{"id":11782,"date":"2013-01-01T00:00:31","date_gmt":"2012-12-31T22:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11782"},"modified":"2022-07-26T14:12:16","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:16","slug":"die-mitmach-falle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/01\/die-mitmach-falle\/","title":{"rendered":"Die Mitmach-Falle"},"content":{"rendered":"<p>In einem Punkt hat Christoph Besemer recht: Mediation ist nicht                 per se bewegungsfeindlich. Ganz im Gegenteil: Immer wenn es mit                 der Hilfe erfahrener Mediatoren gelingt, innerhalb der oft bunt                 und widerspr\u00fcchlich zusammengesetzten und daher auch leicht zerbrechlichen                 Bewegungsb\u00fcndnisse einvernehmliche L\u00f6sungen f\u00fcr Konflikte zu finden,                 leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Bildung einer Gegenmacht,                 st\u00e4rkt die politische Handlungsf\u00e4higkeit von unten. <\/p>\n<p>Fraglich ist jedoch, inwieweit sich die Werkstatt f\u00fcr Gewaltfreie                 Aktion Baden dieser wichtigen Aufgabe noch verpflichtet f\u00fchlt.                 Denn als sie sich, wie Besalino in der vorletzten Ausgabe der                 Graswurzelrevolution in seinem Text <a href=\"\/373\/s21.shtml\">&#8222;Trick                 17 mit Selbst\u00fcberlistung&#8220;<\/a> (Seite 10\/11) berichtete, im April                 2012 mit der Heinrich B\u00f6ll Stiftung zusammentat, um im Stuttgarter                 Rathaus \u00fcber Politische Mediation zu debattieren, hat sie damit                 nicht die sozialen Bewegungen unterst\u00fctzt, sondern tatkr\u00e4ftig                 und willf\u00e4hrig an ihrer staatlichen Vereinnahmung mitgewirkt.                 Denn &#8222;Mediation&#8220; in dem oben beschriebenen Sinne und &#8222;Politische                 Mediation&#8220;, wie sie sich heute etabliert hat, sind zwei ganz verschiedene                 Paar Schuhe. Genauer gesagt: Die &#8222;Politische Mediation&#8220; bezweckt                 das genaue Gegenteil von dem, was sich soziale Bewegungen von                 internen Mediationsverfahren erhoffen d\u00fcrfen. Nicht um die St\u00e4rkung,                 sondern um die Schw\u00e4chung systemkritischer Kr\u00e4fte geht es ihr.               <\/p>\n<p>Michael Wilk hat bereits vor fast f\u00fcnfzehn Jahren begonnen, wichtige                 Beitr\u00e4ge zu diesem Thema zu publizieren, die leider nicht in ausreichendem                 Ma\u00dfe zur Kenntnis genommen wurden. ((1))               <\/p>\n<p>Umso erfreulicher ist es, dass er seine politischen Erfahrungen                 und seine Erkenntnisse zur Theorie und Praxis der Politischen                 Mediation heute erneut in die Debatte einbringt.<\/p>\n<p>Allerdings bezieht sich der theoretische Teil seiner Kritik in                 seinem Artikel <a href=\"\/374\/s21.shtml\">&#8222;Stuttgart 21 &#8211; ein Lehrst\u00fcck&#8220;<\/a>                 (GWR 374, Seite 10f) auf Texte, die noch aus den achtziger und                 neunziger Jahren stammen. <\/p>\n<p>Sie dokumentieren eine historische Phase, in der die Implementierung                 der Politischen Mediation als Teil einer neoliberalen Herrschaftsstrategie                 hierzulande noch am Anfang stand.<\/p>\n<p>Zieht man neuere Publikationen aus diesem Forschungszweig zu                 Rate, der zugleich ein expandierendes und staatlich gef\u00f6rdertes                 Gesch\u00e4ftsfeld f\u00fcr Befriedungsspezialisten ist, werden die von                 Wilk in wesentlichen Z\u00fcgen bereits herausgearbeiteten Merkmale                 der Politischen Mediation vielleicht noch deutlicher.<\/p>\n<h3>Verhinderung von Gegenmacht<\/h3>\n<p>Der Kritik an der Politischen Mediation wird gerne der Einwand                 entgegen gehalten, dass es ab irgendeinem Zeitpunkt der Auseinandersetzung                 zwischen sozialen Bewegungen und ihren jeweiligen Gegnern doch                 zu Verhandlungen kommen m\u00fcsse, wenn man sich nicht gegenseitig                 die K\u00f6pfe einschlagen wolle. <\/p>\n<p>Das ist im Prinzip richtig. Manch einer k\u00f6nnte daher auf den                 Gedanken kommen, dass es sich bei der Politischen Mediation zwar                 vielleicht nicht gerade um eine bewegungsf\u00f6rderliche, aber doch                 zumindest eine &#8222;neutrale&#8220;, eine irgendwie \u00fcber oder neben den                 Interessen der Kontrahenten stehende Veranstaltung handelte. <\/p>\n<p>Diese Annahme, die den Erwerbsinteressen von professionellen                 Mediatoren entgegenkommt, ist jedoch falsch. Denn ihre Methoden,                 so menschenfreundlich sie auch ausgestaltet sein m\u00f6gen, sind zun\u00e4chst                 vor allem Mittel zum Ziel, nicht schon das Ziel selbst. <\/p>\n<p>In anarchistischen Kreisen wird immer wieder darauf hingewiesen,                 dass Versuche, hehre politische Ziele, mit Gewalt herbeizuf\u00fchren,                 zum Scheitern verurteilt seien. <\/p>\n<p>Falls das stimmen sollte, bedeutet das jedoch umgekehrt l\u00e4ngst                 noch nicht, dass gewaltfreie Mittel ihrerseits automatisch den                 Weg in eine herrschaftsfreie Gesellschaft bereiteten.<\/p>\n<p>Denn tats\u00e4chlich st\u00fctzt sich Herrschaft nie ausschlie\u00dflich auf                 Zwang, sondern sucht in der Regel die Zustimmung der Beherrschten                 zu erreichen. <\/p>\n<p>Ihre Strategen sind deshalb immer darauf aus, den sozialen Bewegungen,                 den fortschrittlichen Kr\u00e4ften in der Gesellschaft entsprechende                 Methoden zu entwenden. Im Falle der Politischen Mediation will                 man dabei noch gr\u00fcndlicher vorgehen, als es sich beispielsweise                 im Bereich der Tarifauseinandersetzungen zwischen Gewerkschaften                 und Unternehmern l\u00e4ngst eingespielt hat, die insofern als gegl\u00fcckte                 Vereinnahmungsstrategien betrachten werden m\u00fcssen, als die Gewerkschaften                 eine \u00dcberwindung des kapitalistischen Herrschaftssystems in der                 Mehrzahl seit langem nicht mehr anstreben. <\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend es die Kapitalseite in den ritualisierten Arbeitsk\u00e4mpfen                 immerhin mit einem (heute durch Mitgliederverlust stark geschw\u00e4chten)                 Gegen\u00fcber zu tun hat, zielt sie mit der Politischen Mediation                 darauf, die Herausbildung einer ernst zu nehmenden Organisationsmacht                 ihrer GegnerInnen in einem m\u00f6glichst fr\u00fchen Stadium zu verhindern.               <\/p>\n<p>&#8222;Wer die B\u00fcrger fr\u00fch einbindet, bekommt sp\u00e4ter weniger Widerstand&#8220;,                 schrieb Maik Bohne am 28. November 2011 im Handelsblatt<i>. <\/i>Der                 Politikwissenschaftler leitet im Rahmen der Stiftung Neue Verantwortung                 ein interdisziplin\u00e4res Forschungsprojekt, das den \u00fcberaus passenden                 Titel &#8222;Kollaborative Demokratie 21&#8220; tr\u00e4gt. Denn im \u00fcbertragenen                 Sinn handelt es sich beim Gesch\u00e4ft der politischen Mediation ja                 tats\u00e4chlich um die partizipatorisch nur verkleidete &#8222;aktive Unterst\u00fctzung                 einer feindlichen Besatzungsmacht&#8220;, wie es im Fremdw\u00f6rter-Duden                 zum Begriff der &#8222;Kollaboration&#8220; hei\u00dft. <\/p>\n<p>Das Projekt will St\u00e4rken und Schw\u00e4chen bestehender Ans\u00e4tze der                 B\u00fcrgerpartizipation untersuchen und daraus konkrete Handlungsempfehlungen                 f\u00fcr Gesetzgeber, Lokalpolitik, Unternehmer und die sogenannte                 Zivilgesellschaft entwickeln, wie Entscheidungs- und Einbindungsprozesse                 in der Praxis gestaltet werden k\u00f6nnen. Gut vernetzte PolitikberaterInnen                 haben aus der Entwicklung und Durchf\u00fchrung von &#8222;Vermittlungsverfahren                 zur L\u00f6sung eines \u00f6ffentlichen Konflikts&#8220; ((2)),                 sprich: politischer Mediation, ein offensichtlich eintr\u00e4gliches                 Gesch\u00e4ftsfeld gemacht. <\/p>\n<h3>Befriedungsbusiness: die IFOK GmbH<\/h3>\n<p>Als f\u00fchrendes Unternehmen auf diesem Gebiet versteht sich das                 Institut f\u00fcr Organisationskommunikation (IFOK GmbH), mit dem auch                 Maik Bohne als Experte f\u00fcr B\u00fcrgerbeteiligung zusammen arbeitet.                 Das von dem promovierten Biologen, ehemaligen Leiter der Abteilung                 f\u00fcr politische Kommunikation der BASF AG und ehemaligen Pressesprecher                 im Bundesumweltministerium Hans-Peter Meister im Jahr 1995 gegr\u00fcndete                 Beratungsunternehmen hat sich auf die \u00d6ffentlichkeitsarbeit sowie                 die Planung und Umsetzung von B\u00fcrgerbeteiligungsverfahren spezialisiert.<\/p>\n<p>Es ist heute nach eigenen Angaben in dieser Sparte der Marktf\u00fchrer                 mit etwa 100 Besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<p>\u00d6ffentlich in Erscheinung trat das Unternehmen bereits 1998,                 als die hessische Landesregierung ein Mediationsverfahren installierte,                 um f\u00fcr die geplante Erweiterung des Frankfurter Flughafens die                 n\u00f6tige Akzeptanz in der Bev\u00f6lkerung zu beschaffen. <\/p>\n<p>Neben dem Hauptsitz in Bensheim bei Frankfurt am Main unterh\u00e4lt                 IFOK heute weitere B\u00fcros in Berlin, M\u00fcnchen, D\u00fcsseldorf, Br\u00fcssel                 und Boston.<\/p>\n<p>Gesch\u00e4ftsgrundlage ist die Annahme, dass sich Infrastrukturprojekte                 heute nur noch auf der Basis breiter gesellschaftlicher Akzeptanz                 in einem zeitlich und finanziell vertretbaren Rahmen umsetzen                 lassen. Denn wenn die Beteiligung der \u00d6ffentlichkeit zum b\u00fcrokratischen                 Akt degradiert werde, so Meister im Gespr\u00e4ch mit dem Online-Magazin                 PUBLICUS, suche sich der b\u00fcrgerliche Unmut andere Wege: B\u00fcrgerinitiativen                 und Protest. ((3)) <\/p>\n<p>Durch die gemeinsame Kl\u00e4rung der Fakten und die Konsultierung                 vom B\u00fcrgerwissen wird versucht, das gegenseitige Verst\u00e4ndnis von                 Bef\u00fcrwortern und GegnerInnen geplanter Gro\u00dfprojekte zu bef\u00f6rdern.               <\/p>\n<p>Im Laufe des Prozesses entwickeln die Beteiligten ein Gef\u00fchl                 der Gemeinschaft. Auf diese Weise macht eine erfolgreiche Mediation                 &#8222;aus Gegnern Partner, und aus Konflikten macht sie Kooperationen.&#8220;                  ((4))<\/p>\n<p>Besonders emsig an entsprechenden Konzepten gearbeitet hat der                 Politikwissenschaftler, Mediator und IFOK-Mitarbeiter Christopher                 Gohl. <\/p>\n<h3>&#8222;Strategische Dialoge&#8220;<\/h3>\n<p>Er kn\u00fcpft dabei an Erfahrungen an, die er im Auftrag des Unternehmens                 als Projektleiter des Regionalen Dialogforums Flughafen Frankfurt                 gesammelt hat. Daraus entwickelte er eine Strategie der Konfliktbefriedung                 von oben. Durch die &#8222;Verzahnung von strategischer Steuerung und                 modernen Beteiligungsformen&#8220; will er ein Verh\u00e4ltnis von B\u00fcrgern                 und Politikern erreichen, &#8222;in dem die regierten B\u00fcrger mehr Verst\u00e4ndnis                 f\u00fcr die M\u00fchen der Regulierung entwickeln, aber auch die Regierenden                 im Hinblick auf bessere Ergebnisse beraten.&#8220; ((5))               <\/p>\n<p>Gohl empfiehlt, die bereits bestehenden Formate in ein strategisches                 Gesamtkonzept einzubetten, um auf diese Weise die Legitimation                 und die Effizienz &#8222;demokratischer F\u00fchrung und nachhaltiger Regierung&#8220;                  ((6)) zu erh\u00f6hen. Den Rahmen                 daf\u00fcr gibt das &#8222;Modell des organisierten Dialogs&#8220;, in dem f\u00fcr                 Interessengegens\u00e4tze zwischen gesellschaftlichen Gruppen kein                 Platz mehr ist und Politik als &#8222;die Bearbeitung kollektiv verbindender                 Probleme&#8220; ((7)) konzipiert wird.               <\/p>\n<p>Teilhabe der B\u00fcrgerInnen ist in der politischen Mediation kaum                 mehr als ein Mittel zum Zweck: eine neue, ausgefeilte Spielart                 sozialtechnologischer Herrschaft. Sie fingiert die Selbstorganisation                 der aktivierten B\u00fcrgerInnen nur, denn eine politisch bindende                 Entscheidung ist damit nicht verbunden. &#8222;Sie kann und sollte nach                 den Prinzipien der repr\u00e4sentativen Demokratie nicht durch ein                 Mediationsverfahren gebunden werden.&#8220; ((8))               <\/p>\n<p>Christopher Gohl, der sich emsig in den Netzwerken der sogenannten                 Zivil- oder B\u00fcrgergesellschaft tummelt, ((9))                 verdient sein Geld seit Juli 2011 als Leiter der Abteilung &#8222;Politische                 Planung, Programm und Analyse&#8220; in der Berliner Zentrale der FDP.               <\/p>\n<\/p>\n<h3>Beteiligungsfarce in Baden-W\u00fcrttemberg<\/h3>\n<p>An dieser Stelle erscheint es angezeigt, noch auf eine andere                 Personalie aufmerksam zu machen. Mit Gisela Erler, der Staatsr\u00e4tin                 f\u00fcr Zivilgesellschaft und B\u00fcrgerbeteiligung in Baden-W\u00fcrttemberg,                 hat sich die Werkstatt f\u00fcr Gewaltfreie Aktion, Baden bei ihrer                 Veranstaltung im April eine Politikerin der Gr\u00fcnen mit ins Boot                 geholt, die in besonderer Weise f\u00fcr eine herrschaftskonforme Ausrichtung                 der Beteiligungsverfahren steht. Die von ihr initiierte Allianz                 f\u00fcr Beteiligung ist &#8222;ein diffuses Konzept von oben und keine Ermutigung                 von unten.&#8220; ((10)) <\/p>\n<p>Das liegt vermutlich daran, dass die Tochter des bekannten Sozialdemokraten                 Fritz Erler (1913-1967) in Sachen B\u00fcrgerbeteiligung auf den Rat                 ihres Ehemanns Warnfried Dettling (CDU) h\u00f6rt. ((11))               <\/p>\n<p>Der ehemalige Erwin-Teufel-Berater ((12))                 und ehemalige Leiter der Hauptabteilung Politik in der CDU-Bundesgesch\u00e4ftsstelle                 ist seit vielen Jahren darum bem\u00fcht, dem Unionslager eine zurechtgestutzte                 Form von &#8222;Basisdemokatie&#8220; schmackhaft zu machen, die sich als                 Mittel zum neoliberalen Umbau der Gesellschaft eignet. <\/p>\n<p>So verlangte er in einem Aufsatz, den Sozialstaat k\u00fcnftig so                 &#8222;zu organisieren, dass er Teilhabe, Entfaltung und Besch\u00e4ftigung                 nicht nur durch Transferzahlungen und Schutzrechte f\u00f6rdert, sondern                 genauso durch die Entwicklung und St\u00e4rkung von M\u00e4rkten&#8220;. ((13))<\/p>\n<p>Empf\u00e4ngerInnen von Sozialleistungen bezeichnete er in diesem                 Zusammenhang als &#8222;Sozialstaatskunden&#8220; oder als &#8222;Transfermultis&#8220;.                  ((14)) <\/p>\n<p>Die kapitalistische Konkurrenzgesellschaft ist f\u00fcr Dettling das                 bevorzugte Feld der Selbstorganisation der B\u00fcrgerInnen. Der Markt                 sei &#8222;der Ort der Selbstverwirklichung, der sozialen Integration                 in die Gesellschaft und der Anerkennung durch andere.&#8220; ((15))               <\/p>\n<p>Angela Merkels Redeweise von der marktkonformen Demokratie wird                 gerne die Forderung nach demokratiekonformen M\u00e4rkten entgegen                 gehalten. <\/p>\n<p>Im Verst\u00e4ndnis eines neoliberalen Politikberaters wie Warnfried                 Dettling geht es noch simpler: Die M\u00e4rkte <i>sind<\/i> die Demokratie.                 Seit 2005 arbeitet Gisela Erler f\u00fcr die &#8222;Dr. Dettling Politikberatung                 GmbH&#8220;. <\/p>\n<h3>Umk\u00e4mpfte Zivilgesellschaft<\/h3>\n<p>Die Arme von Staat und Kapital reichen weit in die Zivilgesellschaft                 hinein, wenn Unternehmen und Beh\u00f6rden professionelle MediatorInneen                 damit beauftragen, Konflikte mit Hilfe von Dialogverfahren zu                 kanalisieren und einzud\u00e4mmen. Konzernstiftungen, wie die Bertelsmann                 Stiftung oder die BMW Stiftung, aber auch die K\u00f6rber-Stiftung,                 setzen ihre \u00fcberaus \u00fcppigen Geldmittel daf\u00fcr ein, entsprechende                 Forschungen zu finanzieren. <\/p>\n<p>Ihnen gelingt es dabei immer wieder, die Gewerkschaften oder                 sich selbst als progressiv und radikaldemokratisch verstehende                 Wissenschaftler wie Roland Roth vom Komitee f\u00fcr Grundrechte und                 Demokratie oder Carsten Herzberg einzubinden. Wenn auf diese Weise                 die Bildung von b\u00fcrgergesellschaftlichen Netzwerken unterst\u00fctzt                 wird, dann handelt es sich um den Versuch, der Selbstorganisation                 der B\u00fcrgerInnen einen Rahmen zu geben, sie zu kanalisieren und                 ihr eine Richtung zu geben, die den Vorrang privater Profitinteressen                 vor dem Gemeinwohl im Grundsatz nicht infrage stellt. <\/p>\n<p>In ihrem Buch &#8222;Der neue Geist des Kapitalismus&#8220; haben Luc Boltanskis                 und Eva Chiapello beschrieben, &#8222;wie es den Kapitalisten gelungen                 ist, sich die Forderungen nach Autonomie, die von den Bewegungen                 in den 1960er Jahren erhoben wurden, zu eigen zu machen und sie                 durch die Entwicklung der post-fordistischen Netzwerk\u00f6konomie                 in neue Formen von Kontrolle umzuwandeln. <\/p>\n<p>Sie zeigen, wie das, was sie in Bezug auf die Strategien der                 Gegenkultur &#8222;K\u00fcnstlerkritik&#8220; nennen &#8211; die Suche nach Authentizit\u00e4t,                 das Ideal der Selbstverwaltung, das anti-hierarchische Bed\u00fcrfnis                 &#8211; , benutzt wurde, um eine neue Art der kapitalistischen Regulierung                 zu f\u00f6rdern und die disziplin\u00e4ren Rahmenbedingungen der fordistischen                 Periode zu ersetzen.&#8220; ((16))               <\/p>\n<p>Nachdem es der herrschenden Klasse gelungen ist, diese Aktivierungs-                 und Kreativit\u00e4tspotenziale f\u00fcr eine Modernisierung der kapitalistischen                 Produktionsweise zu nutzen, greifen ihre Vereinnahmungsbem\u00fchungen                 heute vom \u00f6konomischen Bereich auch auf den der Politik \u00fcber.               <\/p>\n<h3>&#8222;Passive Revolution&#8220;<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend die zuerst von Seiten der linken Bewegungen ausgegebene                 Parole von der &#8222;Demokratisierung der Demokratie&#8220; einst die \u00dcbertragung                 des demokratischen Prinzips auf alle gesellschaftlichen Bereiche,                 insbesondere die Sph\u00e4re der \u00d6konomie und des Eigentums an den                 Produktionsmitteln zielte, geht es den Verfechtern einer B\u00fcrgergesellschaft                 fast immer nicht mehr um die \u00dcberwindung der Kapitalherrschaft,                 sondern um ihre noch st\u00e4rkere Verankerung in der Bev\u00f6lkerung.               <\/p>\n<p>Die heimliche Devise lautet: Vieles soll sich ver\u00e4ndern, damit                 alles so bleiben kann, wie es ist. Die B\u00fcrgerInnen sollen aktiviert                 werden, ihre Unterwerfung unter das Diktat der Kapitalverwertung                 selbst mit zu organisieren. Genau das tun sie n\u00e4mlich, wenn sie                 im Rahmen von Mediationsverfahren den Unternehmen ihre Expertise                 zur Verf\u00fcgung stellen, als TeilnehmerInnen einer von Community                 Organizern eingerichteten B\u00fcrgerplattform die Aufwertung ihres                 Stadtviertels vorantreiben oder im Rahmen eines B\u00fcrgerhaushalts                 mitentscheiden, welche soziale oder kulturelle Leistungen in einer                 Stadt gek\u00fcrzt werden sollen. <\/p>\n<p>Die Forderungen nach mehr Demokratie werden von oben aufgegriffen,                 in Unternehmensstrategien und in den Staatsapparat eingebaut,                 um auf diese Weise ein Bollwerk gegen jede wirkliche demokratische                 Ver\u00e4nderung zu schaffen. <\/p>\n<p>Der italienische Kommunist Antonio Gramsci (1891-1937) h\u00e4tte                 das als &#8222;passive Revolution&#8220; bezeichnet. In der passiven Revolution                 werden die \u00f6konomischen und politischen Verh\u00e4ltnisse also ver\u00e4ndert,                 ohne dass sich grunds\u00e4tzliche \u00c4nderungen im Machtverh\u00e4ltnis der                 Regierten zu den Regierenden ergeben. <\/p>\n<p>War die Dialog- und Konsensorientierung zun\u00e4chst innerhalb linker                 Gruppen ein Ausdruck des Versuchs auf eine gewaltfreie Weise kollektive                 St\u00e4rke zu erreichen, werden die dabei entwickelten Techniken der                 Verst\u00e4ndigung heute von der Gegenseite dazu benutzt, die KritikerInnen                 von Herrschaftsprojekten auf dem Verfahrenswege in die Stabilisierung                 der Machtverh\u00e4ltnisse einzubinden. <\/p>\n<p>&#8222;Es gibt heute ganz klar einen hegemonialen Kampf um die Frage                 der Partizipation. Es geht darum, welche Bedeutung die Partizipation                 bekommt, die akzeptiert wird. Manche Auffassungen von Partizipation                 k\u00f6nnen subversiv sein, w\u00e4hrend andere dem Kapital in die H\u00e4nde                 arbeiten, weil sie die Leute dazu bringen, an ihrer eigenen Ausbeutung                 mitzuarbeiten.&#8220; ((17)) <\/p>\n<h3>Verschleierung der Klassengegens\u00e4tze<\/h3>\n<p>Die ideologische Basis f\u00fcr solche Vereinnahmungsversuche stellen                 sozialwissenschaftliche Theorien dar, mit deren Hilfe die Klassen-                 und Interessengegens\u00e4tze geleugnet oder als vernachl\u00e4ssigbare                 Gr\u00f6\u00dfen dargestellt werden und der Kapitalismus wenn nicht begr\u00fc\u00dft,                 so doch als vermeintlich unab\u00e4nderliches Menschheitsschicksal                 hingenommen wird. <\/p>\n<p>Besonders hervorgetan haben sich dabei Ulrich Beck, der diesbez\u00fcglich                 der SPD-Gr\u00fcnen-Bundesregierung unter Gerhard Schr\u00f6der zugearbeitet                 hat, und sein englisches Gegenst\u00fcck, der ehemals linke Soziologe                 Anthony Giddens, der sich als Berater des Premiers Tony Blair                 verdingte. In der ideologisch verzerrten Perspektive dieser Vordenker                 einer neuen Sozialdemokratie jenseits von rechts und links erscheinen                 alle Probleme dadurch l\u00f6sbar, indem die gesellschaftlichen Kontrahenten                 als &#8222;Partner&#8220; miteinander sprechen. <\/p>\n<p>&#8222;Es gibt diese Art von Konsens in der Mitte, der keine alternativen                 Optionen kennt. Man will uns weismachen, dass wir angesichts der                 Globalisierung nichts mehr tun k\u00f6nnten. Und deshalb haben sich                 die meisten sozialdemokratischen Parteien oder die Arbeiterparteien                 in Richtung Mitte bewegt. Sie bieten wirklich nichts grunds\u00e4tzlich                 anderes als die Mitte-Rechts-Parteien. Es gibt heute einen allgemeinen                 Konsens dar\u00fcber, dass es keine Alternative g\u00e4be&#8220;, sagt die Politologin                 Chantal Mouffe. ((18)) <\/p>\n<p>W\u00e4hrend neoliberale Think Tanks, Stiftungen und Initiativen das                 zivilgesellschaftliche Feld mit einem immer dichter werdenden                 Netz von St\u00fctzpunkten \u00fcberziehen, beteiligungsorientierte Kunstprojekte                 wie das BMW Guggenheim Lab von Konzernen eigens f\u00fcr Marketingzwecke                 entwickelt werden, die profitversprechende Aufwertung und Gentrifizierung                 von Gro\u00dfstadtbezirken mittels der F\u00f6rderung einer partizipativen                 Kulturszene geschieht und die etablierte Politik angefangen beim                 Zukunftsdialog der Kanzlerin quasi \u00fcberparteilich mit allen m\u00f6glichen                 Formen direktdemokratischer Legitimation, befriedender Mediation                 und des B\u00fcrgerdialogs experimentiert, hat die kritische Auseinandersetzung                 mit diesen Vereinnahmungstendenzen noch kaum begonnen. Dabei weist                 die im Entstehen begriffene Mitmach-Republik nicht in Richtung                 einer \u00dcberwindung von Herrschaft. Stattdessen geht es um die Erprobung                 und Installierung von immer effektiveren Formen ihrer Legitimation. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Punkt hat Christoph Besemer recht: Mediation ist nicht per se bewegungsfeindlich. Ganz im Gegenteil: Immer wenn es mit der Hilfe erfahrener Mediatoren gelingt, innerhalb der oft bunt und widerspr\u00fcchlich zusammengesetzten und daher auch leicht zerbrechlichen Bewegungsb\u00fcndnisse einvernehmliche L\u00f6sungen f\u00fcr Konflikte zu finden, leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Bildung einer Gegenmacht, st\u00e4rkt die &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/01\/die-mitmach-falle\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die Mitmach-Falle - graswurzelrevolution","description":"In einem Punkt hat Christoph Besemer recht: Mediation ist nicht per se bewegungsfeindlich. Ganz im Gegenteil: Immer wenn es mit der Hilfe erfahrener Mediatoren"},"footnotes":""},"categories":[648,1030,1042],"tags":[],"class_list":["post-11782","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-375-januar-2013","category-es-wird-ein-laecheln-sein","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11782","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11782"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11782\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11782"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11782"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11782"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}