{"id":11851,"date":"2013-02-01T00:00:31","date_gmt":"2013-01-31T22:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11851"},"modified":"2022-07-26T14:12:15","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:15","slug":"quo-vadis-anarchismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/02\/quo-vadis-anarchismus\/","title":{"rendered":"Quo vadis, Anarchismus?"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe stets die Position vertreten, dass der Anarchismus eine                 heterogene Bewegung und Idee ist, wo man verschiedene <i>Anarchismen                 <\/i>(also sich \u00fcberschneidende Unterstr\u00f6mungen im Anarchismus                 mit speziellen inhaltlichen und\/oder aktionistischen Ausrichtungen)                 finden kann. <\/p>\n<p>Diese Heterogenit\u00e4t betrachte ich als Zeichen von Vitalit\u00e4t und                 der F\u00e4higkeit und Bereitschaft, sich theoretisch und praktisch                 weiterzuentwickeln sowie solidarisch auszutauschen. Die Bereitschaft,                 unterschiedliche Auffassungen in anarchistische Theorie und Praxis                 zu akzeptieren (auch, wenn man fallweise nicht mit allem einverstanden                 ist), halte ich f\u00fcr einen Vorteil gegen\u00fcber autorit\u00e4ren Spielarten                 des Sozialismus. Ich betrachte sie nicht als Hemmschuh. <\/p>\n<p>Einige Fragen und Zweifel diese Position betreffend sind jedoch                 legitim: Wo beginnt die Beliebigkeit? Wo ist die Grenze zu ziehen,                 was nun doch nicht mehr &#8222;Anarchismus&#8220; ist? Und wer zieht sie mit                 welcher Berechtigung? Ist diese Vielfalt in Theorie und Praxis                 tats\u00e4chlich nicht viel h\u00e4ufiger hinder- als f\u00f6rderlich f\u00fcr den                 Anarchismus (bzw. f\u00fcr die Arbeit anarchistischer Gruppen und Organisationen)?               <\/p>\n<p>Vor allem letztere Frage wird seit langem in der anarchistischen                 Bewegung diskutiert und ist der entscheidende Unterschied zwischen                 dem sog. &#8222;synthetischen&#8220; und den &#8222;plattformistischen&#8220; Organisationsmodellen.                 Wie dem auch sei, alle hier in den Raum gestellten Fragen sind                 legitim und wichtig, weshalb ich mir den &#8222;Spa\u00df&#8220; erlaubt habe,                 bewusst zwei anarchistische Publikationen aufeinander folgend                 zu lesen, welche Str\u00f6mungen repr\u00e4sentieren, die weit voneinander                 auseinander liegen, um anschlie\u00dfend diese Fragen erneut durchzudenken                 &#8211; ohne jedoch (und das ist Absicht) eine Reihe von Antworten zu                 pr\u00e4sentieren, sondern um zur Reflexion und zur Diskussion anzuregen.<\/p>\n<p>Die B\u00fccher, um die es sich handelt, sind <i>Black Flame. The                 Revolutionary Class Politics of Anarchism and Syndicalism<\/i>                 von Michael Schmidt und Lucien van der Walt und <i>Message in                 a Bottle <\/i>vom CrimethInc. Ex-Workers Collective.<\/p>\n<h3>Anarchismus im Korsett<\/h3>\n<p>Das Buch <i>Black Flame<\/i> zeichnet sich vor allem durch eines                 aus: durch ein sehr rigides Definieren, was Anarchismus sei und                 was nicht. <\/p>\n<p>Das mag bei Autoren, die sich im plattformistischen Anarchokommunismus                 verorten, nicht unbedingt \u00fcberraschen, dennoch kann ihre Suche                 nach <i>dem<\/i> Anarchismus manchmal seltsam anmuten. <\/p>\n<p>Kurz zusammengefasst wird in dem Buch die Ansicht vertreten,                 dass Anarchismus <i>ausschlie\u00dflich<\/i> eine Bewegung und Idee                 sei, die sich im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert in der (sozialistischen)                 Arbeiterbewegung entwickelt hat und vor allem durch Bakunin und                 Kropotkin in seine pr\u00e4gende und quasi unab\u00e4nderliche Form gegossen                 wurde. <\/p>\n<p>Alles andere, was im Laufe der Geschichte mit dem Anarchismus-Label                 ausgestattet wurde, kann und darf <i>per definitionem<\/i> kein                 Anarchismus sein. Generell herrsche laut den Autoren auch ein                 Missverst\u00e4ndnis in der anarchistischen Szene vor, denn &#8222;Klassenkampf-Anarchismus,                 manchmal auch revolution\u00e4rer oder kommunistischer Anarchismus                 genannt&#8220; sei &#8222;keine Form des Anarchismus&#8220; sondern &#8222;der <i>einzige<\/i>                 Anarchismus&#8220;. (Schmidt\/van der Walt 2009, S. 19; Hervorhebung                 im Original) <\/p>\n<p>Es wird deshalb viel Aufwand betrieben, einerseits vielen gesch\u00e4tzten                 Pers\u00f6nlichkeiten des Anarchismus ihr Anarchist-Sein schlicht abzusprechen                 &#8211; wie Proudhon, Godwin, Tolstoi, Tucker, Stirner &#8211; gleichzeitig                 aber autorit\u00e4re Sozialisten wie Daniel De Leon oder den irisch-republikanischen                 Unabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfer und Syndikalisten James Connolly als Teil                 der anarchistischen Bewegung zu erkl\u00e4ren. Das Ergebnis dieses                 Ex- und Inkludierens von Pers\u00f6nlichkeiten wird paradoxerweise                 dann als die &#8222;breite anarchistische Tradition&#8220; (<i>broad anarchist                 tradition<\/i>) bezeichnet.<\/p>\n<p>Dieses Ex- und Inkludieren geschieht aber keineswegs willk\u00fcrlich.                 Es folgt einerseits dem Anarchismus, den sie durch jene Personen                 definiert sehen, die sie als &#8222;echte&#8220; AnarchistInnen betrachten                 und andererseits eben jenen AnarchistInnen, die wiederum den (ihren)                 Anarchismus definieren. Wie man sieht, wird so eine in sich logische,                 geschlossene sowie widerspruchsfreie definitorische Logik geschaffen.               <\/p>\n<p>Das Muster, wie Ex- und Inkludiert wird, ist dabei eigentlich                 ein recht simples und hier wird auch deutlich, was mit &#8222;broad&#8220;                 gemeint ist bzw. in welche Richtung man bereit ist in die Breite                 zu gehen. <\/p>\n<p>Am Beispiel von De Leon oder Connolly hei\u00dft es z.B. sinngem\u00e4\u00df:                 der Syndikalismus (nicht nur der <i>Anarcho<\/i>syndikalismus)                 war und ist immer Teil der &#8222;breiten anarchistischen Tradition&#8220;;                 De Leon und Connolly waren Syndikalisten (beide waren u.a. bei                 der IWW aktiv); daher folgt: De Leon und Connolly sind Teil der                 anarchistischen Bewegung. ((1))               <\/p>\n<p>Im Gegenzug funktioniert das Exkludieren der oben genannten Anarchisten                 \u00e4hnlich: Die Frage, ob sie diesen in sich logischen (oder logisch                 gemachten), zuvor definierten und abgesteckten &#8222;<i>einzigen<\/i>                 Anarchismus&#8220; vertreten, wird &#8211; richtigerweise &#8211; mit Nein beantwortet,                 daher die Schlussfolgerung: Diese Pers\u00f6nlichkeiten k\u00f6nnten keine                 Anarchisten sein und sie als Teil dieser Tradition zu betrachtet                 sei ein Fehler. <\/p>\n<p>All jene ((2)), die jemals behauptet                 haben oder behaupten, diese Menschen seien Anarchisten, h\u00e4tten                 folglich ein falsches Anarchismusverst\u00e4ndnis, das einer Korrektur                 bed\u00fcrfe. ((3))<\/p>\n<h3>Anarchismus im Molli<\/h3>\n<p>Ganz anders bei <i>Message in a Bottle<\/i>. Das &#8222;Ex-Workers&#8220;                 im Namen des Kollektivs l\u00e4sst vermuten, dass diese AnarchistInnen                 kilometerweit vom Black Flame&#8217;schen &#8222;<i>einzigen<\/i> Anarchismus&#8220;                 entfernt sind. <\/p>\n<p>Wer ein klein wenig Einblick in die inner-anarchistischen Debatten                 hat, kennt die Auseinandersetzungen, die sich viele AnarchistInnen                 &#8211; u.a. aus dem anarchokommunistischen Spektrum &#8211; mit CrimethInc.                 geliefert haben. &#8222;Verw\u00f6hnte Mittelklassen-AmerikanerInnen&#8220; war                 da noch eine der netteren Bezeichnungen f\u00fcr diese AktivistInnen.                  ((4))<\/p>\n<p>Schon die Bebilderung des Buches l\u00e4sst erahnen, wohin die Reise                 geht: vermummte Stra\u00dfenk\u00e4mpferInnen; umgeworfene oder, besser                 noch, in Brand gesteckte Autos; Rauchschwaden; Riot-Cops. Die                 &#8222;Bottle&#8220;, in der die &#8222;Message&#8220; vom CrimethInc. Ex-Workers Collective                 transportiert wird, ist auf dem Buchumschlag als Molotowcocktail                 illustriert. <\/p>\n<p>Ich habe das Buch nicht bis zum Ende gelesen. Ich ertrage es                 nur schwer, wenn mir jemand vermitteln will, dass ich, als jemand                 der einer Lohnarbeit nachgeht, in einer Mietwohnung wohnt und                 sich sein Essen im Supermarkt kauft und nicht klaut, sein Leben                 im Grunde genommen <i>falsch<\/i> lebt. <\/p>\n<h3>Wie verh\u00e4lt sich der CrimethInc.-Ansatz nun mit jenem von <i>Black                 Flame<\/i>? <\/h3>\n<p>Man ahnt es bereits. CrimethInc. verwehrt sich bereits gegen                 den schlichten <i>Gebrauch<\/i> des Wortes &#8222;Anarchismus&#8220; (geschweige                 denn, diesen noch rigide zu definieren), denn &#8222;[z]u sagen, [\u2026]                 AnarchistInnen [h\u00e4tten] sich dem Anarchismus [verschrieben]&#8220; mache                 &#8222;ungef\u00e4hr so viel Sinn, wie zu sagen, dass sich PianistInnen dem                 Pianismus verschreiben. Es gibt keinen Anarchismus. Aber es gibt                 Anarchie, oder vielmehr: viele Anarchien.&#8220; (CrimethInc. 2012,                 S. 71). <\/p>\n<p>F\u00fcr viele AnarchistInnen klingt so etwas wie das One-Way-Ticket                 in die Beliebigkeit &#8211; also genau das, wogegen sich der Black-Flame-Ansatz                 mit aller Vehemenz stemmt. Die Aufforderung, man solle &#8222;den Spanischen                 B\u00fcrgerkrieg und all die alten M\u00e4nner mit ihren langen B\u00e4rten und                 erm\u00fcdenden Theorietraktaten&#8220; (Curious George Brigade et. al. 2006,                 keine Seitenangabe) am besten gleich vergessen wenn man sich f\u00fcr                 Anarchismus interessiere (ohne die bei <i>Black Flame<\/i> wohlgemerkt                 \u00fcberhaupt gar kein Anarchismus m\u00f6glich ist!), ist hier nur noch                 die provokante Draufgabe.<\/p>\n<h3>Quo vadis, Anarchismus?<\/h3>\n<p>Nun werden sich manche fragen, wozu dieses Vorhaben, sich mit                 zwei kontr\u00e4ren Vorstellungen des Anarchismus auseinander zu setzen,                 um dann das Offensichtliche schlusszufolgern, gut sein soll. <\/p>\n<p>Es ist deshalb notwendig, da hier die anfangs erw\u00e4hnte und f\u00fcr                 mein Empfinden essentielle Frage exemplarisch abgehandelt werden                 kann, wor\u00fcber wir reden, wenn wir vom Anarchismus und der anarchistischen                 Bewegung sprechen. <\/p>\n<p>Diese Frage kann n\u00e4mlich, wie es scheint, tats\u00e4chlich nicht eindeutig                 beantwortet werden, und Murray Bookchins (1995) Polemik \u00fcber &#8222;Lifestyle                 Anarchism&#8220; versus &#8222;Social Anarchism&#8220; war hier lediglich ein H\u00f6hepunkt                 einer andauernden Debatte. ((5))               <\/p>\n<p>Dass der Anarchismus eine heterogene Str\u00f6mung ist, ist nicht                 zu \u00fcbersehen. Genau gegen diese Vorstellung gibt es aber verst\u00e4rkten                 Widerspruch und zwar nicht nur in der Form, dass diese Heterogenit\u00e4t                 als Hemmschuh gesehen, sondern ihr gar der anarchistische Charakter                 abgesprochen wird. Und was, wenn die Heterogenit\u00e4t aber so weit                 geht, dass man z.B. anarchistische Geschichte teilweise explizit                 als irrelevant erkl\u00e4rt?<\/p>\n<h3>Die Frage, die sich aufdr\u00e4ngt, ist: Ab wann wird Heterogenit\u00e4t                 bzw. Rigidit\u00e4t sch\u00e4dlich f\u00fcr die Bewegung?<\/h3>\n<p>Dieser Text will bewusst nicht auf die gestellten Fragen vorgefertigte                 Antworten bieten, sondern lediglich einige Themen aufwerfen, um                 einen notwendigen Reflexionsprozess in Gang zu bringen, der mir                 notwendig erscheint. <\/p>\n<p>Das Bemerkenswerte an diesen zwei anarchistischen Ans\u00e4tzen ist,                 dass sich beide in einflussreichen Bahnen des Anarchismus verorten.                 Beruft sich der Black-Flame-Ansatz direkt auf die Wurzeln des                 Anarchismus (und ist zudem international verbreitet und gut vernetzt),                 was vor allem durch die zentrale Stellung von Bakunin und Kropotkin                 deutlich wird, und womit nat\u00fcrlich thematisch eine Position eingenommen                 wird, an der keinE AnarchistIn vorbei kann, so hei\u00dft es bei CrimethInc.,                 dass das Kollektiv wohl &#8222;das weltweit einflussreichste anarchistische                 Projekt der letzten f\u00fcnfzehn Jahre&#8220; (CrimethInc. 2012, S. 6) sei.                 Die Rollenverteilung ist ebenfalls klar: Die einen verstehen sich                 als die &#8222;Gralsh\u00fcter&#8220; eines &#8222;richtigen&#8220; (also <i>einzig richtigen<\/i>)                 Anarchismus, die anderen als die Quasi-Avantgarde eines &#8222;entstaubten&#8220;                 Praxis-Anarchismus der f\u00fcr das 21. Jahrhundert fit gemacht wurde,                 sich der scheinbar &#8222;erm\u00fcdenden&#8220; Geschichte des Anarchismus entledigt                 hat und das als Fortschritt feiert. Wenn diese beiden Ans\u00e4tze                 nun tats\u00e4chlich so einflussreich sind, wie behauptet wird oder                 wie es scheinen mag, dann hat der gegenw\u00e4rtige Anarchismus tats\u00e4chlich                 ein Problem! <\/p>\n<h3>Aber wollen wir es bei dieser Einsch\u00e4tzung belassen? <\/h3>\n<p>Wohl kaum. Die Frage, wie man mit derartigen Problemen und Widerspr\u00fcchen                 umgeht, egal, wie das eigene Anarchismusverst\u00e4ndnis konkret aussieht,                 ist eine, die es sich verst\u00e4rkt zu stellen gilt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe stets die Position vertreten, dass der Anarchismus eine heterogene Bewegung und Idee ist, wo man verschiedene Anarchismen (also sich \u00fcberschneidende Unterstr\u00f6mungen im Anarchismus mit speziellen inhaltlichen und\/oder aktionistischen Ausrichtungen) finden kann. Diese Heterogenit\u00e4t betrachte ich als Zeichen von Vitalit\u00e4t und der F\u00e4higkeit und Bereitschaft, sich theoretisch und praktisch weiterzuentwickeln sowie solidarisch auszutauschen. 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