{"id":11683,"date":"2012-12-09T15:16:23","date_gmt":"2012-12-09T13:16:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11683"},"modified":"2022-07-26T14:22:27","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:27","slug":"auf-den-spuren-gandhis-der-jan-satyagraha-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/12\/auf-den-spuren-gandhis-der-jan-satyagraha-2012\/","title":{"rendered":"Auf den Spuren Gandhis: Der Jan Satyagraha 2012"},"content":{"rendered":"<p>Am 2. Oktober, dem Geburtstag Gandhis, hatten sie sich in Gwalior                 im Bundesstaat Madhya Pradesh versammelt: Mehr als 50.000 Landlose,                 Kleinbauern und -B\u00e4uerinnen, Dalits (Broken People, wie sich die                 &#8222;Unber\u00fchrbaren&#8220; heute selbst bezeichnen) und Adivasi, aus der                 indigenen Bev\u00f6lkerung Indiens. <\/p>\n<p>Sie kamen aus allen Teilen Indiens; monatelang hatten sie sich                 auf den gro\u00dfen Marsch vorbereitet. Mit wenig Geld, auf die &#8222;Gandhi-Art&#8220;,                 waren sie angereist, dauernd die Z\u00fcge wechselnd. Aber sie waren                 gut organisiert und hatten ihr Ziel klar: eine Regierungsstruktur                 herauszufordern, die nicht im Interesse der Mehrheit der Inder_innen                 arbeitet, sondern f\u00fcr die einer Minderheit. <\/p>\n<p>Im Vorfeld hatten sich auf einer Konferenz Menschen aus Indien,                 aber auch aus afrikanischen und europ\u00e4ischen L\u00e4ndern zu Fragen                 der gewaltlosen Aktion ausgetauscht (AHIMSA Conference, Dialogue                 and Cultural Aspects of Non-Violent Action in New Delhi vom 27-29.09.                 2012). Jetzt folgte die Praxis: Adivasi, Kleinb\u00e4uerinnen und Landlose                 verlangten von der indischen Regierung ihr Recht auf Land. <\/p>\n<h3>Die Lage auf dem Land ist dramatisch<\/h3>\n<p>70% der indischen Bev\u00f6lkerung lebt auf dem Land und vom Land.                 8% sind indigene Gemeinschaften, die \u00fcberwiegend in den Waldgebieten                 leben, 12% sind Nomaden (Rajagopal 2010). Land Grabbing &#8211; legale                 und illegale Landnahme durch Aufkauf oder Landraub &#8211; ist auch                 in Indien ein massives Problem. Viele der Kleinbauern haben keine                 verbrieften Landtitel; unklare Besitzverh\u00e4ltnisse erleichtern                 den Landraub. <\/p>\n<p>Laut indischer Verfassung geh\u00f6rt den Adivasi der Wald, aber immer                 weniger werden ihre Rechte geachtet. <\/p>\n<p>&#8222;Doch der Kampagne geht es l\u00e4ngst um mehr als nur die Rechte                 der Land- und Urbev\u00f6lkerung Indiens. Deren Forderungen &#8211; den Schutz                 vor Vertreibungen, Zwangsumsiedlungen und Umweltsch\u00e4den in Verbindung                 mit aus internationalem Geld betriebenen Bergbauvorhaben, industrieller                 Produktion von Agrarg\u00fctern und Agrotreibstoffen, Stauseen, Industrie-,                 st\u00e4dtebaulichen oder Tourismusprojekten zu verbessern und die                 kleinb\u00e4uerlichen Landwirtschaft zu st\u00e4rken &#8211; sind zentrale Anliegen                 der weltweiten Landbev\u00f6lkerung.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Auch das &#8222;Hunger-Paradox&#8220; ist ein nicht auf Indien beschr\u00e4nktes                 Ph\u00e4nomen. Gerade die Landbev\u00f6lkerung, die auf Subsistenzwirtschaft                 angewiesen ist, kann nicht mehr vom Land existieren und wird in                 die Slums der St\u00e4dte getrieben.<\/p>\n<p>Auf 250.000 wird die Zahl der Kleinbauern, die die Schuldenspirale                 in den Tod getrieben hat, inzwischen gesch\u00e4tzt. <\/p>\n<p>&#8222;Die 250.000 Selbstmorde von Bauern sind Regierungsdaten&#8220;, sagt                 uns die indische Globalisierungskritikerin Vandana Shiva in einem                 Interview (2012).<\/p>\n<p>&#8222;Sie begannen Mitte der 90er Jahre, als der Saatgutmarkt unter                 dem Druck der WTO f\u00fcr die globalen Konzerne ge\u00f6ffnet wurde\u2026 Sie                 kauften lokale Saatgutfirmen auf und pushten Hybrid und genmanipuliertes                 Saatgut, das die Kosten des Saatguts in die H\u00f6he trieb, das jedes                 Jahr neu gekauft werden musste. So gerieten die Bauern in die                 Verschuldung.&#8220; &#8211; Der Name Monsanto steht wie kein anderer f\u00fcr                 das weltweite Gesch\u00e4ft mit dem Saatgut. <\/p>\n<p>Mit Hochdruck arbeitet die Saatgut-Lobby derzeit daran, auch                 auf dem europ\u00e4ischen Markt endlich freie Bahn f\u00fcr den Anbau gen-manipulierter                 Lebensmittel zu erhalten. 2013 soll der Durchbruch auch in der                 EU gelingen. <\/p>\n<h3>Eine Versammlung von 50.000 Menschen<\/h3>\n<p>Die Menschen auf dem Mela-Ground in Gwalior fordern das Recht                 auf Land, Wasser, Wald und Mineralstoffe. &#8222;Land zum Leben&#8220; und                 die Durchsetzung der Waldnutzungsrechte f\u00fcr die Adivasi sind zentrale                 Forderungen. Frauen sollen das gleiche Recht auf Land haben wie                 M\u00e4nner. <\/p>\n<p>Seit Jahren schon hat die Landlosenbewegung Ekta Parishad (Solidarischer                 Bund) auf diese Mobilisierung hingearbeitet.<\/p>\n<p>Die soziale Basisbewegung arbeitet seit mehr als 20 Jahren im                 l\u00e4ndlichen Indien und ist den Prinzipien der Wahrheit, der Gerechtigkeit                 und des gewaltfreien Widerstands verpflichtet.<\/p>\n<p>Vor f\u00fcnf Jahren fand der erste gro\u00dfe Marsch statt; im &#8222;Janadesh                 2007&#8220; machten sich 25.000 Landlose auf den Weg nach Delhi und                 forderten ihr Recht auf Land ein. Die indische Regierung setzte                 daraufhin eine Kommission ein, die Empfehlungen zur Landreform                 erarbeiten sollte. <\/p>\n<p>Es wurde ein Papier erarbeitet, das als Diskussionsgrundlage                 dienen sollte. Bis heute, f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter, wurde die Kommission                 nie einberufen. <\/p>\n<p>Immerhin wurden 700.000 Landtitel verteilt, eine unglaubliche                 Zahl f\u00fcr uns, ein Tropfen in den Dimensionen Indiens mit 1.2 Milliarden                 Menschen. (Rajagopal 2010) <\/p>\n<p>Der Gr\u00fcnder und Leiter, P.V. Rajagopal, stellt die Arbeit von                 Ekta Parishad direkt in die Nachfolge Gandhis. Im Oktober 2011                 begann seine Mobilisierungsfahrt durch ganz Indien; ein Jahr sp\u00e4ter                 sollten im Jan Satyagraha 100.000 Landlose von Gwalior zu einem                 350 km-Fu\u00dfmarsch in die indische Hauptstadt ziehen, in der Tradition                 des Salzmarsches, mit dem Indien letztlich in die Unabh\u00e4ngigkeit                 aufbrach. <\/p>\n<p>&#8222;Satyagraha&#8220; &#8211; mit diesem Begriff bezeichnete Gandhi seinen gewaltfreien                 Widerstand. &#8222;Festhalten an der Wahrheit&#8220;, so k\u00f6nnte der Begriff                 \u00fcbersetzt werden. <\/p>\n<h3>&#8222;Kooperiere wo du kannst und leiste Widerstand wo du musst!&#8220;                 (Gandhi)<\/h3>\n<p>Parallel zu den Mobilisierungen liefen Verhandlungen mit der                 indischen Regierung. Ende September kam es zu Gespr\u00e4chen mit dem                 Landwirtschaftsminister und einem Gespr\u00e4ch zwischen Manmohan Singh,                 dem Ministerpr\u00e4sidenten, und P.V. Rajagopal. <\/p>\n<p>Der Marsch in die Hauptstadt soll nicht stattfinden; schlie\u00dflich                 k\u00fcndigen vier Minister ihr Kommen an. In Gwalior wird der Abmarsch                 verschoben und stattdessen eine Versammlung unter freiem Himmel                 einberufen. Mehr als 50.000 erwarten mit Spannung die Vorschl\u00e4ge                 der Regierung, doch Jairam Ramesh, der Minister f\u00fcr l\u00e4ndliche                 Entwicklung, verliest nichts als einen d\u00fcrftigen unverbindlichen                 Brief. <\/p>\n<p>Nach dreist\u00fcndiger Beratung &#8211; neben Ekta Parishad sind um die                 2000 weitere Organisationen an der Kampagne beteiligt &#8211; tritt                 Rajagopal vor die Versammlung. Er erl\u00e4utert die Lage, erkl\u00e4rt,                 dass Benzin und Essen nicht reichten f\u00fcr den Weg bis nach Delhi,                 und fragt, ob die Menschen trotzdem bereit sind loszumarschieren.                 Sie sind es.<\/p>\n<p>Am 3. Oktober machen sich 65.000 Landlose auf den Weg.<\/p>\n<p>Martin Bauer als europ\u00e4ischer Begleiter schreibt: &#8222;Alles ist                 basisdemokratisch organisiert &#8211; auf eine indische Art. Aber es                 funktioniert sehr gut und die Leute haben Spa\u00df &#8211; auch mit uns.                 \u00dcberall wird diskutiert, sich versammelt und besprochen, gesungen,                 getanzt oder einfach das disziplinierte Marschieren ge\u00fcbt. Die                 einzelnen Regionalgruppen versorgen sich selbst. Jeder hat seine                 eigene Musik-, Organisations- und Kochgruppe. Dieses System wird                 den ganzen Marsch beibehalten. &#8211; Es ist geplant die Marschierer                 auszutauschen und zu erg\u00e4nzen, so dass in Delhi am 28.Oktober                 100.000 Menschen erwartet werden. Die Nationalstra\u00dfe 3 wird ihr                 Lebensraum, Restaurant, Schlaf- und Kommunikationsstelle.&#8220;<\/p>\n<p>Im G\u00e4nsemarsch geht es voran, in langen Reihen, oft 20 km am                 Tag, durch gl\u00fchende Hitze, oft barfuss. Die Menschen schlafen                 auf der Stra\u00dfe oder den Pl\u00e4tzen der Stadt. Das Tempo ist straff.               <\/p>\n<h3>Agra &#8211; der Durchbruch<\/h3>\n<p>Am 10. Oktober erreicht der Marsch Agra, nach einem Drittel der                 Strecke Richtung Delhi. Auf Initiative des Ministers f\u00fcr l\u00e4ndliche                 Entwicklung waren die Verhandlungen wieder aufgenommen worden.                 Erneut besucht er die Marschierenden, aber diesmal h\u00e4lt er mehr                 in den H\u00e4nden. Am 11.10. unterzeichnen in Agra vor allen Marschierenden                 Jairam Ramesh und Rajagopal eine 10-Punkte-Vereinbarung, eine                 konkrete Roadmap mit Eckpunkten zu einer umfassenden Landrechtsreform,                 inklusive Verantwortliche und Fristen ((3)).<\/p>\n<p>&#8222;Im Zentrum der vorliegenden Vereinbarung steht die unverz\u00fcgliche                 Einberufung einer \u201aTask-Force&#8216;, bestehend aus Vertretern von zivilgesellschaftlichen                 Organisationen und Vertretern der Gliedstaatenregierungen mit                 dem Ziel, die \u201aRoadmap&#8216; einer neuen Landpolitik zu spezifizieren                 und umzusetzen\u2026 Ein wichtiger Aspekt der neuen Landrechtspolitik                 ist der grundlegende Anspruch jeder armen landlosen Familie auf                 ein St\u00fcck Land, um sich darauf eine Unterkunft zu bauen. Dieses                 Recht soll, \u00e4hnlich wie das Recht auf Bildung oder das Recht auf                 Information, als ein grundlegendes Sozialrecht festgelegt werden.                 Im Weiteren sollen Landgerichte auf Bundesstaatsebene etabliert                 werden, um die Tausenden von anh\u00e4ngigen Klagen gegen Landbesetzung                 durch arme Menschen z\u00fcgig zu erledigen. Die Betroffenen sollen                 in diesem Prozess durch Rechtshilfe unterst\u00fctzt werden. Weitere                 Empfehlungen werden heute angek\u00fcndigt\u2026&#8220; (CESCI u. Freunde von                 EP 11.10.12)<\/p>\n<p>50.000 Kopien der Vereinbarung werden verteilt, so dass alle                 ein Exemplar mit zur\u00fcck in ihr Dorf nehmen k\u00f6nnen. Die erste Sitzung                 der Task-Force hat am 17. Oktober stattgefunden. <\/p>\n<p>Die Unterzeichnung ist ein beachtlicher Erfolg; f\u00fcr ihre Umsetzung                 wird auch weiterhin Druck in Indien und transnational erforderlich                 sein. W\u00fcnschen wir, dass die Marschierenden nicht in sechs Monaten                 dann doch von Agra nach Delhi ziehen m\u00fcssen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 2. Oktober, dem Geburtstag Gandhis, hatten sie sich in Gwalior im Bundesstaat Madhya Pradesh versammelt: Mehr als 50.000 Landlose, Kleinbauern und -B\u00e4uerinnen, Dalits (Broken People, wie sich die &#8222;Unber\u00fchrbaren&#8220; heute selbst bezeichnen) und Adivasi, aus der indigenen Bev\u00f6lkerung Indiens. 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