{"id":11880,"date":"2013-03-01T00:00:48","date_gmt":"2013-02-28T22:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11880"},"modified":"2022-07-26T14:12:13","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:13","slug":"die-vielfalt-anarchistischer-welten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/03\/die-vielfalt-anarchistischer-welten\/","title":{"rendered":"Die Vielfalt anarchistischer Welten"},"content":{"rendered":"<p>Nach Klassikern wie &#8222;Anarchie!&#8220; von Horst Stowasser oder &#8222;Gelebtes Leben&#8220; von Emma Goldman tr\u00e4gt der neueste publizistische Beitrag der Edition Nautilus zur anarchistischen Bewegung den Titel &#8222;Anarchistische Welten&#8220;.<\/p>\n<p>Herausgeber des Sammelbandes ist der in Wien lebende Publizist und Autor Ilija Trojanow.<\/p>\n<p>Wirft man einen Blick in das Inhaltsverzeichnis, findet man in anarchistischen Kreisen einerseits bekannte Namen wie Osvaldo Bayer, Uri Gordon, Gerhard Senft und David Graeber, andererseits aber auch Leute wie Vandana Shiva, die man zwar mit progressivem Aktivismus, nicht jedoch sofort mit dem Anarchismus in Verbindung bringen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Der Herausgeber schreibt im einleitenden Artikel (im Grunde das Vorwort), dass in der &#8222;libert\u00e4ren Tradition [\u2026] gen\u00fcgend Anregungen&#8220; existierten, &#8222;die Welt anders zu organisieren, den Kapitalismus kritisch zu analysieren, um ihn zu \u00fcberwinden.&#8220; (S. 22) Dabei schl\u00f6ssen sich &#8222;[u]topisch-revolution\u00e4r und konkret-pragmatisch, naturnah und technikversiert, Kopfarbeit und Handarbeit&#8220; (S. 22) nicht aus. So vielf\u00e4ltig, wie diese Schlagworte hier klingen, sind tats\u00e4chlich auch die Texte dieses Sammelbandes.<\/p>\n<p>Hier wird einiges abgehandelt das thematisch stellenweise recht weit voneinander entfernt liegt und sich fallweise inhaltlich Unkonventionellem widmet. Manchmal wird an alte anarchistische Diskussionen aus dem 19. Jahrhundert mit Argumenten aus dem 21. Jahrhundert angekn\u00fcpft. Rebecca Solnit und Frans de Waal diskutieren zum Beispiel Themen, die stark an Peter Kropotkin und sein Buch &#8222;Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt&#8220; erinnern.<\/p>\n<p>Dabei diskutiert Solnit den recht spezifischen Fall, wie (Natur-)Katastrophen Menschen &#8211; entgegen der Meinung von Mainstreammedien wie beispielsweise im Fall &#8222;Katrina&#8220; in New Orleans dargestellt &#8211; h\u00e4ufig dazu veranlassen das zu praktizieren, was Kropotkin &#8222;gegenseitige Hilfe&#8220; nannte und eben nicht das &#8222;Jeder-gegen-Jeden-Chaos&#8220; ausbricht. Obwohl sie eingesteht, dass seit dem Postmodernismus Begriffe wie &#8222;menschliche Natur&#8220; problematisch geworden seien, argumentiert sie, dass &#8222;durch die Au\u00dferkraftsetzung der gew\u00f6hnlichen Ordnung&#8220; aufgrund von Katastrophen und &#8222;durch das Versagen der meisten Systeme&#8220; darauf zu reagieren, die Menschen &#8222;frei werden, anders zu leben und zu handeln&#8220; (S. 65) und sich so quasi &#8222;[a]us der H\u00f6lle ein Paradies&#8220; (so auch der Titel des Texts) bauten. Auf den Punkt gebracht: F\u00e4llt das staatliche Korsett tempor\u00e4r weg, kann beobachtet werden, dass die Leute solidarisch sind, sich helfen und nicht damit beginnen, sich wie wild die Sch\u00e4del einzuschlagen, wie uns immer versucht wird einzureden.<\/p>\n<p>Einige Texte behandeln Fragen der \u00d6kologie und Nachhaltigkeit (Shiva, Gordon, Boeing, Fremeaux\/Jordan).<\/p>\n<p>Wer hier gleich an Anarchoprimitivismus denkt, liegt gl\u00fccklicherweise falsch, denn der wird von keinem der AutorInnen als anzustrebende Alternative in Erw\u00e4gung gezogen &#8211; Niels Boeng bezeichnet Derrik Jensens Buch &#8222;Endgame&#8220;, das in dieser Szene recht beliebt ist, zum Beispiel als ein &#8222;verst\u00f6rende[s] Pamphlet&#8220; (S. 191).<\/p>\n<p>Uri Gordon w\u00e4hlt aber \u00e4hnlich drastische Worte und schreibt von einem &#8222;Endkampf zwischen dem zwangsl\u00e4ufigen Bed\u00fcrfnis des neoliberalen Kapitalismus nach unendlichem Wachstum und den begrenzten Ressourcen eines einzelnen Planeten.&#8220; (S. 200) Gleichzeitig l\u00e4utet er auch den &#8222;unvermeidlichen Zusammenbruch&#8220; des kapitalistischen Systems und die &#8222;Wende&#8220; ein, dessen &#8222;Geburtswehen&#8220; unsere Generation nun miterlebe. (ebd.)<\/p>\n<p>Diese Einsch\u00e4tzung scheint mir doch etwas sehr optimistisch, denn den &#8222;Zusammenbruch des globalen Kapitalismus&#8220; (ebd.) haben schon viele Generationen prophezeit &#8211; nur beeindrucken lie\u00df sich der globale Kapitalismus davon scheinbar nicht wirklich. Er treibt sein Unwesen bis heute munter weiter.<\/p>\n<p>Weitere Beitr\u00e4ge besch\u00e4ftigen sich zum Beispiel mit Anarchismus in Argentinien (Bayer) und Bulgarien (Konstantinov; der Beitrag ist aber eher eine anarchistische Abrechnung mit dem sog. &#8222;Staatssozialismus&#8220;), mit anarchistischen Positionen zu \u00f6konomischen Fragen (Senft, Graeber) &#8230;<\/p>\n<p>Wer den roten Faden im Sammelband sucht, wird Schwierigkeiten haben, diesen zu finden. So liest man beispielsweise nach den philosophische Polit-Reflexion Luz Schulenburgs einen Erlebnisbericht eines Klimacamps in England, gefolgt von einem Artikel mit dem Titel &#8222;\u00d6konomie, Herrschaft und Anarchie&#8220; des Wiener Wirtschaftsprofessors Gerhard Senft.<\/p>\n<p>Das muss nicht notwendigerweise ein Kritikpunkt sein. Anarchistische Welten k\u00f6nnen viele verschiedene Gesichter haben und unterschiedlichste Themenfelder beackern und dennoch zusammenh\u00e4ngen. Eben das scheint in etwa der Zugang des Buches zu sein.<\/p>\n<p>Dennoch kann ein fehlender roter Faden in einem Sammelband auch irritieren. Der thematischen Heterogenit\u00e4t der Beitr\u00e4ge ist es zu verdanken, dass vermutlich f\u00fcr alle LeserInnen auch etwas dabei ist, das sie richtig interessiert. Die Kehrseite dessen ist, dass die Chance nicht gering ist, sich bei dem einen oder anderen Text eher schwer zu tun einen Zugang zu finden oder Interesse zu entwickeln.<\/p>\n<p>Verst\u00e4rkt wird das dadurch, dass es thematisch dann und wann sehr speziell wird. Ob das gef\u00e4llt oder nicht, ist aber wiederum reine Geschmacks- und Interessensache, denn wer zum Beispiel Interesse an libert\u00e4ren Positionen zu spezifischen Fragen von Technologie (wie im Text von Boeing) oder arch\u00e4ologisch-historischen Ausf\u00fchrungen mit libert\u00e4rem Einschlag (Der Text von Douglas Park tr\u00e4gt den Titel: &#8222;Timbuktu und die selbstorganisierenden Zivilisationen der Vorzeit&#8220;) hat, wird hier definitiv f\u00fcndig.<\/p>\n<p>Der Untertitel des ersten Aufsatzes des Bandes, verfasst vom Herausgeber selbst, beschreibt recht gut, welchen Eindruck der Sammelband hinterl\u00e4sst: Er wirkt wie eine &#8222;kurze Reise durch die glorreiche Vielfalt anarchistischen Denkens und Wirkens&#8220; (S. 5).<\/p>\n<p>Insofern ist diese bunte Mischung an Texten mit seinen vielschichtigen und speziellen Zug\u00e4ngen zu diversen Themen sicher ein Band, der nicht in die Kategorie &#8222;08\/15-Anarchismus-Buch&#8220; geh\u00f6rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Klassikern wie &#8222;Anarchie!&#8220; von Horst Stowasser oder &#8222;Gelebtes Leben&#8220; von Emma Goldman tr\u00e4gt der neueste publizistische Beitrag der Edition Nautilus zur anarchistischen Bewegung den Titel &#8222;Anarchistische Welten&#8220;. 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