{"id":11865,"date":"2013-03-01T00:00:45","date_gmt":"2013-02-28T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11865"},"modified":"2022-07-26T12:58:54","modified_gmt":"2022-07-26T10:58:54","slug":"aufschrei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/03\/aufschrei\/","title":{"rendered":"Aufschrei"},"content":{"rendered":"<p>Los ging es in der Nacht vom 25. auf den 26. Januar 2013. Einige                 Frauen tauschten sich bei Twitter \u00fcber ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus                 aus. Also all diese kleinen \u00dcbergriffigkeiten, mit denen M\u00e4nner                 sich gerne ihrer Macht versichern, und bei denen Frau die Wahl                 zwischen Pest und Cholera hat: sich nutzlos aufzuregen oder das                 einfach runterzuschlucken. <\/p>\n<\/p>\n<p>Ausgangspunkt war ein kleiner Artikel auf Gemeinschaftsblog <a href=\"http:\/\/www.kleinerdrei.org\">www.kleinerdrei.org<\/a>                 gewesen, in dem Maike Hank unter dem Titel &#8222;Normal ist das nicht&#8220;                 auf dieses Dilemma hingewiesen hatte. Aber das Thema lag wohl                 generell in der Luft. Kurz zuvor hatten auch zwei Journalistinnen                 \u00fcber ihre allt\u00e4glichen Sexismuserlebnisse geschrieben: zuerst                 Ann Meiritz im <i>Spiegel <\/i>im Zusammenhang mit der der Piratenpartei,                 dann Laura Himmelreich im <i>Stern<\/i> mit Bezug auf Rainer Br\u00fcderle.<\/p>\n<p>Irgendwann in dieser Nacht von Donnerstag auf Freitag hatte Anne                 Wizorek, die bei Twitter als @marthadear bekannt ist, die Idee,                 all diese Geschichten unter einem Schlagwort zu versammeln, und                 schlug das Hashtag #Aufschrei vor. Am n\u00e4chsten Morgen bereits                 war &#8222;Twitter explodiert&#8220;, wie hinterher die Zeitungen schrieben:                 Tausende von Tweets, von Kurznachrichten, waren zu dem Stichwort                 geschrieben worden. Eine riesige, unglaubliche, traurige Sammlung                 von Erlebnissen dieser Art wurde hier zusammengetragen. <\/p>\n<p>Offenbar hatten viele Frauen nur auf einen Anlass gewartet, sich                 diese Wut mal von der Seele zu schreiben. In Nullkommanix lief                 auch die &#8222;Blogosph\u00e4re&#8220; hei\u00df. Interessant war, dass keineswegs                 nur politische oder feministische Blogs das Thema aufgriffen,                 sondern auch solche, in denen es eigentlich um Mode, um Coaching                 oder um die katholische Kirche geht &#8211; es schien, dass wirklich                 jede und jeder etwas dazu zu sagen hatte. Ungew\u00f6hnlich war auch,                 wie schnell die Aktion in die &#8222;analogen&#8220; Medien kam: Schon am                 Freitagmittag hatten alle gro\u00dfen Tageszeitungen \u00fcber den #Aufschrei                 berichtet, und in den folgenden Tagen \u00e4nderten alle gro\u00dfen TV-Talkshows                 ihr Programm und sprangen auf den Zug auf: Jauch am Sonntag, ZDF-login                 am Montag, Lanz am Dienstag, Will am Mittwoch, Illner am Donnerstag.               <\/p>\n<p>Eine gute Woche lang hat ganz Deutschland praktisch auf allen                 Kan\u00e4len \u00fcber Sexismus diskutiert &#8211; wer h\u00e4tte das gedacht?! <\/p>\n<p>Aber wie ist diese Dynamik zu bewerten? <\/p>\n<p>Wurden da wieder mal nur S\u00e4ue durchs Dorf getrieben und hinterher                 bleibt nichts davon \u00fcbrig? <\/p>\n<p>In diesem Fall glaube ich, war es nicht so. Der &#8222;Aufschrei&#8220; war                 kein Hype, sondern etwas anderes, vielleicht der Vorbote einer                 neuen Art gesellschaftlicher Debatten. <\/p>\n<p>Ich denke, dass man hieraus einiges dar\u00fcber lernen kann, wie                 politische Diskurse funktionieren, wenn alle Beteiligten Zugang                 zur \u00d6ffentlichkeit haben und die Mainstream-Medien nicht mehr                 als &#8222;Gatekeeper&#8220; fungieren. <\/p>\n<p>Auff\u00e4llig war zum Beispiel, wie schlecht das Fernsehen im Vergleich                 zu anderen Medien ausgesehen hat. Abgesehen von Anne Will, die                 das Thema halbwegs im Griff hatte, waren die gro\u00dfen TV-Talks schwach                 bis unterirdisch, brachten kaum Erkenntnisgewinn oder gingen schlichtweg                 am Thema vorbei.<\/p>\n<p>Symptomatisch war zum Beispiel das fast schon kindische Bem\u00fchen                 der Moderatoren, die Debatte immer wieder zum &#8222;Fall Br\u00fcderle&#8220;                 zur\u00fcckzubringen &#8211; Skandal! Voyeurismus! &#8211; obwohl es um den Einzelfall                 Br\u00fcderle schon l\u00e4ngst nicht mehr ging. <\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wurde auch im Internet, wie immer, viel Mist geschrieben.               <\/p>\n<p>Aber es gab dort eben auch viel, sehr viel Gutes &#8211; von zahllosen,                 teils sehr ber\u00fchrend vermittelten pers\u00f6nlichen Erfahrungsberichten                 bis zu den unterschiedlichsten feministisch-theoretischen Analysen.                 Ganz entscheidend war, dass sich fr\u00fch schon einige sehr einflussreiche                 Bloggerinnen beteiligt haben, die normalerweise nicht als Feministinnen                 auftreten. Sie haben der Aktion viel Reichweite verschafft und                 sie \u00fcber die Grenzen der &#8222;\u00fcblichen Verd\u00e4chtigen&#8220; hinaus ausgeweitet.                 Ich w\u00fcrde behaupten, dass vielleicht sogar die meisten &#8222;unfeministischen&#8220;                 oder &#8222;antifeministischen&#8220; Beitr\u00e4ge einen wichtigen Anteil an der                 <i>Verbreitung<\/i> der Aktion hatten. <\/p>\n<p>Erstens boten sie Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr Menschen, die feministischem                 Denken skeptisch gegen\u00fcber stehen und zogen diese gewisserma\u00dfen                 mit in die Debatte rein, und au\u00dferdem boten sie wiederum anderen                 die Gelegenheit, die Schwachpunkte dieser Argumentationslinie                 herauszuarbeiten und in eigenen Blogsposts auszuformulieren. Vielleicht                 zeigt sich hier, dass unter den Bedingungen des Internet eine                 politische Aktion nicht dann besonders gute Aussichten auf Erfolg                 hat, wenn m\u00f6glichst viele sich hinter einer gemeinsamen Forderung                 versammeln, sondern wenn sie m\u00f6glichst viele Menschen dazu bringt,                 einem Thema <i>Aufmerksamkeit, Ressourcen und Zeit zu schenken<\/i>.               <\/p>\n<p>Etwas lustig fand ich die krampfhafte Suche der etablierten Medien                 nach dem Ursprung, der Quelle der Kampagne. Denn &#8211; ohne die Verdienste                 der Initiatorinnen schm\u00e4lern zu wollen &#8211; unter den Bedingungen                 des Internet geht diese Suche nach der Quelle ins Leere. Wenn                 ein Tweet oder ein Thema viral wird und sich ausbreitet, hat das                 viele hunderte, tausende Quellen, insofern n\u00e4mlich jeder und jede,                 die sich daran beteiligten, ihre eigenen Gr\u00fcnde daf\u00fcr hat. <\/p>\n<p>Vielleicht sollten wir im Bereich politischer Auseinandersetzung                 weniger von &#8222;Urhebern&#8220; sprechen, als vielmehr von <i>Geburtshelferinnen<\/i>:                 Diejenigen, die etwas bewegen, sind nicht diejenigen, die eine                 ganz neue, nie da gewesene originelle These aufstellen, sondern                 diejenigen, die auf den Punkt bringen, was schon lange im Unsichtbaren                 gereift ist. Sie sind wie <i>Hebammen<\/i>, die dabei helfen, dass                 das &#8222;herauskommen&#8220; und &#8222;das Licht der Welt erblicken&#8220; kann, was                 gerade wichtig ist. Die Revolution braucht keine Strategen, die                 im Geheimen einen Masterplan entwickeln, wenn sie viele originelle                 Akteurinnen und Akteure hat, die durch das Zusammenspiel ihrer                 Stimmen in aller Pluralit\u00e4t (und eben gerade nicht in ihrer Einigkeit)                 ein Thema auf die Tagesordnung bringen.<\/p>\n<p>Eine solche Debatte ebbt nat\u00fcrlich irgendwann in ihrer Intensit\u00e4t                 auch wieder ab. Es w\u00e4re albern, zu glauben, dass jetzt das Problem                 der sexuellen \u00dcbergriffigkeit gel\u00f6st w\u00e4re. Aber es bleibt was.                 Was bleibt, ist das, was die vielen Gedanken, die sich Leute im                 Zuge dieser Debatten gemacht haben, an Ver\u00e4nderungen bewirkt haben.                 Viele Menschen haben sich erstmals \u00fcberhaupt mit dem Problem sexueller                 Bel\u00e4stigung besch\u00e4ftigt (schwer zu glauben f\u00fcr eine Feministin,                 aber so viele \u00c4u\u00dferungen in dieser Hinsicht, die ich in den letzten                 Tagen gelesen habe, k\u00f6nnen nicht l\u00fcgen). <\/p>\n<p>Viele andere Menschen haben sich erstmals mit anderen \u00fcber das                 Thema ausgetauscht. Was das bewirkt hat, l\u00e4sst sich nicht messen.                 Aber ich behaupte: Nichts war es nicht.<\/p>\n<p>Was bleibt, ist auch die Erinnerung. Wir haben jetzt eine Referenz.                 &#8222;Wie damals bei Br\u00fcderle&#8220; werden Journalistinnen &#8211; und andere                 &#8211; in Zukunft unweigerlich denken, wenn sie in \u00e4hnlichen Situationen                 sind. Solche &#8222;Meme&#8220;, also zu einzelnen W\u00f6rtern verdichtete Diskussionskomplexe,                 sind hilfreich f\u00fcr kulturelle Referenzen. <\/p>\n<p>Um noch einmal auf die eingangs erw\u00e4hnte Wahl zwischen Pest und                 Cholera zur\u00fcckzukommen: Zuk\u00fcnftig k\u00f6nnen wir in einer Situation,                 in der wir allt\u00e4glichen Sexismus erleben oder bemerken, auf diese                 Erinnerung verweisen. Wir m\u00fcssen nicht mehr w\u00e4hlen zwischen langwierigen                 Erkl\u00e4rungen oder schulterzuckendem Dar\u00fcberhinwegsehen, sondern                 wir k\u00f6nnen einfach dieses &#8222;Mem&#8220; aktivieren: &#8222;Br\u00fcderle&#8220; oder &#8222;Aufschrei&#8220;                 sagen, und damit die Situation in den entsprechenden Kontext stellen                 &#8211; und alle wissen Bescheid, was gemeint ist.<\/p>\n<p>Ich glaube, diese Diskussion hat deutlich gemacht, dass wir uns                 derzeit in einer Phase befinden, in der neue Regeln \u00fcber das Zusammenleben                 von Frauen und M\u00e4nnern im \u00f6ffentlichen Raum ausgehandelt werden.                 Frauen, vor allem j\u00fcngere Frauen, geben sich nicht mehr damit                 zufrieden, &#8222;gleichberechtigt&#8220; zu sein und blo\u00dfen Zugang zu ehemals                 exklusiv m\u00e4nnlichen Bereichen zu haben. Sie sind nicht mehr l\u00e4nger                 bereit, sich den Regeln, die dort &#8222;schon immer&#8220; galten, anzupassen,                 sondern sie sitzen inzwischen fest genug im Sattel, um neue Regeln                 einzufordern. Zum Beispiel eben die, dass sexualisierte Machtgesten                 dort nicht mehr akzeptiert werden. Nat\u00fcrlich haben sie damit nicht                 von jetzt auf gleich Erfolg, und es war abzusehen, dass so eine                 Aktion auch eine ganze Palette alter Besitzstandswahrer auf den                 Plan rufen w\u00fcrde, die den Untergang des Abendlandes f\u00fcr den Fall                 prophezeien, dass M\u00e4nner Frauen nicht mehr in den Ausschnitt schauen                 d\u00fcrfen. Aber die Verhandlungen sind er\u00f6ffnet, und zwar auf einer                 neuen Ebene.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Los ging es in der Nacht vom 25. auf den 26. Januar 2013. 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