{"id":11678,"date":"2012-12-09T15:13:46","date_gmt":"2012-12-09T13:13:46","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11678"},"modified":"2022-07-26T14:12:16","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:16","slug":"ein-gewaltfreier-anarchist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/12\/ein-gewaltfreier-anarchist\/","title":{"rendered":"Ein gewaltfreier Anarchist"},"content":{"rendered":"<p><b>Liebe Leserinnen und Leser,<\/b><\/p>\n<p>ein Schwerpunkt der neuen Ausgabe ist die Vertiefung der im November mit der GWR 373 angesto\u00dfenen Diskussionen \u00fcber Politische Mediation, Gewaltfreiheit, Anarchismus und Poststrukturalismus.<\/p>\n<p>Zudem beleuchtet die GWR 374 aus Bewegungsperspektive die in den Massenmedien diffamierten Protestaktionen im Hambacher Forst, wirft einen Blick \u00fcber den Tellerrand, z.B. nach Indien, Griechenland und Portugal, und stellt antikapitalistische Perspektiven und direkte gewaltfreie Aktionen gegen Militarismus und Atomanlagen in den Fokus.<\/p>\n<p>Aufgrund des begrenzten Platzes bleiben weitere wichtige Themen diesmal aber au\u00dfen vor.<\/p>\n<p>So wird zum Beispiel das Zeitungssterben nur am Rande behandelt. Dabei ist es bei aller Kritik auch aus gewaltfrei-libert\u00e4rer Perspektive schade, dass nun z.B. die linksliberale <i>Frankfurter Rundschau<\/i> insolvent ist. Die Ursachen daf\u00fcr sind sicher vielf\u00e4ltig. Aber angesichts des jahrelangen, massiven Stellenabbaus und der Zusammenlegung mit der <i>Berliner Zeitung<\/i> ist die Qualit\u00e4t der Schrumpf-FR in den letzten Jahren ja auch permanent schlechter geworden. Au\u00dfergew\u00f6hnliche Inhalte waren bei der FR zuletzt eher die Ausnahme. Und da wundert es auch nicht, dass es schon zehn Jahre (!) her ist, dass die FR mal einen richtig gut recherchierten Artikel \u00fcber die <i>Graswurzelrevolution<\/i> gebracht hat. Titel: &#8222;Unter dem Rasen liegt der Strand \/ Die &#8218;Graswurzelrevolution&#8216; l\u00e4sst sich seit 30 Jahren vom Siegeszug des Kapitalismus nicht beirren&#8220;. ((1)) Damals schickte sie einen Redakteur nach M\u00fcnster, der ein 1,5st\u00fcndiges Interview f\u00fchrte und anschlie\u00dfend einen fairen Artikel in der FR gebracht hat. Ein solcher &#8222;Qualit\u00e4tsjournalismus&#8220; ist heute noch mehr die Ausnahme als damals.<\/p>\n<p>Nicht analysiert haben wir bisher auch die Diskreditierung des Friedensnobelpreises durch das Nobelpreiskomitee in Oslo. Nachdem 2009 der Drohnen-Kriegsf\u00fchrer, Todesstrafenfan und R\u00fcstungsweltmeister Barack Obama geehrt wurde, hat das Nobelpreiskomitee diesmal mit der EU ein Staatenb\u00fcndnis ausgezeichnet, das zu den gr\u00f6\u00dften Waffenschmieden und -h\u00e4ndlern der Welt z\u00e4hlt, seit Jahren Kriege exportiert und eine Sozial- und Fl\u00fcchtlingspolitik betreibt, die im wahrsten Sinne des Wortes \u00fcber Leichen geht. Eine absurde Entscheidung!<\/p>\n<p>Der Pazifist und langj\u00e4hrige Herausgeber der <i>Weltb\u00fchne<\/i>, Carl von Ossietzky, der 1936 als KZ-Insasse r\u00fcckwirkend f\u00fcr 1935 mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde, ihn aber nicht entgegen nehmen durfte, w\u00fcrde sich vermutlich im Grabe umdrehen. Damals hatte das Nobelpreiskomitee den Mut besessen und den Nationalsozialisten die Stirn geboten.<\/p>\n<p>Heute zeichnet sich das aktuelle Nobelpreiskomitee durch Anbiederung an die Herrschenden aus.<\/p>\n<p>Dass es auch heute noch anders geht, zeigt die Internationale Liga f\u00fcr Menschenrechte.<\/p>\n<p>Sie verleiht seit 1962 die Carl-von-Ossietzky-Medaille. Ausgezeichnet werden Personen, die sich mit Zivilcourage und herausragendem Engagement um die Verwirklichung der Menschenrechte verdient gemacht haben.<\/p>\n<p>Die diesj\u00e4hrige Ossietzky-Medaille geht an den Filmregisseur und gewaltfreien Anarchisten Peter Lilienthal, der mit seinem Lebenswerk gegen Krieg und Unrecht zur Filmgeschichte und in besonderer Weise zur Entwicklung der Menschenrechte in der Bundesrepublik und international beigetragen hat.<\/p>\n<p>Zusammen mit Winfried Bettmer und Isabel Lipthay hatte ich Peter Lilienthal vor einem knappen Jahr als Preistr\u00e4ger vorgeschlagen. Nun habe ich die gro\u00dfe Freude die Feier zu moderieren.<\/p>\n<p>Als ich Peter Lilienthal 2004 zum ersten Mal (f\u00fcr die GWR 296) interviewte, erz\u00e4hlte er u.a., was er unter Anarchismus versteht und wie er zum Anarchisten wurde:<\/p>\n<p>&#8222;Der Anarchismus ist eine Philosophie der friedlichen Auseinandersetzung und Ideen, eine Philosophie des Friedens. Das wurde st\u00e4ndig missbraucht, nicht nur der Name, du wei\u00dft, was \u201aAnarchisten&#8216; f\u00fcr die Polizei bedeutet oder f\u00fcr manche Leute. Es ist schwer, das richtig zu stellen.<\/p>\n<p>(&#8230;) Wir hatten in Montevideo im Gymnasium einen Geschichtslehrer, der kam aus Spanien, war Anarchist. Das Erste, was wir von ihm lernten, war, dass er am Montag entweder phantastische Laune hatte und der beste Geschichtsprofessor der Welt war oder der w\u00fctendste, den man sich vorstellen konnte. Aus einem einfachen Grund: Am Sonntag ging er zum Pferderennen; wenn er gewann, dann betrachtete er uns als Sympathisanten seiner Idee, des Anarchismus, und wenn er verlor, wurden wir als der \u201aletzte Dreck der Bourgeoisie&#8216; beschimpft, den man noch nicht mal anschauen durfte. Diese Art von Pathos gefiel mir, jenseits von seinen politischen Ideen. Er erz\u00e4hlte uns etwas von Bakunin, von der Auseinandersetzung zwischen Bakunin und Marx. Das interessierte mich, auch, weil er Bakunin so lebendig beschrieb, als einen Nicht-Bourgeoisen &#8211; da hatte ich eine Vorstellung, was das ist -, und Marx als den letzten Spie\u00dfer. Jetzt war es so, dass er in seiner Theatralik auf den Tisch stieg und alle Rollen spielte. Er sprach wie Marx oder erz\u00e4hlte, \u00fcbernahm die Thesen von Marx und von Bakunin. Bei dieser Geschichte sa\u00dfen wir gebannt vor ihm, entweder als die Beschimpften und Verachteten oder als die gr\u00f6\u00dften Anh\u00e4nger des Anarchismus. Irgendwann musste ich mich entscheiden, ob ich in meiner Rolle als verachteter Bourgeois weiterleben wollte &#8211; oder als Anarchist. Also habe ich mich f\u00fcr den Anarchismus entschieden und auf dem Weg bis heute mich immer mit dieser Philosophie besch\u00e4ftigt. Mich hat zudem interessiert, dass es immer auch eine missbrauchte Philosophie war. Das habe ich selbst erkannt in den 68er-Zeiten, mit den Studenten der Filmakademie. Missbraucht z.B. f\u00fcr den bewaffneten Kampf, f\u00fcr jede Art von Reaktion, die man heute vielleicht als Terrorismus bezeichnen w\u00fcrde. Ich habe durch die gro\u00dfen philosophischen Gedanken von einem Mann wie Malatesta, die pazifistisch waren, die \u00fcberzeugen wollten, erkannt, wie wichtig es ist, sich einer Autorit\u00e4t des Staates zu verweigern, um eigene Wege zu gehen, um jeden Tag zu w\u00e4hlen, um die Bedeutung der Entscheidungen des Kollektivs im kleinsten Rahmen zu erkennen, usw. Das hat mich begleitet und ist in irgendeiner Form Teil meiner Auseinandersetzungen mit anderen politischen Ideen, weil gerade so eine Utopie immer ein Licht wirft auf die Dressur einer politischen Idee, der die Menschen unterworfen werden.&#8220;<\/p>\n<p>Viel sch\u00f6ner als dieser warmherzige Menschenfreund Peter Lilienthal kann man die Libert\u00e4re Ethik kaum beschreiben.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde mich sehr freuen, am Sonntagmorgen, 9.12.2012, viele Leserinnen und Leser der Graswurzelrevolution unter den G\u00e4sten des 50. Festakts der Verleihung der Carl-von-Ossieztky-Medaille im GRIPS-Theater Berlin begr\u00fc\u00dfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Li(e)bert\u00e4re Gr\u00fc\u00dfe,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Leserinnen und Leser, ein Schwerpunkt der neuen Ausgabe ist die Vertiefung der im November mit der GWR 373 angesto\u00dfenen Diskussionen \u00fcber Politische Mediation, Gewaltfreiheit, Anarchismus und Poststrukturalismus. 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