{"id":11720,"date":"2012-12-09T15:30:14","date_gmt":"2012-12-09T13:30:14","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11720"},"modified":"2022-07-26T14:12:16","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:16","slug":"sich-der-geschichte-stellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/12\/sich-der-geschichte-stellen\/","title":{"rendered":"Sich der Geschichte stellen!"},"content":{"rendered":"<p>Er begr\u00fcndet diesen &#8222;Luxus&#8220; wie folgt: Als Libert\u00e4rer habe er &#8222;keinerlei Interesse, die Wahrheit zu verraten, keinerlei Grund, ein &#8218;geschminktes&#8216; Bild der Realit\u00e4t zu zeichnen&#8220;, er interessiere &#8222;sich weder f\u00fcr die Macht noch f\u00fcr eine f\u00fchrende Position&#8220;, habe &#8222;kein Interesse an Privilegien und auch nicht an dem Triumph einer Doktrin &#8218;um jeden Preis'&#8220;. Einzig &#8222;um die Feststellung der Wahrheit, denn nur die Wahrheit ist fruchtbar.&#8220;<\/p>\n<p>Das h\u00f6rt sich wunderbar an und es w\u00e4re zu sch\u00f6n, wenn man als Libert\u00e4rer so erhaben \u00fcber den Dingen schweben w\u00fcrde. Nun ist die Sache so einfach nicht und da sollte man sich nichts vormachen. Auch und vielleicht besonders &#8222;unter uns&#8220; gibt es Kampf um Deutungshoheit &#8211; man denke an die Auseinandersetzung zwischen Nelles\/D\u00f6hring (GWR 362); und gibt es f\u00fcr meine Begriffe kaum nachvollziehbar drastische Reaktionen auf einem nicht genehme Positionen und Thesen. Wenn beispielweise im Diskussionsforum auf <em>syndikalismus.tk<\/em> zum Boykott gegen den Unrast Verlag aufgerufen wird oder vom &#8222;finsterste[n] reaktion\u00e4re[n] Pfaffengebiet&#8220; die Rede ist, weil dort ein von mir herausgegebener Sammelband mit einem Aufsatz von Michael Seidman publiziert wurde, kann man sich schon wundern.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde beispielsweise nicht mal im Traum darauf kommen \u00f6ffentlich zum Boykott des PapyRossa-Verlags aufzurufen, wenngleich dieser eine wirklich abgr\u00fcndige Stalin-Biographie von Domenico Losurdo ver\u00f6ffentlicht hat.<\/p>\n<p>Es gibt einen Satz von Bakunin, \u00fcber den ich, obwohl er so simpel ist, lange nachdenken musste und der meines Erachtens zu seinen wichtigsten geh\u00f6rt. &#8222;Es ist leicht m\u00f6glich&#8220;, schreibt er 1872, &#8222;da\u00df Marx sich <em>theoretisch<\/em> zu einem noch rationelleren System der Freiheit erheben kann als Proudhon, aber Proudhons Instinkt fehlt ihm&#8220;.<\/p>\n<p>Mir geht es dabei nicht um Bakunins Interpretation von Marx und Proudhon, sondern was Bakunin hier mit dem nicht unproblematischen Begriff des &#8222;Instinktes&#8220; in Abgrenzung zum Theoretischen ins Feld f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Vielleicht sollte man eher von einer &#8222;Haltung&#8220; oder &#8211; f\u00fcr FoucaultfreundInnen &#8211; einer Form der &#8222;\u00c4sthetik der Existenz&#8220; sprechen. Denn: Was letztlich die AnarchistInnen ausmachen sollte ist genau jene freiheitliche Haltung, die sich gerade dann beweisen muss, wenn es \u00e4rgerlich und ungem\u00fctlich wird. Denn bei Sonnenschein sind wir alle meist freundlich, aber wer von uns ist so vermessen, sich als einen Melchor Rodr\u00edguez Garc\u00eda (vgl. GWR 346) zu imaginieren?<\/p>\n<p>Anders als Garc\u00eda befinden wir uns gl\u00fccklicherweise (noch) nicht im B\u00fcrgerkrieg und haben es deshalb eigentlich verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig leicht, uns eine libert\u00e4re Haltung zu g\u00f6nnen. Und zu dieser geh\u00f6rt meines Erachtens, dass wir die Stimmen und die Kritik der Anderen wahr- und ernstnehmen. Das bedeutet auch, eine Konfliktkultur zu kultivieren, bei der nicht alles pers\u00f6nlich genommen wird, und wo man nicht &#8211; ganz KP-Mentalit\u00e4t &#8211; die Geborgenheit der &#8222;Partei&#8220;-Familie aufs Spiel setzt, wenn man mal abweichende Positionen vertritt.<\/p>\n<p>Als Schreibtischhausmann und unproletarischer Feierabend-Akademiker denke ich hierbei vor allem an Auseinandersetzungen mit B\u00fcchern. <em>Gegen die Arbeit<\/em> von Michael Seidman mit seiner Kritik an der CNT-Politik, Felix Schnells Abhandlung \u00fcber <em>Gewalt und Gruppenmilitanz in der Ukraine 1905-1933<\/em>, in der Machno als ein, den Bolschewisten im Grunde gleichender, Warlord erscheint: &#8222;Die sowjetische Geschichtsschreibung stellte Machno als gewissenlosen Banditen und Konterrevolution\u00e4r dar und \u00fcbersah dabei gerne, wie viel er im Grunde mit der Revolution zu tun hatte, ja dass er in gewisser Weise aus demselben Holz geschnitzt war wie die Bolschewiki, die im B\u00fcrgerkrieg und dann sp\u00e4ter bei der Kollektivierung die Sowjetmacht behaupteten und die sowjetische Staatsbildung durchsetzten&#8220;; oder schlie\u00dflich Martin Baxmeyers beeindruckendes Buch \u00fcber <em>Die anarchistische Literatur des B\u00fcrgerkriegs (1936-1939) und ihr Spanienbild<\/em>, dessen Hauptthese folgenderma\u00dfen lautet: &#8222;Die anarchistische B\u00fcrgerkriegsliteratur war <em>nicht<\/em> die Verwirklichung der kulturellen Utopie der Anarchisten im Sinne einer neuartigen, freien und kollektiven Praxis, die anarchistische Ideologeme aktualisierte, gestaltete und zu verbreiten half.<\/p>\n<p>Zwar ver\u00e4nderten sich w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs in der Tat die literarischen Produktions- und Rezeptionsbedingungen.<\/p>\n<p>Inhaltlich und formal jedoch entfernte sich die libert\u00e4re B\u00fcrgerkriegsliteratur in signifikanter Weise von ihren ideologischen &#8218;Wurzeln&#8216;. Sie n\u00e4herte sich stattdessen der profranquistischen B\u00fcrgerkriegsliteratur an, aktualisierte nationalistische, kolonialistische und sogar rassistische Theoreme und schuf ihren eigenen Spanienmythos.&#8220;<\/p>\n<h3>Wie soll man auf all diese Texte reagieren?<\/h3>\n<p>Soll man sich schmollend in die Ecke legen oder reagieren wie die StalinistInnen seinerzeit auf Solschenizyn: mit Verleumdung? Das w\u00e4re lachhaft und w\u00fcrde nur jenen Recht geben, die, wie seinerzeit Marx und Engels, meinen, dass der Anarchismus eine &#8222;Sekte&#8220; oder eine &#8222;hanswurstische Karikatur&#8220; sei. Nein, man muss all diese Darstellungen und Thesen n\u00fcchtern diskutieren, kritisieren oder auch anerkennen. Jens Kastner hat in einem Gespr\u00e4ch mit mir zu Seidman und Baxmeyer erkl\u00e4rt: &#8222;Diese B\u00fccher sind gerade da besonders stark, wo sie politisch am frustrierendsten sind.&#8220;<\/p>\n<p>Und genau darum geht es: Man sollte solche Arbeiten als Herausforderung begreifen, als wichtige Wegweiser aus einer anarchistischen Phantasiewelt, als notwendige Demystifizierungen, an denen wir alle mit unseren Mitteln teilnehmen sollten. Kein Mensch l\u00e4sst sich von angeblich unfehlbaren Helden und Heldinnen beeindrucken und die, welche das n\u00f6tig haben, sind wohl beim KIKA besser aufgehoben.<\/p>\n<p>Diese notwendige Auseinandersetzung beinhaltet aber auch, dass es nicht angehen kann alles Vergangene, sofern es den eigenen Vorstellungen von Anarchismus nicht passt, kurzerhand als unanarchistisch beiseite zu schieben und somit dasselbe Spiel zu spielen, wie jene unerm\u00fcdlichen BeweisastronautInnen, nach denen Marx nicht Engels nicht Lenin nicht Stalin nicht Mao usw. usf. ist und man am Ende nichts weiter serviert bekommt als einen &#8222;reinen Marx&#8220; auf der einen und eine &#8222;b\u00f6se Geschichte des Marxismus&#8220; auf der anderen Seite; in der gewaltfrei-libert\u00e4ren Variante: die &#8222;wunderbaren TolstoianerInnen&#8220; auf der einen und der &#8222;barbarische Rest&#8220; auf der anderen.<\/p>\n<p>Im kritischen Marxismus ist man da oft schon weiter, wenn man bedenkt, wie ernsthaft dort selbst Marx, zumindest ab und an, kritisch diskutiert wurde und wird.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re deshalb nicht zuletzt ein Armutszeugnis sondergleichen, wenn der (kritische) Marxismus uns in Sachen Selbstreflexion davonl\u00e4uft und uns als H\u00fcterInnen eines Erbes zur\u00fcckl\u00e4sst, dessen Darstellung nur durch eines besticht: Ignoranz gegen\u00fcber dem eigenen Elend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er begr\u00fcndet diesen &#8222;Luxus&#8220; wie folgt: Als Libert\u00e4rer habe er &#8222;keinerlei Interesse, die Wahrheit zu verraten, keinerlei Grund, ein &#8218;geschminktes&#8216; Bild der Realit\u00e4t zu zeichnen&#8220;, er interessiere &#8222;sich weder f\u00fcr die Macht noch f\u00fcr eine f\u00fchrende Position&#8220;, habe &#8222;kein Interesse an Privilegien und auch nicht an dem Triumph einer Doktrin &#8218;um jeden Preis&#8217;&#8220;. 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