{"id":11898,"date":"2013-03-01T00:00:09","date_gmt":"2013-02-28T22:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11898"},"modified":"2022-07-26T13:56:38","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:38","slug":"marinus-marinus-du-warst-es-nicht-es-war-konig-feurio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/03\/marinus-marinus-du-warst-es-nicht-es-war-konig-feurio\/","title":{"rendered":"&#8222;Marinus, Marinus, Du warst es nicht, es war K\u00f6nig Feurio!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution: Lutz, was waren Deine Beweggr\u00fcnde f\u00fcr                 die Wiederherausgabe?<\/b><\/p>\n<\/p>\n<p><i>Lutz Schulenburg: <\/i>1983 hatten wir das <i>Rotbuch<\/i>,                 anl\u00e4sslich des 50.Jahrestages des Reichtagsbrands, erstmalig auf                 Deutsch verlegt. Damals, wie auch heute, ist es ein Protest gegen                 die Verleumdung eines Revolution\u00e4rs, so wie es die Freunde, Geschwister,                 Nachbarn, Arbeitskollegen und Genossen von &#8222;Rinus&#8220; 1933 beabsichtigten,                 als sie das <i>Rotbuch<\/i> herausbrachten. <\/p>\n<p>Dieses Buch ist das Werk von Proletariern, das sie aus eigener                 Initiative und trotz ihrer bescheidenen materiellen Mittel gegen                 eine \u00fcberlegene Propagandaindustrie stellen. <\/p>\n<p>In unserem Verst\u00e4ndnis ist es ein Dokument der autonomen Arbeiteraktion,                 in der sich ein Verst\u00e4ndnis des selbstst\u00e4ndigen revolution\u00e4ren                 Handelns ausdr\u00fcckt und eines der Solidarit\u00e4t mit einem verfolgten                 Genossen.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich war Georg K. Glaser, der als junger Proletarier, antiautorit\u00e4rer                 Rebell, Vagabund und militanter Kommunist diese Zeit miterlebt                 hat, richtungsweisend: &#8222;Mit der Gestalt van der Lubbes hat man                 den Begriff des Rebellen verdammt, also des Menschen, der nach                 eigener Entscheidung eine eigene Tat begeht, die er f\u00fcr richtig                 h\u00e4lt &#8211; um stattdessen nur noch den politischen Soldaten gelten                 zu lassen.&#8220; <\/p>\n<p>Die zwei Arbeiterb\u00fcrokratien, die wesentlich die Arbeitermassen                 kontrollierten, die Kommunistische Partei und die Sozialdemokratie,                 haben durch ihre Politik der disziplinierten Passivit\u00e4t l\u00e4hmend                 und demoralisierend gewirkt. Sie haben die &#8222;Arbeiterklasse&#8220; dem                 Terror der Konterrevolution ausgeliefert, den die Nazis durch                 ihre B\u00fcrgerkriegs-Miliz an der Seite der staatlichen Polizei in                 Szene setzten. <\/p>\n<p>Dem <i>Rotbuch<\/i> ist auch mitgegeben: das unkontrollierbare                 Element, die subversive Kraft, die die proletarische Bewegung                 freigesetzt hat. In einem Brief an einen Genossen in Leiden, w\u00e4hrend                 seiner Wanderung durch Deutschland 1932, schreibt Rinus: &#8222;Sag                 doch, Genosse, dass Du wirklich verstehst, dass die Arbeiter nicht                 blo\u00df durch Worte von F\u00fchrern sich gegen den Faschismus auflehnen,                 sondern \u00fcberall in ganz Deutschland als Klasse.&#8220;<\/p>\n<p><p><b>Du stellst Dich mit gro\u00dfem Furor auf seine Seite. Es ist nat\u00fcrlich                 richtig, Verleumdungen zur\u00fcckzuweisen. Aber kann es nicht sein,                 dass Marinus van der Lubbe von den Nazis instrumentalisiert wurde?                 <\/b> <\/p>\n<\/p>\n<p>Ja, Marinus van der Lubbe wurde instrumentalisiert: von der Kommunistischen                 Partei und der Sozialdemokratie, um ihr Versagen gegen\u00fcber dem                 Sieg der Konterrevolution 1933 und ihre Mitschuld an der Katastrophe                 der Arbeiterbewegung zu kaschieren; von den Nazis als Symbol der                 d\u00e4monischen Unterwelt, vor der es Deutschland zu retten galt.               <\/p>\n<p>Die Lohnschreiber der Komintern haben im <i>Braunbuch <\/i>gegen                 Rinus einen musterg\u00fcltigen Schauprozess veranstaltet, ihre fabrizierte                 L\u00fcgengeschichte hat die gleiche Monstrosit\u00e4t, wie einige Jahre                 sp\u00e4ter die ber\u00fcchtigten Moskauer-Prozesse. Zum Gl\u00fcck entscheiden                 Experten nicht die Fragen, die Revolution\u00e4re zu ihrem Handeln                 antreiben. Ein radikales Verst\u00e4ndnis der Geschichte sollte nicht                 als Flei\u00dfaufgabe angesehen werden und sich darin ersch\u00f6pfen, eine                 Anh\u00e4ufung von Details zu sortieren. ((2))                 Geschichte ist weder Versprechen noch Alibi. Sie legitimiert zu                 nichts. <\/p>\n<p>Ein revolution\u00e4res Handeln trachtet danach, das geschichtliche                 Kontinuum aufzusprengen und den Fortschritt der kapitalistischen                 Produktionsverh\u00e4ltnisse still zu stellen. Statt sich am Durchschnittstypus                 der Historiker zu orientieren, die stolz darauf sind, aus der                 Geschichte, je nach Auftraggeber, alles herauslesen zu k\u00f6nnen,                 was sonst nur eine Wahrsagerin aus ihrer Glaskugel vermag, sollten                 wir Walter Benjamin zu Rate ziehen. Er schrieb in seinen <i>Geschichtsphilosophischen                 Thesen<\/i>: &#8222;Vergangenes historisch artikulieren hei\u00dft nicht,                 es erkennen &#8218;wie es denn eigentlich gewesen ist&#8216;. Es hei\u00dft, sich                 einer Erinnerung bem\u00e4chtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr                 aufblitzt.&#8220; Und in &#8222;jeder Epoche muss versucht werden, die \u00dcberlieferung                 von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht,                 sie zu \u00fcberw\u00e4ltigen&#8220;. <\/p>\n<p><p><b>Im Abschnitt &#8222;Politische Betrachtungen&#8220; wird die Niederlage                 der revolution\u00e4ren Bewegungen von 1918 bis 1920 dargestellt als                 &#8222;Frucht von Parteiintrigen auf der gesamten Linie, vom Zentrum                 bis zur VKPD und USPD, damals unter F\u00fchrung von Dr. Paul Levi&#8220;.                 Kein Wort findet sich \u00fcber die Tatsache, dass alle Aufstandsversuche                 milit\u00e4risch schon l\u00e4ngst blutig niedergeschlagen waren. Nicht                 mit einem Satz wird die eigene r\u00e4tekommunistische Praxis hinterfragt,                 die in die absolute Bedeutungslosigkeit f\u00fchrte. Stattdessen wieder                 der Vorwurf: &#8222;Auf Euch, Genossen, Mitproletarier, ruht die entsetzliche                 Schande, einen unserer besten Genossen, Marinus van der Lubbe,                 ohne den geringsten Protest aus eigener Schw\u00e4che und mangels Klassenbewusstsein                 an unsere gr\u00f6\u00dften Feinde von rechts und links ausgeliefert zu                 haben.&#8220; <\/b><\/p>\n<p><b>Die r\u00e4tekommunistischen Verteidiger lassen sich tats\u00e4chlich                 zu folgenden S\u00e4tzen hinrei\u00dfen: &#8222;Die leuchtende Fackel der Revolution,                 deren Flammen aus der Kuppel des Reichstagsgeb\u00e4udes aufloderten                 und die die Herzen von Millionen Proletariern voller Erwartungen                 auf Rettung einen Moment lang h\u00f6her schlagen lie\u00df, die jedem wahrhaftigen                 Revolution\u00e4r die Hoffnung gab, da\u00df endlich etwas geschehen w\u00fcrde,                 versetzte die Bonzen der Zweiten und Dritten Internationale in                 Angst.&#8220; Mir ist nicht bekannt, dass Rudolf Rocker oder Erich M\u00fchsam                 eben dieses in dem Brand sahen, oder?<\/b><\/p>\n<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass dem Reichstag massenhaft nachgetrauert                 wurde. Wirkliche Trauer und Entmutigung unter den Aktivisten und                 organisierten Arbeitern, auch den linken Demokraten, d\u00fcrfte hingegen                 der vollst\u00e4ndige Zusammenbruch der Organisationen der Arbeiterbewegung                 ausgel\u00f6st haben. <\/p>\n<p>Der Untergang der disziplinierten Massenapparate bleibt doch                 das historische Desaster. <\/p>\n<p>Die Frage ist, meiner Meinung nach, nicht, ob man nun die politische                 Analyse oder das Pathos der holl\u00e4ndischen Genossen teilt, sondern                 warum denn ein junger Proletarier aus Leiden, bekannt in seiner                 Heimatstadt als aktiver Revolution\u00e4r, den seine Freunde Dempsey                 nannten, der seit einem Arbeitsunfall schlecht sah und der als                 Maurer keine Arbeit mehr fand, daf\u00fcr verantwortlich sein soll,                 dass die Nazis die polizeilichen Machtmittel, die ihnen als Regierungspartei                 zugefallen waren, auch nutzten, um ihre Terror-Diktatur zu errichten?                 Was ausblieb: eine Ankn\u00fcpfung an die Generalstreik-Aufstandsbewegung                 wie gegen den Kapp-Putsch 1920. Die Erinnerung daran war bei den                 Arbeitern lebendig, und auf Seiten der Konterrevolution gef\u00fcrchtet.<\/p>\n<p>In \u00d6sterreich wurde dies versucht. Ausgehend von Linz 1934 rebellierte                 im Februar 1934 ein Teil des <i>Republikanischen<\/i> <i>Schutzbundes<\/i>                 gegen die sozialdemokratische F\u00fchrung und erhob sich gegen die                 Dollfu\u00df-Regierung und die faschistischen Heimwehren. <\/p>\n<p>Dieser heroische Aufstand der Schutzb\u00fcndler machte die Niederlage                 f\u00fcr die Arbeiterbewegung in \u00d6sterreich weniger bitter, als sie                 in Deutschland war. Und in Spanien, wo der letzte Akt des Drama                 <i>unserer Niederlage<\/i> in Europa ausgefochten wurde, vor dem                 Massaker des 2. Krieges, fand das bislang letzte Gefecht zwischen                 &#8222;sozialer Revolution&#8220; und &#8222;Konterrevolution&#8220; statt. <\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen im Februar 1934 in \u00d6sterreich, dann im Oktober in                 Asturien und nach dem Franco-Putsch Juli 1936 in ganz Spanien                 beobachten, was in Deutschland 1933 gefehlt hat. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Lutz, was waren Deine Beweggr\u00fcnde f\u00fcr die Wiederherausgabe? Lutz Schulenburg: 1983 hatten wir das Rotbuch, anl\u00e4sslich des 50.Jahrestages des Reichtagsbrands, erstmalig auf Deutsch verlegt. 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