{"id":11896,"date":"2013-03-01T00:00:40","date_gmt":"2013-02-28T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11896"},"modified":"2022-07-26T14:12:14","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:14","slug":"in-seattle-wurde-1996-das-rad-neu-erfunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/03\/in-seattle-wurde-1996-das-rad-neu-erfunden\/","title":{"rendered":"In Seattle wurde 1996 das Rad neu erfunden"},"content":{"rendered":"<p>Jugendliche NeurastenikerInnen werfen Flaschen ins Meer (ins elektronische), mit der Hoffnung, dass diese irgendwo ankommen und gelesen werden. Es ist schlichtweg zum In-die-Tischkante-beissen: Da finden &#8211; laut der Einleitung von Gabriel Kuhn &#8211; anarchistische Texte rund um den Globus Verbreitung, was ja sehr w\u00fcnschenswert ist, und dann sind diese voll von Widerspr\u00fcchen und bleiben mitunter hinter den jehrzehntelangen Diskussionen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Mit situationistischer Poesie und stoischer Ignoranz f\u00fchrt uns &#8222;Message in a Bottle&#8220; durch drei Phasen (die auch als Entwicklungsstufen gesehen werden sollen) des anarchistischen Kollektivs CrimethInc. durch seine Texte:<\/p>\n<p>1.) Die Sicherungen durchbrennen lasssen 1996-2001,<br \/>\n2.) Herstellung einer Flasche 2002-2007 und<br \/>\n3.) Alles explodiert 2008-2011.<\/p>\n<p>Und wenn in der ersten Phase etwa der Ladendiebstahl (S. 23) als revolution\u00e4re Akt gefeiert wird, wird weiter sp\u00e4ter wieder zur\u00fcckgerudert. So geht das mit den unterschiedlichsten Themen wie Gewalt, Repressionen durch den Staat, Utopien usw. Das Kompendium als solches ist eine Mischung aus jugendlichem Leichtsinn, einer gef\u00e4hrlichen Naivit\u00e4t und &#8211; mitunter &#8211; erschreckender Geschichtslosigkeit.<\/p>\n<p>Galt Geschichtslosigkeit auf der einen Seite als ein Prinzip, wird hier in den Texten durchaus \u00f6fter auf Ereignisse unserer Geschichte hingewiesen, aber eben auch nicht mehr.<\/p>\n<p>Da werden in Halb- und Nebens\u00e4tzen Ereignisse erw\u00e4hnt (von der Russischen Revolution bis zur SchwarzfahrerIn-Gewerkschaft in Stockholm), ohne auch nur den Versuch einer Vermittlung davon. Dies hinterl\u00e4\u00dft bei mir den Geschmack von jener \u00dcberheblichkeit, die da sagt: Seht her, ich kenne mich aus, und wenn Ihr Euch nicht auskennt, dann googelt.<\/p>\n<p>Die USA wird als der &#8222;m\u00e4chtigste Staat der Weltgeschichte&#8220; (S. 196) angesehen &#8211; und von dieser Gr\u00f6\u00dfe geblendet, wird das Drumherum nicht mehr wahrgenommen, auch von den US-amerikanischen AnarchistInnen nicht.<\/p>\n<p>Aber nicht nur mit der Globalit\u00e4t gibt es Probleme, sondern auch mit dem einfachen (?) menschlichen Zusammenh\u00e4ngen. Es irritiert mich, wenn von der &#8222;wirkliche[n] leidenschaftliche[n] Liebe&#8220; geschrieben wird, ohne den Begriff &#8222;Liebe&#8220; irgendwie zu definieren.<\/p>\n<p>Ebenso, wenn &#8222;Verantwortung&#8220; als etwas negatives dargestellt wird, womit die (feindlichen) Eltern behaftet sind, und AnarchistInnen sich selbst davon befreien m\u00fc\u00dften. Aber ist es nicht gerade die Verantwortung, die uns von den Staats- und Glaubensapologeten unterscheidet, indem wir eine Verantwortung f\u00fcr unser Leben und Handeln \u00fcbernehmen, statt sie zu delegieren?<\/p>\n<p>So geht das st\u00e4ndig: S\u00e4tze zum Niederknien wie etwa: &#8222;W\u00e4re dein Leben ein Film, w\u00fcrdest du ihn Dir ansehen?&#8220; (S. 15) Gro\u00dfartige Frage. Und dann wieder Larifaris\u00e4tze: &#8222;Es sollte immer klar sein, dass militante Aktionen kein Mackergehabe, sondern wohl\u00fcberlegte Entscheidungen sind, oder zumindest eine ehrliche emotionale Ausdrucksweise.&#8220; (S. 205, unter der \u00dcberschrift: &#8222;Sozialer Krieg braucht soziale Kompetenz&#8220;).<\/p>\n<p>Vermutlich habe ich noch zu keinem anderen Buch mir derartig viele Notizen gemacht, und vermutlich k\u00f6nnten die Hinweise auf Widerspr\u00fcche, Entgegnungen, auf (Selbst-)Ein- und \u00dcbersch\u00e4tzungen usw. ein weiteres Buch f\u00fcllen. Das Buch hat das Krankheitsbild einer manischen Depression: zu Tode betr\u00fcbt und himmelhochjauchzend.<\/p>\n<p>&#8222;Message in a Bottle&#8220; ist eine Literatur f\u00fcr Menschen mit starken Nerven. Das An- und Aufregende an den Texten liegt hier dicht beieinander. Dass u.U. die SchreiberInnen dieser Texte von 1996 und 2011 &#8211; immerhin liegen hier 15 Jahre politischer Kampf und Erfahrungen dazwischen &#8211; die selben sein k\u00f6nnten, ist nur schwer nachvollziehbar, und die &#8222;Alles oder Nichts&#8220;-Mentalit\u00e4t halte ich f\u00fcr v\u00f6llig unanagemessen: Wir wollen Alles &#8211; das Nichts haben wir schon.<\/p>\n<p>Aber es l\u00e4\u00dft sich auch positiv schlie\u00dfen mit S\u00e4tzen etwa wie jenem: &#8222;Besser eine schwarze Fahne hissen, als eine weisse&#8220;. (S. 88)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jugendliche NeurastenikerInnen werfen Flaschen ins Meer (ins elektronische), mit der Hoffnung, dass diese irgendwo ankommen und gelesen werden. 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