{"id":11843,"date":"2013-02-01T00:00:22","date_gmt":"2013-01-31T22:00:22","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11843"},"modified":"2022-07-26T14:22:26","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:26","slug":"kampf-um-ein-besseres-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/02\/kampf-um-ein-besseres-leben\/","title":{"rendered":"Kampf um ein besseres Leben"},"content":{"rendered":"<p>Im Mittelpunkt stehen Anliegen, die sowohl die Verbesserung der                 konkreten Situation als auch das europ\u00e4ische Asylsystem als Ganzes                 betreffen. <\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlinge kommen aus Pakistan, Afghanistan, Nigeria und                 Somalia, viele aus dem Maghreb (Algerien und Marokko). Einige                 sind abgelehnte Asylbewerber, andere warten noch auf den Asylbescheid.               <\/p>\n<p>Die Aktionen unter dem Banner <i>Refugee Action Vienna<\/i> beginnen                 mit einem Protestmarsch, m\u00fcnden in der Besetzung des Sigmund-Freud-Parks                 in der Wiener Innenstadt und einige Zeit sp\u00e4ter in der Besetzung                 der daran angrenzenden Votiv-Kirche durch rund 40 Fl\u00fcchtlinge.                 Ende Dezember treten sie in der Kirche in Hungerstreik. <\/p>\n<p>Dieser dauert zu Redaktionsschluss dieser GWR noch an. Sie formulieren                 sechs zentrale Forderungen: <\/p>\n<ul>\n<li> Grundversorgung f\u00fcr alle AsylbewerberInnen, unabh\u00e4ngig von                   ihrem Rechtsstatus.<\/li>\n<li> Freie Wahl des Aufenthaltsortes sowie Zugang zum \u00f6ffentlichen                   Wohnbau f\u00fcr alle in \u00d6sterreich aufh\u00e4ltigen AsylbewerberInnen                   &#8211; keine Transfers gegen den Willen der Betroffenen.<\/li>\n<li> Zugang zum Arbeitsmarkt, Bildungsinstitutionen und Sozialversicherung                   f\u00fcr alle in \u00d6sterreich aufh\u00e4ltigen MigrantInnen.<\/li>\n<li> Stopp aller Abschiebungen nach Ungarn &#8211; Stopp aller Abschiebungen                   im Zusammenhang mit der Dublin II-Verordnung.<\/li>\n<li> Einrichtung einer unabh\u00e4ngigen Instanz zur inhaltlichen \u00dcberpr\u00fcfung                   aller negativ beschiedenen Asylverfahren.<\/li>\n<li> Anerkennung von sozio\u00f6konomischen Fluchtmotiven neben den                   bisher anerkannten Fluchtgr\u00fcnden.<\/li>\n<\/ul>\n<h3>Chronologie und Kontexte<\/h3>\n<p>Am 24. November fand ein Protestmarsch mit rund 500 TeilnehmerInnen                 vom Erstaufnahmezentrum f\u00fcr AsylbewerberInnen im nieder\u00f6sterreichischen                 Traiskirchen in die Hauptstadt Wien statt. <\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlinge wenden sich laut <i>Wiener Zeitung<\/i> (22.11.2012)                 gegen &#8222;zu geringes Taschengeld, Wohnen auf engstem Raum und Schnellverfahren                 ohne Ber\u00fccksichtigung von Fluchtgr\u00fcnden&#8220;. <\/p>\n<p>In Traiskirchen lebten zu diesem Zeitpunkt rund 1.400 Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p>Der Marsch traf Mitten in die staatspolitische Diskussion um                 die Verteilung von Fl\u00fcchtlingen auf die verschiedenen neun Bundesl\u00e4nder.               <\/p>\n<p>Nieder\u00f6sterreich hatte rund 300 Menschen mehr als quotiert aufgenommen,                 andere Bundesl\u00e4nder wie etwa Salzburg hatten ihre Quote gar nicht                 erf\u00fcllt. Diese Quotendiskussion kann angesichts der sozialen Situation                 in einem der zehn Reichsten L\u00e4nder der Erde nur als ein ziemlich                 widerliches Geschacher beschrieben werden. <\/p>\n<p>Es steht aber im Kontext eines institutionellen Umgangs mit Fl\u00fcchtlingen,                 der im Einklang mit den EU-Normen ganz auf Abwehr und Abschreckung                 ausgerichtet ist. Im April 2011 war zuletzt von der SP\u00d6-\u00d6VP-Koalition                 auf Bundesebene unter kaum vernehmbaren Protest einiger Fl\u00fcchtlinge                 und NGOs das so genannte &#8222;Fremdenrechtspaket&#8220; verabschiedet worden,                 das Versch\u00e4rfungen u.a. in den Bereichen Bewegungsfreiheit, Abschiebung                 und Nachzug von Familienangeh\u00f6rigen beinhaltete.<\/p>\n<p>Nach Ankunft des Protestmarsches in Wien wurde im zentral gelegenen                 Sigmund-Freud-Park ein Zeltlager errichtet. <\/p>\n<p>Am 21. Dezember fand auf Anregung der Caritas ein &#8222;Runder Tisch&#8220;                 mit Vertretern des Innenministeriums statt, an dem auch Caritas                 und Erzdi\u00f6zese teilnahmen, die Vertreter der Fl\u00fcchtlinge wurde                 vorher zahlenm\u00e4\u00dfig begrenzt. <\/p>\n<p>Am 28. Dezember dann wurde das Camp mit der Begr\u00fcndung eines                 Versto\u00dfes gegen die Kampierverordnung ger\u00e4umt.<\/p>\n<p>Nachts um vier lie\u00dfen die Polizei-Hundertschaften den ZeltbewohnerInnen                 f\u00fcnf Minuten Zeit, um ihre Sachen zu packen. Rund 2000 Menschen                 demonstrieren am 29. Dezember in der Wiener Innenstadt gemeinsam                 und in Solidarit\u00e4t mit den protestierenden Fl\u00fcchtlingen. <\/p>\n<p>Am 3. Januar kam dann doch &#8211; entgegen vorheriger Klarstellung,                 es nicht zu tun &#8211; die Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (\u00d6VP)                 selbst in der Kirche vorbei und redete mit den Hungerstreikenden,                 machte aber keinerlei Zugest\u00e4ndnisse. Am 14. Januar 2013 werden                 sieben Aktivisten au\u00dferhalb der Kirche nach einem Hinweis aus                 der Bev\u00f6lkerung kontrolliert und verhaftet, vier von ihnen kommen                 sofort in Abschiebehaft.<\/p>\n<h3>AkteurInnen des Migrationsregimes<\/h3>\n<p>Es ist ein lehrst\u00fcckhafter Auftritt aller AkteurInnen des gegenw\u00e4rtigen                 Migrationsregimes in ihren ineinandergreifenden Rollen und Funktionen:                 allen voran die Fl\u00fcchtlinge selbst mit ihren Forderungen und den                 an Fl\u00fcchtlingsproteste in anderen L\u00e4ndern ankn\u00fcpfende Selbstbezeichnung                 (Refugee Action). <\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber steht die rechte Hand des Staates in Person der                 Innenministerin Mikl-Leitner, die die Proteste erst von &#8222;Aktionisten                 [sic!] aus Deutschland&#8220; gesteuert sah, dann aber doch mit ihnen                 sprach und nichts einr\u00e4umte.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfen Koalition auf Bundesebene steht die rot-gr\u00fcne in der                 Stadt Wien gegen\u00fcber bzw. zur Seite, die angeblich von der Camp-R\u00e4umung                 nichts gewusst hat, auch wenn die R\u00e4umungsarbeiten nach Angaben                 der Tageszeitung <i>Kurier <\/i>(30.12.2012) von Arbeitern einer                 Firma erledigt wurden, die auch f\u00fcr die st\u00e4dtische M\u00fcllentsorgung                 angeheuert wird. <\/p>\n<p>Die Caritas versorgt die Fl\u00fcchtlinge &#8222;mit Tee und Suppe&#8220; (Caritas-Direktor                 Michael Landau). Sie m\u00f6chte sie aus der kalten Kirche in beheizte                 Zimmer umquartieren und lehnt deren &#8222;Instrumentalisierung&#8220; von                 &#8222;Extremisten, egal, ob von links oder von rechts&#8220; (Landau). <\/p>\n<p>Weitere AkteurInnen sind das Fl\u00fcchtlingshilfswerk der Vereinten                 Nationen (UNHCR), dessen Vertreter die Hungerstreikenden auch                 f\u00fcr den Umzug in die Wohnungen erw\u00e4rmen wollte. Dar\u00fcber hinaus                 ist da die katholische Kirche, die die Fl\u00fcchtlinge notgedrungen                 aufgenommen hat und von einem privaten Sicherheitsunternehmen                 die Kirchent\u00fcren der Votiv-Kirche bewachen l\u00e4sst. <\/p>\n<p>Zudem gibt es die antirassistischen AktivistInnen, die logistische                 Unterst\u00fctzungen aller Art leisten und von Beginn an von allen                 (!) Zeitungen beschuldigt werden, die Fl\u00fcchtlinge zu &#8222;instrumentalisieren&#8220;.                 Also sind da auch noch die Medien, die im von Boulevardzeitungen                 dominierten \u00d6sterreich insgesamt vor allen technisch berichten,                 d.h. ereignis- und nicht inhaltsbezogen, dabei aber st\u00e4ndig Legitimations-                 und Definitionsarbeit leisten (Wer darf wen repr\u00e4sentieren? Wann                 ist etwas politisch?). <\/p>\n<p>Hinzu kommen ein paar zivilgesellschaftliche AkteurInnen, die                 sich \u00f6ffentlich mit den Fl\u00fcchtlingen solidarisieren, wie etwa                 das Rektorat der Akademie der bildenden K\u00fcnste Wien, das gegen                 die Camp-R\u00e4umung protestiert und angenehm patzig verlauten l\u00e4sst,                 das &#8222;Bundesministerium f\u00fcr Inneres soll endlich daf\u00fcr sorgen,                 menschenw\u00fcrdige Lebensverh\u00e4ltnisse f\u00fcr Asylwerber_innen in \u00d6sterreich                 zu schaffen&#8220;. <\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich geh\u00f6ren zu diesen AkteurInnen auch die Rechtsradikalen,                 die in der \u00f6sterreichischen Bev\u00f6lkerung mit einem Viertel bis                 einem Drittel der W\u00e4hlerInnenstimmen fest verankert sind. Sie                 fordern nach der R\u00e4umung des Camps auch die R\u00e4umung der Kirche                 und drohen mit Klage wegen &#8222;Herabw\u00fcrdigung religi\u00f6ser Lehren&#8220;                 (Johann Gudenus, FP\u00d6 Wien). <\/p>\n<p>In einer Zeitungsanzeige vom 14. Januar 2012 fordert die FP\u00d6                 ganz offen gewaltsame Ma\u00dfnahmen: &#8222;Schubhaft, zwangsern\u00e4hren und                 abschieben!&#8220;<\/p>\n<h3>Legitimit\u00e4t und Politik<\/h3>\n<p>Schon am 28.11. thematisiert ein Kriminalsoziologe (Reinhard                 Kreissl) in der liberalen Tageszeitung <i>Der Standard<\/i> die                 Schwierigkeit der politischen Repr\u00e4sentation jener, denen, wie                 den AsylbewerberInnen, strukturell kein Geh\u00f6r geschenkt werde.                 Dass andere ihnen zur vernehmbaren Stimme verhelfen oder dazu                 beitragen, dass ihre Argumente und Anliegen vernommen werden,                 scheint ihm skandal\u00f6s. <\/p>\n<p>Als &#8222;Jakobiner im Westentaschenformat&#8220; beschimpft er die Unterst\u00fctzerInnen.               <\/p>\n<p>Die andere ernstzunehmende Tageszeitung, die konservative <i>Die                 Presse<\/i>, schlie\u00dft sich titelnd dem Urteil des Caritas-Direktors                 an: &#8222;Die Not wird instrumentalisiert.&#8220; (23.12.2012) <\/p>\n<p>In der Tageszeitung <i>\u00d6sterreich<\/i> hei\u00dft es schlicht &#8222;Asylwerber                 von Chaoten aufgehetzt&#8220; (28.12.2012). <\/p>\n<p>Der Instrumentalisierungsvorwurf ist deshalb so interessant,                 weil er einerseits ganz klassisch herrschaftlich argumentiert                 und die Protestierenden entm\u00fcndigt &#8211; denn deren Radikalit\u00e4t kommt                 angeblich immer von Au\u00dfen und nicht von ihnen selbst. <\/p>\n<p>Andererseits ist er aufschlussreich, weil er leer bleibt &#8211; niemand                 sagt, <i>wof\u00fcr<\/i> die Fl\u00fcchtlinge angeblich zu Instrumenten degradiert                 w\u00fcrden. Angesichts der Reichweite ihrer Forderungen w\u00e4re das wohl                 auch eine schwer zu beantwortende Frage. Manchmal lassen sich                 die Leute aber von Ereignissen irritieren: Zun\u00e4chst wettert auch                 <i>Standard<\/i>-Kommentatorin Irene Brickner gegen die angebliche                 Indienstnahme der Fl\u00fcchtlinge unter dem Titel &#8222;Wider die Dramatisierer&#8220;                 (27.12.). <\/p>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter, nach der Camp-R\u00e4umung gibt sie aber den vermeintlichen                 &#8222;Dramatisierern&#8220; dann doch recht: Die &#8222;Wiener Polizei hat sich                 f\u00fcr eine Eskalationsstrategie entschieden&#8220; (29.12.).Zur Frage,                 ob die Kampierverordnung, wie vom Innenministerium praktiziert,                 h\u00f6her einzusch\u00e4tzen ist als die Versammlungsfreiheit, titelte                 der <i>Kurier<\/i> bezeichnend: &#8222;Camp-R\u00e4umung wird jetzt zum Politikum&#8220;                 (30.12.2012). Gemeint war damit die von den Gr\u00fcnen angek\u00fcndigte,                 juristische \u00dcberpr\u00fcfung des Sachverhalts.<\/p>\n<p>Durchscheinen tut dabei aber vor allem ein auf diese staatspolitisch-juristische                 Ebene beschr\u00e4nktes Politikverst\u00e4ndnis &#8211; als w\u00e4ren die Proteste,                 der Hungerstreik, die Unterst\u00fctzungen und die rassistischen Anfeindungen                 kein &#8222;Politikum&#8220;.<\/p>\n<p>Nur vor dem Hintergrund dieser Verk\u00fcrzung des Politischen ist                 es wohl zu erkl\u00e4ren, dass auch die <i>Standard<\/i>-Autorin nach                 ihrer Repressionsschelte es der Innenministerin als Verdienst                 anrechnet, den &#8222;Mut [sic!] f\u00fcr ein Gespr\u00e4ch aufgebracht zu haben.&#8220;                 (<i>Der Standard<\/i>, 04.01.2012) Mal davon ausgegangen, dass                 damit nicht gemeint war, die Ministerin h\u00e4tte sich wom\u00f6glich t\u00e4tlichen                 Angriffen der geschw\u00e4chten, aber wild entschlossenen Hungerstreikenden                 ausgesetzt, kann sich der Mut ja nur auf den Status der Gespr\u00e4chspartner                 beziehen &#8211; dass man eben mit jemandem redet, mit dem man von Amts                 wegen nicht zu reden br\u00e4uchte, sich also in eine Gespr\u00e4chsituation                 begibt, die einem bzw. einer daher prestigem\u00e4\u00dfig schaden k\u00f6nnte.               <\/p>\n<p>Die Fl\u00fcchtlinge selbst hingegen haben am Politischen ihrer Aktionen                 keinen Zweifel gelassen. So erkl\u00e4rten sie etwa auf der Pressekonferenz                 in der kalten Kirche am 3. Januar 2013: &#8222;Unser Protest zielt nicht                 auf warme Wohnungen, sondern auf die Umsetzung unserer Forderungen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Mittelpunkt stehen Anliegen, die sowohl die Verbesserung der konkreten Situation als auch das europ\u00e4ische Asylsystem als Ganzes betreffen. Die Fl\u00fcchtlinge kommen aus Pakistan, Afghanistan, Nigeria und Somalia, viele aus dem Maghreb (Algerien und Marokko). Einige sind abgelehnte Asylbewerber, andere warten noch auf den Asylbescheid. 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