{"id":11929,"date":"2013-03-01T00:00:22","date_gmt":"2013-02-28T22:00:22","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11929"},"modified":"2022-07-26T14:22:25","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:25","slug":"ein-verlorener-kampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/03\/ein-verlorener-kampf\/","title":{"rendered":"Ein verlorener Kampf"},"content":{"rendered":"<p>Die Abschaffung der &#8222;Wehrpflicht&#8220; war lange Zeit eine zentrale                 antimilitaristische Forderung. Mittlerweile ist die &#8222;Wehrpflicht&#8220;                 in den meisten europ\u00e4ischen Staaten zugunsten reiner Berufsarmeen                 gestrichen worden. <\/p>\n<p>Dennoch muss die Bilanz aus Sicht eines radikalen Antimilitarismus                 ern\u00fcchternd ausfallen. Vielleicht ist sie auch deshalb bisweilen                 ausgeblieben. Wenig jedenfalls war zu lesen \u00fcber die fast vollst\u00e4ndige                 Absenz antimilitaristischer Argumente in den Wehrpflichtdebatten.                 Dass es in 24 von 28 NATO-Staaten keinen Zwang zum Dienst an der                 Waffe oder im Sozialbereich mehr gibt, ist vor allem wirtschaftlichen                 und milit\u00e4rischen Effizienzkriterien geschuldet.<\/p>\n<p>Die Abschaffung der Kriegsdienstpflicht als Einfallstor in eine                 Demilitarisierung der Gesellschaft, dieser Plan ging nicht auf.                 Pazifistische Haltungen, gewaltfreie Konfliktl\u00f6sung, Entmilitarisierung                 des Sozialen &#8211; all das spielte bei der Abwicklung der &#8222;Wehrpflicht&#8220;                 keine Rolle. <\/p>\n<p>Stattdessen wurde das Kriegf\u00fchren perfektioniert. <\/p>\n<p>Auch wenn die so genannten Humanit\u00e4ren Interventionen etwas aus                 der Mode geraten sind, wie Jon Western und Joshua S. Goldstein                 in der Zeitschrift <i>Foreign Affairs<\/i> konstatieren, \u00fcber Teilprivatisierungen                 von Milit\u00e4reins\u00e4tzen sowie den Aufschwung von Sicherdiskurs und                 -branche hat die Kriegsindustrie deutlich an legitimatorischem                 Fahrtwind gewonnen. Insofern er dieser Legitimierung kaum etwas                 wirksam entgegensetzen konnte, ist der Antimilitarismus gescheitert.<\/p>\n<p>Die Legitimation der &#8222;Wehrpflicht&#8220; hatte neben den milit\u00e4rpolitischen                 immer zwei zivile, gewisserma\u00dfen caritative Str\u00e4nge: einerseits                 galten die Soldaten als nette Helfer in der Not (z.B. Oder-Hochwasser                 1997), andererseits wurden die Zivildienstleistenden als unersetzliche,                 da billige Pflegekr\u00e4fte beschrieben. Als lie\u00dfen sich Katastrophenhilfe                 und Sozialarbeit nicht anders regeln als innerhalb eines milit\u00e4rpolitischen                 Kontextes.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber lie\u00dfen sich im Grunde nur zwei ann\u00e4hernd triftige                 Gr\u00fcnde f\u00fcr die Wehrpflicht konstruieren. Beide erwachsen ihr allerdings                 eher als nicht intendierte Nebenfolgen &#8211; und sind insofern auch                 keine plausiblen Rechtfertigungen: Wie die meisten Zw\u00e4nge der                 Moderne gab es selbst bei der allgemeinen &#8222;Wehrpflicht&#8220; immer                 schon Effekte, die nicht vollst\u00e4ndig in Kontrolle oder Disziplinierung                 aufgehen. <\/p>\n<p>Erstens ist das Allgemeine in der allgemeinen Wehrpflicht zwar                 etwas Vereinheitlichendes, aber wie die Schuluniform eben auch                 etwas klassenm\u00e4\u00dfig Gleichmachendes im egalit\u00e4ren Sinn: B\u00fcrger                 und Bauern haben die gleichen Pflichten, auf deren Grundlage letztere                 auch neue Rechte einklagen konnten. Und wie die Teflonpfanne,                 obwohl als Abfallprodukt im Krieg der Sterne entstanden, zweitens                 die allt\u00e4gliche Praxis des Bratens erleichtert hat, hat es auch                 seinen praktischen Nutzen, dass junge M\u00e4nner, obwohl unter Zwang                 und Dem\u00fctigung, ihre F\u00e4higkeiten im Bettmachen und Schuheputzen                 erwerben konnten. <\/p>\n<p>Im Zivildienst sogar Pflegearbeit. Allerdings sind die Rollenmuster                 und Gender-Zuschreibungen stabiler, als dass sie von Zwangseinrichtungen                 wie der &#8222;Wehrpflicht&#8220; nebenher aufgeweicht werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Kaum ist die &#8222;Wehrpflicht&#8220; abgeschafft, f\u00e4llt die Care-Arbeit                 wieder ganz den Frauen zu. <\/p>\n<p>Wie vorher schon beim Freiwilligen Sozialen Jahr (2004: 76%)                 und beim Freiwilligen \u00d6kologischen Jahr (2004: 68%) ist auch beim                 Bundesfreiwilligendienst, der die Wehrpflicht abgel\u00f6st hat, der                 Trend klar: Der Prozentsatz an Frauen, die in die Altenheime,                 Behinderten-WGs usw. gehen, ist nur ein Jahr nach Abschaffung                 von Waffen- und Zivildienst in Deutschland laut einer Studie der                 Hertie School of Governance deutlich h\u00f6her als der von M\u00e4nnern.<\/p>\n<p>In \u00d6sterreich waren der Abstimmung \u00fcber die &#8222;Wehrpflicht&#8220; eher                 parteitaktische als antimilitaristische Diskussionen vorausgegangen.                 Die Fragen, die der Bev\u00f6lkerung vorgelegt wurden, lauteten wie                 folgt: &#8222;Sind Sie f\u00fcr die Einf\u00fchrung eines Berufsheeres und eines                 bezahlten freiwilligen Sozialjahres? Oder sind Sie f\u00fcr die Beibehaltung                 der allgemeinen Wehrpflicht und des Zivildienstes?&#8220; <\/p>\n<p>Beide Fragen sind irref\u00fchrend, ja genau genommen falsch gestellt.                 Denn erstens gibt es seit Jahrzehnten ein Berufsheer, ob mit oder                 ohne Wehrpflicht. Und zweitens ist der Zivildienst Teil der allgemeinen                 &#8222;Wehrpflicht&#8220; und nicht seine Alternative. <\/p>\n<p>Er wurde erk\u00e4mpft von Leuten, die aus Gewissengr\u00fcnden den Dienst                 an der Waffe nicht leisten wollten bzw. konnten. <\/p>\n<p>Der Wehr<i>dienst<\/i> konnte nach bestandener Gewissenspr\u00fcfung                 &#8211; man h\u00f6re mal wieder Franz-Josef Degenhardts &#8222;Befragung eines                 Kriegsdienstverweigerers&#8220; (1972) &#8211; damit umgangen werden, nicht                 aber die Wehr<i>pflicht<\/i>. Um ihr zu entgehen, konnte man vor                 1989 nach West-Berlin ziehen, sich von kumpelhaften \u00c4rzten untauglich                 schreiben lassen oder, in der politischen Variante, totalverweigern.               <\/p>\n<p><h3>TKDV<\/h3>\n<p>               Die Totale Kriegsdienstverweigerung (TKDV) &#8211; die t\u00e4tige Ablehnung               von &#8222;Wehr&#8220;- und Zivildienst &#8211; hatte ihre Hochphase in den sp\u00e4ten               1980er und fr\u00fchen 1990er Jahren. Es gab Bundestreffen der Totalverweigerer               (TKDVer) mit bis zu 100 Teilnehmern, zwei bundesweite Totalverweigerer-Kollektive               &#8211; Gruppen von Leuten, die sich nicht nur gegenseitig bei den gegen               sie gef\u00fchrten Prozessen besuchten &#8211; und sogar ein eigenes publizistisches               Organ, <i>Ohne Uns. Zeitschrift zur Totalen Kriegsdienstverweigerung<\/i>               (als Rundbrief 1984 gegr\u00fcndet, seit Ende der 1990er Jahre nur noch               sporadisch erschienen).               <\/p>\n<p>Die argumentativen Grundlagen waren unterschiedliche.<\/p>\n<p>Zum einen stand die Ablehnung des so genannten NATO-Rahmenkonzepts                 zur zivil-milit\u00e4rischen Zusammenarbeit und Gesamtverteidigung                 im Vordergrund (Imperialismusargument). <\/p>\n<p>Dies machte unmissverst\u00e4ndlich klar, dass auch Zivildienstleistende                 einen Kriegsdienst leisten, weil auch sie im Zweifelsfall &#8211; Heiner                 Gei\u00dfler hatte das damals betont &#8211; zur Minenr\u00e4umung eingesetzt                 werden k\u00f6nnten. <\/p>\n<p>Zum anderen ging es aber auch um Grunds\u00e4tzliches: Verweigerung                 gegen\u00fcber dem staatlichen Zugriff (Zwangsarbeitsargument), Gegnerschaft                 zur systematischen physischen und psychischen Zurichtung (Disziplinierungsargument)                 und\/oder die Ablehnung von M\u00e4nnlichkeitsritualen (Patriarchatsargument).<\/p>\n<p>Als der damalige deutsche Verteidigungsminister Volker R\u00fche (CDU)                 1992 seine &#8222;Verteidigungspolitischen Richtlinien&#8220; erlie\u00df, sah                 man sich vor allem im Antiimperialismus best\u00e4tigt. Unverholen                 hie\u00df es darin, die Bundeswehr habe der Wahrung und Durchsetzung                 der &#8222;legitimen nationalen Interessen&#8220; Deutschlands zu dienen,                 wozu explizit auch die &#8222;Aufrechterhaltung des freien Welthandels                 und des ungehinderten Zugangs zu M\u00e4rkten und Rohstoffen in aller                 Welt&#8220; gez\u00e4hlt wurden. <\/p>\n<p>Dass das Ministerium bis heute als eines der &#8222;Verteidigung&#8220; ausgegeben                 wird, ist vor diesem Hintergrund eine saubere Neusprech-Errungenschaft,                 wie George Orwell sie in seinem Roman <i>1984<\/i> beschrieben                 hatte. Anders als im Bereich der so genannten &#8222;Kernenergie&#8220;, die                 semantisch an die Gefahren der Atombombe angelehnt und alltagssprachlich                 als &#8222;Atomenergie&#8220; durchgesetzt werden konnte, ist es den antimilitaristischen                 sozialen Bewegungen nicht gelungen, hier effektiv sprachpolitisch                 zu intervenieren.<\/p>\n<p>Und als Wolfgang Sch\u00e4uble (CDU) Mitte der 1990er Jahre begann,                 seinen diskursiven und bis heute w\u00e4hrenden Feldzug f\u00fcr den Einsatz                 des Milit\u00e4rs im Inneren des Landes zu f\u00fchren, waren ihm die Wehrpflichtigen                 schon egal. Zuverl\u00e4ssige Arbeit inmitten der eigenen Bev\u00f6lkerung                 geht schlie\u00dflich auch besser mit Profis statt mit gezwungenen                 Jungm\u00e4nnern aus dieser Bev\u00f6lkerung. Aber trotzdem: Von Institutionen                 ist nicht erst seit den Jahren nach 1968 bekannt, dass sie die                 Leute, die in ihnen t\u00e4tig sind, tendenziell mehr ver\u00e4ndern als                 die Leute die Institutionen transformieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das gilt auch f\u00fcr das Milit\u00e4r.<\/p>\n<p>Warum und wie sollten ausgerechnet die Schw\u00e4chsten in einer durch                 und durch hierarchischen Organisation verhindern, dass sich ein                 &#8222;Staat im Staat&#8220; herausbildet? <\/p>\n<p>Dass die Durchschnittseinberufung das Heer demokratisiert und                 zivilisiert, war schon immer eine m\u00fcde und kaum belegbare Behauptung.               <\/p>\n<p>In Wirklichkeit wurden Generationen junger M\u00e4nner schlicht zum                 Schie\u00dfen und zu m\u00e4nnerb\u00fcndischem Saufen erzogen (inklusive der                 genannten, aber kurzlebigen reproduktionsarbeitsbezogenen Nebeneffekte).<\/p>\n<p>Die aufgef\u00fchrten Argumente gegen die Wehrpflicht sind auch heute                 noch stichhaltig. Nur hat man sie sich, haben wir sie uns zu sehr                 aneinander gekoppelt gedacht. In der Analyse hie\u00df das, Staat braucht                 Milit\u00e4r braucht Zwang braucht Disziplinierung braucht m\u00e4nnliche                 Zurichtung. <\/p>\n<p>In der Strategie bedeutete es: Wenn die Wehrpflicht f\u00e4llt, sind                 wir nicht nur einen Zwang los, sondern direkt damit verbunden                 auch kleine Schritte weiter im Kampf gegen Imperialismus, Disziplinierung                 und Patriarchat. Schritte, die wir uns selbst erk\u00e4mpft h\u00e4tten.                 Dass das Milit\u00e4r dann aber in eine andere Richtung marschierte,                 dass also die Wehrpflicht aus ganz anderen, n\u00e4mlich wirtschaftlichen                 Gr\u00fcnden abgeschafft werden k\u00f6nnte, damit war nicht zu rechnen.                 Wir hatten die Rechnung ohne die \u00d6konomie gemacht.<\/p>\n<p>Gescheitert ist der Kampf gegen die Wehrpflicht also nicht blo\u00df                 in \u00d6sterreich, sondern schlechthin. Gescheitert ist der Antimilitarismus                 aber nicht, weil &#8222;Analysen und Training&#8220; durch &#8222;pazifistische                 und anarchistische Rhetorik&#8220; ersetzt worden sind. <\/p>\n<p>Das hatte der Friedensforscher Theodor Ebert 2001 in seinem Buch                 <i>Opponieren und Regieren mit gewaltfreien Mitteln<\/i> behauptet                 und damit vor allem gegen die 1989 ins Leben gerufene Kampagne                 &#8222;Bundesrepublik ohne Armee&#8220; (BoA) polemisiert. Vielmehr ist die                 Flexibilit\u00e4t des Gegners untersch\u00e4tzt worden. Staatliche Herrschaft                 selbst ist mobiler geworden. <\/p>\n<p>Sie braucht die enge Verkn\u00fcpfung von nacktem Zugriff auf die                 Bev\u00f6lkerung und bem\u00e4ntelnder P\u00e4dagogik nicht mehr. Das Milit\u00e4r                 der Gegenwart ist nicht mehr so eng an die politischen Staatsapparate                 gebunden. Die Bedeutung, die es in der Erf\u00fcllung staatlich-erzieherischer                 Aufgaben innehatte, ist geschrumpft. Didaktische Man\u00f6ver sind                 der effizienten Eingreiftruppe eher hinderlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Abschaffung der &#8222;Wehrpflicht&#8220; war lange Zeit eine zentrale antimilitaristische Forderung. Mittlerweile ist die &#8222;Wehrpflicht&#8220; in den meisten europ\u00e4ischen Staaten zugunsten reiner Berufsarmeen gestrichen worden. Dennoch muss die Bilanz aus Sicht eines radikalen Antimilitarismus ern\u00fcchternd ausfallen. 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