag der Autoren) und in Netzwerken (Europ\u00e4ische Filmakademie)                 deren Interessen zu st\u00e4rken. In anderen Netzwerken (Connection                 e.V., Graswurzelrevolution, DFG-VK u.a.) engagiert er sich &#8211; in                 der Tradition von Carl von Ossietzky &#8211; als konsequenter Pazifist                 gegen Militarismus und jegliche Form von Militarisierung. <\/p>\n<p>Peter Lilienthal ist ein gro\u00dfer Menschenfreund. Es ist sch\u00f6n,                 dass ihm nun f\u00fcr sein Lebenswerk und sein konsequentes Handeln                 f\u00fcr die Menschenrechte die Ossietzky-Medaille verliehen wird.               <\/p>\n<p>Peter, wir gratulieren Dir ganz herzlich!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Lilienthal wurde am 27.11.1929 in Berlin als Sohn j\u00fcdischer Eltern geboren. 1939 floh er mit seiner Mutter und Gro\u00dfmutter vor den Faschisten nach Uruguay. Er wuchs vaterlos in dem Hotel auf, das seine Mutter in Montevideo betrieb. \u00dcber die dort gestrandeten Exilanten kam er in Ber\u00fchrung mit den Geschehnissen in der Welt. Bereits in &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/11\/ein-groser-menschenfreund\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Ein gro\u00dfer Menschenfreund - graswurzelrevolution","description":"Peter Lilienthal wurde am 27.11.1929 in Berlin als Sohn j\u00fcdischer Eltern geboren. 1939 floh er mit seiner Mutter und Gro\u00dfmutter vor den Faschisten nach Uruguay."},"footnotes":""},"categories":[642,1049,1042],"tags":[],"class_list":["post-11621","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-373-november-2012","category-kurbelkiste","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11621","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11621"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11621\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11621"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11621"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11621"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}