{"id":11791,"date":"2013-01-01T00:00:35","date_gmt":"2012-12-31T22:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11791"},"modified":"2022-07-26T13:05:46","modified_gmt":"2022-07-26T11:05:46","slug":"der-maulwurf-vom-hambacher-forst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/01\/der-maulwurf-vom-hambacher-forst\/","title":{"rendered":"Der &#8222;Maulwurf&#8220; vom Hambacher Forst"},"content":{"rendered":"<p>Etwa sechs Meter unter der Erde hatten sie einen verwinkelten Gang von ungef\u00e4hr 15 Metern L\u00e4nge und zwei kleine R\u00e4ume gegraben. H\u00f6he: ca. 1 Meter. Stehen war also nicht m\u00f6glich, wohl aber Hocken und Liegen auf der mitgebrachten Luftmatratze. F\u00fcr diese gab es eine elektrische Luftpumpe, die mit Batterien in Gang gesetzt werden konnte. Sie diente aber auch der Versorgung mit Luft \u00fcber einen Schlauch, der ins Freie f\u00fchrte. F\u00fcr Notf\u00e4lle hatte er sogar eine Flasche mit Sauerstoff dabei, wie sie Taucher benutzen.<\/p>\n<p>Auf den Informationstafeln der Gruppe der WaldbesetzerInnen, seit dem April zwischen zwanzig und drei\u00dfig Menschen, sah man Logos von Umweltverb\u00e4nden: Die regionalen B\u00fcrgerinitiativen unterst\u00fctzten die Besetzung, aber auch der BUND wurde genannt, Robin Wood, Greenpeace.<\/p>\n<p>Es scheint, dass die WaldbesetzerInnen von solchen Gruppen viele praktische Kenntnisse \u00fcbernehmen konnten: Wie man Baumh\u00e4user baut zum Beispiel, aber auch, wie man in der Erde verschwindet. Auf &#8222;Skill Sharing Camps&#8220; konnte man solche Dinge lernen. Der &#8222;Maulwurf&#8220; betont aber die Unabh\u00e4ngigkeit der eigenen Gruppe.<\/p>\n<p>Leider gab es unter den BesetzerInnen eine regelrechte Abneigung gegen Plenumsdiskussionen, damit aber auch gegen die Bildung gemeinsamer Standpunkte und \u00dcberzeugungen. Das Argument war, man solle offen bleiben f\u00fcr neu Hinzugekommene.<\/p>\n<p>Trainings in gewaltfreier Aktion etwa gab es nicht, einen Konsens zu gewaltfreiem Verhalten allenfalls unausgesprochen. Klarer Konsens war aber die Anonymit\u00e4t. Jedes Mitglied hatte irgendeinen Spitznamen, und man redete sich nur mit diesem an.<\/p>\n<p>Das hat im Fall von &#8222;Maulwurf&#8220; nicht verhindert, dass die Polizei sogar seine Eltern aufsuchen konnte, obwohl diese einen anderen Familiennamen haben als er.<\/p>\n<p>&#8222;Wozu also die Geheimnistuerei?&#8220;, fragte ich ihn.<\/p>\n<p>Sie scheint mit einem gewissen Gruppengef\u00fchl zu tun zu haben, aber auch mit der Absicht, nicht Einzelne hervortreten zu lassen, sondern immer alle. \u00c4hnlich argumentierten auch die Frauen der russischen Punkband &#8222;Pussy Riot&#8220;, die ebenfalls anonym bleiben wollten.<\/p>\n<p>Insgesamt wurden im Hambacher Forst schlie\u00dflich von der Polizei 23 Personen ger\u00e4umt.<\/p>\n<p>Es gab allerdings im Wald durchaus Anweisungen f\u00fcr bestimmte F\u00e4lle, die ich kennen lernte, als ich im Oktober einmal Nachtwache gemacht habe.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Fall, dass Nazis auftauchen sollten, gab es ein Signalhorn, dann sollten alle zusammenkommen und sich verteidigen, aber auch per Handy Hilfe rufen. Wenn aber Polizei komme, hie\u00df es, m\u00fcsse man sich verstecken oder in die Baumh\u00e4user klettern, damit sie einen nicht erwischen.<\/p>\n<p>Die Polizei kam schlie\u00dflich an einem Dienstag fr\u00fch um 8 Uhr. Der &#8222;Maulwurf&#8220; kletterte nicht in ein Baumhaus, sondern in das in langwieriger Arbeit gegrabene Loch unter die Erde.<\/p>\n<p>&#8222;Ich f\u00fchlte mich eigentlich auch psychisch recht gut vorbereitet&#8220;, sagte er; au\u00dfer gelegentlicher Langeweile habe er keine Probleme gehabt. Er hatte ausreichend Batterien f\u00fcr seine Taschenlampe und etwas zu lesen dabei. Kalt war es nicht, im Gegenteil: &#8222;Wenn ich mich zu viel bewegt hatte, geriet ich ins Schwitzen und musste mir etwas ausziehen. Und die Stille unten tat gut, ohne den L\u00e4rm von der nahen Autobahn oder vom Bagger auf der anderen Seite.&#8220;<\/p>\n<p>Ich kann es mir immer noch nicht gen\u00fcgend vorstellen, auch wenn ich inzwischen wei\u00df, dass der Raum, wo sich der &#8222;Maulwurf&#8220; meistens aufgehalten hat, nur wenige Quadratmeter gro\u00df und nicht h\u00f6her als einen Meter war; die G\u00e4nge hatten eher nur 50 cm H\u00f6he.<\/p>\n<p>Es gebe ein Video, das den Gang von innen zeigt, sagt der &#8222;Maulwurf&#8220;, das werde sicher bald ins Netz gestellt.<\/p>\n<p>&#8222;Am ersten Tag habe ich ziemlich viel von meinen Vorr\u00e4ten verbraucht&#8220;, erinnert er sich. &#8222;Danach habe ich mich etwas gebremst, und als sie es schlie\u00dflich geschafft hatten, mich rauszuholen, hatte ich erst die H\u00e4lfte meiner Lebensmittel aufgegessen.&#8220;<\/p>\n<p>Nach meinem Besuch fallen mir nat\u00fcrlich alle m\u00f6glichen Fragen ein, die ich vergessen habe zu stellen: Wie war die Absicherung gegen einen Abbruch von oben genau? Hatte er eine Matte auf dem Boden, um nicht im Dreck zu sitzen?<\/p>\n<p>Der Gang sei nicht einsturzgef\u00e4hrdet gewesen, sagt er, er habe sich sicher gef\u00fchlt. Andere Fragen stelle ich erst gar nicht, vielleicht aus Scham: Wie hat er sich gef\u00fchlt nach 5 Tagen, ohne sich zu waschen? (Man w\u00e4scht sich ohnehin viel zu viel in unserer Kultur.) Wie war es mit den F\u00e4kalien? (Wahrscheinlich ein kleines Loch im allerletzten Ende des Ganges, was sonst.)<\/p>\n<p>Die Kommunikation per Mobiltelefon war unter der Erde nicht m\u00f6glich, wohl aber \u00fcber den Schlauch. Sp\u00e4ter stellte die Grubenwehr, die die Polizei engagiert hatte, ihm ein kabelverbundenes Telefon zur Verf\u00fcgung. Selbstverst\u00e4ndlich waren nicht immer nur seine Freunde am anderen Ende der Leitung. Man hatte ausgemacht, mit ihm in Kontakt zu bleiben, aber immer wieder mussten die Freunde sich verabschieden und ank\u00fcndigen: Ich muss jetzt Schluss machen. Dann meldeten sich die &#8222;Freunde&#8220; von der Polizei, die inzwischen Helfer von der Grubenwehr angefordert hatten. Das sind Spezialisten aus dem Bergbau, die Menschen in der Tiefe retten sollen, die verungl\u00fcckt sind.<\/p>\n<p>Der &#8222;Maulwurf&#8220; wollte aber nicht gerettet werden, er wollte so lange wie m\u00f6glich unten bleiben. Ihm ist es wichtig, die falschen Besorgnisse der Polizei richtig zu stellen, die immer davon sprach, er sei akut gef\u00e4hrdet. Die Polizei wollte zum Beispiel nicht glauben, dass er \u00fcber seine Fahrradpumpe Luft aus der Au\u00dfenwelt ansaugen konnte. Allerdings hatte er einen Betonklotz mit Armbefestigungen unten und h\u00e4tte sich damit definitiv anketten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was aber w\u00e4re dann passiert? W\u00e4re das nicht Selbstmord gewesen? Nein, sagt er, es h\u00e4tte nur noch mehr Zeit ben\u00f6tigt, und man h\u00e4tte ihn eben ausgraben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Darstellung aller dieser Einzelheiten sollte aber nicht von dem Thema ablenken, das der Aktion zugrunde lag: Auf die brutale Zerst\u00f6rung der Natur hinzuweisen, die RWE aus Profitgr\u00fcnden betreibt. Die Netzseite der Umweltsch\u00fctzerInnen tut das ausf\u00fchrlich ((1)) , sie verweist auch auf die &#8222;Hetzartikel&#8220; des K\u00f6lner &#8222;Express&#8220;, der, wie auf der Seite erl\u00e4utert wird, der RWE geh\u00f6rt.<\/p>\n<h3>Was ist das Ergebnis der Waldbesetzung?<\/h3>\n<p>In Bonn gebe es eine Gruppe von UmweltaktivistInnen, die wollten sich jetzt ebenfalls aktivieren, sagt der &#8222;Maulwurf&#8220;. Er ist bereit, bei Veranstaltungen \u00fcber die Besetzung zu sprechen. Aber er wolle nicht als Held dastehen, sondern blo\u00df zeigen, dass Widerstand m\u00f6glich ist. Die Reaktion der \u00d6ffentlichkeit sei aber bereits jetzt ein gro\u00dfer Erfolg.<\/p>\n<p>Der Braunkohlenabbau durch RWE war ja immer wieder Gegenstand der Auseinandersetzungen, zuletzt hatte man von dem Kampf um Garzweiler geh\u00f6rt. Aber das war schlie\u00dflich erfolglos und verschwand aus der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit ((2)).<\/p>\n<h3>Und der Hambacher Forst?<\/h3>\n<p>Das jetzt ger\u00e4umte St\u00fcck war eines aus dem letzten Drittel dieses Gel\u00e4ndes. Eine Autobahn, die A 4, f\u00fchrt mitten hindurch, das ist f\u00fcr RWE kein Hindernis: Die Autobahn wird gerade verlegt, die neue Trasse, parallel zur Bahnlinie, hart am Ort Buir entlang, ist beinahe fertig. Hier ist f\u00fcr RWE also erst einmal Schluss, aber es gibt schon neue Pl\u00e4ne, wei\u00df der &#8222;Maulwurf&#8220;: Zwischen D\u00fcren und N\u00f6rvenich liege das n\u00e4chste Objekt der Begierde von RWE, wo man aber auch noch ein paar D\u00f6rfer r\u00e4umen m\u00fcsste, um die Braunkohle abzubaggern.<\/p>\n<p>Der Widerstand geht also weiter: Auf einem Feld in der N\u00e4he von Morschenich &#8211; auch ein von der R\u00e4umung bedrohtes Dorf &#8211; haben die WaldbesetzerInnen auf Privatgel\u00e4nde eine neue Bleibe gefunden.<\/p>\n<p>Ein beheizbarer Bauwagen dient ihnen als Versammlungsraum, sie schlafen mitten im Winter in Zelten, Wohnwagen und in einem Zentrum am Westrand von D\u00fcren: Die Werkstatt f\u00fcr Aktionen und Alternativen (WAA), im September 2011 im Anschluss an die Klimacamps gegr\u00fcndet, will eine dauerhafte Struktur des Widerstandes in der Region verankern.<\/p>\n<p>Die Aktion &#8222;Das Gelbe Band&#8220; will die &#8222;normalen B\u00fcrger&#8220; in der Region mit ins Boot holen: \u00c4hnlich wie das gro\u00dfe X im Wendland, das den Widerstand der Region symbolisiert, soll das Gelbe Band (an der Kleidung, am Haus\u2026) es jedem erm\u00f6glichen, seine Solidarit\u00e4t mit dem Widerstand \u00f6ffentlich zu machen.<\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig wird &#8211; auch im Zusammenhang mit dem Maya-Kalender &#8211; das apokalyptische Denken mancher ZeitgenossInnen ins L\u00e4cherliche gezogen. Nat\u00fcrlich ist es kindisch, das Ende der Welt an einem bestimmten Tage zu erwarten.<\/p>\n<p>Stattdessen passiert aber etwas Unheimliches, kaum weniger Schlimmes: Aufgrund der Profitpolitik des Kapitalismus schrumpft der Lebensraum, und das merklich. Fukushima ist das Ende f\u00fcr eine ganze Region, so wie es Tschernobyl war und die \u00fcbrigen Orte auf diesem Planeten, die bereits radioaktiv verseucht sind.<\/p>\n<p>Der Hambacher Forst ist ein weiteres Beispiel, dem sich andere anschlie\u00dfen werden, man denke nur an das Fracking. Die Verw\u00fcstung bedroht auch uns hier in Deutschland, nicht nur das Nigerdelta, nicht nur die sibirische Steppe.<\/p>\n<p>Darauf aufmerksam zu machen, ist das gr\u00f6\u00dfte Verdienst der WaldbesetzerInnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Etwa sechs Meter unter der Erde hatten sie einen verwinkelten Gang von ungef\u00e4hr 15 Metern L\u00e4nge und zwei kleine R\u00e4ume gegraben. H\u00f6he: ca. 1 Meter. 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