{"id":11786,"date":"2013-01-01T00:00:23","date_gmt":"2012-12-31T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11786"},"modified":"2022-07-26T14:12:16","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:16","slug":"von-fusfesseln-und-spaziergangen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/01\/von-fusfesseln-und-spaziergangen\/","title":{"rendered":"Von Fu\u00dffesseln und Spazierg\u00e4ngen"},"content":{"rendered":"<p>Diese Forderung l\u00f6ste einen Sturm der Emp\u00f6rung aus. &#8222;Justiz-Minister knallt durch&#8220;, titelte die &#8222;Bild&#8220;-Zeitung.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sollte die Forderung weit weniger \u00fcberraschen, ist doch die moralische Pflicht zu arbeiten ein Grundpfeiler kapitalistischer Ideologie.<\/p>\n<p>Die Weigerung, &#8222;etwas aus sich zu machen&#8220;, sich zu verwerten, kommt einer Desertion aus dem kapitalistischen Heer gleich.<\/p>\n<p>&#8222;Ein Ziel brauchens&#8216; immer. Ein Ziel ist, worauf man schie\u00dft&#8220;, l\u00e4sst Brecht einen Protagonisten seiner Fl\u00fcchtlingsgespr\u00e4che zum Thema Arbeit sagen. ((2)) Kein Wunder also, dass gegen diese Deserteure Ma\u00dfnahmen gefordert werden, die sonst Schwerverbrecher_innen vorbehalten bleiben.<\/p>\n<p>Obwohl ein Gro\u00dfteil der menschlichen Arbeitskraft l\u00e4ngst durch Maschinen \u00fcberfl\u00fcssig gemacht wurde, werden noch immer alle Register von Propaganda und Repression gezogen um den Fetisch der Lohnarbeit aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p>Der Grund daf\u00fcr liegt einerseits darin, dass die Existenz der M\u00f6glichkeit, keiner Lohnarbeit nachzugehen, und trotzdem w\u00fcrdevoll zu leben, Ausbeutung nahezu unm\u00f6glich machen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Andererseits erf\u00fcllt Arbeit den Selbstzweck eines Hamsterrades, das die Arbeitenden in Bewegung h\u00e4lt und so von &#8222;dummen Gedanken&#8220; abh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Nietzsche stellte fest, &#8222;dass eine solche Arbeit die beste Polizei ist, dass sie jeden im Zaume h\u00e4lt und die Entwicklung der Vernunft, der Begehrlichkeit, des Unabh\u00e4ngigkeitsgel\u00fcsts kr\u00e4ftig zu hindern versteht.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>In ihrer Geschichte war die Lohnarbeit immer auch ein polizeiliches Problem, dessen Durchsetzung unz\u00e4hlige Todesopfer kostete.<\/p>\n<p>Schon im 16. Jahrhundert beauftragte der K\u00f6nigliche Rat in England Spezialbeamte mit der Jagd auf Arbeitsunwillige. Allein w\u00e4hrend der Regierungszeit Heinrichs VIII wurden so 12.000 &#8222;Vagabunden&#8220; gehenkt.<\/p>\n<p>Heinrichs Thronfolger Eduard VI verabschiedete einen Erlass, in dem er alle guten B\u00fcrger_innen dazu aufrief, jede Person, die seit mehr als drei Tagen keiner Arbeit nachgeht, aufzugreifen und vor zwei Richter zu schleppen, die &#8222;dem besagten Herumtreiber sofort an der Brust mit einem gl\u00fchenden Eisen den Buchstaben V einbrennen lassen sollen und die besagte Person demjenigen, der sie vorgef\u00fchrt hat, f\u00fcr den Zeitraum von zwei Jahren als Sklaven zu \u00fcberlassen.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Im 17. und 18. Jahrhundert erlangte die Amsterdamer Umerziehungsanstalt &#8222;Rasphuis&#8220; Ruhm f\u00fcr ihre kreativen p\u00e4dagogischen Methoden: Arbeitsunwillige wurden in einen Keller gesperrt, in den Wasser geleitet wurde. Damit wurden sie vor die Wahl gestellt, entweder zu arbeiten (i. e. das Wasser mit gro\u00dfer Geschwindigkeit wieder abzupumpen), oder zu ertrinken.<\/p>\n<p>Die Forderung nach einer Fu\u00dffessel f\u00fcr Arbeitslose steht also in einer langen Tradition, auch wenn heute verst\u00e4rkt auf Propaganda gesetzt wird, wie z.B. auf das mittlerweile auf allen privaten Kan\u00e4len ausgestrahlte &#8222;Hartz IV-Fernsehen&#8220;, oder Erziehungsma\u00dfnahmen, die in Ratgebern mit Titeln pr\u00e4sentiert werden wie &#8222;Faulheit ist heilbar. Ein Leitfaden f\u00fcr Eltern&#8220;.<\/p>\n<p>Ein zentrales Element dieser Propaganda ist Rassismus. Die Konkurrenzideologie ist untrennbar verbunden mit nationalistischer und rassistischer Hetze nach dem Motto: deutsche Hamsterr\u00e4der nur f\u00fcr Deutsche. Die kapitalistischen Gesellschaften haben sich gar eine eigene &#8222;Rasse&#8220; konstruiert, der sie die Nicht-Arbeit als Stigma zuschreiben: die &#8222;Zigeuner&#8220; &#8211; ein Schimpfwort f\u00fcr Sinti und Roma, oder zeitweise f\u00fcr &#8222;Vagabunden&#8220; im Allgemeinen.<\/p>\n<p>Dieser Rassismus f\u00fchrte im &#8222;Dritten Reich&#8220; zu einem Genozid, dem sch\u00e4tzungsweise 500.000 Sinti und Roma zum Opfer fielen. Dieser Genozid (Porrajmos), wurde von der BRD erst 1982 anerkannt. 1956 lehnte der Bundesgerichtshof einen Entsch\u00e4digungsanspruch von Roma und Sinti mit der Begr\u00fcndung ab, dass diese nicht aufgrund von Rassismus verfolgt wurden, sondern weil sie tats\u00e4chlich &#8222;asozial&#8220; seien. ((7))<\/p>\n<p>Aktuell erfreuen sich zur Unterwerfung der K\u00f6rper unter das Diktat der Lohnarbeit Aufputschmittel stetig steigender Beliebtheit. Kaffee ist ihr Klassiker. Die Kultur des Kaffeetrinkens ist eine v\u00f6llig andere als beispielsweise die des Teetrinkens. W\u00e4hrend letzterer meist in kleineren Mengen genussvoll geschl\u00fcrft wird, ist eine l\u00fcckenlose Kaffeezufuhr \u00fcber die gesamte Arbeitszeit keine Seltenheit mehr.<\/p>\n<p>Mit einer Pause ist der Kaffeekonsum l\u00e4ngst nicht mehr verbunden. Er wird in riesigen Mengen lustlos herunter gekippt &#8211; &#8222;to go&#8220; beim durch die Stra\u00dfen Hetzen, beim Autofahren oder vor dem Bildschirm. 150 Liter werden hierzulande pro Kopf im Jahr getrunken.<\/p>\n<p>Damit ist Kaffee in Deutschland das meist konsumierte Getr\u00e4nk \u00fcberhaupt, noch vor Wasser. ((5))<\/p>\n<p>Der fl\u00fcssige Kaffee wird jedoch zunehmend ersetzt durch Koffeeintabletten oder andere Pr\u00e4parate, die weniger Zeit zur Einnahme ben\u00f6tigen und eine st\u00e4rkere Wirkung haben.<\/p>\n<p>Im Internet fragen ersch\u00f6pfte Menschen in verschiedenen Foren nach Empfehlungen f\u00fcr Aufputschmittel. Ein Beispiel eines anscheinend 18 Jahre alten Jugendlichen:<\/p>\n<p>&#8222;es gibt tage da musst du bis halbzw\u00f6lf abends arbeiten und am n\u00e4chsten tag wieder um sechs zur fr\u00fchschicht antanzen&#8230; das heisst um f\u00fcnf aufstehen&#8230; also&#8230; so an nem tag wie heute (wo sie das vorher beschriebene wieder mal erreignete) trink ich gegen 5 espresso und ca 11 ristretto (die kleineren mit der glaub doppelten dosis koffein)&#8230; hab dann nach ner gewissen zeit auch ziemliches magenbrennen das sich dann jedoch nach \u00f6fterem wasserkonsum wieder verzieht. ich f\u00fchl mich w\u00e4hrend der arbeit manchmal auch bisschen komisch jedoch voll konzentriert und arbeite sicher 5 mal schneller als normal&#8230; hab mir auch schon \u00fcberlegt was zu ziehen (koks etc) vor der arbeit&#8230; da ich jedoch nicht unbedingt da reinrutschen m\u00f6chte wollt ich fragen ob mir koffeintabletten wohl helfen w\u00fcrden? so ne schicht von sechs uhr morgens bis abends manchmal bis um siebzehn oder achtzehn uhr ist ohne so viel koffein f\u00fcr mich der reine horror&#8230;&#8220; ((6))<\/p>\n<p>Auch die politische Linke war nie gefeit vor dem Fetisch der Arbeit. Im Gegenteil ist die Geschichte des Klassenkampfes zu gro\u00dfen Teilen ein Kampf um das &#8222;Recht auf Arbeit&#8220; gewesen. Lenins Ausspruch &#8222;Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen&#8220;, bringt dieses Verh\u00e4ltnis auf den Punkt.<\/p>\n<p>Aber auch in heutigen, nicht stramm marxistisch, sondern libert\u00e4r verorteten Gruppen \u00fcbertragen sich die Denk- und Handlungsmuster des kapitalistischen Alltags in die politische Praxis. Diese oder jene Aktion muss um jeden Preis organisiert werden, bis die Nazis aufmarschieren oder der Castor rollt, &#8222;unreflektierte&#8220; Ansichten in den eigenen Kontexten m\u00fcssen in ihre Grenzen gewiesen werden etc.. Dabei ist die Gefahr gro\u00df, in das Handlungsschema der Effizienz und Konkurrenz zu verfallen, mit allem was dazu geh\u00f6rt: Der Kampf um Status findet sich in vielen Polit-Gruppen in nicht weniger starker Auspr\u00e4gung als in kapitalistischen Unternehmen.<\/p>\n<p>Burnout durch \u00dcberlastung ist in diesen wie jenen an der Tagesordnung.<\/p>\n<p>Eine emanzipatorische Praxis muss au\u00dferhalb des Arbeitswahns liegen, muss sich dezidiert gegen das Prinzip Arbeit richten. Eine solche Praxis muss eine achtsame sein, die im gegenw\u00e4rtigen Moment verankert ist und sich nicht in Projekten und Identit\u00e4ts-K\u00e4mpfen verrennt; eine Praxis, die es erm\u00f6glicht, die verschiedenen Gef\u00fchle wie Wut und Ohnmacht, aber auch Freude wahrzunehmen, die in einem selbst und bei Mitstreiter_innen gerade pr\u00e4sent sind, anstatt sie aus Effizienzgr\u00fcnden beiseite zu schieben.<\/p>\n<p>Eine solche Praxis ben\u00f6tigt Mu\u00dfe, die heute hart erk\u00e4mpft und erlernt werden muss. Angesichts der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse ist jeder absichtslose Spaziergang eine antikapitalistische Demonstration.<\/p>\n<p>Das sch\u00f6ne dabei ist, dass wir jeden Moment damit anfangen k\u00f6nnen, ob wir allein oder in (Polit-)Gruppen sind, ob auf der Arbeit oder bei der Aktionsvorbereitung. Fast immer besteht die M\u00f6glichkeit anzuhalten.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen aus dem Fenster schauen und die Wolken betrachten, einen dampfenden Tee genie\u00dfen, uns die Zeit f\u00fcr ein ernstgemeintes &#8222;wie geht es dir?&#8220; nehmen, das zu mehr als einer Drei-Sekunden-Antwort einl\u00e4dt, oder einfach vor uns hinstarren, notfalls auf irgendwelche Dokumente, damit wir dabei nicht gest\u00f6rt werden. Zumindest hat eine solche Praxis der Absichtslosigkeit noch niemandem geschadet, w\u00e4hrend Lohnarbeit jedes Jahr mindestens zwei Millionen Menschen das Leben kostet. ((8))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Forderung l\u00f6ste einen Sturm der Emp\u00f6rung aus. &#8222;Justiz-Minister knallt durch&#8220;, titelte die &#8222;Bild&#8220;-Zeitung. Tats\u00e4chlich sollte die Forderung weit weniger \u00fcberraschen, ist doch die moralische Pflicht zu arbeiten ein Grundpfeiler kapitalistischer Ideologie. 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