{"id":11809,"date":"2013-01-01T00:00:34","date_gmt":"2012-12-31T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11809"},"modified":"2022-07-26T14:12:15","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:15","slug":"der-diskrete-charme-von-hausstaubmilben-und-anarchie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/01\/der-diskrete-charme-von-hausstaubmilben-und-anarchie\/","title":{"rendered":"Der diskrete Charme von Hausstaubmilben und Anarchie"},"content":{"rendered":"<p>Der 1997 gegr\u00fcndete <i>Blarze Schwock <\/i>((1))                 ist zwar weniger bekannt, wirkte in den Nuller Jahren aber \u00e4hnlich                 wie in den 1970er und 1980er Jahren das legend\u00e4re West-Berliner                 Anarchokabarett <i>Die Drei Tornados<\/i>. ((2))                 Als anarchistisches Kabarettensemble aus der Bewegung und f\u00fcr                 die Bewegung, das landauf, landab durchs Land tourt und dabei                 nicht zuletzt der eigenen Szene satirisch den Spiegel vors Gesicht                 h\u00e4lt. So auch mit dem eingangs zitierten &#8222;UWZ-Song&#8220; ((3)),                 der die szeneinternen Auseinandersetzungen um das M\u00fcnsteraner                 <i>Umweltzentrum-Archiv<\/i> auf die Schippe nimmt. <\/p>\n<p>Wer den &#8222;UWZ-Song&#8220; (gesprochen: &#8222;Uffz-Song&#8220;) verstehen will,                 sollte diesen Artikel bis zum Ende lesen. Aber auch dann ist nicht                 garantiert, dass sich die Insidergags des <i>Blarzen Schwocks<\/i>                 erschlie\u00dfen. <\/p>\n<p>Fangen wir also an mit einem Blick in die Geschichte des Umweltzentrum-Archivs:<\/p>\n<h3>Wie alles anfing\u2026<\/h3>\n<p>Im Jahre 1980 gr\u00fcndeten Mitglieder des M\u00fcnsteraner <i>Arbeitskreises                 Umwelt<\/i> (AKU) das <i>Umweltzentrum<\/i> (UWZ). Es sollte ein                 Zentrum sein &#8222;f\u00fcr alle, die unabh\u00e4ngig von Parteien und Verb\u00e4nden                 selbstorganisiert arbeiten wollen&#8220;. Mit der Gr\u00fcndung dieses \u00f6kologischen                 und libert\u00e4ren Bewegungsladens entstand gleichzeitig auch das                 <i>Umweltzentrum-Archiv<\/i>. <\/p>\n<h3>Ziele <\/h3>\n<p>Die Gr\u00fcndung des Archivs stand im Kontext mit der Entwicklung                 der Neuen Sozialen Bewegungen. Diese bilden auch im westf\u00e4lischen                 M\u00fcnster seit 1968 eine bunte &#8222;Parallelgesellschaft&#8220;, die im Kontrast                 steht zur Tristesse einer katholisch gepr\u00e4gten und jahrzehntelang                 von der CDU dominierten Provinzmetropole.<\/p>\n<p>Dabei spielt auch die Radikalisierung und Politisierung von Teilen                 der 50.000 StudentInnen, die in der (heute) 290.000 EinwohnerInnen                 z\u00e4hlenden Stadt leben, eine gro\u00dfe Rolle. <\/p>\n<p>Im Gegensatz zu Parteien und Institutionen gibt es f\u00fcr soziale                 Bewegungen keine offiziellen Stellen mit dem Auftrag, deren Geschichte                 zu bewahren. Deshalb entstanden verst\u00e4rkt seit dem Aufkommen vor                 allem der Frauenbewegung, der Friedensbewegung, der Antifa-, HausbesetzerInnen-                 und Anti-AKW-Bewegung in den 1970er Jahren \u00fcberall in der Bundesrepublik                 &#8222;Bewegungsarchive&#8220;, welche oft in Infol\u00e4den und Libert\u00e4ren Zentren                 zu finden waren und sind. <\/p>\n<p>Die BetreiberInnen wollen dadurch eine Aufarbeitung der eigenen                 Geschichte unterst\u00fctzen, indem sie &#8222;als eine Art &#8218;Ged\u00e4chtnis f\u00fcr                 die Linke&#8216; fungieren, Materialien sammeln und Interessierten f\u00fcr                 Geschichtsarbeit zur Verf\u00fcgung stellen&#8220;, so das Berliner <i>Papiertiger<\/i>-Archiv                 in einer Selbstdarstellung.<\/p>\n<p>F\u00fcr <i>Bewegungen von unten<\/i> werde es zuk\u00fcnftig von gro\u00dfer                 Bedeutung sein, dass die Zeugnisse ihrer Geschichte nicht verloren                 gehen und breiten Kreisen frei zug\u00e4nglich bleiben.<\/p>\n<p>&#8222;Archive [&#8230;] bieten [&#8230;] f\u00fcr heutige Initiativen Ankn\u00fcpfungspunkte                 zu fr\u00fcheren Erfahrungen und erm\u00f6glichen dadurch theoretische und                 praktische Kontinuit\u00e4t politischen Handelns, die auf Grund der                 spezifischen Bewegungsstrukturen sonst nur schwer hergestellt                 werden k\u00f6nnen. Soweit es uns m\u00f6glich ist, wollen wir diesen Prozess                 durch unsere Arbeit unterst\u00fctzen.&#8220; <\/p>\n<h3>Das UWZ-Archiv und die Szene <\/h3>\n<p>Der AKU war ein heterogener Zusammenhang. Er bestand vor allem                 aus au\u00dferparlamentarisch orientierten, anarchistischen, spontaneistischen,                 autonomen und anderen linksradikalen AktivistInnen, die sich u.a.                 in der HausbesetzerInnenszene, Anti-AKW-Bewegung und Antifa-Bewegung                 engagierten. Im Laufe der Jahre wurden die Materialien des <i>UWZ-Archivs<\/i>                 von vielen in B\u00fcrgerinitiativen und sozialen Bewegungen aktiven                 Menschen vor allem aus M\u00fcnster und Nordrhein-Westfalen zusammengetragen.               <\/p>\n<p>Die Themenbereiche waren mit der Arbeit der UWZ-Gruppen verbunden,                 die sich im Laufe der Jahrzehnte gebildet und oft nach wenigen                 Jahren wieder aufgel\u00f6st hatten. Thematische Schwerpunkte des Archivs:                 Umwelt, Anti-Atompolitik, Internationalismus, Antimilitarismus,                 Kriminalisierung, Frauenbewegung, Anarchismus, Gesundheit, M\u00fcnster,                 Alternativen, Antifaschismus, Geschichte, Theorie, Philosophie                 u. a. <\/p>\n<p>In den mehr als 20 Jahren seines Bestehens wurde dieses ehrenamtlich                 betreute Archiv der Sozialen Bewegungen zu einem der gr\u00f6\u00dften seiner                 Art.<\/p>\n<p>Dazu haben u.a. viele Buch- und Zeitungsspenden beigetragen.                 Auch die <i>AnArchive<\/i> der seit 1972 erscheinenden <i>Graswurzelrevolution<\/i>,                 die ihren Redaktionssitz seit 1999 in M\u00fcnster hat, des von 1988                 bis 1992 in M\u00fcnster existierenden Anarchistischen Zentrums <i>Themroc<\/i>,                 des 1992 gegr\u00fcndeten <i>Infoladens Bankrott<\/i> sowie Teile des                 privaten <i>BD-Archivs<\/i> und diverse Gruppenarchive wurden in                 das <i>UWZ-Archiv<\/i> integriert.<\/p>\n<p>&#8222;Die Best\u00e4nde dieser Alternativbibliothek f\u00fcllen derzeit ca.                 300 Regalmeter, 15.000 in der Datenbank vorhandene Titel mit 33.000                 Schlagw\u00f6rtern&#8220;, so der <i>Umweltzentrum Archiv-Verein<\/i> 2007.<\/p>\n<h3>Repression<\/h3>\n<p>Das <i>Umweltzentrum<\/i> verstand sich als &#8222;Umw\u00e4lzzentrum&#8220; und                 war immer auch ein wichtiger Bezugspunkt der libert\u00e4ren und autonomen                 Bewegung in M\u00fcnster und weit dar\u00fcber hinaus. Hier hatten viele                 Projekte ihre Postf\u00e4cher und der Laden diente als Szenetreff.                 Das <i>UWZ<\/i> stand immer unter Beobachtung der Beh\u00f6rden und                 wurde 1992 im NRW-Verfassungsschutzbericht erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Bereits im Gr\u00fcndungsjahr des <i>Umweltzentrums<\/i> kam es zu                 einer Razzia. Der <i>Ehapa-Verlag<\/i>, der u.a. die Asterix-Comics                 herausgibt, stellte in den 1980er Jahren Strafanzeigen gegen Unbekannt                 und beauftragte zudem Privatdetektive, die herausbekommen sollten,                 wer f\u00fcr die nicht vom Ehapa-Verlag herausgegebenen &#8222;Asterix und                 das Atomkraftwerk&#8220;, &#8222;Asterix und die Pershings&#8220; und &#8222;Asterix im                 H\u00fcttendorf&#8220; verantwortlich war. Diese klandestin produzierten                 Szene-Comics verwenden zum Teil Zeichnungen aus den Original-Asterix-Comics,                 allerdings versehen mit linksradikalen Texten. Sie waren nicht                 nur in der Szene beliebt und der Verkauf trug erheblich zur Finanzierung                 von Projekten aus den sozialen Bewegungen bei. Im September 1980                 wurde u.a. das <i>Umweltzentrum<\/i> nach inkriminierten &#8222;Asterix                 und das Atomkraftwerk&#8220;-Comics durchsucht, wegen Versto\u00dfes gegen                 das Urheberrechtsgesetz und das Warenzeichengesetz. ((4))               <\/p>\n<p>Gefunden wurden nur wenige Exemplare. Eine Anekdote aus dieser                 Zeit erz\u00e4hlt, dass ein Ladengruppenmitglied w\u00e4hrend der Razzia                 auf seinem Stuhl sa\u00df, w\u00e4hrend seine Jacke \u00fcber der Stuhllehne                 hing. Erst nachdem die Polizei nach der mehrst\u00fcndigen Durchsuchung                 abgezogen war, soll er aufgestanden sein und erleichtert aufgeatmet                 haben. Unter seinem Stuhl habe sich eine von der Polizei \u00fcbersehene                 Kiste befunden, prall gef\u00fcllt mit &#8222;Asterix und das Atomkraftwerk&#8220;-Comics.<\/p>\n<p>Bedrohlicher f\u00fcr die Existenz des Umweltzentrums wurden in den                 1980er und 1990er Jahren die zahlreichen Razzien, von denen das                 Umweltzentrum und sein Archiv betroffen waren. <\/p>\n<h3>Eine unvollst\u00e4ndige Chronik<\/h3>\n<p>Am 27. Oktober 1983 wurde das <i>Umweltzentrum<\/i> zwei Stunden                 lang von sieben Beamten des Landeskriminalamts durchsucht. Gegen                 die drei Vorstandsmitglieder des <i>Umweltzentrum<\/i> e.V. wurde                 ein Ermittlungsverfahren nach \u00a7 129a StGB wegen kommentarlos abgedruckter                 Bekennerbriefe der Revolution\u00e4ren Zellen in M\u00fcnsters <i>&#8222;Info                 &#8211; Zeitung f\u00fcr eine z\u00fcndende Idee&#8220;<\/i> Nr. 2 eingeleitet. Die Verfahren                 wurden sp\u00e4ter eingestellt. ((5))               <\/p>\n<p>Im Juli 1986 bis Februar 1987 kam es zur bundesweiten Durchsuchung                 von \u00fcber 100 Buchhandlungen, Infozentren und Privatwohnungen auf                 der Suche nach den unbekannten HerstellerInnen und VertreiberInnen                 der bundesweit verbreiteten autonomen Szenezeitschrift <i>radikal<\/i>                 Nr. 132. Betroffen waren jeweils auch das <i>Umweltzentrum<\/i>                 und sein Archiv.<\/p>\n<p>Am 7. Januar 1992 wurden das<i> Umweltzentrum<\/i>, das <i>Archiv<\/i>                 und die <i>UWZ-Druckerei<\/i> durchsucht. Sieben Stunden lang suchten                 80 PolizistInnen, BKA- und LKA-Beamte nach Hinweisen auf &#8222;Verfasser,                 Herausgeber, Hersteller und Verbreiter der Druckschrift <i>unfassba<\/i>                 Nr.7\/8&#8243;. ((6)) <\/p>\n<p>Den unbekannten MacherInnen des mit Auflagen bis 1.500 St\u00fcck                 erschienen Anarchoblattes wurde unterstellt, sie h\u00e4tten mit der                 Forderung nach Zusammenlegung politischer Gefangener eine &#8222;terroristische                 Vereinigung&#8220; unterst\u00fctzt. <\/p>\n<p>Ein breites B\u00fcndnis von 90 Gruppen, von der <i>Katholischen Studierenden                 Gemeinde<\/i> M\u00fcnster<i> <\/i>bis zum <i>Initiativkreis Hafenstra\u00dfe                 Hamburg<\/i> protestierte gegen die Durchsuchungen. Dennoch wurden                 weitere Ausgaben der <i>unfassba<\/i> inkriminiert: Nr. 9, 10,                 11 und 18, mit Hilfe der \u00a7\u00a7 111, 129a und 130a StGB. ((7))<\/p>\n<p>Nach der Razzia l\u00f6ste die <i>unfassba<\/i>-Redaktion ihr Postfach                 im Umweltzentrum auf. ((8)) <\/p>\n<h3>Krisen, Spaltungen, Neubeginn <\/h3>\n<p>Im Mai 1992 kam es zur Spaltung der UWZ-Ladengruppe. Teile der                 ehemaligen UWZ-Ladengruppe und die ehemalige UWZ-Frauen\/Lesben-Archivgruppe                 gr\u00fcndeten daraufhin den <i>Infoladen Bankrott<\/i>, der erst 16                 Jahre sp\u00e4ter sein Ladenlokal im Dahlweg aufl\u00f6ste und in die R\u00e4ume                 des sich nun <i>Interkulturelles Zentrum Don Quijote <\/i>((9))                 nennenden UWZ zur\u00fcckkehrte.<\/p>\n<p>Die Spaltung 1992 war nicht die einzige, von der das Umweltzentrum                 (und auch das Archiv) betroffen war.<\/p>\n<p>Im Dezember 2004 nahmen etwa 40 AktivistInnen an einer Vollversammlung                 der FreundInnen und NutzerInnen des <i>Umweltzentrums<\/i> teil.                 Anlass waren u.a. die tiefen Gr\u00e4ben, die sich zwischen verschiedenen                 Gruppen und Einzelpersonen im Umweltzentrum aufgetan hatten. Genau                 genommen gab es eine Serie von Spaltungen. <\/p>\n<p>Wer den Monty-Python-Film &#8222;Das Leben des Brian&#8220; gesehen hat,                 kennt die <i>Jud\u00e4ische Volksfront<\/i>, die <i>Volksfront von Jud\u00e4a<\/i>                 und die <i>Popul\u00e4re Front<\/i>. Ganz so einfach wie im Film ist                 es in der Realit\u00e4t sicher nicht. Auch wenn manchmal der Eindruck                 entsteht, dass sich einige Anti-Atomkraft-Gruppen h\u00e4ufiger spalten                 als die Atome im AKW.<\/p>\n<p>Eine der aktivsten Anti-AKW-Aktionsgruppen im Umweltzentrum war                 die <i>WigA<\/i> (Widerstand gegen Atomanlagen). Sie war 1989 aus                 der <i>Hamm-Gruppe<\/i> hervorgegangen und leistete 15 Jahre lang                 Aufkl\u00e4rungs- und Bewegungsarbeit. 2004 gingen aus ihr die Gruppen                 <i>SofA<\/i> (Sofortiger Atomausstieg) ((10)),                 <i>Pollux<\/i> und (Rest-)<i>WigA<\/i> hervor.<\/p>\n<p>Neben den Anti-Atom-Gruppen gab es in der M\u00fcnsteraner Szene noch                 weitere Spaltungslinien. Diese aufzudr\u00f6seln, w\u00fcrde den Rahmen                 dieses Artikels sprengen. Schauen wir stattdessen auf die Folgen                 der &#8222;gro\u00dfen Spaltung 2004&#8220;.<\/p>\n<p>Sie hatte vereinfacht gesagt verschiedene &#8222;Konzepte&#8220; hervorgebracht:<\/p>\n<p>Zusammen mit der Marxistischen Gruppe (MG)<i> Destruktive Kritik<\/i>                 und der zwischenzeitlich &#8222;antideutsch&#8220; orientierten <i>Offenen                 Antifa M\u00fcnster<\/i> gr\u00fcndete die Rest-<i>WigA<\/i> den <i>Club Courage<\/i>                 im Hinterhof der Friedensstra\u00dfe 42 als &#8222;Selbstverwaltetes Zentrum                 f\u00fcr Jugend, Kultur, Umwelt und Politik&#8220;. ((11))               <\/p>\n<h3>Raider hei\u00dft jetzt Twix, UWZ hei\u00dft jetzt Don Qui<\/h3>\n<p>Die im <i>Umweltzentrum<\/i> verbliebenen Gruppen und Einzelpersonen                 nannten das <i>Umweltzentrum<\/i> fortan <i>Don Quijote<\/i>. Im                 September 2012 fand der Umzug des &#8222;Don Qui&#8220; in die Nieberdingstra\u00dfe                 8 statt.<\/p>\n<p>Eine Soziale Zentrumsgruppe organisierte sich im <i>Versetzt<\/i>,                 einem kleinen Libert\u00e4ren Zentrum in der Grevener Stra\u00dfe. ((12))                 Das Ladenlokal wurde den BesetzerInnen der ehemaligen Uppenbergschule                 (&#8222;Uppe&#8220;) 2001 nach der R\u00e4umung von der Stadt zur Verf\u00fcgung gestellt.<\/p>\n<p>Diese Gruppe versuchte auch in den folgenden Jahren vor allem                 durch diverse Hausbesetzungen ein gro\u00dfes Autonomes Zentrum durchzusetzen.                  ((13))<\/p>\n<p>Nachdem aber alle besetzten H\u00e4user ger\u00e4umt wurden, wurde 2011                 ein kleiner (Info-)Laden in der Nieberdingstra\u00dfe 8 angemietet,                 das <i>Krachtz<\/i>. ((14))               <\/p>\n<p>Auf der UWZ-Vollversammlung 2004 wurden im Konsens &#8222;sieben alte                 S\u00e4cke&#8220;(Der Blarze Schwock) gew\u00e4hlt, die das Vertrauen aller Gruppen                 und anwesenden Einzelpersonen genossen. Eine Frau und sechs M\u00e4nner                 aus verschiedenen linken und libert\u00e4ren M\u00fcnsteraner Gruppen wurden                 aufgefordert einen &#8222;neutralen&#8220; Tr\u00e4gerverein f\u00fcr das <i>Umweltzentrum-Archiv<\/i>                 zu gr\u00fcnden. Sie sollten sicher stellen, dass das Archiv nicht                 zerrissen oder f\u00fcr bestimmte Gruppen unzug\u00e4nglich wird. Diese                 sieben &#8222;SzeneveteranInnen&#8220; gr\u00fcndeten im Auftrag der UWZ-Vollversammlung                 den gemeinn\u00fctzigen <i>Umweltzentrum-Archiv e.V.<\/i><\/p>\n<h3>Das Projekt &#8222;M\u00fcnsters Geschichte von unten&#8220;<\/h3>\n<p><i>skulptur projekte m\u00fcnster,<\/i> so nennt sich eine internationale                 Gro\u00dfausstellung, die seit 1977 alle zehn Jahre stattfindet. Dabei                 werden K\u00fcnstlerInnen eingeladen, die an einem selbst gew\u00e4hlten                 Ort innerhalb M\u00fcnsters ein dreidimensionales Kunstwerk erschaffen.                 Einige Werke sind nach den 100 Tagen Ausstellungszeit von der                 Stadt oder von Unternehmen gekauft worden und wurden dauerhafter                 Bestandteil des Stadtbilds. Zu den <i>skulptur projekten 07<\/i>                 wurde auch die Frankfurter K\u00fcnstlerin Silke Wagner eingeladen.               <\/p>\n<p>Anfang 2006 nahm sie Kontakt zum <i>Umweltzentrum Archiv e.V.<\/i>                 auf.<\/p>\n<p>Sie stellte ihre Ideen f\u00fcr eine k\u00fcnstlerische Nutzung des <i>UWZ-Archivs<\/i>                 im Zusammenhang mit den <i>skulptur projekten m\u00fcnster 07 <\/i>auch                 auf den Vollversammlungen der NutzerInnen des Archivs vor. <\/p>\n<p>Nach zahlreichen Gespr\u00e4chen und Diskussionen entwickelte Silke                 Wagner gemeinsam mit mir als Vertreter des UWZ-Archiv-Vereins                 das Konzept f\u00fcr die <i>skulptur projekte m\u00fcnster 07<\/i> weiter.                 Dabei ber\u00fccksichtigte sie auch Anregungen und Kritiken aus den                 Reihen des Archiv-Vereins und des <i>Don Quijote<\/i>. <\/p>\n<p>Wir erhofften uns, dass durch die Zusammenarbeit das <i>Umweltzentrum-Archiv<\/i>                 und die hier archivierten Materialien aus den sozialen Bewegungen                 einer gr\u00f6\u00dferen \u00d6ffentlichkeit bekannter werden, und die Kooperation                 zum Erhalt und weiteren Ausbau des Archivs beitragen kann. Die                 Neugier auch der rund 550.000 BesucherInnen der <i>skulptur projekte                 m\u00fcnster 07 <\/i>sollte geweckt<i> <\/i>werden<i> <\/i>&#8211; auf eine                 Geschichte, wie sie nicht in den Geschichtsb\u00fcchern zu finden ist.                 Eine alternative &#8222;Geschichtsschreibung von unten&#8220;, die sich nicht                 an Eliten orientiert, sondern stattdessen die Historie sozialer                 Bewegungen und von &#8222;kleinen Leuten&#8220; zug\u00e4nglich macht.<\/p>\n<p>&#8222;Vergessene&#8220; Geschichten, wie die des 1938 von den Nazis zwangssterilisierten                 Paul Wulf, der sich als libert\u00e4rer Antimilitarist und Antifaschist                 sein Leben lang f\u00fcr eine klassenlose, menschengerechte, herrschaftsfreie                 Gesellschaft einsetzte und h\u00e4ufiger Besucher des UWZ-Archivs war.                  ((15)) <\/p>\n<p>In Zusammenarbeit mit Silke Wagner entstand im Rahmen der <i>skulptur                 projekte m\u00fcnster 07<\/i> die Internetseite www.uwz-archiv.de und                 die ebenfalls zum Projekt &#8222;M\u00fcnsters Geschichte von unten&#8220; geh\u00f6rende                 3,40 Meter hohe Paul Wulf-Skulptur. Letztere wurde 2007 von den                 LeserInnen der <i>M\u00fcnsterschen Zeitung<\/i> zur beliebtesten Skulptur                 gew\u00e4hlt und die Obdachlosenzeitung <i>drau\u00dfen<\/i> verlieh ihr                 den &#8222;Berber-Preis&#8220; f\u00fcr die menschenfreundlichste Skulptur. <\/p>\n<p>Im Ausstellungskatalog &#8222;skulptur projekte m\u00fcnster 07&#8220; formulierte                 der UWZ-Archiv-Verein seine an die Kooperation mit der K\u00fcnstlerin                 gekn\u00fcpften Hoffnungen: &#8222;Wir erhoffen uns durch die Zusammenarbeit                 und die damit verbundene \u00d6ffentlichkeit des Archivs Impulse f\u00fcr                 die weitere Entwicklung. Aufgrund von Geldmangel konnte sich der                 ohne staatliche Zusch\u00fcsse betriebene Umweltzentrum-Archiv-Verein                 bisher nur in einem sehr bescheidenen Ma\u00dfe an den Mietkosten f\u00fcr                 die R\u00e4umlichkeiten in der Scharnhorststra\u00dfe 57 beteiligen. Bisher                 sind wir auf die Unterst\u00fctzung durch das <i>Don Quijote <\/i>angewiesen.                 Das zurzeit leider nur von wenigen Menschen betreute und genutzte                 Umweltzentrum-Archiv finanziert sich ausschlie\u00dflich durch Spenden                 und hofft im Zusammenhang mit den <i>skulptur projekten m\u00fcnster                 07<\/i> auf Unterst\u00fctzung, auch in Form von Engagement und Mitarbeit.&#8220;                  ((16)) <\/p>\n<p>Die Paul Wulf-Skulptur schaffte es 2007 sogar auf die Titelseite                 der &#8222;International Herald Tribune&#8220;. Sie machte den 1938 von den                 Nazis zwangssterilisierten und 1999 gestorbenen M\u00fcnsteraner Anarchisten                 Paul Wulf zu einer \u00f6ffentlichen Person. <\/p>\n<p>Erst im September 2010, nach dem jahrelangen Versuch von konservativer                 Seite, eine Wiederaufstellung zu verhindern, konnte die durch                 Spendengelder finanzierte Skulptur wieder in die \u00d6ffentlichkeit                 zur\u00fcckkehren. Sie wurde auf dem Servatiiplatz aufgestellt.<\/p>\n<p>Das <i>Umweltzentrum-Archiv<\/i> wurde aber weiterhin \u00f6ffentlich                 kaum wahrgenommen. und so konstatierte auch der Geschichtsprofessor                 Franz-Werner Kersting in einem Referat \u00fcber &#8222;Die &#8218;anderen&#8216; Archive&#8220;                 treffend:<\/p>\n<p>&#8222;Diese Beteiligung eines freien linken Archivs an der renommierten                 M\u00fcnsterschen &#8217;skulptur projekte&#8216;-Ausstellung ist nach meinem Eindruck                 von der kunstinteressierten \u00d6ffentlichkeit, wenn \u00fcberhaupt, so                 nur am Rande registriert worden. Noch unbekannter d\u00fcrfte sein,                 dass durch das Gemeinschaftsprojekt zwischen Tr\u00e4gerverein und                 K\u00fcnstlerin auch die Gestaltung der neuen Webseite des Archivs                 sowie die Digitalisierung erster Materialbest\u00e4nde angesto\u00dfen wurde                 (\u2026). Der materielle \u00dcberlieferungsschwerpunkt liegt auch im Umweltzentrum-Archiv                 klar auf den beiden Feldern &#8218;Sammlungsgut&#8216; und &#8218;Bibliothek&#8216;, und                 der inhaltliche Fokus wird von den Themen und Schlagworten Umwelt,                 Anti-Atom-Bewegung, Hausbesetzungen (oder auch &#8218;H\u00e4userkampf&#8216;),                 politische Zensur und &#8218;Kriminalisierung&#8216;, Internationalismus,                 Antifaschismus und Anarchismus bestimmt.&#8220; ((17))               <\/p>\n<p>Die Hoffnung des <i>Umweltzentrum-Archiv e.V.<\/i> auf eine dauerhafte                 finanzielle Unterst\u00fctzung des Archivs durch B\u00fcrgerInnen platzte                 wie eine Seifenblase. Die Medien berichteten viel \u00fcber das Kunstprojekt                  ((18)), erw\u00e4hnten aber so                 gut wie nie, dass &#8222;M\u00fcnsters Geschichte von unten&#8220; auch eine Koproduktion                 der K\u00fcnstlerin mit dem Bewegungsarchiv ist. Das \u00e4nderte sich erst                 im August 2010.<\/p>\n<h3>&#8222;Wir m\u00fcssen hier raus\u2026&#8220; (Ton, Steine, Scherben)<\/h3>\n<p>Ab dem 3. August 2010 berichteten die <i>Westf\u00e4lischen Nachrichten<\/i>                 mit einer f\u00fcnfteiligen Artikelserie \u00fcber die Arbeit des <i>Umweltzentrum-Archiv-Vereins<\/i>                 im Zusammenhang mit der Paul Wulf Skulptur. Titel: &#8222;Wir m\u00fcssen                 raus, wir wollen raus&#8220;. ((19))               <\/p>\n<p>Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Archiv allerdings schon in                 einer Existenzkrise, nicht nur weil die allesamt ehrenamtlichen                 Mitglieder kaum noch Zeit fanden, es angemessen zu betreuen.<\/p>\n<p>Eine Untersuchung hatte gezeigt, dass die R\u00e4umlichkeiten in der                 Scharnhorststra\u00dfe 57 so feucht sind, dass dem Archiv auf Dauer                 der Schimmelbefall gedroht h\u00e4tte. <\/p>\n<p>Der Archiv-Verein bem\u00fchte sich intensiv darum, fand aber in M\u00fcnster                 keine bezahlbaren R\u00e4ume. Zudem wollte sich die Druckereigenossenschaft                 <i>FairDruckt <\/i>((20)), die                 sich einen gro\u00dfen Raum mit dem Archiv teilte, im Interkulturellen                 Zentrum <i>Don Quijote<\/i> vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n<p>Bei Gr\u00fcndung des <i>Umweltzentrum-Archiv e.V.<\/i> wurde in der                 Satzung formuliert, dass bei Aufl\u00f6sung des Vereins das <i>UWZ-Archiv<\/i>                 dem Duisburger <i>Archiv f\u00fcr alternatives Schrifttum<\/i> (afas)<i>                 <\/i>((21)) oder einem anderen                 befreundeten Archiv \u00fcbergeben werden soll.<\/p>\n<p>Aufgrund der \u00fcber viele Jahre gewachsenen Vertrauensbasis und                 der guten Zusammenarbeit mit dem <i>afas<\/i> beschloss der <i>Umweltzentrum                 Archiv e.V.<\/i> schlie\u00dflich das <i>UWZ-Archiv<\/i> 2011 peu \u00e1 peu                 dem <i>afas<\/i> anzugliedern. Das <i>afas<\/i> ist somit zum wohl                 gr\u00f6\u00dften Alternativarchiv in der Bundesrepublik geworden. <\/p>\n<h3>Was bleibt?<\/h3>\n<p>Die Homepage www.uwz-archiv.de wird weiterhin ausgebaut. Auch                 die Paul Wulf-Skulptur wird mindestens bis September 2013 regelm\u00e4\u00dfig                 mit Dokumenten aus dem UWZ-Archiv plakatiert. Zu den wechselnden                 Themen z\u00e4hlen &#8222;H\u00e4userkampf in M\u00fcnster&#8220;, &#8222;Anti-AKW-Bewegung in                 M\u00fcnster&#8220;, &#8222;Zensur alternativer Medien in M\u00fcnster&#8220; und &#8222;Der Antifaschist                 Paul Wulf&#8220;. Aber der <i>Umweltzentrum-Archiv e.V.<\/i> wird voraussichtlich                 aufgel\u00f6st. Und das M\u00fcnsteraner Umweltzentrum-Archiv ist nicht                 mehr in der Domstadt zu finden. Es kann stattdessen in Duisburg                 als Teil des <i>afas<\/i> weiter genutzt werden.<\/p>\n<p>Die Perspektiven, die wir als Archivgruppe im Mai 2005 in der                 <i>Graswurzelrevolution<\/i> Nr. 299 beschrieben haben, sind nicht                 an eine Stadt gebunden. Sie bleiben aktuell:<\/p>\n<p>&#8222;Wir wollen, dass der Duft von Hausstaubmilben, Anarchie, Freiheit                 und Abenteuer auch noch in den n\u00e4chsten 25 Jahren durch die (Archiv-)                 Ordner (ohne Herrschaft) weht und Menschen zu kreativem Widerstand                 und dem Leben von Utopien inspiriert.&#8220; ((22)) <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 1997 gegr\u00fcndete Blarze Schwock ((1)) ist zwar weniger bekannt, wirkte in den Nuller Jahren aber \u00e4hnlich wie in den 1970er und 1980er Jahren das legend\u00e4re West-Berliner Anarchokabarett Die Drei Tornados. 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