{"id":11802,"date":"2013-01-01T00:00:30","date_gmt":"2012-12-31T22:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11802"},"modified":"2022-07-26T14:22:26","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:26","slug":"risse-im-system","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/01\/risse-im-system\/","title":{"rendered":"Risse im System"},"content":{"rendered":"<p>Das kleine Dorf platzt aus allen N\u00e4hten. Auch B\u00fcrger_inneninitiativen, Parteien, NGOs und weitere Angereiste haben sich hier versammelt. Zahlreiche mit Holz beladene Traktoren warten auf ihre Mission. Zehntausende Menschen stehen in den Startl\u00f6chern um ein St\u00fcck Land mit neuem Leben zu \u00fcberfluten.<\/p>\n<h3>Die ZAD<\/h3>\n<p>Die Zone A D\u00e9fendre &#8211; zu verteidigende Zone &#8211; im Nord-Westen Frankreichs ist eines der gr\u00f6\u00dften besetzten Gebiete Europas. Wo seit 1972 ein Flughafen f\u00fcr die nahegelegene Stadt Nantes geplant ist, leben mehrere hundert Menschen in besetzten Geb\u00e4uden, selbstgebauten H\u00fctten und Baumh\u00e4usern.<\/p>\n<p>Auch einige Bewohner_innen aus der Zeit vor der Besetzung wollen ihre H\u00e4user und Felder nicht verlassen und leisten ebenfalls Widerstand. \u00dcber ca. 2000ha erstreckt sich ein weitl\u00e4ufiges Gebiet.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick fallen hier und da Reste von Barrikaden und Banner an H\u00e4usern auf.<\/p>\n<p>Auf den zweiten Blick ver\u00e4ndert sich jedoch das Bild. Es ist als w\u00fcrde ich einen Waldboden aus der N\u00e4he betrachten, pl\u00f6tzlich ist alles voller Leben.<\/p>\n<p>Hinter der ein oder anderen Baumreihe erscheint eine kleine H\u00fcttensiedlung, viele der alten H\u00e4user sind bewohnt und einige werden gemeinschaftlich genutzt. Es sind st\u00e4ndig irgendwo kleine Gr\u00fcppchen von Menschen auf den Stra\u00dfen, die durch ihre abgewetzte, vom Matsch verkrustete Kleidung aussehen als seien sie einem Endzeitfilm entsprungen.<\/p>\n<p>Ruinierte Geb\u00e4ude, abstruse Schrott-Skulpturen und der h\u00e4ufige Nebel in diesem Landstrich geben mir als Neuank\u00f6mmling den Eindruck, als w\u00e4re ich in eine andere Welt oder Zeit gestolpert.<\/p>\n<p>Einige Orte sind so entlegen, dass sie nur \u00fcber schlammige Feld- und Waldwege zu erreichen sind.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise sind auch noch f\u00fcnf Barrikaden zu \u00fcberwinden. Irgendwo schnell anzukommen ist nicht wichtig und vor allem kaum m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Es gibt keinen Sinn f\u00fcr Zentralismus. Konzerte und Kabarett finden mitten im Matsch in einem Ort namens &#8218;No Name&#8216; statt. Neben Lagerfeuer und Bar wurde hier aus St\u00f6cken und Planen eine beeindruckende, \u00fcberdachte Theaterb\u00fchne gebaut.<\/p>\n<h3>15. Oktober<\/h3>\n<p>Am 15. Oktober 2012 begannen Polizei und Milit\u00e4r mit einer Welle gewaltsamer R\u00e4umungen. Besonders H\u00e4user von infrastruktureller Wichtigkeit mussten dran glauben.<\/p>\n<p>Der Sozialist, ehemalige B\u00fcrgermeister und jetzige Regierungschef Ayrault will den Flughafen um jeden Preis durchsetzen und k\u00fcndigte vor kurzem den Beginn der Bauarbeiten f\u00fcr 2013 an.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnen, die derzeit mit den Sozialisten koalieren, kommen ins rotieren, da sie auf der Seite der Umweltaktivist_innen gegen den Flughafen gesehen werden wollen. Doch bei vielen Menschen vor Ort schwindet die Lust auf politische Spielchen.<\/p>\n<p>Mit den R\u00e4umungen flammte auch die Solidarit\u00e4t auf. Viele Menschen kamen zur Unterst\u00fctzung. Es wurden Barrikaden gebaut, Zufahrtsstra\u00dfen zerst\u00f6rt und nicht zuletzt die durch die Polizei zerst\u00f6rte Infrastruktur durch zahlreiche gespendete Decken, Nahrung von lokalen Landwirt_innen, Planen, Taschenlampen etc. kompensiert.<\/p>\n<p>Gleichzeitig startete \u00fcberall in Frankreich die Mobilisierung f\u00fcr eine Demo zur Wiederbesetzung.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen wurden auf der ZAD Feuertonnen gebastelt, Schilder gemalt und ein Camp f\u00fcr die Demonstrierenden aufgebaut.<\/p>\n<p>Das \u00dcbergangszentrum &#8218;La Vache Rit&#8216; (Die Kuh lacht) ist f\u00fcr viele, die auf der ZAD ankommen, der erste Anlaufpunkt.<\/p>\n<p>Hier gibt es einen gigantischen Freeshop f\u00fcr Klamotten und Medikamente. Au\u00dferdem massenhaft gespendete Nahrung und kollektive Koch- und Schlafm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>In etwas kleinerer, pers\u00f6nlicherer Form verteilen sich \u00e4hnliche kollektive Schlaf- bzw. Lebensm\u00f6glichkeiten auf der ganzen ZAD.<\/p>\n<p>Manche sind schwerer zu entdecken als andere und alle haben ihre Vor- und Nachteile, aber alle ver\u00e4ndern sich durch die Menschen, die sie nutzen und durch die jeweiligen Herausforderungen, welche die Geschehnisse auf der ZAD an sie stellen. Selten sind feste Zust\u00e4ndigkeiten zu entdecken.<\/p>\n<p>Irgendein Mensch ergreift einfach die Initiative, andere springen mit ein und Dinge passieren.<\/p>\n<p>In der Regel wird auf veganer Basis gekocht. Nicht selten werden individuell Milch-, Ei- und sogar Fleischprodukte hinzugef\u00fcgt. Immerhin stammen diese, wenn nicht aus den Containern irgendwelcher Superm\u00e4rkte, so doch meistens aus lokaler Produktion.<\/p>\n<p>Es sind nur wenig R\u00e4umlichkeiten zu finden, in denen nicht geraucht wird.<\/p>\n<p>In Notre Dame des Landes verschwimmen die Grenzen zwischen b\u00fcrgerlichem Protest und militantem Widerstand.<\/p>\n<p>Nicht nur, dass hier die B\u00fcrger_inneninitiativen und Parteien der Initiative von Autonomen folgen um eine illegale Besetzung zu erhalten, sondern auch die Art in der alteingesessene Bewohner_innen mit den Aktivist_innen durch ihren gemeinsamen Kampf zusammenwachsen.<\/p>\n<p>&#8222;Viele Menschen auf beiden Seiten haben jahrelang an den Beziehungen zwischen Aktivist_innen und Bewohner_innen gearbeitet&#8220;, sagt Forest Dweller, die viele Monate in den B\u00e4umen wohnte, &#8222;seit den R\u00e4umungen haben uns diese Freundschaften wirklich gerettet&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Es gibt unserem Zusammenleben eine besondere Bedeutung jeden Tag von dem Kampf gegen den Flughafen umgeben zu sein&#8220;, sagt Pete, welcher ebenfalls seit einiger Zeit hier lebt, &#8222;es ist unm\u00f6glich hier zu leben, ohne das Gesetz zu brechen und mit der Polizeigewalt konfrontiert zu sein&#8220;.<\/p>\n<p>Und nochmals Forest Dweller: &#8222;Was auch immer deine St\u00e4rke ist, ich habe das Gef\u00fchl, dass es immer einen Weg gibt, sie gegen Kapitalismus und gegen dieses Flughafenprojekt zu nutzen.&#8220;<\/p>\n<h3>17. November<\/h3>\n<p>Die Wiederbesetzung verl\u00e4uft ohne St\u00f6rung. Es ist keine Polizei zu sehen und in rasender Geschwindigkeit wird ein neues H\u00fcttendorf errichtet. Auf einem Feld entsteht innerhalb weniger Stunden eine Art Zeltstadt mit verschiedenen Volxk\u00fcchen, Konzerten und Filmvorf\u00fchrungen.<\/p>\n<p>Doch das ungest\u00f6rte Treiben tr\u00fcgt nicht \u00fcber die Bedrohung hinweg. Jede_r wei\u00df, dass die Polizei nur auf den richtigen Moment wartet, in welchem sie mit der n\u00e4chsten R\u00e4umung zuschlagen kann &#8211; und so werden um das besetzte Landhaus Les Rosiers mit Hilfe von Traktoren h\u00f6here Barrikaden gebaut.<\/p>\n<p>In feierlichen Nachtaktionen werden mit Spitzhacke und Schaufel, bei Wein und Feuertonne tiefe Gr\u00e4ben in die Stra\u00dfen gerissen.<\/p>\n<p>Im Rohannewald beginnt zwei Tage nach der Wiederbesetzung ein Skillsharing mit verschiedenen Kletter- und Konstruktionsworkshops. Im Zuge dessen entstehen bereits neue Baumh\u00e4user.<\/p>\n<h3>23. November<\/h3>\n<p>Am 23.11., ist die Ruhe vorbei. Als die Polizei am fr\u00fchen Morgen die ersten Sp\u00e4htrupps in den Wald schickt, schlafen bereits einige Menschen auf Plattformen und in Zeltkonstruktionen, die in bis zu 10m H\u00f6he wie Tropfen von B\u00e4umen h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Innerhalb weniger Stunden mobilisieren sich hunderte Menschen aus den St\u00e4dten Nantes und Rennes und es gelingt ihnen die Bulldozer aufzuhalten.<\/p>\n<p>Die Polizei muss am folgenden Tag mit vielfacher Verst\u00e4rkung anr\u00fccken. Den ganzen Tag lang ist der Wald erf\u00fcllt von Tr\u00e4nengas. Schockgranaten und Gummigeschosse auf der einen Seite, Steine und Farbbeutel auf der anderen.<\/p>\n<p>Doch letztlich sind alle potenziellen Baumh\u00e4user zerst\u00f6rt, auch das Landhaus Les Rosiers. Mit einem \u00f6ffentlichen Brief schlagen die Demosanit\u00e4ter Alarm: Dutzende Aktivist_innen wurden durch Splitter-Schockgranaten zum Teil schwer verletzt.<\/p>\n<p>&#8222;Dieser von morgens bis abends ununterbrochene Zug verletzter Demonstrant_innen weckt Erinnerungen an die Massenaktion gegen Hochspannungsmasten vom Sommer&#8220;, erkl\u00e4ren sie in einer Pressemitteilung. (s. <a href=\"\/371\/atom-fra.shtml\">GWR 371<\/a>)<\/p>\n<h3>Resignation? Nicht die Spur.<\/h3>\n<p>Die B\u00e4umh\u00e4user wurden nicht nur mit Liebe und Sorgfalt errichtet, sondern auch mit dem Bewusstsein, dass sie schon morgen wieder zerst\u00f6rt werden k\u00f6nnten. Doch der Kampf hat Menschen erreicht und dazu gebracht, nachzudenken, aktiv zu werden und F\u00e4higkeiten zu teilen.<\/p>\n<p>Die Zuversicht der Menschen auf der ZAD wird nicht aus der Sicherheit gezogen, dass irgendetwas von Dauer w\u00e4re, sondern daraus, dass es immer weitergeht. Es wird neue Baumh\u00e4user geben, neue H\u00fctten, neue Erfahrungen, neue K\u00e4mpfe und neue Risse im System. Ob Stuttgart 21 in Deutschland, NO TAV in Italien oder la ZAD in Frankreich: Gegen unsinnige und aufgezwungener Gro\u00dfprojekte gibt es \u00fcber die Grenzen hinaus Widerstand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das kleine Dorf platzt aus allen N\u00e4hten. Auch B\u00fcrger_inneninitiativen, Parteien, NGOs und weitere Angereiste haben sich hier versammelt. Zahlreiche mit Holz beladene Traktoren warten auf ihre Mission. Zehntausende Menschen stehen in den Startl\u00f6chern um ein St\u00fcck Land mit neuem Leben zu \u00fcberfluten. 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