{"id":11869,"date":"2013-03-01T00:00:23","date_gmt":"2013-02-28T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11869"},"modified":"2022-07-26T13:56:38","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:38","slug":"lesen-mit-schmerzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/03\/lesen-mit-schmerzen\/","title":{"rendered":"Lesen mit Schmerzen"},"content":{"rendered":"<p>Der Begriff &#8222;Comic&#8220; wird bekanntlich vom englischen &#8222;comic strip&#8220; (&#8222;komischer Streifen&#8220;) abgeleitet. Der im Oktober 2012 von dem Soziologen und Filmemacher Robert Krieg und dem Zeichner Daniel Daemgen im Verlag Graswurzelrevolution vorgelegte Band &#8222;&#8230;und \u00fcber uns kein Himmel&#8220; ist in diesem Sinne kein Comic.<\/p>\n<p>Auch wenn Daemgens Zeichenstil mich an bekannte US-amerikanische Comiczeichner erinnert.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu den klassischen U-Comics gibt es in dem Band von Daemgen und Krieg nicht eine einzige Stelle, an der ich lachen kann. Im Gegenteil. Wer dieses Buch liest, erleidet Schmerzen. Es erzeugt Trauer und Wut. Und doch ist die Lekt\u00fcre eine gro\u00dfe Bereicherung.<\/p>\n<p>Diese Graphic Novel ist wichtig, weil sie im besten Sinne politisiert, weil sie aufkl\u00e4rt \u00fcber Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse im Deutschland der Nazizeit und der postfaschistischen Bundesrepublik. Sie erm\u00f6glicht einen direkten pers\u00f6nlichen Zugang zu einem weitgehend vergessen gemachten Teil der deutschen Geschichte, indem sie die Grausamkeit der nationalsozialistischen Heimerziehung anhand einer authentischen Lebensgeschichte nachzeichnet.<\/p>\n<p>Der K\u00fcnstler Daemgen und der Autor Krieg skizzieren die Odyssee eines Jungen durch Heime der \u00f6ffentlichen F\u00fcrsorge von 1936 bis 1953.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Nazis und f\u00fcr die meisten der in den Heimen t\u00e4tigen Nonnen, Diakonissen, Pfarrer und \u00c4rzte waren Kinder, die in Waisenh\u00e4usern aufwuchsen, &#8222;nutzlose Esser&#8220;, die von der Gesellschaft durchgef\u00fcttert werden mussten. Die Heimkinder galten als &#8222;sozial minderwertig&#8220;.<\/p>\n<p>Wenn ein Psychiater einen F\u00fcrsorgez\u00f6gling beurteilte und in einem Gutachten als &#8222;geisteskrank&#8220; stigmatisierte, konnte das einem Todesurteil gleichkommen.<\/p>\n<p>Wie durch ein Wunder und anders als viele seiner Leidensgenossinnen und Leidensgenossen \u00fcberlebte der im Buch in &#8222;Fritz Blume&#8220; umbenannte Junge die Anstalten.<\/p>\n<p>&#8222;Als Menschen existierten wir nicht f\u00fcr sie. Sie haben nie ein Wort mit uns gesprochen.&#8220; (Fritz Blume \u00fcber Anstalts\u00e4rzte und Nonnen, Seite 40)<\/p>\n<p>Etwa 200.000 Menschen wurden bis 1945 Todesopfer der nationalsozialistischen &#8222;Rassenhygiene&#8220; und der &#8222;Vernichtung unwerten Lebens&#8220;. 350.000 bis 400.000 von den Nazis als &#8222;lebensunwert&#8220; stigmatisierte Menschen wurden zwangssterilisiert.<\/p>\n<p>Die Kapitulation des Nazi-Regimes am 8. Mai 1945 \u00e4nderte nur wenig an den menschenfeindlichen Zust\u00e4nden in den deutschen Heimen und Anstalten. Extreme Misshandlungen, Folter und sexuelle Gewalt, ver\u00fcbt vom meist christlichen Anstaltspersonal, waren auch in der Nachkriegszeit an der Tagesordnung.<\/p>\n<p>Die T\u00e4terinnen und T\u00e4ter wurden in der Regel nicht belangt. Die meisten, die sich in der NS-Zeit am Euthanasieprogramm und der menschenverachtenden Praxis in den Heimen beteiligt haben, konnten ihre Arbeit in der Bundesrepublik nahtlos fortsetzen. So auch Dr. Theodor Niebel. Er war Psychiater und der Leitende Arzt der &#8222;Kinderfachabteilung&#8220;, in der Fritz Blume zur NS-Zeit leiden musste. Niebel wurde 1957 sogar zum Landesmedizinalrat bef\u00f6rdert. Bis zu seiner Pensionierung 1968 blieb dieser Menschenmetzger unbehelligt. Im Buch beschreibt ihn Fritz Blume: &#8222;Niebel f\u00fchrte &#8230; eine R\u00fcckenmarkspunktion durch, um mein &#8218;Gehirnwasser&#8216; zu untersuchen. Wochenlang lag ich mit Schwindelgef\u00fchlen und Brechreiz im Bett. Eine m\u00f6rderische Welt. Doch ich hatte Gl\u00fcck: ich wurde nicht wie die anderen Kinder abgespritzt. Die Beurteilung einer Lehrerin &#8230; rettete mir das Leben.&#8220; (S. 48 f.)<\/p>\n<p>Die Traumata, die das vergewaltigte Heimkind damals unter christlicher &#8222;Obhut&#8220; erleiden musste, sind ungeheuerlich.<\/p>\n<p>Daemgen hat einige dieser an dem Jungen ver\u00fcbten Verbrechen gegen die Menschlichkeit exemplarisch dargestellt.<\/p>\n<p>Ich kann gut nachempfinden, dass der heute noch lebende Fritz Blume nicht mit richtigem Namen genannt werden will.<\/p>\n<p>Die grafischen Darstellungen seiner pers\u00f6nlich erlittenen Traumata d\u00fcrften f\u00fcr ihn kaum auszuhalten sein. Wahrscheinlich muss jedes Opfer solch grausamer Gewalt die erlittenen Verletzungen ein St\u00fcck weit verdr\u00e4ngen, um \u00fcberleben zu k\u00f6nnen und nicht retraumatisiert zu werden.<\/p>\n<p>Den erlittenen Dem\u00fctigungen und der Tatsache, dass die der Zwangspsychiatrisierung ausgelieferten Menschen keine Unterst\u00fctzerInnen hatten, hat Fritz Blume getrotzt. Er geh\u00f6rt zu den wenigen, die sich nicht scheuten, das begangene Unrecht selbst \u00f6ffentlich zu machen und Entsch\u00e4digung zu fordern.<\/p>\n<p>Er verschaffte sich Geh\u00f6r in einer Gesellschaft, die durch zw\u00f6lf Jahre Nazidiktatur nachhaltig gepr\u00e4gt worden war und die Misshandlung &#8222;sozial Minderwertiger&#8220; stillschweigend duldete.<\/p>\n<p>Beteiligte Nonnen suchte er auf und konfrontierte sie mit den unter den D\u00e4chern kirchlicher Anstalten begangenen Verbrechen. Er wurde abgewimmelt. &#8222;Der Anstaltspfarrer des St. Johannes Stifts, August Heide, hat mich schlicht aus seiner Wohnung geworfen.&#8220;<\/p>\n<h3>Kritik<\/h3>\n<p>Zeichnerischer Schwerpunkt der Graphic Novel ist die Zeit bis zu Fritz Blumes Entlassung aus dem &#8222;Irrenhaus&#8220; 1953. Robert Krieg beschreibt in seinem mit Originaldokumenten und Fotos angereicherten Nachwort auch die weitere Entwicklung und stellt historische und aktuelle Zusammenh\u00e4nge her (S. 91 ff.).<\/p>\n<p>Ein besonders ersch\u00fctternder Aspekt der autobiografischen Geschichte wird allerdings nicht mehr benannt.<\/p>\n<p>Nachdem Fritz Blume sein Abitur nachgemacht und sein Studium beendet hatte, fiel ihm Ende der 1970er Jahre seine alte Akte aus der Nazizeit auf die F\u00fc\u00dfe. Als Sohn einer &#8222;psychopathischen Selbstm\u00f6rderin&#8220; wurde er von Nazi\u00e4rzten automatisch zum &#8222;erbkranken Psychopathen&#8220; gestempelt. Seine von Naziverbrechern verfasste &#8222;Psychopathenakte&#8220; hatte zur Folge, dass er seinen Beruf als Gymnasiallehrer nie aus\u00fcben durfte. Ein ersch\u00fctterndes Beispiel f\u00fcr die Macht eines system\u00fcbergreifenden Faschismus in den Amtsstuben und K\u00f6pfen vieler deutscher Beamter.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>So schlie\u00dft eine am 24. November 2012 im <i>Neuen Deutschland<\/i> erschienene Rezension: &#8222;Der franz\u00f6sische Literaturwissenschaftler Francis Lacassin erhob 1971 den Comic als &#8218;Neunte Kunst&#8216; in den Kanon der bildenden K\u00fcnste. Kunst will aufkl\u00e4ren. Und das leistet dieses Buch.&#8220;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist Daniel Daemgen und Robert Krieg mit &#8222;&#8230;und \u00fcber uns kein Himmel&#8220; ein politisch und k\u00fcnstlerisch wertvolles Werk aus der Graswurzelperspektive gelungen.<\/p>\n<p>Ein bewegender Beitrag zur Geschichtsschreibung von unten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Begriff &#8222;Comic&#8220; wird bekanntlich vom englischen &#8222;comic strip&#8220; (&#8222;komischer Streifen&#8220;) abgeleitet. Der im Oktober 2012 von dem Soziologen und Filmemacher Robert Krieg und dem Zeichner Daniel Daemgen im Verlag Graswurzelrevolution vorgelegte Band &#8222;&#8230;und \u00fcber uns kein Himmel&#8220; ist in diesem Sinne kein Comic. Auch wenn Daemgens Zeichenstil mich an bekannte US-amerikanische Comiczeichner erinnert. 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