{"id":11706,"date":"2012-12-09T15:22:45","date_gmt":"2012-12-09T13:22:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11706"},"modified":"2022-07-26T14:12:16","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:16","slug":"kapitalismus-sonst-nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/12\/kapitalismus-sonst-nichts\/","title":{"rendered":"Kapitalismus &#8211; sonst nichts?"},"content":{"rendered":"<p>Dazu darf man getrost die 900 Millionen Menschen rechnen, die                 mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen m\u00fcssen, obwohl sie                 nicht als arbeitslos gelten, womit wir dann bei etwa 1,1 Milliarden                 Menschen ohne wohlstandswirksame Arbeit w\u00e4ren.<\/p>\n<p>&#8222;In der Wissenschaft, in der wirklichen Welt: Nach langem &#8222;trial                 and error&#8220; hat sich der Kapitalismus durchgesetzt&#8220;, kommentiert                 Olaf Gersemann in der <i>Welt<\/i> unter dem Titel &#8222;Kapitalismus                 &#8211; was sonst?&#8220; und freut sich dar\u00fcber, dass das warenproduzierende                 System sich als &#8222;beste aller Wohlstandsmaschinen&#8220; erwiesen habe.               <\/p>\n<p>ILO-Generaldirektor Somavia hingegen kommt zu dem Schluss, dass                 &#8222;jeder dritte Arbeitnehmer auf der Welt arbeitslos ist oder trotz                 Arbeit in Armut lebt.&#8220; Oder wie es das <i>Handelsblatt <\/i>in                 herzerw\u00e4rmendem Businessjargon formuliert: &#8222;Die globale Besch\u00e4ftigungssituation                 bleibt sehr angespannt.&#8220;<\/p>\n<p>Angespannt d\u00fcrfte auch sein, wer solcherart Euphemismen aufgetischt                 bekommt angesichts der Tatsache, dass die Weltmarktsklaven ja                 die restliche Weltbev\u00f6lkerung auch noch mitversorgen m\u00fcssen, was                 sich dann zu der Horrorzahl von insgesamt 3,14 Milliarden absolut                 armen Menschen summiert, die jeweils von ca. 2 Euro am Tag leben                 m\u00fcssen. Das entspricht einem Anteil von 48% der Weltbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>&#8222;Am Elend wird der Kapitalismus nicht zugrunde gehen, aber vielleicht                 am Reichtum. Die Not der Massen hat er gelindert&#8220;, konstatiert                 Wolfgang Uchatius in der <i>Zeit <\/i>kontrafaktisch und belegt                 seine national bornierte Sichtweise folgerichtig so: &#8222;Der Durchschnittsdeutsche                 von heute besitzt: Fernseher, B\u00fccher, M\u00f6bel, Digitalkamera, Elektroherd,                 Waschmaschine, Mobiltelefon, Auto, Computer. Insgesamt: 10.000                 Gegenst\u00e4nde. Die Maschine war ziemlich erfolgreich.&#8220; <\/p>\n<p>Wer sich nicht vorstellen kann, ohne 10.000 Gegenst\u00e4nde, daf\u00fcr                 aber mit 8 Euro am Tag auskommen zu m\u00fcssen, darf sich dar\u00fcber                 freuen, dass er nicht zu den 5,15 Milliarden Menschen z\u00e4hlt, die                 genau das m\u00fcssen. 80% der Weltbev\u00f6lkerung in Armut, also mit einem                 Tageseinkommen (in Kaufkraft) von unter 8 Euro: Das und nichts                 anderes ist das Ergebnis der &#8222;Erfolgsgeschichte Kapitalismus&#8220;.<\/p>\n<p>Der &#8222;Durchschnittsdeutsche&#8220; bekommt davon freilich nichts mit,                 die Bev\u00f6lkerung hierzulande sei &#8222;von der Leistungsf\u00e4higkeit und                 Effizienz unseres Wirtschaftssystems weit mehr \u00fcberzeugt als noch                 vor wenigen Jahren. Die wirtschaftliche Entwicklung der letzten                 Jahre hat vielen das Vertrauen in die Erfolgstr\u00e4chtigkeit der                 Marktwirtschaft zur\u00fcckgegeben&#8220;, fasst das <i>Allensbach-Institut<\/i>                 die Ergebnisse einer Umfrage zum Thema zusammen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die mit den 10.000 Gegenst\u00e4nden auf die n\u00e4chsten &#8222;Adjustierungen&#8220;                 (Gersemann) des Systems warten, wei\u00df die Financial Times Deutschland                 davon zu berichten, dass die 151 so genannten Schwellenl\u00e4nder,                 auf denen die gr\u00f6\u00dften Hoffnungen auf eine neue Runde der Kapitalakkumulation                 ruhen, &#8222;bezogen auf Wachstum, Inflation, Investitionen, Staatsfinanzen                 und Leistungsbilanz&#8220; hohen Erwartungen nicht gerecht werden. Hinsichtlich                 einer zu erwartenden Wachstumsrate von drei Prozent, einer Inflation                 von h\u00f6chstens 5 Prozent, einer Investitionsquote von mindestens                 25%, einer Staatsverschuldung von weniger als 50% und einem Leistungsbilanzdefizit                 von weniger als 2% lie\u00dfe sich laut FTD-Test nur ein einziges Schwellenland                 benennen, das als in jeder Hinsicht solide zu qualifizieren w\u00e4re:                 Lettland.<\/p>\n<p>In diesem Musterland der nachholenden Kapitalisierung sorgte                 Anfang 2011 eine Serie von Raub\u00fcberf\u00e4llen f\u00fcr Aufsehen. Die T\u00e4ter                 waren zum Teil Polizisten, was in der <i>Lettischen Presseschau<\/i>,                 einem deutsch-lettischen Nachrichtenprojekt, dahingehend beurteilt                 wurde, dass unter anderem die Monatsl\u00f6hne der Polizeibeamten von                 &#8222;281 bis 421 Euro&#8220; schlicht nicht ausreichen: &#8222;Mit solchen Summen                 l\u00e4sst sich auch in Lettland eine Familie nur schwer \u00fcber die Runden                 bringen. Zwar sind die Wohnkosten in Riga noch weitaus geringer                 als in K\u00f6ln oder M\u00fcnchen, doch die Preise f\u00fcr Lebensmittel, Kleidung                 und sonstige Alltagsware haben l\u00e4ngst westliches Niveau erreicht.                 Ein Teil der Bediensteten jobbt daher in der Freizeit. Polizisten                 arbeiten als Wachleute, in privaten Sicherheitsdiensten, manchmal                 arbeiten sie rund um die Uhr.&#8220;<\/p>\n<h3>Die Geschichte vom Wohlstand bringenden Kapitalismus bleibt,                 was sie immer war: ein M\u00e4rchen<\/h3>\n<p>Seit geraumer Zeit wird in den liberalen Mainstreammedien versucht,                 sich eine Alternative zur Marktwirtschaft vorzustellen, was naturgem\u00e4\u00df                 solange nicht gelingen kann, wie die positivistische, mechanistische                 Betrachtungsweise gesellschaftlicher Prozesse aufrechterhalten                 wird.<\/p>\n<p>Das Wesen der inneren Logik der Kapitalverwertung muss unsichtbar                 bleiben, solange nicht zur Kenntnis genommen wird, dass es sich                 dabei im Kern um ein gesellschaftliches Fetischverh\u00e4ltnis handelt,                 das einem einzigen Zweck dient: Aus Geld mehr Geld zu machen.<\/p>\n<p><i>Die Produktion stofflichen Reichtums in der Gestalt n\u00fctzlicher                 Dinge ist unter diesen Bedingungen also immer nur notwendige Begleiterscheinung                 der Produktion abstrakten Reichtums, wie er sich im Geld ausdr\u00fcckt.                 Wo diese misslingt, kommt auch jene ins Stocken, und die produzierten                 Dinge stellen blo\u00df nutzloses Material dar, das seinen Zweck nicht                 erf\u00fcllt hat. <\/i>(Trenkle\/ Lohoff)<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit FAZ-Herausgeber Schirrmacher in einem an Entt\u00e4uschungspathos                 und Larmoyanz kaum zu \u00fcberbietenden R\u00e4sonnement \u00fcber die Tauglichkeit                 liberaler Gesellschaftstheorie und -praxis zu der Einsicht kam,                 &#8222;das gro\u00dfe Versprechen an individuellen Lebensm\u00f6glichkeiten&#8220; habe                 sich &#8222;in sein Gegenteil verkehrt&#8220;, hat der b\u00fcrgerliche Mainstream                 die Systemkritik f\u00fcr sich entdeckt. Selbstverst\u00e4ndlich wird hegemonial                 betont, es k\u00f6nne nur darum gehen, wie man die Marktwirtschaft                 &#8222;b\u00e4ndigt&#8220;, ihre Funktionsweise wieder herstellt usw. <\/p>\n<p>So gesehen ist die von Gersemann in der <i>Welt<\/i> aufgeworfenen                 Frage nach einer grundlegenden Alternative schon ein Fortschritt,                 auch wenn er sie direkt selbst beantwortet, indem er klarstellt,                 Sozialismus k\u00f6nne auf keinen Fall eine solche sein, dieser sei                 f\u00fcr &#8222;die B\u00fcrger&#8220; schlie\u00dflich &#8222;klar als die schlechtere erkennbar&#8220;.<\/p>\n<p>So stehen sie also vor einem R\u00e4tsel. Denn: &#8222;Der Kapitalismus                 kann so nicht bleiben&#8220;, wie die <i>Zeit <\/i>klug erkennt, andererseits                 ist er kaum reformierbar, wie die Empirie mittlerweile so un\u00fcbersehbar                 zeigt, dass selbst <i>FAZ<\/i>, <i>Welt<\/i> und <i>Zeit<\/i> es                 nicht mehr hinwegjubeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dabei ist die Sache so kompliziert eigentlich gar nicht.<\/p>\n<p>Dass eine Wirtschaftsweise zuallererst so funktionieren sollte,                 dass sie die materiellen Bed\u00fcrfnisse Aller einigerma\u00dfen gleichm\u00e4\u00dfig                 befriedigt, m\u00f6glichst alle Menschen am Arbeitsprozess beteiligt                 und der auf die Produktion der G\u00fcter zu verwendende Zeitaufwand                 f\u00fcr den Einzelnen dabei m\u00f6glichst gering sein sollte, k\u00f6nnte sich                 auch ein b\u00fcrgerlicher Journalist selbst zusammenreimen. Und dass                 die kapitalistische \u00d6konomie genau das Gegenteil evoziert und                 jene eigentliche Aufgabe nicht einmal im Programm hat, zeigt,                 dass es sich hier im Grunde gar nicht um eine &#8222;Wirtschaftsweise&#8220;,                 sondern um die ins Werk Setzung eines verr\u00fcckten Selbstzwecks                 handelt: Trotz ausreichend Produktionsm\u00f6glichkeiten zur weltweiten                 Versorgung der Bev\u00f6lkerung herrschen Massenarbeitslosigkeit, Massenarmut                 einerseits und ein idiotischer, krank machender Konkurrenzkampf                 andererseits. <\/p>\n<p>Auch ohne ein Wort Marx gelesen zu haben, d\u00fcrfte einleuchten,                 dass es auf Dauer nicht zu einer vern\u00fcnftigen Verteilung von produzierten                 G\u00fctern kommen kann, wenn das zentrale Prinzip der daf\u00fcr zust\u00e4ndigen                 \u00f6konomischen Systematik darin besteht, Geld in G\u00fcter und dann                 wieder G\u00fcter in Geld zu tauschen, mit dem Ziel, aus einer bestimmten                 Menge Geld eine gr\u00f6\u00dfere Menge Geld zu machen.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re wohl einer Grundschulklasse einsichtig, dass ein solches                 Vorgehen letztlich dazu f\u00fchren muss, dass sich Reichtum konzentriert                 und eben das eigentliche Ziel von vornherein nur verfehlt werden                 kann.<\/p>\n<h3>Wie das besser gemacht werden k\u00f6nnte, liegt auf der Hand<\/h3>\n<p>Es m\u00fcssten alle Menschen am Produktions- bzw. Leistungsprozess                 beteiligt werden und die G\u00fcter und (Dienst-)Leistungen so verteilt                 werden, dass alle Menschen genug zu essen, ein Dach \u00fcber dem Kopf                 , Zugang zu Kultur und Bildung und genug Zeit haben, das zu tun,                 wonach ihnen der Sinn steht. <\/p>\n<p>Das ist hinsichtlich Produktivit\u00e4t, Logistik und weltweiter Vernetzung                 l\u00e4ngst machbar.<\/p>\n<p>Laut der UN Organisation f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft <i>FAO<\/i>                 ist es beim heutigen Stand der Technik m\u00f6glich, jeden Erdenbewohner                 mit 2700 Kalorien t\u00e4glich zu versorgen und wie aus einer Studie                 aus dem Jahre 2010 (publiziert in &#8222;Proceedings oft the Royal Society                 B&#8220;) hervorgeht, gehe es dabei &#8222;nicht nur darum, die Menschen satt                 zu machen, sondern sie auch ges\u00fcnder und umweltschonender zu ern\u00e4hren.&#8220;                 (C. Godfray, zit. n. <i>Zeit online<\/i>)<\/p>\n<p>J\u00e4hrlich werden ca. 5 Milliarden Jeanshosen, 65 Millionen Autos                 und 250 Millionen Fernseher produziert.<\/p>\n<p>Da Produktionskapazit\u00e4ten unter Marktbedingungen fast nie ausgelastet                 sind, ist davon auszugehen, dass die m\u00f6gliche Produktion dieser                 und aller anderer Produkte deutlich h\u00f6her liegt.<\/p>\n<p>In etwas mehr als einem Jahr h\u00e4tte man also die gesamte Weltbev\u00f6lkerung                 mit einer zus\u00e4tzlichen Jeanshose versorgt, bei allen anderen Textilien                 sieht es \u00e4hnlich aus. Geht man davon aus, dass in einem Haushalt                 3 Personen leben, k\u00f6nnte bei ca. 1 Milliarde Autos, die derzeit                 auf der Erde fahren, bereits jetzt jeder zweite Haushalt eines                 besitzen, bei einer Produktionskapazit\u00e4t von mindestens 70 Millionen                 Autos j\u00e4hrlich, k\u00f6nnten in 10 Jahren alle Haushalte der Welt mit                 einem Auto ausger\u00fcstet sein. Mit Fernsehern w\u00e4ren alle in etwa                 5 Jahren versorgt. <\/p>\n<p>Nahrung, Kleidung, Mobilit\u00e4t und Zugang zu Informationen f\u00fcr                 alle: M\u00f6glich und machbar. <\/p>\n<p>Wenn man weiterhin ber\u00fccksichtigt, welche enormen Ressourcen                 allein in der Verwaltung des sinnlosen Selbstzwecks, also etwa                 in Banken, Versicherungskonzernen, staatlichen Verwaltungsbeh\u00f6rden,                 sowie in bed\u00fcrfnisfremden Segmenten wie der R\u00fcstungsindustrie                 gebunden sind, dr\u00e4ngt sich die Erkenntnis auf: Produktion f\u00fcr                 alle bei niedrigen Arbeitszeiten f\u00fcr alle ist l\u00e4ngst keine Utopie                 mehr.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr muss man sich aber von der Vorstellung verabschieden, dass                 es ein blindes System geben muss, dass sich &#8222;hinter dem R\u00fccken                 der Akteure&#8220; (Marx) vollzieht und gleich einer &#8222;unsichtbaren Hand&#8220;                 (Smith) irgendwie alles regelt. <\/p>\n<p>&#8222;[Es] w\u00e4re doch in seiner (des Individuums, Anm. d. A.) b\u00fcndigen                 Negation, der Abschaffung der Monade durch Solidarit\u00e4t, zugleich                 die Rettung des Einzelwesens angelegt, das gerade in seiner Beziehung                 aufs Allgemeine erst ein Besonderes w\u00fcrde&#8220;, schildert Adorno in                 der Minima Moralia die \u00dcberwindung des Fetischverh\u00e4ltnisses. Im                 Klartext: Nur in der Solidarit\u00e4t, also im direkten, empa-thischen                 Bezug auf andere Individuen &#8222;wird&#8220; der einzelne Mensch &#8222;ein Besonderes&#8220;                 und negiert damit sein Gefangensein in Fetischverh\u00e4ltnissen.<\/p>\n<p>Unter den Bedingungen kapitalistischer Vergesellschaftung m\u00fcssen                 Gemeinsinn, Kooperation, Solidarit\u00e4t und Empathie aber in einem                 &#8222;privaten&#8220; Bereich in einer so genannten, sprachlich schon verr\u00e4terischen                 &#8222;Freizeit&#8220; entsorgt und so zur nutzlosen, dem Fortkommen des angeblichen                 Wohlstands hinderlichen und daher gewisserma\u00dfen l\u00e4cherlichen Randerscheinung                 werden.<\/p>\n<p>Zwar werden solche Qualit\u00e4ten im Arbeitsprozess durchaus gebraucht                 und vernutzt, sie dienen aber darin allein der Beschaffung von                 abstraktem Reichtum und stehen mithin voll und ganz im Dienste                 des Fetischverh\u00e4ltnisses. Von ihrem emanzipativen Charakter bleibt                 dabei nichts \u00fcbrig. <\/p>\n<p><i>Mitten unter den standardisierten und verwalteten Menscheneinheiten                 west das Individuum fort. Es steht sogar unter Schutz und gewinnt                 Monopolwert. Aber es ist in Wahrheit blo\u00df noch die Funktion seiner                 eigenen Einzigkeit, ein Ausstellungsst\u00fcck wie die Mi\u00dfgeburten,                 welche einstmals von Kindern bestaunt und belacht wurden. <\/i>(a.a.O.)<\/p>\n<p>Das ins &#8222;Private&#8220; ausgegrenzte existiert nur noch als Hobby im                 f\u00fcr die Reproduktion irrelevanten Spa\u00dfsegment, das von der Kulturindustrie                 unterhalten wird oder als funktioneller Bestandteil des so genannten                 Humankapitals: &#8222;Da es keine selbst\u00e4ndige \u00f6konomische Existenz                 mehr f\u00fchrt, ger\u00e4t sein Charakter in Widerspruch mit seiner objektiven                 gesellschaftlichen Rolle.&#8220; (a.a.O.)<\/p>\n<p>Um das Kapitalverh\u00e4ltnis zu \u00fcberwinden, muss nicht eine \u00f6konomische                 Alternative ausgearbeitet werden, sondern das Solidarische, das,                 wenn man so will Menschliche zum Prinzip der Organisation der                 Reproduktionst\u00e4tigkeit gemacht werden. <\/p>\n<p>Anders gesagt: Nicht eine Wirtschaftsweise muss \u00fcberwunden werden,                 weil, wie gesehen, der Kapitalismus im Grunde gar keine Wirtschaftsweise                 ist, sondern das Fetischverh\u00e4ltnis, das sich \u00fcber die Produktion                 von abstraktem Reichtum, dargestellt im Geldmedium realisiert.<\/p>\n<p><i>Welt<\/i>-Journalist Gersemann kann sich das nicht vorstellen,                 zeigt stattdessen autorit\u00e4ren Charakter und ruft nach dem Erl\u00f6ser,                 den es schlechterdings nicht geben kann: &#8222;Kapitalismuskritiker                 gibt es viele &#8211; doch wo ist der Intellektuelle, dem zuzutrauen                 w\u00e4re, eine koh\u00e4rente nicht kapitalistische Wirtschaftsordnung                 zumindest im Modell zu entwerfen?&#8220; <\/p>\n<p>So also stellt man sich gesellschaftliche Umbr\u00fcche in <i>Springer<\/i>-B\u00fcros                 vor: Ein intellektueller Tausendsassa muss kommen, ein Modell                 entwerfen, am besten mit sch\u00f6ner Powerpoint-Pr\u00e4sentation und Mindmap                 am Flipchart. <\/p>\n<p>Menschen, die gerade unter dem Diktat der kapitalistischen &#8222;Selbstverantwortung&#8220;                 jeder Selbstbestimmung \u00fcber das eigene Leben beraubt und eigentlich                 selber nichts mehr sind, fragen<\/p>\n<p>unvermeidlich nach einem &#8222;Rezept&#8220;, wenn sie sich der Ausweglosigkeit                 ihrer Daseinsweise \u00fcberf\u00fchrt sehen. Damit beweisen sie nur, da\u00df                 sie selbst die \u00dcberwindung des Kapitalismus noch in<\/p>\n<p>kapitalistische Kategorien einbannen wollen. Denn ein &#8222;Rezept&#8220;                 setzt bereits voraus, da\u00df die anzustrebende Selbstbestimmung nach                 vorgefertigten Mustern einer \u00e4u\u00dferlichen Instanz abzulaufen hat,                 also sich selber dementiert. Was sich angeben l\u00e4\u00dft, sind nicht                 &#8222;Rezepte&#8220; nach einem sozialen Baukastensystem (das w\u00e4re nichts                 als Sozialtechnologie, die ihren Ort nur im Kapitalismus haben<\/p>\n<p>kann), sondern vielmehr Kriterien der Emanzipation. <\/p>\n<p>Die &#8222;b\u00f6se Horizontale&#8220; f\u00e4ngt nicht mit dem<\/p>\n<p><i>Abspulen eines vorgedachten Programms an, sondern mit der                 sozialen Rebellion gegen die unversch\u00e4mten Zumutungen von &#8222;Marktwirtschaft                 und Demokratie&#8220;.<\/i> (R. Kurz)<\/p>\n<p>Die Emanzipation von den &#8222;Zumutungen&#8220; kann, daf\u00fcr braucht es                 nicht einmal dialektisches Verst\u00e4ndnis, weil es eine pure Tautologie                 ist, nur emanzipatorisch sein.<\/p>\n<p>Innerhalb des Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisses vom Kapital wird das                 nicht vonstatten gehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Genauso untauglich wie &#8222;eine Diktatur des Proletariats&#8220;, ein                 &#8222;Marsch durch die Institutionen&#8220; oder das haarstr\u00e4ubende Vorhaben                 der RAF, durch Ermordung einzelner Funktionstr\u00e4ger und Anschl\u00e4ge                 auf symboltr\u00e4chtige Einrichtungen einen Bewusstseinseffekt beim                 kapitalistisch deformierten Spie\u00dfb\u00fcrger zu erzielen, sind folkloristische                 Vorstellungen von Subsistenzwirtschaften oder Schenk\u00f6konomien.<\/p>\n<p>Es m\u00fcsste stattdessen die Negation des Finanzierbarkeitsvorbehalts                 in den Mittelpunkt von Protestaktionen und emanzipatorischen Bewegungen                 r\u00fccken. Wo immer Ressourcen nicht genutzt werden, stofflicher                 Reichtum nicht dahin gelangt, wo er ben\u00f6tigt wird oder Produktion                 stattfindet, die Ressourcen bindet ohne an der konkreten Bed\u00fcrfnisstruktur                 der Menschen ausgerichtet zu sein, m\u00fcsste eine antikapitalistische                 Bewegung aktiv werden. <\/p>\n<p><i>Ob Wohnungen gebaut, Krankenh\u00e4user betrieben, Nahrungsmittel                 produziert oder Bahnlinien unterhalten werden, darf nicht davon                 abh\u00e4ngen, ob die n\u00f6tige &#8218;Kaufkraft&#8216; vorhanden ist. Kriterium daf\u00fcr                 kann einzig und allein die Befriedigung konkreter Bed\u00fcrfnisse                 sein. (\u2026) Wenn Ressourcen stillgelegt werden sollen, weil &#8218;das                 Geld fehlt&#8216;, m\u00fcssen diese eben angeeignet und in bewusster Frontalstellung                 gegen die fetischistische Logik der modernen Warenproduktion transformiert                 und betrieben werden<\/i>. (Lohoff\/Trenkle)<\/p>\n<p>Basisdemokratische Grundstrukturen w\u00e4ren konstitutiv, vorstellbar                 w\u00e4ren R\u00e4te- oder Delegiertenkongresse, an welche \u00fcbergreifende                 Entscheidungen abgegeben werden k\u00f6nnen. Dies kann aber im Vorhinein                 nicht als Masterplan ausgearbeitet werden. <\/p>\n<p>Das Wie der Organisation von Menschen, die \u00fcber die sie betreffenden                 existenziellen Fragen bewusst, solidarisch und kooperativ entscheiden,                 wird sich nur in genau dem gleichen Aushandlungsprozess vollziehen                 k\u00f6nnen, der auch f\u00fcr die Bereiche der Partizipation, arbeitsteilige                 Produktion und Verteilung konstitutiv sein m\u00fcsste. Der konkrete                 Verlauf eines solchen radikalen, emanzipatorischen Prozesses ist                 unm\u00f6glich absehbar und daher auch nicht modellhaft zu planen.<\/p>\n<p>Eine modellhafte, mechanistische Vorstellung gesellschaftlicher                 Prozesse, die dem Wesen der Kapitalverwertung entspricht und die                 der kapitalistische Mensch verinnerlicht hat, wird dann auch das                 gr\u00f6\u00dfte Hindernis sein bei der Formierung einer relevanten Bewegung.<\/p>\n<p>Wo immer mehr produziert wird oder werden kann, daf\u00fcr aber immer                 weniger menschliche Arbeit gebraucht wird, verlieren die Produkte                 unweigerlich an Wert. Die Maschinen k\u00f6nnen die von ihnen hergestellten                 Produkte nicht kaufen, f\u00fcr sie sind diese &#8222;wertlos&#8220;. Massenhaft                 G\u00fcter f\u00fcr Menschen zu produzieren, die nur 8 Euro am Tag ausgeben                 k\u00f6nnen, entzieht den Unternehmen andererseits die Profit-M\u00f6glichkeiten,                 Lohnerh\u00f6hungen hingegen werden von der Konkurrenzsituation auf                 dem Markt sofort gnadenlos bestraft. <\/p>\n<p>Wo aber keine Rendite zu erwarten ist, wird nicht investiert.                 Mit einem Wort: Die wertbasierte Produktionsweise wird nicht aufrechtzuerhalten                 sein. Nur durch Monopolisierung und das Auft\u00fcrmen von Schuldenbergen                 kann wirtschaftliche Aktivit\u00e4t heute noch in Gang gesetzt werden.<\/p>\n<p>&#8222;Wenn diese Bombe eines Tages hochgeht und derzeit sehe ich weit                 und breit keinen Staatsmann\/Staatsfrau von Format, der in die                 richtige Richtung schreitet, dann k\u00f6nnen Sie Ihre Sicht-, Termin-                 und Spareinlagen, welche die Deutschen noch immer mehrheitlich                 halten, abschreiben. Wenn das zusammenbricht, wird noch kein so                 hochheiliger Treueschwur von Merkel und\/oder Steinbr\u00fcck mehr helfen&#8220;,                 schreibt Norbert Lohrke, Gr\u00fcnder und Vorstand der <i>Globalyze                 Invest AG<\/i>, einer Anlageberatungsfirma, an seine Kunden und                 dokumentiert damit, dass die Kapitalseite durchaus wei\u00df, wo sie                 steht: &#8222;Am Abgrund&#8220;, so der Titel von Lohrkes Kommentar.<\/p>\n<p>Und so trifft <i>Welt<\/i>-Autor Gersemann mit einem Satz doch                 noch den Nagel auf den Kopf: &#8222;Das Ende der Wirtschaftsgeschichte                 ist wohl noch nicht erreicht.&#8220; <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dazu darf man getrost die 900 Millionen Menschen rechnen, die mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen m\u00fcssen, obwohl sie nicht als arbeitslos gelten, womit wir dann bei etwa 1,1 Milliarden Menschen ohne wohlstandswirksame Arbeit w\u00e4ren. &#8222;In der Wissenschaft, in der wirklichen Welt: Nach langem &#8222;trial and error&#8220; hat sich der Kapitalismus durchgesetzt&#8220;, kommentiert &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/12\/kapitalismus-sonst-nichts\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Kapitalismus - sonst nichts? - graswurzelrevolution","description":"Dazu darf man getrost die 900 Millionen Menschen rechnen, die mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen m\u00fcssen, obwohl sie nicht als arbeitslos gelten, womit"},"footnotes":""},"categories":[646,1026,1042],"tags":[],"class_list":["post-11706","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-374-dezember-2012","category-geld-oder-leben","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11706","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11706"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11706\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11706"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11706"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11706"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}