{"id":1172,"date":"1997-05-01T00:00:55","date_gmt":"1997-04-30T22:00:55","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1172"},"modified":"2022-07-26T14:17:06","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:06","slug":"anarchismus-und-stadtische-tradition","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/05\/anarchismus-und-stadtische-tradition\/","title":{"rendered":"Anarchismus und st\u00e4dtische Tradition"},"content":{"rendered":"<p>Anarchistische Blaupausen und Utopien sollten mit einer gedruckten Warnung versehen werden: n\u00e4mlich da\u00df die beschriebene utopische Version nur die des\/der AutorIn bzw. AutorInnen ist und es sich dabei nur um eine Beschreibung der eigenen Ansichten handelt. Alles andere w\u00e4re eine Ignorierung der anarchistischen Tradition von pers\u00f6nlicher Freiheit und Spontanit\u00e4t.<\/p>\n<p>Primitivistische AnarchistInnen, in Gro\u00dfbritannien z.B. durch die Zeitschrift <cite>Green Anarchist<\/cite> repr\u00e4sentiert, haben einige verwirrende Erkl\u00e4rungen ver\u00f6ffentlicht, wie z.B. der Ruf von <cite>Green Anarchist<\/cite> nach der &#8218;Zerst\u00f6rung der Zivilisation&#8216; und die Behauptung, da\u00df Anarchismus in St\u00e4dten nicht funktionieren kann.<\/p>\n<p>Die meisten von uns akzeptieren, da\u00df die derzeitigen unerme\u00dflichen urbanen Stadtlandschaften und Metropolen keine Beispiele f\u00fcr dezentralisierte anarchistische Gemeinschaften darstellen. Dennoch: die meisten von der primitivistischen Position ausgehenden Argumente zentrieren sich um die Definitionen dessen, was &#8218;Zivilisation&#8216; oder &#8218;Stadt&#8216; ausmacht. Diese Konzepte k\u00f6nnen auch heute noch eine Vision einer menschlichen, dezentralisierten, im wesentlichen anarchistischen Gesellschaft transportieren, trotz der modernen Probleme, die aus der Gr\u00f6\u00dfe, Umweltverschmutzung usw. resultieren. Sie sind zu n\u00fctzlich, um sie so einfach \u00fcber Bord zu werfen.<\/p>\n<h3>Stadttradition in Griechenland<\/h3>\n<p>In den griechischen Stadtstaaten der klassischen hellenistischen Periode waren die St\u00e4dte wesentlich kleiner als heutzutage. Aristoteles schrieb in &#8218;\u00dcber Politik&#8216;:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Um Entscheidungen in Fragen des Rechtes oder f\u00fcr die Verteilung von \u00c4mtern &#8230; zu treffen ist es notwendig, da\u00df sich die B\u00fcrger gegenseitig kennen und wissen, um was f\u00fcr einen Menschen es sich handelt.&#8220; (Aristoteles, \u00dcbersetzung aus dem englischen).<\/p><\/blockquote>\n<p>Das beinhaltet eine sehr geringe Stadtbev\u00f6lkerung. Eine andere Tradition der hellenistischen Zeit sagte, da\u00df eine Stadt nicht gr\u00f6\u00dfer sein sollte, als das man einen Mann, der im Stadtzentrum um Hilfe schreit, an den \u00e4u\u00dferen Grenzen der Stadt h\u00f6ren k\u00f6nne. Auch das bedeutet eine im Vergleich zu den modernen St\u00e4dten geringe Gr\u00f6\u00dfe und EinwohnerInnenzahl. Auch wenn diese Beispiele von kleinen St\u00e4dten von Sklaverei, ungleichen sexuellen, sozialen und politischen Rechten beeintr\u00e4chtigt waren, so wurden Aspekte der athen\u00e4ischen direkten Demokratie von bekannten anarchistischen AutorInnen wie Murray Bookchin zur Unterst\u00fctzung der anarchistischen politischen Theorie zitiert:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die Rotation ziviler, berufsbezogener und fachlicher Verantwortlichkeiten w\u00fcrde im Sein des Indiviuums die Sinne stimulieren, neue Dimensionen der Selbstverwirklichung schaffen und abrunden. In einer vollkommenen Gesellschaft k\u00f6nnten wir hoffen vollkommene Menschen zu schaffen; in einer runden Gesellschaft, runde Menschen. In der westlichen Welt haben die Athener, trotz all ihrer M\u00e4ngel und Grenzen, die ersten, die uns eine Vorstellung von dieser Vollkommenheit gegeben haben.&#8220; (Murray Bookchin, Post-Scarcity Anarchism)<\/p><\/blockquote>\n<p>Insbesondere das vorstehende Zitat von Bookchin stellt die griechische Tradition der Suche nach der Schaffung einer runden menschlichen Pers\u00f6nlichkeit heraus. Bookchin stellte au\u00dferdem heraus, da\u00df die Beteiligung an der zivilen Tradition der Selbstregierung dieser st\u00e4dtischen Gesellschaften als Teil des pers\u00f6nlichen Entwicklungsprozesses angesehen wurde.<\/p>\n<p>Die Schaffung individuell selbstbewu\u00dfter, sozial und in der Verwaltung ihrer Angelegenheiten aktiver B\u00fcrgerInnen in einer gemischten und offenen Gesellschaft ist mit Sicherheit Teil des heutigen anarchistischen Projektes. Wir sind keine moderne anarchistische Version von Pol Pot, die versucht, die St\u00e4dte der entwickelten Welt in autorit\u00e4ren Verwirklichung unserer utopischen Blaupause zu leeren. Um David Bouchier in &#8218;Social Anarchism&#8216; zu zitieren:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die moderne Welt wird nicht verschwinden, und kann nicht dadurch umgangen werden, da\u00df man Solarkocher aus alten \u00d6lf\u00e4ssern herstellt. Radikale m\u00fcssen die Kontrolle \u00fcber die moderne Gesellschaft \u00fcbernehmen, und nicht in eine nostalgische Lyrik f\u00fcr eine Welt verfallen, die wir verloren haben.&#8220; (David Bouchier: Hard Questions for Citizen Radicals, in Social Anarchism Nr. 15, 1990)<\/p><\/blockquote>\n<p>Trotz der Begrenztheiten m\u00fcssen wir uns der positiven Aspekte der griechischen Tradition der Stadtstaaten mit menschlicher Gr\u00f6\u00dfe erinnern. Solche St\u00e4dte hatten sowohl philosophische Schulen als auch Marktpl\u00e4tze, sie hatten B\u00fcchereien und Theater genauso wie Tempel, sie hatten, in den demokratischeren F\u00e4llen, \u00f6ffentliche Versammlungen, wo sich die B\u00fcrger getroffen haben, um Gesetze zu erlassen und \u00fcber Staatsangelegenheiten selbst zu entscheiden. Selbst in einer Zeit der modernen Kommunikations- und Informationstechnologien ist in einer urbanen Umgebung und auf pers\u00f6nlicher Ebene eine solche face-to-face Kommunikation mit unseren n\u00e4chsten Mitmenschen die effektivste Form.<\/p>\n<h3>Kleinst\u00e4dte heute als Ausgangspunkt f\u00fcr Anarchie?<\/h3>\n<p>In einem Buch \u00fcber das moderne Aberystwyth vergleicht J. Lionel Madden, Bibliothekar der National Library of Wales, Aberystwyth mit einem altert\u00fcmlichen griechischen Stadtstaat. In gewisser Hinsicht stimmt das. Aberystwyth, eine Stadt an der K\u00fcste Mittel-Wales&#8216; mit 12 000 EinwohnerInnen, r\u00fchmt sich eines Universit\u00e4tsinstituts, zweier Theater, einer Nationalbibliothek, eines Kinos, einer \u00f6ffentlichen B\u00fccherei, f\u00fcnf Buchl\u00e4den und, unter anderem, eines Kunsthauses. Es hat derzeit nicht die politische Unabh\u00e4ngigkeit und Selbstverwaltung, die die griechischen Stadtstaaten genossen, und es kann seinen Bedarf an Energie, Lebensmittel und G\u00fctern nicht aus den lokalen Ressourcen decken, doch es weist in die Richtung der Art von Gemeinschaft, die wir entwickeln k\u00f6nnten, so da\u00df sie nicht nur ein reicheres, freieres, gleichwertigeres sozialen und Gemeinschaftsleben h\u00e4tte, sondern auch, in der modernen \u00f6kologischen Sprache, &#8217;nachhaltiger&#8216; w\u00e4re. AnarchistInnen und \u00f6kologische AktivistInnen w\u00fcrden nat\u00fcrlich gerne wesentlich mehr Ver\u00e4nderungen und soziale Neuerungen an einem solchen Ort sehen, bevor sie zufriedengestellt sind, doch Aberystwyth und andere St\u00e4dte \u00e4hnlicher Gr\u00f6\u00dfe sind reale Gemeinschaften, die heute existieren. Sie sind kein utopischer Traum.<\/p>\n<p>Anstatt unsere St\u00e4dte zu zerst\u00f6ren oder in unserer Eitelkeit auf die unwahrscheinliche Apokalypse zu warten, die Staat und Kapitalismus auf einen Schlag zum Verschwinden bringt, ist es ein positiveres Projekt die sozialen und kommunit\u00e4ren Neuerungen aufzubauen, die jetzt zu einer libert\u00e4reren Gesellschaft f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In seinem Buch &#8218;Welcome Thinner City&#8216; betrachtet Colin Ward die Dezentralisierung und \u00d6kologisierung der St\u00e4dte als einen Weg nach vorne. Als regelm\u00e4\u00dfiger Autor anarchistischer Zeitschriften seit 1940 schreibt Ward in der Tradition von Kropotkin, William Morris und des Stadtplaners Patrick Geddes. Ward betrachtet direkt-demokratische Traditionen in verschiedenen sozialen Erscheinungsformen und Bewegungen wie den mittelalterlichen Gilden, der Gartenstadtbewegung des viktorianischen und edwardianischen Englands, der Bewegung des Gildensozialismus u.a., um m\u00f6gliche L\u00f6sungen f\u00fcr die modernen Probleme der Stadt und des l\u00e4ndlichen Raumes zu finden. Wards bekanntes Buch &#8218;Anarchy in Action&#8216; stellt M\u00f6glichkeiten f\u00fcr anarchistische Neuerungen und Herangehensweisen f\u00fcr ein weites Feld moderner Probleme heraus: Wohnen, Arbeit und Besch\u00e4ftigung, Gemeinschaftsleben, Verkehr, F\u00f6deralismus, Wohlfahrt, Dezentralisierung etc.<\/p>\n<p>AnarchistInnen bietet sich ein weites Feld von M\u00f6glichkeiten, die helfen k\u00f6nnen, eine offene, direkt- demoktatische und pluralistische Gesellschaft zu schaffen. Solche Initiativen sind z.B. ArbeiterInnen- und Wohnungs- Kooperativen, selbstverwaltete Betriebe, Betriebs- und Nachbarschaftsversammlungen, Kreditgenossenschaften, Tauschringe, lokale Lebensmittelproduktion, lokale Betriebe, die F\u00f6rderung von \u00f6ffentlichen Verkehrsalternativen zum Auto. Eine solche Gesellschaft w\u00fcrde sowohl l\u00e4ndliche als auch st\u00e4dtische Siedlungen umfassen. Die Liste ist endlos und nur durch unsere Vorstellungskraft begrenzt. Der grundlegende Punkt ist, da\u00df wir, um f\u00fcr Anarchie zu arbeiten, weder unserer St\u00e4dte noch unsere Zivilisation zerst\u00f6ren m\u00fcssen, sondern jetzt damit beginnen k\u00f6nnen, um sie zu erreichen. Die anarchistische Revolution ist ein Proze\u00df, nicht ein geschichtliches Ereignis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anarchistische Blaupausen und Utopien sollten mit einer gedruckten Warnung versehen werden: n\u00e4mlich da\u00df die beschriebene utopische Version nur die des\/der AutorIn bzw. AutorInnen ist und es sich dabei nur um eine Beschreibung der eigenen Ansichten handelt. Alles andere w\u00e4re eine Ignorierung der anarchistischen Tradition von pers\u00f6nlicher Freiheit und Spontanit\u00e4t. 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