{"id":11886,"date":"2013-03-01T00:00:06","date_gmt":"2013-02-28T22:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11886"},"modified":"2022-07-26T14:12:14","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:14","slug":"gedachtnistraining-fur-die-emanzipation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/03\/gedachtnistraining-fur-die-emanzipation\/","title":{"rendered":"Ged\u00e4chtnistraining f\u00fcr die Emanzipation"},"content":{"rendered":"<p>J\u00fcrgen Bacia und Cornelia Wenzel legen mit &#8222;Bewegung bewahren&#8220;                 ein in seiner Art noch nie da gewesenes Grundlagenwerk aus Praxis,                 Geschichte und aktueller Situation freier politischer Archive                 vor.<\/p>\n<p>Gleichzeitig entfalten sie in dem gut gegliederten Band einen                 facettenreichen \u00dcberblick \u00fcber das Aufbewahren und Erhalten wichtiger                 Schriften und Dokumente im Besonderen und die Geschichtsschreibung                 von unten im Allgemeinen.<\/p>\n<p><h3>Worum geht es genau? <\/h3>\n<p>               Die ersten freien Archive entstanden in der alten BRD zusammen mit               den au\u00dferparlamentarischen Oppositionsbewegungen der 1960er Jahre.               <\/p>\n<p>Nach der Wiedervereinigung kamen freie Archive von unabh\u00e4ngigen                 AktivistInnen in der DDR dazu, wie die im dritten Kapitel von                 Reiner Merker beschriebenen &#8222;Kontinuit\u00e4ten, Br\u00fcche, Entwicklungen&#8220;                 des <i>Th\u00fcringer Archiv f\u00fcr Zeitgeschichte &#8222;Matthias Domaschk&#8220;<\/i>                 veranschaulichen.<\/p>\n<p>Ob BRD oder DDR: F\u00fcr unabh\u00e4ngige Bewegungen lag der Gedanke nahe,                 das Aufbewahren der eigenen vielf\u00e4ltigen Ver\u00f6ffentlichungen nicht                 den oft grunds\u00e4tzlich abgelehnten staatlichen Institutionen zu                 \u00fcberlassen, sondern eigene St\u00e4tten der Dokumentation, Bildung,                 Erinnerung und Diskussion zu schaffen. <\/p>\n<p>Allerdings besteht von Beginn an ein grundlegender Zwiespalt.                 Die AutorInnen beschreiben das so:<\/p>\n<p>&#8222;Bewegungsarchive haben es in vielerlei Hinsicht nicht leicht.                 Sie sind eigentlich ein Widerspruch in sich: Soziale und politische                 Bewegungen stellen den Status quo in Frage, r\u00fctteln auf, schreiten                 voran, bringen die Verh\u00e4ltnisse zum Tanzen, sind fast schon ein                 Synonym f\u00fcr Ver\u00e4nderung. Archive dagegen sichern und bewahren,                 sorgen durch Verzeichnung und sachgerechte Lagerung daf\u00fcr, dass                 das, was heute die Welt bewegt, auch morgen noch nachvollziehbar                 ist.&#8220; <\/p>\n<p><h3>I.<\/h3>\n<p>               Das erste Kapitel &#8222;<i>Bedeutung und Befindlichkeit Freier Archive<\/i>&#8220;               f\u00fchrt zielstrebig in die mitunter seltsamen, da allzu menschlichen               Tiefen und T\u00fccken der Archivarbeit ein. Hier werden auch einige               umstrittene oder spektakul\u00e4re F\u00e4lle der Geschichte von unten skizziert               wie etwa die Rolle, die unabh\u00e4ngige Dokumentationsst\u00e4tten bei der               Aufdeckung der nuklear milit\u00e4rischen Zusammenarbeit der BRD-Eliten               mit dem Apartheid Regime S\u00fcdafrikas 1975 spielten.               <\/p>\n<p><h3>II.<\/h3>\n<p>               Das zweite Kapitel &#8222;<i>Entstehung und Entwicklung Freier Archive<\/i>&#8220;               liefert durch zahlreiche ausgewertete Frageb\u00f6gen eine fundierte               wissenschaftliche Bestandsaufnahme. Es werden Zahlen und Fakten               genannt, aus denen die Leserinnen und Leser eigene Schlussfolgerungen               ziehen k\u00f6nnen. Gleichzeit wird die Notwendigkeit eines neuen Bewusstseins               \u00fcber die zur Zeit \u00e4u\u00dferst mangelnde F\u00f6rderung deutlich.               <\/p>\n<p>Denn die Frage der Finanzierung ist die Gretchenfrage \u00fcber Sein                 oder Nichtsein freier Archive. Nichtwertend werden die gegens\u00e4tzlichen                 Ans\u00e4tze der Antworten dargestellt von &#8222;Wir wollen v\u00f6llig autonom                 sein!&#8220; bis &#8222;Wir haben ein Recht auf staatliche F\u00f6rderung!&#8220;. <\/p>\n<p>Die soziale Lage der MitarbeiterInnen wird intensiv untersucht.                 Wer h\u00e4tte gedacht, dass knapp 500 Menschen in freien Archiven                 arbeiten und dabei 270 von ihnen unmittelbar mit Archivieren besch\u00e4ftigt                 sind?<\/p>\n<p>Und dass \u00fcber 60% daf\u00fcr nicht entlohnt werden? Was f\u00fcr Auswirkungen                 hat das f\u00fcr die MitarbeiterInnen, f\u00fcr die Archive?<\/p>\n<p><h3>III.<\/h3>\n<p>               Das Herzst\u00fcck des Bandes sind im dritten Kapitel die Berichte aus               dem &#8222;<i>Innenleben der Archive&#8220;.<\/i>               <\/p>\n<p>Hier schildern Verantwortliche und MitarbeiterInnen die Freuden                 und Stolpersteine ihrer Arbeit. Meine einzige Bef\u00fcrchtung, n\u00e4mlich                 dass sich bei mehreren Autoren einige wesentliche Fragestellungen                 wiederholen w\u00fcrden, wurde durch den sehr unterschiedlichen Umgang                 mit Problemen und die teilweise verbl\u00fcffend voneinander abweichenden                 Ansichten und Perspektiven entkr\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Die wechselvolle Geschichte und Gegenwart des <i>Archivs der                 Sozialen Bewegungen Hamburg<\/i> wird von den BetreiberInnen geschildert,                 ebenso macht es das <i>Papiertiger<\/i> Kollektiv aus Berlin Kreuzberg                 und die Gruppe des <i>Archivs des Infoladens im Leipziger Conne                 Island.<\/i><\/p>\n<p>Andrea Walter berichtet aus dem Hamburger <i>Archiv Aktiv<\/i>                 mit Schwerpunkt gewaltfreie Bewegungen, Christian Neven-du Mont                 vom <i>Nord S\u00fcd Archiv Informationszentrum Dritte Welt Freiburg<\/i>,                 das in inzwischen 42 Jahren auf eine beachtliche Gr\u00f6\u00dfe angewachsen                 ist.<\/p>\n<p>Wie man auf einem Einrad durch das <i>Archiv f\u00fcr alternatives                 Schrifttum (afas) Duisburg<\/i> f\u00e4hrt, erz\u00e4hlt J\u00fcrgen Bacia.<\/p>\n<p>Zuvor berichtet er zusammen mit Cornelia Wenzel auch \u00fcber den                 Verkauf von Bier-Senf im <i>Gorleben Archiv L\u00fcchow<\/i>.<\/p>\n<p>Das <i>Th\u00fcringer Archiv f\u00fcr Zeitgeschichte<\/i> in Jena und Reiner                 Merker wurden schon erw\u00e4hnt. Den Umzug des umfangreichen M\u00fcnsteraner                 <i>Umweltzentrum-Archivs<\/i> samt seinen anarchistischen Hausstaubmilben                 in das <i>afas<\/i> Duisburg beschreibt Bernd Dr\u00fccke. <\/p>\n<p>Wie das <i>Eco-Archiv<\/i> Hofgeismar, dessen Ausrichtung als                 \u00f6kologisch-sozialistisch beschrieben werden kann, nach 23 Jahren                 an das <i>Archiv der Sozialen Demokratie<\/i> der <i>Friedrich-Ebert-Stiftung                 (FES)<\/i> in Bonn angegliedert wurde, schildert Martin Becker.<\/p>\n<p>Auch aus dem Innenleben eines der beiden gr\u00f6\u00dften Lesbenarchive                 der Welt (neben dem New Yorker Lesbenarchiv <i>Herstory)<\/i> dem                 <i>Spinnboden Lesbenarchiv &#038; Bibliothek e.V.<\/i> in Berlin<\/p>\n<p>erfahren wir Aufschlussreiches durch Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin Sabine                 Balke. Das nicht weniger umfangreiche <i>Archiv &#038; Bibliothek des                 Schwulen Museums Berlin<\/i> stellt dessen Leiter Jens Dobler vor.<\/p>\n<p>Ebenfalls in Berlin angesiedelt ist das in seiner Art einzigartige                 <i>Archiv der Jugendkulturen, <\/i>aus dem<i> <\/i>Klaus Farin berichtet.                 Es f\u00e4llt insofern aus dem Rahmen, als es &#8222;Kn\u00e4ste und Kirchen,                 Schulen und Hochschulen, Museen und Akademien, Betriebe und Rath\u00e4user,                 Jugendklubs und Altentreffs&#8220; besucht und mit 150 bis 180 Veranstaltungen                 im Jahr praktisch st\u00e4ndig unterwegs ist. <\/p>\n<p>Cornelia Wenzel<i> <\/i>beschreibt den Weg zur<i> Stiftung Archiv                 der deutschen Frauenbewegung<\/i> Kassel, die mit 30.000 B\u00fcchern                 und 450 laufenden Metern Archivgut aus derzeit 62 Nachl\u00e4ssen und                 Unterlagen\u00fcbergaben auch nicht gerade wenig Material zu betreuen                 hat. <\/p>\n<p>Viele Aktivit\u00e4ten gehen \u00fcber die eigentliche Archivarbeit weit                 hinaus, denn immer mal wieder tragen Archivgruppen ihre Inhalte                 phantasievoll nach au\u00dfen, schaffen Aufmerksamkeit oder initiieren                 gar politische Aktionen, die anregen und ausstrahlen.<\/p>\n<p>So berichtet Ellen Dietrich vom <i>Internationalen Frauenfriedensarchiv                 Fasia Jansen e.V. <\/i>Oberhausen wie sie im Oktober 1992 an den                 f\u00fcnfhundertsten Jahrestag der Kolumbus-Landung erinnerten (vermutlich                 auf <i>Guanahani<\/i> bzw. <i>San Salvador)<\/i>. Denn diese &#8222;Entdeckung&#8220;                 1492 markierte doch vor allem den Beginn einer grausamen Kolonialgeschichte                 mit ungez\u00e4hlten Massakern an den UreinwohnerInnen und grenzenloser                 Auspl\u00fcnderung der &#8222;Neuen Welt&#8220;. Das Archiv nahm dieses Ereignis                 zum Anlass mit einem chilenischen Wandmaler seine H\u00e4user mit Zeichen                 aus der Zeit vor Kolumbus zu bemalen. <\/p>\n<p>Einen anderen ungew\u00f6hnlichen Akt des Erinnerns schildert Bernd                 Dr\u00fccke vom Umweltzentrum-Archiv M\u00fcnster, n\u00e4mlich die Aufstellung                 der <i>Paul Wulf Skulptur<\/i>, die es 2007 sogar auf die Titelseite<i>                 <\/i>der Zeitschrift<i> International Herald Tribune<\/i> gebracht                 hat, da hier ein 1938 von den Nazis zwangssterilisierter Anarchist                 gew\u00fcrdigt wurde. <\/p>\n<p>Jedes Kapitel wird mit einem Fazit abgeschlossen, das oft mit                 ungew\u00f6hnlichen Ideen und L\u00f6sungsans\u00e4tzen \u00fcberrascht. <\/p>\n<p>So weist das vierte Kapitel <i>&#8222;Krise und Zukunft Freier Archive&#8220;<\/i>                 eine von Nina Matuszewski und Cornelia Wenzel im Rahmen von Frauenarchivetreffen                 entwickelte, f\u00fcr die Praxis sehr hilfreiche Checkliste f\u00fcr in                 Bedr\u00e4ngnis geratenen Archive auf. \u00dcberlegungen, die ber\u00fccksichtigt                 werden sollten, bevor teilweise oder ganz aufgeh\u00f6rt wird. <\/p>\n<p><h3>Fahrenheit 451<\/h3>\n<p>               Spukte mir am Anfang der Besch\u00e4ftigung mit dem Kampf um Erinnerung               noch das Bild der Br\u00e4nde legenden Feuerwehrleute aus dem Roman <i>Fahrenheit               451<\/i> von Ray Bradbury im Kopf herum, verwarf ich den Gedanken               bald.               <\/p>\n<p>Zum einen haben sich hierzulande quer durch die Parteien immer                 wieder auch PolitikerInnen f\u00fcr freie Archive eingesetzt und um                 F\u00f6rdergelder geworben oder selber bewilligt, zum anderen &#8211; grundlegender                 &#8211; besteht Gefahr f\u00fcr freie Archive nicht durch eine so wenig stattfindende                 Bek\u00e4mpfung von Staat oder anderen Widersachern, sondern durch                 eigene Konzeptlosigkeit auf der einen, Ignoranz und Unterlassung                 von kommunaler oder anderer gesellschaftlicher Finanzierung auf                 der anderen Seite. <\/p>\n<p>Bei vielen Archiven f\u00e4llt bei zu wenig AktivistInnen zu viel                 (unbezahlte) Arbeit an, die R\u00e4umlichkeiten sind beengt und\/ oder                 schwer finanzierbar, bei einer m\u00f6glichen Aufl\u00f6sung steht nicht                 fest, was mit den gesammelten Materialen geschieht. <\/p>\n<p>Die Gefahr des Verlustes besteht. Dies wirkt destruktiv vor allem                 im Zusammenhang mit dem zunehmenden Druck auf immer mehr Menschen,                 intensiver und l\u00e4nger f\u00fcr den Lebensunterhalt arbeiten zu m\u00fcssen                 und so keine M\u00f6glichkeit zu haben, sich zus\u00e4tzlich unendgeldlich                 zu engagieren. <\/p>\n<p>Doch &#8222;<i>Bewegung bewahren<\/i>&#8220; bietet hier mehr als nur Diskussionsans\u00e4tze.               <\/p>\n<p>Man merkt den AutorInnen nicht nur ihr Herzblut, sondern auch                 die zum Teil jahrzehntelange Erfahrung an. Die vor allen in den                 &#8222;<i>Innenansichten<\/i>&#8220; vermittelte Praxisn\u00e4he in Verbindung mit                 wissenschaftlichen Auswertungen und gut \u00fcberlegtem Aufbau machen                 das woanders vielleicht trocken klingende Thema zu einer spannenden                 Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p>So ist das Buch nicht nur ein MUSS f\u00fcr alle in der freien Archivarbeit                 Beteiligten, sondern eigentlich auch f\u00fcr alle Aktivistinnen und                 Aktivisten der vielf\u00e4ltigen Bewegungen, die Archive hervorgebracht                 haben. Die Gegenw\u00e4rtigen und die Ehemaligen. Schlie\u00dflich ist diese                 intensive Bestandsaufnahme selbst auch ein nicht zu untersch\u00e4tzender                 Beitrag von der im Untertitel genannten &#8222;Geschichte von unten&#8220;.<\/p>\n<p>Der angenehm unaufgeregte und erfrischend lebendige Schreibstil                 von J\u00fcrgen Bacia, Cornelia Wenzel und den anderen AutorInnen machen                 das Lesen zu einem Vergn\u00fcgen. Das erleichtert das Verstehen der                 Situation und der Bedeutung freier Archive.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00fcrgen Bacia und Cornelia Wenzel legen mit &#8222;Bewegung bewahren&#8220; ein in seiner Art noch nie da gewesenes Grundlagenwerk aus Praxis, Geschichte und aktueller Situation freier politischer Archive vor. 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