{"id":11625,"date":"2012-11-01T00:00:59","date_gmt":"2012-10-31T22:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11625"},"modified":"2022-07-26T14:12:17","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:17","slug":"wir-bekampfen-das-system-in-der-art-wie-wir-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/11\/wir-bekampfen-das-system-in-der-art-wie-wir-sind\/","title":{"rendered":"&#8222;Wir bek\u00e4mpfen das System in der Art, wie wir sind&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution (GWR): Welche Perspektiven der Sozialen                 Bewegungen siehst Du heute? Was sagst Du dazu, dass David Graeber,                 ein Anarchist und Protagonist der Occupy-Bewegung in den USA,                 heute durch jede Talkshow tingelt und in jeder gr\u00f6\u00dferen Zeitung                 seine B\u00fccher besprochen werden?<\/b><\/p>\n<p><b><i>Wolf-Dieter Narr (WDN): <\/i><\/b>Man kann die Entwicklung                 Sozialer Bewegungen nicht voraussehen. Keiner von uns hat Ende                 der 60er Jahre angenommen, dass eine Anti-AKW-Bewegung entstehen                 w\u00fcrde, die nicht nur die Atomkraftwerke, die Umwelt und vieles                 mehr zum Thema machte. Mit dem Protest der Bauern in Wyhl fing                 diese Massenbewegung Anfang der 70er Jahre an. <\/p>\n<p>In den 50er Jahren haben sogar die Forscher, die gegen die Atombewaffnung                 der Bundeswehr waren, die &#8222;friedliche Nutzung der Atomenergie&#8220;                 f\u00fcr n\u00f6tig gehalten. <\/p>\n<p>Es wurden \u00fcber 100 Atomkraftwerke geplant. Pl\u00f6tzlich kommen einige                 B\u00e4uerlein und andere, und finden das nicht gut, und setzen eine                 Bewegung in Gang, die kein Mensch erwartet hat. Eine Soziale Bewegung,                 die die Bundesrepublik ver\u00e4ndert hat, bis hin zur Kehrtwende der                 CDU\/CSU\/FDP-Regierung in dieser Legislaturperiode. Wie auch immer                 man diese &#8222;Kehrtwende&#8220; beurteile. <\/p>\n<p>Man kann wenig untergr\u00fcndiges voraussehen, es kann immer etwas                 passieren, auch im guten Sinne. Und das ist auch die Angst, die                 die Kapitalisten in Gang h\u00e4lt. Deshalb versuchen sie schon kleine                 Demonstrationen zu verhindern. Sie haben alle Angst, da k\u00f6nnte                 pl\u00f6tzlich von unten ein Untier aufstehen, seit alters Masse genannt,                 die Anarchie k\u00f6nnte sich ereignen und gar Gleichheit in Gang setzen.                 Dann w\u00e4re es mit dem Mehrwert zu Ende, die Profitrate s\u00e4nke auf                 Null und &#8222;das Kapital&#8220; raste abw\u00e4rts. <\/p>\n<p>Insofern sollte man diese Angst nicht untersch\u00e4tzen. Sie h\u00e4lt                 den Sicherheitsapparat am Laufen. Aber nicht nur die. Sie h\u00e4lt                 das ganze Kapital am Laufen.<\/p>\n<p>Man muss ja nur mal gucken, was sie machen, wenn eine Krise kommt.                 Null. Das ist katastrophal. Was beispielsweise die Wallstreet-Enthusiasten                 zur Krise 2008 zu sagen hatten.<\/p>\n<p>Nichts, sie k\u00f6nnen nur Milliarden scheffeln, damit die Regierung                 sie wieder funktionsf\u00e4hig mache. Das w\u00e4re eine Krisenanalyse wert,                 was man daraus lernen kann. <\/p>\n<p>Man kann Soziale Bewegungen nicht voraussagen, man kann auch                 ihr Ende nicht verk\u00fcnden. Abgesehen davon, dass es immer beunruhigend                 Unberechenbares gibt. Nicht erst seit den Bauernkriegen im Mittelalter                 gab es immer soziale Unruhe, K\u00e4mpfe um Allmende, Steuerverweigerungen,                 und, und, und\u2026 <\/p>\n<p>Solche Traditionen im Untergrund gilt es f\u00fcr uns wahrzunehmen                 und \u00f6ffentlich wirksam zu machen. Ein Pilzgeflecht w\u00e4chst. Und                 irgendwann schie\u00dfen \u00fcber Nacht Pilze hoch.<\/p>\n<p>Das Problem ist die kapitalistische Herrschaft und die Verinnerlichung                 dieser Herrschaft. Der moderne Kapitalismus ist so feinziselig                 geworden, dass seine Wucherungen \u00fcberall hineinreichen. Bis ins                 letzte Detail, in den Sport, in Religion, in Bildung. \u00dcberall                 gilt seine Logik: &#8222;Time is money&#8220;. Diese Internalisierung ist                 vielleicht die wirksamste Erscheinung, die in der Tat von der                 ver\u00e4nderten Wiege bis zur umgebauten Bahre so sichten ist.<\/p>\n<p>Aber gleichzeitig gilt auch: Noch so penetrante Herrschaft ist                 nie perfekt. Es bleiben immer St\u00f6rfaktoren, &#8222;normale Katastrophen&#8220;,                 wie sie Charles Perrow, ein trefflicher B\u00fcrokratie- und Technologiesoziologe,                 genannt hat, also Randph\u00e4nomene und Unvorhersehbarkeiten. Individuell                 wie kollektiv. <\/p>\n<p>Auch die besten Kapitalisten, Herr Ackermann, dieser Widerling,                 wenn ich das mal so sagen darf, dieser nicht nur geistlich arme                 Kerl, hat Elemente in seiner Seele und in seinem K\u00f6rper, wo er                 nicht ruhig ist, wo es ihn zwickt, wo er merkt, dass er die frische                 Fr\u00f6hlichkeit der Freiheit nicht atmen und humorvoll singen kann.               <\/p>\n<p>Das gilt sowohl f\u00fcr einzelne Personen, das gilt auch f\u00fcr die                 &#8222;Multitude&#8220; Kapital insgesamt. <\/p>\n<p>Darin stecken auch riesige Gefahren. Man stelle sich beispielsweise                 vor, die gr\u00f6\u00dfte Milit\u00e4r- und immer noch Wirtschaftsmacht der Welt,                 die USA, drohten von der Number One zur Number Two zu werden.                 Viele Amerikaner glauben , Gott habe sie, also die USA zur ewigen                 Number One erkoren. Die Gefahr j\u00e4ht nah, dass sie, wenn die Number                 One kippt, atomar zuschlagen. Gefahren, Unsicherheiten, Unberechenbarkeiten,                 wo man hinschaut.<\/p>\n<p>Zwischen den USA und China gibt es abgr\u00fcndige Konflikte, auch                 wenn die beiden Giganten dem Scheine nach wunderbar korrespondieren:,                 der eine als Geldgeber, der andere als Geldnehmer. <\/p>\n<p>Der asiatische Kapitalismus funktioniert bei weitem mehr von                 Abgr\u00fcnden umstellt, als man &#8222;westlich&#8220; wachstumsnaiv, auf Anlage                 und Absatzr\u00e4ume angewiesen, annimmt. Konflikte, sog. ethnische                 wie meist sich \u00fcberlappend soziale, rumoren \u00fcberall. <\/p>\n<p>In China sind einzelne Dissidenten wie Ai Weiwei nur Symptome                 &#8211; so widerlich und menschenfeindlich es ist, als Symptom unterdr\u00fcckt                 zu werden -, die strukturelle Konflikte im \u00f6konomisch gegr\u00fcndeten                 Herrschafts- und Angst-Wachstum enth\u00fcllen. <\/p>\n<p>Und deswegen ist es f\u00fcr fundamental herrschaftskritische Typen                 wie mich auch wichtig, nicht nur prim\u00e4r jammervoll zu rennen.                 Zu \u00fcberlegen ist aufgehalten unaufhaltsam, wie man heutige Gesellschaften                 global lokal gestalten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Nicht nur im Sinne einer Vorratshaltung von Alternativen, wohl                 aber im Sinne des immer erneuten Versuchs kleine andersartige,                 nicht herrschaftsfaul muffelnde Blumen zu z\u00fcchten. Sie m\u00f6chten                 vielleicht einmal gro\u00df werden. Und zwar so gro\u00df, dass sie nicht                 wieder b\u00fcrokratisch und gewaltsam missraten.<\/p>\n<p><b>GWR: Was sagst Du zur Entwicklung der Occupy-Bewegung?<\/b><\/p>\n<p><b><i>WDN: <\/i><\/b>Was die Sozialen Bewegungen heute angeht,                 auch jetzt die j\u00fcngste aus den USA zeigt, dass die Globalisierung                 Sozialer Bewegungen stattfindet. Auch mit dem Hilfsmittel Internet.                 Man darf dasselbe nicht \u00fcbersch\u00e4tzen, vor allem die einzelnen                 Informationen nicht. <\/p>\n<p>Das gilt auch gerade in Bezug auf den &#8222;Arabischen Fr\u00fchling&#8220;,                 der mit Fr\u00fchling nichts zu tun hat. Wenn man sich das genauer                 angucken w\u00fcrde, n\u00e4hme man ein solch fahrl\u00e4ssiges Wort, das nur                 durch seinen Duft bet\u00f6ren und blind machen soll, nicht in den                 Mund. <\/p>\n<p>Viele Leute wollen nur hoffen. Das sollen sie. Aber sie sollen                 es mit offenen Augen tut. Und sie sollen dann selbst in ihrem                 Umkreis das n\u00f6tig M\u00f6gliche tun. <\/p>\n<p>Ob sich die Occupy-Gruppen, die ja auch von den Entwicklungen                 in Tunesien und \u00c4gypten mit inspiriert wurden, auf Dauer entwickeln                 k\u00f6nnen, ist nicht klar. &#8222;Auf Dauer&#8220;, das hei\u00dft bei Studentinnen                 und Studenten meist nur zwei, drei Jahre. Ob sie ein paar Jahre                 Unruhe schaffen k\u00f6nnen, die auch neue M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnete,                 etwa an den Unis \u00c4nderungen in Lehre, Lernen und Forschung bewirken                 k\u00f6nnte, ist fraglich. <\/p>\n<p>Das sogenannte Exzellenzprojekt ist fast reine, nur der Verwertungslogik                 folgende Torheit.<\/p>\n<p>Mit allen gegebenen intellektuellen Mitteln und M\u00f6glichkeiten                 wird nicht bedacht, wie etwa heutige Riesengesellschaften human,                 sozial gleich und demokratisch organisiert werden k\u00f6nnen. Und                 das nicht durch a &#8211; soziale Expansionen im Techfix. <\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte auch nur die Bundesrepublik einigerma\u00dfen demokratisch                 gestaltet werden \u00fcber ihr Als Ob als &#8222;repr\u00e4sentative Demokratie&#8220;                 hinaus? <\/p>\n<p>Es bedarf schon eines steril verinnerlichten und\/oder administrativ                 ver\u00e4u\u00dferlichten, allerdings geheimdienstlich wirkenden Verfassungsschutzes,                 damit der repressive Glaube bleibe: wir lebten, &#8222;freiheitlich                 demokratisch grundgeordnet&#8220; . \u2026<\/p>\n<p>Ob es den Gruppen, die bei Occupy aktiv sind, gelingt, ein bisschen                 Kontinuit\u00e4t zu schaffen, damit nicht jedes Semester ein erneuter                 Anfang verzaubere, l\u00e4sst sich schwer sagen. Gut war wenigstens                 und wenn auch nur einen Lidschlag lang, die neue kleine, vielleicht                 gr\u00f6\u00dfer werdende Verweigerung, mitzumachen. J. Ruben, einer der                 Studentenf\u00fchrer in Berkeley, hat 1968 in etwa gesagt: &#8222;Wir bek\u00e4mpfen                 das System nicht dadurch, was wir &#8211; programmatisch &#8211; wollen, sondern                 in der Art, wie wir sind.&#8220; <\/p>\n<p>Also, zuerst ist das andere, das nicht mitmachende Verhalten                 wichtig. Mit seinen Einsprengseln gegenseitiger Hilfe, Entscheidungen                 im Konsens zu bilden (oder nicht zu entscheiden). Mit seinen humorigen                 \u00c4u\u00dferungen und Auftritten.<\/p>\n<p>Das scheint mir, der ich nicht mehr mitmachen kann, attraktiv.<\/p>\n<p>Die Frage dr\u00e4ngt und bleibt aber, ob das \u00fcber einen sch\u00f6nen Augenblick                 hinausgeht.<\/p>\n<p>Die Pariser Commune, in welcher Spektralfarbe immer, ist nicht                 zu institutionalisieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Welche Perspektiven der Sozialen Bewegungen siehst Du heute? Was sagst Du dazu, dass David Graeber, ein Anarchist und Protagonist der Occupy-Bewegung in den USA, heute durch jede Talkshow tingelt und in jeder gr\u00f6\u00dferen Zeitung seine B\u00fccher besprochen werden? Wolf-Dieter Narr (WDN): Man kann die Entwicklung Sozialer Bewegungen nicht voraussehen. 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