{"id":11645,"date":"2012-11-01T00:00:25","date_gmt":"2012-10-31T22:00:25","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11645"},"modified":"2022-07-26T14:22:27","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:27","slug":"gewaltfrei-gegen-atomkraftwerke-in-indien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/11\/gewaltfrei-gegen-atomkraftwerke-in-indien\/","title":{"rendered":"Gewaltfrei gegen Atomkraftwerke in Indien"},"content":{"rendered":"<p>Bereits 2004 hatten viele hundert Familien in 58 Kolpingd\u00f6rfern                 in der Umgebung von dem umstrittenen AKW-Standort Kudankulam unter                 den furchtbaren Folgen des Tsunamis zu leiden und erhielten in                 den folgenden Jahren Hilfe von den befreundeten Partnerorganisationen                 in Deutschland. <\/p>\n<h3>Regierung plant acht neue AKWs<\/h3>\n<p>Ausgerechnet hier in S\u00fcdindien, direkt am Meer, sind inzwischen                 acht Atomkraftwerke geplant; zwei sind sogar schon fast betriebsbereit.               <\/p>\n<p>Keine Frage, dass die Bev\u00f6lkerung, allen voran die FischerInnen,                 sich gro\u00dfe Sorgen machen. Sie haben ja gesehen, was in Fukushima                 mit einem AKW nah am Meer passieren kann. <\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie in Wyhl, wo auch die bef\u00fcrchtete Wolkenentwicklung                 durch K\u00fchlt\u00fcrme die Ernte der WinzerInnen beeintr\u00e4chtigen k\u00f6nnte,                 waren es in S\u00fcdindien teilweise keine speziellen nukleartechnischen                 Bedenken, die den Widerstand befl\u00fcgelten. Das aus den AKWs abgelassene                 Wasser wird zur Erh\u00f6hung der Meerestemperatur f\u00fchren und die Fanggr\u00fcnde                 der Fischer gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Wenn mittlerweile Zehntausende Widerstand leisten wie in Kudankulam,                 dann ruft dies unweigerlich auch die &#8222;Freunde der Massen&#8220; auf                 den Plan, die in Hamburg im November eine &#8222;Internationale Konferenz                 zur Unterst\u00fctzung des Volkskrieges in Indien&#8220; durchf\u00fchren und                 den seit Jahrzehnten aktiven &#8222;Ahnungslosen&#8220; Belehrungen zukommen                 lassen: &#8222;Es geht aber nicht vorrangig um einen abstrakten \u201aUmweltschutz&#8216;                 wie von b\u00fcrgerlichen Bewegungen eingefordert, sondern in erster                 Linie um den Schutz der werkt\u00e4tigen Massen, des Volkes&#8220; ((2)).<\/p>\n<h3>Die Vorgeschichte<\/h3>\n<p>Um den kapitalistisch-industrialistischen Weg &#8222;erfolgreich&#8220; gehen                 zu k\u00f6nnen, ben\u00f6tigt Indien viel Energie. Deswegen wurde der Ausbau                 der Atomenergie vorangetrieben und seit 1988 eine enge Zusammenarbeit                 mit der damaligen Sowjetunion vereinbart. <\/p>\n<p>Es folgte 1998 ein Zusatzabkommen, das den Bau von zwei russischen                 WWER Druckwasser-Reaktoren mit jeweils 1.000 MW Leistung in Kudankulam                 in Tamil Nadu vorsah ((3)).<\/p>\n<p>Im Jahr 2000 wurde die andauernde strategische Partnerschaft                 von den Regierungschefs besiegelt und die Absicht bekundet, Russland                 insgesamt 18 Atomkrafwerke in Indien bauen zu lassen ((4)).               <\/p>\n<p>Im Jahr 2002 erfolgte der Baubeginn f\u00fcr die beiden ersten Atomkraftwerke                 in Kudankulam. In St. Petersburg wurden die Reaktoren konstruiert                 und auf dem Seeweg nach S\u00fcdindien gebracht. <\/p>\n<p>&#8222;Die Betreiberorganisation Nuclear Power Corporation Ltd. (NPCIL)                 ist ein \u00f6ffentliches Unternehmen, das der Kontrolle durch das                 DAE (Department of Atomic Energy) unterliegt. Sie wurde 1987 gegr\u00fcndet,                 Sitz ist Mumbai.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Auffallend ist, dass die Atomwirtschaft fr\u00fchzeitig betonte, in                 den umliegenden Gemeinden soziale Aktivit\u00e4ten, Infrastruktur und                 sogar Windkraftanlagen zu f\u00f6rdern. Einer der gr\u00f6\u00dften Windparks                 Indiens mit 2.000 MW Leistung ist inzwischen in Kudankulam direkt                 neben und auf dem AKW-Gel\u00e4nde in Betrieb. <\/p>\n<p>F\u00fcr die Kraftwerksbl\u00f6cke Kudankulan 3 und 4 legten Russland und                 Indien eine Road Map zur weiteren Zusammenarbeit fest ((6)).                 Im Juli 2012 wurde von Russland ein Exportkredit von 3,4 Milliarden                 Dollar mit einer Laufzeit von 14 Jahren f\u00fcr diese Folgeprojekte                 vereinbart ((7)). <\/p>\n<p>Es wird f\u00fcr die gewaltfreie Widerstandsbewegung gegen diese Atomkraftwerke                 sehr schwer werden, sich gegen ratifizierte Vertr\u00e4ge gewichtiger                 internationaler Partner, strategische nationale Eigeninteressen                 und industriellem Wachstumswahn durchzusetzen.<\/p>\n<h3>Wasser f\u00fcr Menschen oder Atomkraft?<\/h3>\n<p>Ab dem Jahre 2006 fanden in Tamil Nadu heftige Auseinandersetzungen                 \u00fcber die Wassernutzung des \u00fcber einhundert Jahre alten Stausees                 Pechiparai Dam statt. Der von Kudamkulam ca. 60 Kilometer entfernte                 See diente als Trinkwasserreservoir und bew\u00e4sserte die Felder                 der Bauern. Diese Wasserquelle sollte nach dem Willen der Regierung                 in Zukunft haupts\u00e4chlich der K\u00fchlung der neuen Atomkraftwerke                 dienen und nicht mehr den Bed\u00fcrfnissen der \u00f6rtlichen Bev\u00f6lkerung                  ((8)). <\/p>\n<p>Der Er\u00f6rterungstermin fand am Schlusspunkt einer langen Auseinandersetzung                 gleich auf dem Atomkraftwerksgel\u00e4nde statt. Doch noch vor diesem                 Termin unterzeichnete der indische Ministerpr\u00e4sident die Vertr\u00e4ge                 f\u00fcr den Bau von vier AKWs in Kudankulam. <\/p>\n<p>Die ganze Veranstaltung war eine Farce. Die Bewegung hatte also                 schon sehr fr\u00fchzeitig ihre Erfahrungen mit der Politik gemacht,                 was ihrem klarsichtigen Handeln in der Folgezeit nur f\u00f6rderlich                 war. <\/p>\n<h3>Polizei terrorisiert Fischerd\u00f6rfer<\/h3>\n<p>Nachdem die AKW-GegnerInnen jahrelang von den Medien kaum beachtet                 worden sind, hat sich dies nach der Katastrophe in Fukushima deutlich                 ge\u00e4ndert. Als erster H\u00f6hepunkt blockierten Tausende AnwohnerInnen                 und betroffene FischerInnen im Herbst 2011 die Zufahrtsstra\u00dfen                 zur AKW-Baustelle. Ein befristeter Hungerstreik von 10.000 Menschen                 und ein unbefristeter von 127 Menschen kam hinzu und erh\u00f6hte den                 Druck dramatisch. Die Betreiber mussten f\u00fcr 6 Monate die Inbetriebnahmevorbereitungen                 f\u00fcr den ersten Reaktorblock unterbrechen. <\/p>\n<p>Die seit Jahren verz\u00f6gerte Inbetriebnahme zog sich ein weiteres                 mal hin.<\/p>\n<p>Als im M\u00e4rz 2012 die Arbeiten wieder aufgenommen wurden, demonstrierten                 20.000 Menschen vor dem Reaktorgel\u00e4nde; ein weiterer Hungerstreik                 folgte. Die Regierung verh\u00e4ngte eine Ausgangssperre und schickte                 6.000 Polizisten der Spezialeinheit &#8222;Rapid Action Force&#8220; nach                 Kudankulam und terrorisierte die einheimische Bev\u00f6lkerung. Da                 an dem Widerstand und in der Organisation &#8222;People&#8217;s Movement Against                 Nuclear Energy&#8220; (PMANE) auch ChristInnen beteiligt sind und eine                 christliche Kirche als Treffpunkt dient, werden von Hindunationalisten                 gezielt Vorurteile gesch\u00fcrt, indem ihnen &#8222;Verrat&#8220; an der nationalen                 Sache vorgeworfen wird. <\/p>\n<p>Damit sollen religi\u00f6se Ausschreitungen gegen die christliche                 Minderheit provoziert und PMANE ins Abseits gestellt werden. Allerdings                 \u00e4hnelt die Bev\u00f6lkerungsstruktur in diesem Landstrich eher dem                 benachbarten Bundesstaat Kerala, wo seit Jahrhunderten Hindus,                 Christen und Moslems in etwa gleich stark vertreten sind und friedlich                 und tolerant zusammenleben.<\/p>\n<p>Die Regierung wirft dar\u00fcber hinaus ausl\u00e4ndischen Umweltsch\u00fctzerInnen                 und Nichtregierungsorganisationen vor, die AKW-GegnerInnen personell                 und finanziell zu unterst\u00fctzten und leitete Strafma\u00dfnahmen ein.                 Wie wenig die indische Regierung tats\u00e4chlich in der Hand hat,                 zeigte sich darin, dass nur ein v\u00f6llig unbeteiligter deutscher                 Langzeiturlauber abgeschoben wurde. Die einzigen \u00c4usl\u00e4nder, die                 in diesem Konflikt involviert sind, sind russische Ingenieure                 auf der Betreiberseite.<\/p>\n<\/p>\n<h3>Nur 7 Euro Bu\u00dfgeld f\u00fcr Vergehen der AKW-Betreiber<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend die indische Regierung und die AKW-Betreiber versuchen,                 durch die Militarisierung einer ganzen Region ihre Interessen                 durchzusetzen, ist die staatliche Atomaufsicht v\u00f6llig \u00fcberfordert                 und machtlos, sicherheitstechnische Mindeststandards durchzusetzen.<\/p>\n<p>Wie &#8222;Der Spiegel&#8220; ((9)) berichtete,                 kann die indische Atomaufsichtsbeh\u00f6rde AERB selbst bei schweren                 Verst\u00f6\u00dfen gegen Sicherheitsbestimmungen in Atomkraftwerken nur                 ein Bu\u00dfgeld von 7,46 Euro verlangen! &#8211; Nein, hier fehlen keine                 Nullen; die sitzen in der indischen Regierung.<\/p>\n<p>Nach weiteren Hungerstreiks und Gro\u00dfdemonstrationen im Mai 2012                 eskalierte die Situation vor Ort ein weiteres mal, als im August                 die Genehmigung zum Anfahren des ersten Reaktors erteilt wurde.                 Bei einer Demonstration wurde am 9. September ein Fischer von                 der Polizei erschossen. <\/p>\n<p>Kurz darauf belagerten 20.000 Menschen die Zufahrten zu den AKW-Baustellen.                 Die Polizei griff die gewaltfreien DemonstrantInnen brutal mit                 Schlagst\u00f6cken und Tr\u00e4nengasgranaten an. <\/p>\n<p>Seitdem wird dieser Polizeieinsatz indienweit heftig diskutiert.                 Der ehemalige Marinechef Admiral L. Ramdas forderte ein Moratorium.                 Die Schriftstellerin Arundhati Roy kritisierte \u00f6ffentlich den                 quasi-milit\u00e4rischen Ausnahmezustand in der Region und den Vandalismus                 der Polizei, der sogar in den H\u00e4usern der Fischer stattfand ((10)).<\/p>\n<h3>Spektakul\u00e4re Seeblockaden<\/h3>\n<p>Am 21. September begann die &#8222;Seeblockade&#8220; der Atomkraftwerke                 durch 500 Fischerboote, selbstgebastelte Holzbojen und durch Menschenketten                 im Wasser. Auf dem Lande durch brutales Polizeiaufgebot bedr\u00e4ngt,                 praktizierten die FischerInnen diesmal auf ihrem ureigenen &#8222;Terrain&#8220;                 ihren kreativen Widerstand. <\/p>\n<p>Die beeindruckenden Bilder gingen in Indien \u00fcber viele Fernsehkan\u00e4le                 und sind \u00fcber YouTube auch in der BRD einzusehen. Es war ein geschickter                 Schachzug der gewaltfreien Widerstandsbewegung, der milit\u00e4rischen                 Gewalt auf dem Land zumindest teilweise auszuweichen und jetzt                 Zuliefererhafen und AKW vom Meer aus zu blockieren.<\/p>\n<p>Am 8. Oktober 2012 wurde Kudankulam erneut vom Meer aus von 800                 Fischerboten belagert. Sie kamen bis auf 500 Meter an das AKW                 heran. Die K\u00fcstenwache setzte 10 Polizeiboote ein, um die Demonstranten                 in dem flachen Gew\u00e4sser auf Abstand zu halten. Zehn Kilometer                 weiter wurde aus Solidarit\u00e4t in Koothakuzhi ein &#8222;Jal Satyagara&#8220;,                 eine Menschenkette im Wasser, durchgef\u00fchrt ((11)).                 Die gewaltfreien AktivistInnen haben sich in den n\u00e4chsten Wochen                 weitere Aktionen vorgenommen, um den Protest in die Hauptstadt                 von Tamil Nadu, Chennai (fr\u00fcher Madras) zu tragen.<\/p>\n<p>Die couragierten FischerInnen von Kudankulam haben einen \u00fcberm\u00e4chtig                 erscheinenden Gegner. Doch auch das imperiale Gro\u00dfbritannien h\u00e4tte                 Anfang des 19. Jahrhunderts nicht gedacht, dass es das aufm\u00fcpfige                 Indien bald verlassen musste. Warum sollte es den nuklearen Kolonisatoren                 nicht \u00e4hnlich ergehen? <\/p>\n<p>Am 29. September 2012 kam es in Frankfurt zu einer ersten Protestkundgebung                 vor dem Indischen Konsulat. Sicher w\u00e4re es hilfreich, wenn sich                 auch in Europa der Protest vor indischen Einrichtungen oder zum                 Beispiel bei deutsch-indischen Veranstaltungen wie den &#8222;Days of                 India 2012 &#8211; 2013&#8220; erheben w\u00fcrde. Hier ist die internationale                 Solidarit\u00e4t der Anti-Atomkraft-Bewegung gefragt. <\/p>\n<p>Und die vielen Hundert Kolpinggruppen in der BRD sollten ebenfalls                 zeigen, dass sie nicht nur karitative Hilfe f\u00fcr Tsunami-Opfer                 organisieren k\u00f6nnen, sondern ebenfalls einen gut begr\u00fcndeten gewaltfreien                 Protest ihrer Partnerorganisation in Indien politisch und praktisch                 unterst\u00fctzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bereits 2004 hatten viele hundert Familien in 58 Kolpingd\u00f6rfern in der Umgebung von dem umstrittenen AKW-Standort Kudankulam unter den furchtbaren Folgen des Tsunamis zu leiden und erhielten in den folgenden Jahren Hilfe von den befreundeten Partnerorganisationen in Deutschland. Regierung plant acht neue AKWs Ausgerechnet hier in S\u00fcdindien, direkt am Meer, sind inzwischen acht Atomkraftwerke geplant; &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/11\/gewaltfrei-gegen-atomkraftwerke-in-indien\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Gewaltfrei gegen Atomkraftwerke in Indien - graswurzelrevolution","description":"Bereits 2004 hatten viele hundert Familien in 58 Kolpingd\u00f6rfern in der Umgebung von dem umstrittenen AKW-Standort Kudankulam unter den furchtbaren Folgen des Ts"},"footnotes":""},"categories":[642,26,1039,1027],"tags":[],"class_list":["post-11645","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-373-november-2012","category-okologie","category-quergestellt","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11645","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11645"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11645\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11645"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11645"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11645"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}