{"id":11903,"date":"2013-03-01T00:00:03","date_gmt":"2013-02-28T22:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11903"},"modified":"2022-07-26T14:12:14","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:14","slug":"george-orwells-emanzipatorischer-antikommunismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/03\/george-orwells-emanzipatorischer-antikommunismus\/","title":{"rendered":"George Orwells emanzipatorischer Antikommunismus"},"content":{"rendered":"<\/p>\n<p>Als vor einigen Jahren der sehr sehenswerte Ken Loachs Film &#8222;Land                 and Freedom&#8220; in den Kinos zu sehen war, griff ihn der ehemalige                 Spanienk\u00e4mpfer und orthodoxe Kommunist Fritz Teppich als &#8222;antikommunistisch&#8220;                 an. <\/p>\n<p>Dabei basierte der Film, wie damals weithin bekannt war, auf                 George Orwells Buch<i> Mein Katalonien<\/i> und damit auf Orwells                 Erfahrung als K\u00e4mpfer der unabh\u00e4ngig-marxistischen Kleinpartei                 POUM (Arbeiterpartei der marxistischen Einheit). Diese Wut auf                 antiautorit\u00e4re SozialistInnen ist typisch f\u00fcr Teppich und andere                 autorit\u00e4re Kommunisten. <\/p>\n<p>Das andauernde Misstrauen von AnarchistInnen und undogmatischen                 oder dissidenten KommunistInnen gegen\u00fcber dem orthodoxen Kommunismus                 gr\u00fcndet auf der konkreten, bitteren historischen Erfahrung des                 Mai 1937 in Barcelona, die der politisch relativ unbedarft nach                 Spanien gekommene George Orwell (richtiger Name: Eric Arthur Blair)                 hautnah miterlebte und die sodann sein politisches Leben sowie                 auch seine schriftstellerische Arbeit mit den beiden weithin bekannten                 Romanen <i>Farm der Tiere<\/i> (1945 ver\u00f6ffentlicht) und <i>1984                 <\/i>(1949 ver\u00f6ffentlicht) pr\u00e4gten.<\/p>\n<p><h3>Die Erfahrung Orwells in Katalonien 1936\/37<\/h3>\n<p>               Das erste Kapitel von Gills Buch ist eine historische Einf\u00fchrung               und kann von Leuten, die sich bereits intensiver mit der Spanischen               Revolution besch\u00e4ftigt haben, auch \u00fcbersprungen werden.               <\/p>\n<p>Die Erlebnisse Orwells, der am 26.12.1936 in Barcelona eintraf,                 kommen dann ab dem zweiten Kapitel ins Spiel. Gill beschreibt                 die Ver\u00e4nderungen des Lebensgef\u00fchls von der erlebten, wirklichen                 Gleichheit zwischen den Menschen, als Orwell in Barcelona eintraf,                 bis hin zur R\u00fcckkehr zu den Unterschieden der b\u00fcrgerlichen Klassengesellschaft,                 als er kurz vor dem Mai 1937 von seinen Fronteins\u00e4tzen in den                 POUM-Milizen in die Stadt zur\u00fcckkehrte. <\/p>\n<p>Die Monopolisierung der sowjetischen Waffenlieferungen sowie                 die kontr\u00e4r zur kommunistischen Ideologie stehende prokapitalistische                 Politik der katalanischen und gesamtspanischen KP erh\u00f6hten deren                 Mitgliederzahl (vor allem durch Mittelst\u00e4ndler und Grundbesitzer)                 und damit die Bedeutung der ParteikommunistInnen in den Regierungen                 von Barcelona und in Madrid. In der Folge konnten sie bzw. auch                 eingetroffene sowjetische Geheimdienstleute ihre eigene, von der                 Regierung nicht kontrollierte Polizei und ihre eigenen Gef\u00e4ngnisse                 aufbauen. All jene emanzipatorisch denkenden AntikommunistInnen,                 die zum Beispiel nach dem Zweiten Weltkrieg vor einer sowjetischen                 Macht\u00fcbernahme in westeurop\u00e4ischen Staaten warnten, hatten diese                 Macht\u00fcbernahme der KP innerhalb der spanischen Republik noch im                 Ged\u00e4chtnis. <\/p>\n<p>Das dritte Kapitel beschreibt die Repressionskampagnen vor allem                 gegen POUM-AktivistInnen und auch gegen AnarchistInnen. Hierbei                 kann nicht vergessen werden, dass zur selben Zeit die schlimmsten                 Schauprozesse gegen DissidentInnen in Moskau abliefen. <\/p>\n<p>Die alte Garde und KP-DissidentInnen wurden aus der Geschichte                 wegretouchiert. <\/p>\n<p>In Moskau wurden absurde Gest\u00e4ndnisse von Taten, die zum Teil                 niemals begangen wurden, durch eine raffinierte Mischung aus Folter                 und t\u00f6dlicher ideologischer Logik erzwungen &#8211; eine Gest\u00e4ndnislawine,                 die zur selben Zeit gegen die POUM in Spanien nicht gelang: Die                 POUM-Gefangenen blieben in der Regel prinzipienfest. Alle wurden,                 in Moskau wie in Barcelona, des Trotzkismus &#8211; und damit auch gleich                 der Kollaboration mit den Franco-Faschisten &#8211; angeklagt, obwohl                 Gill gut aufzeigt, dass die POUM sehr pluralistisch war und etwa                 Gr\u00fcnder Andr\u00e9s Nin l\u00e4ngst mit Trotzki gebrochen hatte und zwischenzeitlich                 CNT-Aktivist gewesen war. <\/p>\n<p>Doch die Wahrheit interessierte die KP nicht und die historische                 L\u00fcge wurde so lange propagiert, bis sie von autorit\u00e4tsh\u00f6rigen                 Mitgliedermassen geglaubt wurde. Am absurdesten wurde die st\u00e4ndige                 Umschreibung der Geschichte schlie\u00dflich w\u00e4hrend der Geltungszeit                 des Hitler-Stalin-Pakts.<\/p>\n<p><h3>Die Schlussfolgerungen Orwells: Wahrheit oder postmoderne Toleranz?<\/h3>\n<p>               In den Kapiteln vier und f\u00fcnf werden die politischen Lehren Orwells               aus seinen Erlebnissen aufbereitet, die dann zu seinen Romanen f\u00fchrten.               Die politischen Aufs\u00e4tze Orwells aus jener Zeit spielen dabei eine               gro\u00dfe Rolle. Gestreift werden auch zeitgen\u00f6ssische Kritiker des               Staatssozialismus sowjetischer Pr\u00e4gung wie etwa Andr\u00e9 Gide oder               Orwells Freund Arthur Koestler mit seinem Roman <i>Sonnenfinsternis<\/i>,               die alle f\u00fcr Orwell eine gewisse Bedeutung hatten. Insgesamt lassen               sich m.E. zwei Str\u00f6mungen des Antikommunismus feststellen, die ich               den emanzipatorischen und den reaktion\u00e4ren Antikommunismus nennen               m\u00f6chte. Manche KritikerInnen wie etwa Simone Weil oder auch Orwell               selbst blieben ihren sozialistischen \u00dcberzeugungen durch ihre Kritik               hindurch im Wesentlichen treu, andere wie Koestler oder auch James               Burnham, der ebenfalls im Buch behandelt wird, schlugen sich schlie\u00dflich               auf die Seite der anderen, prokapitalistischen Macht und lie\u00dfen               sich bei den antikommunistischen Kampagnen des CIA in der Nachkriegszeit               sogar von ihr einspannen.               <\/p>\n<p>Das Buch reiht sich ein in die bedeutsamen Werke \u00fcber die repressive                 und reaktion\u00e4re Politik der spanischen KP und des sowjetischen                 Geheimdienstes (NKWD) in der spanischen Republik, wobei f\u00fcr mich                 das beste Buch dazu immer noch Rainer Huhles 1980 erschienene                 Studie <i>Die Geschichtsvollzieher<\/i> ist. Die Person Orwell                 ist f\u00fcr diese Erfahrung zentral und seine von Gill aufgezeigte                 Reflexion widerspricht postmodernen Ideologien, die das Festhalten                 an einem Wahrheitsbegriff dem Zeitalter totalit\u00e4rer Herrschaft                 zuweisen. Doch, so meint Gill anhand der Romane Orwells, &#8222;die                 Wahrheit ist dem Totalitarismus fremd. Die L\u00fcge selbst ist zur                 Wahrheit geworden in einer Welt, in der es darauf ankommt [&#8230;],                 die Vergangenheit zu kontrollieren, und folglich neu zu erschaffen,                 um die Zukunft kontrollieren zu k\u00f6nnen.&#8220; (S. 102) <\/p>\n<p>Emanzipatorische AntikommunistInnen haben deshalb auf der Wahrheit                 von historischen Fakten und Tatsachen immer bestanden, etwa der                 Existenz sowjetischer Gefangenenlager &#8211; ein Wahrheitsanspruch,                 der heute leider gerade vom Postmodernismus \u00fcber Bord gekippt                 wird.<\/p>\n<p>Das Buch liest sich fl\u00fcssig und wurde von Michael Halfbrodt gut                 \u00fcbersetzt. Orwells Reflexionen und die von Gill in den Romanen                 aufgezeigten literarischen Verarbeitungen sind aufschlussreich,                 auch wenn Orwell mit manchen Schlussfolgerungen m.E. daneben lag.                 So kultivierte er einen typischen Miliz-Mythos und propagierte                 sogar B\u00fcrgermilizen in nicht-revolution\u00e4ren Situationen. <\/p>\n<p>Seiner Meinung nach sei das im eigenen Haus in der Ecke stehende                 Gewehr eine individuelle Garantie gegen totalit\u00e4re Systeme &#8211; als                 seien solche Systeme nicht dazu f\u00e4hig, den Geist so zu pr\u00e4parieren,                 dass ein Gewehr jederzeit in der Ecke stehen kann und niemals                 eine Gefahr f\u00fcr das System, wohl aber f\u00fcr die Gesellschaft sein                 kann. Nicht erst die Amokl\u00e4ufe in den USA beweisen uns dies. Auch                 ist mir Gills Buch insgesamt ein wenig zu sehr aus trotzkistischer                 Perspektive geschrieben (das Spanien-Buch von Brou\u00e9\/T\u00e9mime ist                 eine seiner wichtigsten Quellen); die Freundschaften Orwells zu                 britischen PazifistInnen und AnarchistInnen unmittelbar nach seiner                 R\u00fcckkehr aus Spanien stellt er nicht umfassend genug dar. <\/p>\n<p>Doch Orwells Erfahrung und Lebensweg ist ein faszinierendes und                 unbedingt zu ber\u00fccksichtigendes Verm\u00e4chtnis. <\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte k\u00fcnftig durch eine \u00dcbersetzung von Jean-Claude Mich\u00e9as                 Buch <i>Orwell, anarchiste tory<\/i> (1995) oder etwa von <i>George                 Orwell at home (and among the Anarchists)<\/i> (Freedom Press,                 1998) noch vervollkommnet werden (vgl. auch &#8222;George Orwell und                 der Anarchismus&#8220;, in: GWR 236, Febr. 1999).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als vor einigen Jahren der sehr sehenswerte Ken Loachs Film &#8222;Land and Freedom&#8220; in den Kinos zu sehen war, griff ihn der ehemalige Spanienk\u00e4mpfer und orthodoxe Kommunist Fritz Teppich als &#8222;antikommunistisch&#8220; an. 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