{"id":11907,"date":"2013-03-01T00:00:22","date_gmt":"2013-02-28T22:00:22","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11907"},"modified":"2022-07-26T14:12:14","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:14","slug":"tolstois-christlicher-anarchismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/03\/tolstois-christlicher-anarchismus\/","title":{"rendered":"Tolstois christlicher Anarchismus"},"content":{"rendered":"<p>Der Alibri-Verlag hat ein Buch mit Texten des weltbekannten Schriftstellers                 und Christen Leo Tolstoi (1828 &#8211; 1910) ver\u00f6ffentlicht. <\/p>\n<p>Das macht neugierig, auch weil dieser Verlag orientiert ist an                 der Kritik von Religion und Esoterik. Alibri steht in der Tradition                 kritischer, diesseitsorientierter Aufkl\u00e4rung, die auf die Emanzipation                 des Menschen abzielt.<\/p>\n<p>Aktuell l\u00e4uft in den Kinos gerade die Neuverfilmung von <i>Anna                 Karenina (1878)<\/i>. <\/p>\n<p>Dieser Roman von Tolstoi z\u00e4hlt neben <i>Krieg und Frieden (1869)<\/i>                 zu den Klassikern des realistischen Romans. <\/p>\n<p>Seine Werke entstanden in der Epoche des russischen Realismus                 und machten Tolstoi ber\u00fchmt. <i>Anna Karenina<\/i> handelt von                 Ehe und Moral in der adligen russischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.               <\/p>\n<p>Nach diesen literarischen Erfolgen entwickelte Tolstoi eine andere                 literarische Orientierung und verst\u00e4rkt Religions- und Gesellschaftskritik.               <\/p>\n<p>Die vom Herausgeber Ulrich Klemm zusammengestellte Textauswahl                 konzentriert sich neben kurzen Ausz\u00fcgen aus religionskritischen                 Hauptwerken auf entsprechende Briefe und Tagebuchaufzeichnungen.               <\/p>\n<p>Interessant ist auch der ver\u00f6ffentlichte und bis heute nicht                 aufgehobene Exkommunikationsbeschluss der griechisch-russischen                 Kirche gegen Tolstoi aus dem Jahr 1901. <\/p>\n<p>Das Buch hat also eine religions-philosophische Ausrichtung.                 Die Bergpredigt (Bibel, Neues Testament, Matth\u00e4us Kap. 5-7) und                 die daraus abgeleiteten Gebote sind Tolstois Ma\u00dfstab der Gesellschaftskritik.<\/p>\n<p>Religion sei keine Angelegenheit des Glaubens sondern der Vernunft                 und dabei ist der Weg der Liebe f\u00fcr ihn die einzige vern\u00fcnftige                 T\u00e4tigkeit des Menschen. Tolstois gesellschaftliche Orientierung                 ist Aufkl\u00e4rung, Verweigerung, d.h. gewaltfreier Widerstand gegen                 Herrschaft und Gewalt und auch die eigene Selbstvervollkommnung.                 In diesem Sinn war Tolstoi reformp\u00e4dagogisch t\u00e4tig. Es gr\u00fcndeten                 sich gegen Ende des 19.Jahrhunderts international &#8222;Tolstoi-Schulen&#8220;.                 Tolstoi gab auch Motivation und Begr\u00fcndung zur Kriegsdienstverweigerung.<\/p>\n<p>Zum n\u00e4heren Verst\u00e4ndnis der Tolstoi-Texte gibt es von Ulrich                 Klemm ein interessantes Vorwort, das den Zugang der LeserInnen                 des Buches erleichtert. F\u00fcr ChristInnen und religi\u00f6s orientierte                 Menschen mag der Hinweis auf die Bergpredigt der Bibel schon Motivation                 genug sein die Tolstoi-Texte zu lesen. <\/p>\n<p>F\u00fcr AgnostikerInnen oder AtheistInnen ist der Zugang zu den Texten                 allein mit dem Hinweis auf die Bibel wenig anregend. <\/p>\n<p>Vielleicht helfen folgende Informationen das Interesse zu wecken:                 Historisch sind Tolstois Schriften um 1900 w\u00e4hrend einer Zeit                 entstanden, in der Kulturkritik, Moral und Ethik zentrale Themen                 waren. 1910 schrieb der Anarchist Gustav Landauer: Tolstoi war                 wie Jean Jacques Rousseau &#8222;eine Einheit von Rationalismus und                 inbr\u00fcnstiger Mystik&#8220;. Rousseau und Tolstoi werden auch von dem                 bekannten Rationalisten Bertrand Russell in eine geistige Verbindung                 gestellt, weil ihr Streben nach Bed\u00fcrfnislosigkeit, Nat\u00fcrlichkeit                 und Individualit\u00e4t schon in der griechischen antiken Philosophie                 der Skeptiker seine Wurzeln findet. <\/p>\n<p>Selbst jemand wie der Feidenker Bruno Wille (1860-1928), der                 mit seiner &#8222;Philosophie der Befreiung&#8220; an Friedrich Nietzsche                 und dem Individualanarchisten Max Stirner orientiert war, betonte                 den christlichen Anarchismus von Tolstoi gegen Staat und Kirche.                 Die Zeitschrift &#8222;Der Atheist&#8220; schrieb 1910: &#8222;In Tolstoi steht                 uns nicht der Pfaff gegen\u00fcber, sondern der Christ, der unsere                 Achtung und ehrliche Bewunderung heischt.&#8220; <\/p>\n<p>In der libert\u00e4r-pazifistischen Bewegung hat Leo Tolstoi auch                 heute einen festen Platz, seine Schriften sind lesenswert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Alibri-Verlag hat ein Buch mit Texten des weltbekannten Schriftstellers und Christen Leo Tolstoi (1828 &#8211; 1910) ver\u00f6ffentlicht. Das macht neugierig, auch weil dieser Verlag orientiert ist an der Kritik von Religion und Esoterik. Alibri steht in der Tradition kritischer, diesseitsorientierter Aufkl\u00e4rung, die auf die Emanzipation des Menschen abzielt. 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