{"id":11670,"date":"2012-11-01T00:00:37","date_gmt":"2012-10-31T22:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11670"},"modified":"2012-12-02T20:37:34","modified_gmt":"2012-12-02T18:37:34","slug":"nachruf-auf-nils-koppruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/11\/nachruf-auf-nils-koppruch\/","title":{"rendered":"Nachruf auf Nils Koppruch"},"content":{"rendered":"<p>Ich hatte Koppruch bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gesehen,                 geschweige denn geh\u00f6rt. Von <i>Fink<\/i>, seiner ersten, 1996 gegr\u00fcndeten                 Band, hatte ich Freundinnen und Freunde zwar sprechen h\u00f6ren. Aber                 wirklich lockend waren ihre Erz\u00e4hlungen f\u00fcr mich nicht gewesen:                 Eine Roots-Country-Combo mit <i>deutschen<\/i> <i>Texten<\/i>? Ich                 h\u00f6rte im Geiste schon Schreckgespenster wie &#8222;Ein Junge namens                 Susi&#8220; mir heulend den Schlaf rauben und war entschlossen, diesen                 Fink nebst seinem Leads\u00e4nger m\u00f6glichst lange auf dem Baum hocken                 zu lassen (dass &#8222;Fink&#8220; ein amerikanisches Slang-Wort f\u00fcr &#8222;Verr\u00e4ter&#8220;                 ist, erfuhr ich erst viel sp\u00e4ter). <\/p>\n<p>Aber dann sang Koppruch. Und mir blieb der Mund offen stehen.                 Nicht, weil er mit virtuoser Krafthuberei zu beeindrucken versucht                 h\u00e4tte. In manchen seiner Lieder h\u00e4tte man Gitarrent\u00f6ne und Worte                 an zwei H\u00e4nden abz\u00e4hlen k\u00f6nnen, und erst beim letzten Song des                 Konzerts, einer Coverversion von Leadbellys &#8222;In the pines&#8220;, h\u00f6rte                 man, wie gr\u00fcndlich dieser Mann seine Vorbilder studiert hatte.                 Auch markige Posen waren ihm fremd. Er stand einfach da, ein hagerer                 Hamburger in verschossener Lederjacke, damals noch ohne seinen                 typisch borstigen Was-wei\u00df-ich-wie-viel-Tage-Bart, und spielte,                 mal schelmisch l\u00e4chelnd, mal fast wie verlorengegangen zwischen                 all den Scheinwerfern und Verst\u00e4rkerk\u00e4sten, seine einzigartigen                 Lieder. <\/p>\n<p>Sein Gesang war eine Mischung aus warmem Mittentimbre und Sprechgesang,                 aus Treue zur Melodie und gesungenen Fragezeichen. Es war, als                 spr\u00e4che er durch seine Musik mit dem Publikum, \u00fcber Trauriges                 und Fr\u00f6hliches, Hoffnungsvolles und Verzweifeltes, Vergangenes                 und Zuk\u00fcnftiges. Nie war seine Musik aufdringlich, nie wurde ihr                 Ton schulmeisterlich oder phrasenhaft.<\/p>\n<p>Jedes seiner Lieder war eine Einladung zu freiem, eigenst\u00e4ndigem                 Tr\u00e4umen. Und immer wieder holte einen ein leises Lachen in die                 Wirklichkeit zur\u00fcck. Ich habe selten einen so eigenst\u00e4ndigen deutschsprachigen                 K\u00fcnstler erlebt. Es war ein magischer Moment, und von diesem Tag                 an war ich ein Koppruch-Fan.<\/p>\n<p>Allerdings kein blinder oder, besser gesagt, tauber Fan: Die                 alten <i>Fink<\/i>-Alben, die ich mir im Laufe der Zeit aus den                 Grabbeltischen w\u00fchlte, verstaubten &#8211; abgesehen vom Debut-Album:                 &#8222;V\u00f6gel beobachten im Winter&#8220; &#8211; bald wieder in irgendwelchen Winkeln.                 Auch Koppruchs Muse brauchte offenbar ihre Auszeiten und ab und                 an einen l\u00e4ngeren Urlaub. 2006 kehrte er, nach der Aufl\u00f6sung von                 <i>Fink<\/i>, mit seinem ersten Soloalbum &#8222;Den Teufel tun&#8220; zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens jetzt war klar: Koppruch ist einer der Meister deutschsprachiger                 Songkunst. &#8222;Und die, die ich vergessen hab&#8217;\/ die fall&#8217;n mir wieder                 ein\/ und die, die ich vergessen will\/ soll&#8217;n mir daf\u00fcr verzeih&#8217;n&#8220;.<\/p>\n<p>Koppruch, der auch ein \u00e4u\u00dferst produktiver Maler war, hat einmal                 gesagt, mit Farben arbeite er intuitiv. In seinen Texten aber                 stehe jedes Wort, wo es hingeh\u00f6re. Die Tour zu &#8222;Den Teufel tun&#8220;                 allerdings war vom Pech verfolgt. In M\u00fcnster, wo ich ihn wiedersah,                 wurde der Abend zu einem einzigen Kampf gegen die Technik. Er                 und seine Band rackerten sich tapfer \u00fcber die B\u00fchnen, Clubs und                 Festivals der Republik, sie spielten sogar in Moskau. Aber auch,                 wenn Koppruch sicherlich nichts die Liebe zur Musik h\u00e4tte verg\u00e4llen                 k\u00f6nnen: Es war ein hartes Brot. In seinem Song &#8222;Caruso&#8220;, dem Titelsong                 seines 2010 erschienenen zweiten Solo-Albums ((1)),                 hei\u00dft es gallig: &#8222;Der Clubchef hat deinen Namen vergessen\/ und                 will ihn wohl auch gar nicht wissen\/ im Mantel sitz ich da und                 denk:\/ &#8218;Caruso h\u00e4tt&#8216; sich aufgeh\u00e4ngt'&#8220;. <\/p>\n<p>Und das ist, wenn man so will, die Tragik des Musikerlebens von                 Nils Koppruch: In einem Land, dessen Teenager Tag und Nacht den                 Silbermond anheulen und dessen etablierte Musikkritik Herbert                 Gr\u00f6nemeyers Album &#8222;Mensch&#8220; f\u00fcr ein literarisches Gro\u00dfereignis                 h\u00e4lt, bekam er nie die Anerkennung, die einem K\u00fcnstler seines                 Ranges zusteht. Er nahm es mit grimmigem L\u00e4cheln, trockenem Humor                 und poetischer Leichtigkeit. <\/p>\n<p>Sein j\u00fcngster Versuch, aus dem K\u00e4fig der Ignoranz und Ahnungslosigkeit                 auszubrechen, war das Gemeinschaftsprojekt <i>Kid Kopphausen <\/i>mit                 seinem Kollegen Gisbert zu Knyphausen; ein eher schlampiges Album,                 das in Nichts neben &#8222;Caruso&#8220; bestehen kann. <\/p>\n<p>Das Schmerzlichste aber ist: Es war sein letzter Auftritt. Nils                 Koppruch starb v\u00f6llig \u00fcberraschend am 10. Oktober 2012 in seiner                 Heimatstadt Hamburg. Er wurde nur 46 Jahre alt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte Koppruch bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gesehen, geschweige denn geh\u00f6rt. Von Fink, seiner ersten, 1996 gegr\u00fcndeten Band, hatte ich Freundinnen und Freunde zwar sprechen h\u00f6ren. 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