{"id":11658,"date":"2012-11-01T00:00:02","date_gmt":"2012-10-31T22:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11658"},"modified":"2022-07-26T14:12:17","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:17","slug":"gene-sharp-der-machiavelli-der-gewaltfreiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/11\/gene-sharp-der-machiavelli-der-gewaltfreiheit\/","title":{"rendered":"Gene Sharp: Der &#8222;Machiavelli der Gewaltfreiheit&#8220;?!"},"content":{"rendered":"<p>2012 erhielt ihn der weltweit bekannte Theoretiker der gewaltfreien                 Aktion, Gene Sharp (geb. 1928). <\/p>\n<p>Die Website des Right Livelihood Award feiert Sharp bei der offiziellen                 Begr\u00fcndung f\u00fcr den Preis bereits im zweiten Absatz als &#8222;Machiavelli                 der Gewaltfreiheit&#8220;. Offensichtlich ist das positiv gemeint, doch                 in Wirklichkeit war Niccol\u00f2 Machiavelli (1469-1527) Regierungsberater                 und trat f\u00fcr eine zynische Machtpolitik unter Ausnutzung aller                 Mittel, der guten wie der schlechten, zum Nutzen des &#8222;F\u00fcrsten&#8220;,                 d.h. des Staates ein.<\/p>\n<p>Dass die Preisverleiher selbst diese Bezeichnung f\u00fcr Sharp w\u00e4hlten,                 ohne jedoch anscheinend die damit angedeutete Problematik zu \u00fcberblicken,                 deutet auf die Ambivalenz hin, die hier thematisiert werden soll.<\/p>\n<p>Die offizielle Begr\u00fcndung des Alternativen Nobelpreises wirft                 dann einen langen Blick auf Sharps Lebenslauf. Er verweigerte                 den Kriegsdienst f\u00fcr die USA im Koreakrieg und verbrachte daf\u00fcr                 neun Monate im Gef\u00e4ngnis. Sein erstes Buch \u00fcber Gandhi schrieb                 er mit 25 Jahren. In Norwegen befasste er sich von 1957-60 mit                 dem norwegischen zivilen Widerstand gegen den Nationalsozialismus.                 So weit so gut.<\/p>\n<p>1983 gr\u00fcndete Sharp die Albert Einstein Institution in Boston.                 In der Folgezeit geh\u00f6rte er mehr und mehr zu denjenigen Theoretikern                 der gewaltfreien Aktion wie Jean-Marie Muller in Frankreich oder                 Theodor Ebert in Deutschland, die die gewaltfreie Aktion mit einer                 &#8222;guten&#8220; nationalen Regierung und seinem Milit\u00e4r koppeln wollten,                 ohne diese hochgradig gewaltsamen Institutionen (nach Gandhi die                 gewaltsamsten \u00fcberhaupt) jedoch grunds\u00e4tzlich anzugreifen oder                 abschaffen zu wollen. <\/p>\n<p>Sharp beschritt diesen Weg von allen am konsequentesten: 1990                 beriet er das schwedische Verteidigungsministerium, um eine Komponente                 des zivilen Widerstands in die bestehende Verteidigungspolitik                 Schwedens zu integrieren. 1991 wurde Sharps Buch <i>Civilian-based                 defence<\/i> von der litauischen, lettischen und estnischen Regierung                 im Prozess der Separation von der Sowjetunion gelesen und benutzt.               <\/p>\n<p>Der litauische Verteidigungsminister, so liest man in der Begr\u00fcndung                 des Right Livelihood Award, soll gesagt haben: &#8222;Ich w\u00fcrde lieber                 dieses Buch besitzen als die Atombombe.&#8220;<\/p>\n<p>1992 reiste Sharp illegal durch Burma und f\u00fchrte Workshops in                 gewaltfreier Aktion f\u00fcr StudentInnen, Demokratie-AktivistInnen                 und Ex-Guerillak\u00e4mpfer der Karen durch. Das machte Sharp jedoch                 nicht mehr allein, was die Preislaudatio geflissentlich verschweigt:                 Der an die Albert Einstein Institution abgestellte CIA-Oberst                 Robert Helvey begleitete ihn und \u00f6ffnete ihm die logistischen                 T\u00fcren zur burmesischen Illegalit\u00e4t. ((2))<\/p>\n<p>In Burma wurde Sharp gebeten, eine spezifisch auf die burmesische                 Situation zugeschnittene Analyse f\u00fcr zivilen Widerstand zu schreiben.               <\/p>\n<p>Daraus wurde dann das weltweit erfolgreiche, inzwischen in mehr                 als 34 Sprachen \u00fcbersetzte und tausendfach heruntergeladene Buch                 <i>From Dictatorship to Democracy<\/i>, das 1993 erschien und auch                 in deutscher Sprache erh\u00e4ltlich ist &#8211; unter dem Titel <i>Von der                 Diktatur zur Demokratie. Ein Leitfaden zur Befreiung. <\/i>((3))                 Das Buch habe bis heute, so die Begr\u00fcndung des Right Livelihood                 Award, zu den Demokratiebewegungen von Otpor\/Serbien, Kmara\/Georgien,                 KelKel\/Kirgisistan, Zubr\/Wei\u00dfrussland, der iranischen Oppositionsbewegung                 von 2009, der Orangenen Revolution in der Ukraine sowie zur Bewegung                 des 6. April in \u00c4gypten 2011 entscheidend beigetragen. Interessanterweise                 begann die Finanzierung all dieser Gruppierungen mit riesigen                 Mengen an Geldern aus westlichen Regierungsprogrammen und Think                 Tanks genau mit Otpor\/Serbien.<\/p>\n<p>Die Frage ist, inwiefern all diese Bewegungen und die damit zusammenh\u00e4ngenden,                 tats\u00e4chlich gewaltfrei oder gewaltarm verlaufenden Umst\u00fcrze urs\u00e4chlich,                 allein oder pr\u00e4gend auf diese initiierenden, von Sharp beeinflussten                 Gruppen zur\u00fcckgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>F\u00fcr Burma gilt z.B., dass es bereits 1988 einen gewaltfreien                 Massenaufstand ganz ohne Sharp gab, Aung San Suu Kyi bereits lange                 vor Sharp Gewaltfreiheit propagierte und diese Philosophie in                 landeseigenen buddhistischen Traditionen stark verankert war.               <\/p>\n<p>Die Sharp-Euphorie \u00fcbersieht so was leicht. Was in jedem Fall                 bleibt ist jedoch, und darauf hinzuweisen hat Sharp immer Wert                 gelegt, die enorme Wirksamkeit und das Ausweitungspotential gewaltfreier                 Massenbewegungen und ihrer Aktionsformen in einer gesellschaftlichen                 Situation, die daf\u00fcr offen ist. Es ist sozusagen der Erfolg der                 gewaltfreien Aktion, der auch das Interesse der Geheimdienste                 und Regierungen geweckt hat: F\u00fcr eine billigere Form der Interessendurchsetzung                 einer US-Au\u00dfenpolitik, die sich auf Dauer teure Kriege wie im                 Irak und in Afghanistan, noch dazu mit unsicherem Ausgang, nicht                 leisten kann. <\/p>\n<p>\u00dcber Sharps Verstrickung mit diesen und \u00fcber die Komplementarit\u00e4t                 dieser Interessen ist in der Laudatio des Right Livelihood Awards                 leider nichts zu lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2012 erhielt ihn der weltweit bekannte Theoretiker der gewaltfreien Aktion, Gene Sharp (geb. 1928). Die Website des Right Livelihood Award feiert Sharp bei der offiziellen Begr\u00fcndung f\u00fcr den Preis bereits im zweiten Absatz als &#8222;Machiavelli der Gewaltfreiheit&#8220;. 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