{"id":11876,"date":"2013-03-01T00:00:19","date_gmt":"2013-02-28T22:00:19","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11876"},"modified":"2022-07-26T14:12:14","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:14","slug":"polyamory","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/03\/polyamory\/","title":{"rendered":"Polyamory"},"content":{"rendered":"<p>In wenigen Worten: &#8222;Die andere Beziehung. Polyamorie und philosophische Praxis&#8220; ist lesenswert, gedankensortierend und gedankenstrukturierend, aber m\u00f6glicherweise weder was wirklich Neues, noch in der Lage, meine aktuellen Beziehungsprobleme zu l\u00f6sen. Dennoch alles andere als entt\u00e4uschend.<\/p>\n<h3>Worum geht es?<\/h3>\n<p>Texte zu Polyamorie leiden all zu oft darunter, im weitesten Sinne &#8222;offenere&#8220; Beziehungsformen zu glorifizieren, deren spezifische Probleme klein zu reden und Menschen das Recht auf klassische Treue-Ausschluss-Beziehungen abzusprechen. Dass dieses Buch eben das nicht tut, ist ein gro\u00dfer Pluspunkt und macht es so interessant. Texte der beiden Schreibenden wechseln sich im Buch ab, sie widmen sich zahlreichen unterschiedlichen Fragen, die im Bezug auf Polyamorie von Relevanz sind.<\/p>\n<p>Zu Beginn stehen Fragen nach Projektionen, Hoffnungen und genauerer Kl\u00e4rung des romantischen Beziehungsmodells im Mittelpunkt. Welches Selbstbild und welche Erwartungen stecken hinter der Entscheidung f\u00fcr oder gegen eine klassisch romantische heteronormative Beziehung? Wie viele Menschen entscheiden sich unreflektiert und blind f\u00fcr das gesellschaftliche Mainstream-Modell?<\/p>\n<p>Welche unserer Werte, Gef\u00fchle, Vorstellungen und Sehns\u00fcchte sind genetisch, unumst\u00f6\u00dflich, festgesetzt und welche rein kulturell bedingt? Wie k\u00f6nnten realistische Beziehungsideale aussehen, die zu den Lebensrealit\u00e4ten der beziehungsf\u00fchrenden Menschen passen?<\/p>\n<p>Es folgt der Versuch, Kriterien zur Vergleichbarkeit verschiedener Liebesbeziehungen bzw. zur Messbarkeit von Liebe zu entwickeln.<\/p>\n<p>Der Gedankengang, das an Intimit\u00e4t als wesentlichem Beziehungsbestandteil festzumachen, der wiederum auf Komplettber\u00fccksichtigung (die andere Person als Ganzes lieben) und Komplettbest\u00e4tigung (dem\/der anderen bedingungslos den R\u00fccken st\u00e4rken) der beziehungsbeteiligten Personen basiere, erschien mir durchaus spannend.<\/p>\n<p>Insgesamt bewerte ich die Ausf\u00fchrungen jedoch (zumindest f\u00fcr meine Lebensrealit\u00e4t) als wenig zielf\u00fchrend oder hilfreich, zumal das Kapitel mit der Feststellung endet, dass nun zwar auf komplexe Weise Liebe zu etwas messbarem definiert wurde, das Ma\u00df der Liebe jedoch nur einer von mehreren Anhaltspunkten bei der Entscheidung f\u00fcr oder gegen eine Beziehung sein kann.<\/p>\n<p>Weitere Aufs\u00e4tze widmen sich dann den Themen Eifersucht und Sexualit\u00e4t, thematisieren Exklusivit\u00e4tsanspr\u00fcche und inwieweit sie sich aus dem Wunsch nach Komplettber\u00fccksichtigung zwingend ergeben oder eben auch nicht, kratzen an den kategorischen Grenzen zwischen Beziehung und Freundschaft.<\/p>\n<p>Gegen Ende versuchen sich die AutorInnen daran, dann doch so etwas wie eine grunds\u00e4tzliche Beziehungsethik aufzustellen. Der Anspruch auf universelle Anwendbarkeit f\u00fcr verschiedenste Beziehungsmodelle macht es dabei notwendig, generelle Handlungsmaximen aufzustellen, die mehr auf einer Metaebene das Wie des grunds\u00e4tzlichen Umgangs miteinander und der Wertsch\u00e4tzung f\u00fcreinander regeln, als dass sie konkrete Anweisungen liefern w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Verstanden werden soll diese Beziehungsethik als die Grundlage auf der dann Menschen miteinander die konkreten Bedingungen und Absprachen f\u00fcr ihre jeweiligen individuellen Bed\u00fcrfnisse ihrer einmaligen Beziehung aushandeln k\u00f6nnen. Es bleibt ein etwas seltsamer Beigeschmack bei so viel Konstruktion neuer Moral, obwohl ich den Gedankeng\u00e4ngen nicht nur folgen kann, sondern die formulierten Anspr\u00fcche und Vorstellungen weitgehend teile.<\/p>\n<p>Etwas gek\u00fcnstelt, aber dennoch als angenehm abrundend habe ich den Schlussdialog der beiden AutorInnen wahrgenommen, die sich gegenseitig kritische Nachfragen zu ihren jeweiligen Texten stellen und so m\u00f6glichen Kritikpunkten und Unklarheiten direkt und offen begegnen.<\/p>\n<p>Eine passende Erg\u00e4nzung stellt das im gleichen Verlag erschienene theroie.org &#8222;polyamory&#8220; dar. Wie auch die weiteren Titel dieser Reihe ist das B\u00fcchlein ein fundierter theoretischer Einstieg in das Thema, es umrei\u00dft sowohl die Herkunft des Begriffs Polyamory wie auch die historische Entwicklung verschiedener Beziehungsformen. Schwerpunkt ist jedoch der heutige wissenschaftliche Blick auf dieses Beziehungsmodell. Angenehm im Fokus steht hierbei immer wieder das Selbstbestimmungsrecht der beteiligten Individuen.<\/p>\n<p>Etwas zu einfach erscheinen mir die \u00dcberlegungen zu Eifersucht, die Eifersucht als angelernt und somit auch abtrainierbar begreifen, was zwar stimmen mag, Umfang und Gr\u00f6\u00dfe dieser Herausforderung aber meines Erachtens vernachl\u00e4ssigt.<\/p>\n<p>Insgesamt ist auch dieses Buch sehr lesenswert, jedoch deutlich soziologisch-theoretischer und weniger pers\u00f6nlich als &#8222;Die andere Beziehung&#8220;, dessen authentische Ehrlichkeit den Zugang zum Thema m\u00f6glicherweise erleichtert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In wenigen Worten: &#8222;Die andere Beziehung. Polyamorie und philosophische Praxis&#8220; ist lesenswert, gedankensortierend und gedankenstrukturierend, aber m\u00f6glicherweise weder was wirklich Neues, noch in der Lage, meine aktuellen Beziehungsprobleme zu l\u00f6sen. Dennoch alles andere als entt\u00e4uschend. 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