{"id":11933,"date":"2013-03-01T00:00:46","date_gmt":"2013-02-28T22:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=11933"},"modified":"2022-07-26T13:56:38","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:38","slug":"wir-sind-nicht-am-ende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/03\/wir-sind-nicht-am-ende\/","title":{"rendered":"&#8222;Wir sind nicht am Ende&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Hamburgs MigrantInnen waren geschockt, Polizei und Politik deckten und verharmlosten die T\u00e4ter und die Tat. Aus den folgenden antirassistischen Protesten entstand 1986 die T\u00fcrkische Gemeinde. 2010 gr\u00fcndete sich die Ramazan-Avci-Initiative, die sich f\u00fcr ein w\u00fcrdiges Gedenken einsetzt. Ein Interview mit der Initiative erschien im M\u00e4rz 2011 in der GWR 357. Zwei Jahre sp\u00e4ter und nach vielen beharrlichen Impulsen der Initiative wurde am 19. Dezember 2012 auf Beschluss der Hamburger SPD-Landesregierung und des zust\u00e4ndigen, ebenfalls SPD-regierten Bezirks, Hamburg-Nord, eine Gedenktafel f\u00fcr Ramazan Avci enth\u00fcllt und der Platz am S-Bahnhof Landwehr offiziell umbenannt. Aus diesem Anlass ver\u00f6ffentlichen wir ein neues Interview.<\/p>\n<p>Im Text der Gedenktafel, der in Absprache mit der Initiative formuliert wurde, ist die &#8222;rechtsradikale Tat&#8220; benannt, in der englischen \u00dcbersetzung als &#8222;racist attack&#8220;. Bei der Einweihung erkl\u00e4rte Hamburgs zweite B\u00fcrgermeisterin Dorothee Stapelfeldt: &#8222;Der neue Platz gemahnt uns alle, gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit anzugehen und f\u00fcr ein offenes und tolerantes Hamburg einzustehen&#8220;. Der t\u00fcrkische Konsul Devrim \u00d6zt\u00fcrk erkl\u00e4rte, der Tod Ramazan Avcis sei der Anfang einer Serie rechtsextremistischer Angriffe auf t\u00fcrkische Migranten gewesen. Die Witwe G\u00fclistan Ayaz-Avci schilderte in bewegenden Worten, sie werde nie vergessen, wie Ramazan Avci zum letzten Mal das Haus verlassen habe. Um sein Auto zu verkaufen. Und von dem Geld ein Kinderbett f\u00fcr ihr Baby zu kaufen. Auf dem R\u00fcckweg wurde er erschlagen. Trotz mehrerer Notoperationen konnte er nicht wieder ins Leben geholt werden. Zusammen mit ihrem erwachsenen Sohn Ramazan legte G\u00fclistan Ayaz-Avci Blumen auf die Gedenktafel f\u00fcr Ramazan Avci.<\/p>\n<p><b>Gaston Kirsche<\/b><\/p>\n<p><b>GWR: Wie kommt es, dass Ihr erfolgreich wart?<\/b><\/p>\n<p><i>\u00dcnal Zeran:<\/i> Ich habe die Initiative vor zwei Jahren initiiert und f\u00fcr mich galt die Losung mit Beharrlichkeit und Phantasie werden wir unser Ziel erreichen. Dass es so schnell ging, hat sicher auch damit zu tun, dass das zuf\u00e4llige Auffliegen des NSU-Netzwerkes, der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund, die Politik in einigen Feldern dazu zwingt aktiv zu werden.<\/p>\n<p>Wir haben auch nicht linksradikale, nichtssagende symbolische Parolen vor uns hergetragen, wie &#8222;Nie wieder Deutschland&#8220;.<\/p>\n<p>Wir fanden es radikal genug, wenn die Forderungen erf\u00fcllt werden. Unsere Statements haben stets den Rassismus in den Institutionen, in der Gesellschaft und innerhalb der Linken benannt. Wir haben konkrete Forderungen gehabt und uns sehr sachlich an die Arbeit gemacht. Wir sind nicht provokativ aufgetreten, um der Sache nicht zu schaden. So wurden wir von den Gespr\u00e4chspartnern in der Politik und Verwaltung auch wahrgenommen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem hat die Presse, insbesondere die t\u00fcrkische, uns stets gut begleitet und \u00fcber jede Aktivit\u00e4t berichtet. Dadurch kamen wir immer wieder in die \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es am entscheidendsten, dass wir uns von Anfang gemeinsam mit der Familie Avci um die Realisierung der Ziele gek\u00fcmmert haben. Die Familie nehmen wir als aktive Mitglieder der Initiative wahr. Sie treten mit uns gemeinsam auf und kommen zu Wort.<\/p>\n<p>Ich glaube, der Witwe, dem Sohn und dem Bruder eines Ermordeten ins Gesicht zu sagen, eure Ziele sind nicht erf\u00fcllbar, traut sich kaum ein Politiker.<\/p>\n<p>Das Erinnern haben wir damit nicht den Institutionen \u00fcberlassen, sondern aus der Perspektive der Opfer agiert. Das ist ein entscheidender Faktor und hat eine ungeheure Wirkung sowohl f\u00fcr die Opfer auch als in der Au\u00dfendarstellung.<\/p>\n<p>Wir haben erlebt, wie viel St\u00e4rke die Familie in den zwei Jahren gewonnen hat. Das ist f\u00fcr mich pers\u00f6nlich das Wichtigste neben dem symbolischen Charakter der Platzumbenennung. Ich gehe davon aus, dass G\u00fclistan Avcis Schlussworte in der kommenden Woche sicher die bedeutendsten und beeeindruckendsten Worte der Veranstaltung sein werden.<\/p>\n<p><b>An Ramazan Avci wird jetzt gedacht, aber \u00fcber die Fehler der damaligen Politik und Polizei wird nicht geredet, oder?<\/b><\/p>\n<p>Die Polizei hat damals quasi gegen sich selbst ermittelt. Es gab Sympathisanten innerhalb des Polizeiapparats und die Skins wurden als unpolitische Jungs verharmlost. Im Falle von Ramazan Avci war der federf\u00fchrend ermittelnde Polizist der Vater eines Skins, der mit den Angeklagten verkehrte.<\/p>\n<p>Der Kommissar hat die M\u00f6rder privat empfangen und Aussagen abgestimmt. Einige Beweismittel waren im Verfahren nicht mehr auffindbar. Der Polizist wurde sp\u00e4ter zum Staatsschutz versetzt.<\/p>\n<p>Die angeklagten f\u00fcnf Neonazis wollten sich als Ausl\u00e4nderfreunde darstellen und leugneten jegliche politische Motive.<\/p>\n<p>Es waren stadtbekannte Neonazis aus Hamburg-Bergedorf, die auf T\u00fcrkenjagd gingen.<\/p>\n<p>Nicht nur f\u00fcnf, sondern etwa 30 Nazis waren an der Ermordung beteiligt. Trotz eindeutiger Identifizierung von weiteren Angreifern, mussten nur f\u00fcnf auf die Anklagebank.<\/p>\n<p>Sie wurden wegen Totschlags verurteilt, nicht wegen Mordes. Ramazan Avci wurde diskreditiert als rechter T\u00fcrke und auch ihm wurden kriminelle Machenschaften nachgesagt.<\/p>\n<p>Damit versuchte man eine Entsolidarisierung zu erreichen.<\/p>\n<p>Die L\u00f6sungsstrategie der Politik bestand damals darin, die Jugendlichen, die sich gegen die Nazis wehrten, mit Streetworkern und Strafverfahren zu \u00fcberziehen, ihnen mit der Abschiebung zu drohen, damit sie abgeschreckt werden und sie mit den Angriffen auf Nazis aufh\u00f6rten. Au\u00dferdem hat der damalige B\u00fcrgermeister Dohnanyi versucht, mit dem Kommunalwahlrecht angebliche L\u00f6sungen f\u00fcr den Rassismus in der deutschen Gesellschaft anzubieten &#8211; das sogenannte, bis heute nur f\u00fcr EU-Staatsb\u00fcrgerinnen durchgesetzte Ausl\u00e4nderwahlrecht.<\/p>\n<p>Es ist nicht erst seit dem NSU-Komplex bekannt, dass Verharmlosung, Vernichtung und Vertuschung systemimmanent in der Struktur von Geheimdiensten und Polizei angelegt sind. Und die milden Urteile der Justiz haben die Nazis gest\u00e4rkt.<\/p>\n<p><b>Wie erkl\u00e4rst Du Dir die paradoxe Situation, dass es jetzt ein Gedenken an Ramazan Avci gibt, es aber keinerlei Schuldeingest\u00e4ndnis der Hamburger Polizei und Innenbeh\u00f6rde f\u00fcr die Verd\u00e4chtigung der Familie des Hamburger NSU-Opfers gibt?<\/b><\/p>\n<p>Das ist ein Ph\u00e4nomen, \u00fcber das ich nur staune. Es irritiert und verwundert mich sehr, dass Hamburg v\u00f6llig unbefleckt in diesem NSU-Netzwerk sein soll. Hier gibt es keinen Untersuchungsausschuss. Es werden vielleicht deshalb unangenehme Fragen nicht gestellt.<\/p>\n<p>Ich habe auch den Eindruck, dass die Journalisten und Oppositionellen gar nicht hinterfragen, was in dieser Stadt vor sich gegangen ist. Dabei gibt es hier so viele offene Fragen: Welche LKA-Beamten haben wann welche Entscheidungen getroffen. Wieso hat die Familie Task\u00f6pr\u00fc so viel an Diffamierung erfahren m\u00fcssen? Welcher Staatsanwalt hat ermittelt und in welche Richtung? Was wusste die Innenbeh\u00f6rde? Was ist mit dem Hamburger Verfassungsschutz? Gab es V-Leute hier? Wie kommen Th\u00fcringer Neonazis ausgerechnet dazu in Hamburg einen Mord zu begehen? Wer sind die Helfer? Wer sind die Helfershelfer? Welche personellen und strukturellen Konsequenzen zieht Hamburg aus der Mordserie?<\/p>\n<p>Mit selbstreinigender Eile hat Hamburgs Innensenator erkl\u00e4rt, dass Hamburg mit der Sache nichts zu tun hat. Seither herrscht Stille. Alle scheinen das Schweigekartell mit zu tragen. Das muss die Familie Task\u00f6pr\u00fc weiter schwer treffen.<\/p>\n<p><b>Gibt es in der T\u00fcrkei mehr Aufmerksamkeit in den Medien als hierzulande, kommt vielleicht daher die Bereitschaft der Hamburger SPD, Ramazan Avcis jetzt zu gedenken?<\/b><\/p>\n<p>Ramazan Avci eignet sich f\u00fcr die Politiker gut, da er in der T\u00fcrkei und unter MigrantInnen aus der T\u00fcrkei eine bekannte Person ist. Bei seiner Ermordung wurde erstmals ein breites mediales Interesse gezeigt.<\/p>\n<p>Erstmals fand eine breite Kundgebung statt. Nicht zu vergessen ist, dass die T\u00fcrkische Gemeinde Hamburg und dessen bundesweiter Dachverband ihre Gr\u00fcndungsgeschichte auf die Ermordung Avcis zur\u00fcckf\u00fchren. Und, na klar, kein Politiker handelt uneigenn\u00fctzig.<\/p>\n<p>Wir sehen wie schwierig es ist in Hamburg einen Kemal-Altun-Platz durchzusetzen. Wir haben es aber strikt abgelehnt, das unser Vorsto\u00df als Argument gegen einen Kemal-Altun-Platz verwendet wird.<\/p>\n<p>Allerdings geh\u00f6rt es zur Fairness zu betonen, dass es einen interfraktionellen Antrag und breite Zustimmung im Bezirk Nord f\u00fcr die Platzumbenennung und die Gedenktafel gegeben hat. Auch ist es lobenswert, dass die Bushaltestelle vom Hamburger-Verkehrs-Verbund HVV nach ihm benannt wird.<\/p>\n<p><b>Wollt Ihr mit Eurer Initiative weiterarbeiten?<\/b><\/p>\n<p>Ja, wir sind nicht am Ende. Der Platz muss k\u00fcnstlerisch und g\u00e4rtnerisch umgestaltet werden. Der Bezirk wartet auf Vorschl\u00e4ge. Wir haben mitbekommen, dass in Kassel der Vater eines vom NSU Ermordeten gleiche Forderungen durchgesetzt hat. Auf der M\u00f6llner Demo haben wir auch eine Bahide-Arslan-Stra\u00dfe gefordert und uns mit der Familie Arslan solidarisiert. Wir bleiben da dran.<\/p>\n<p>Wir glauben, dass unsere Initiative Schule machen sollte an Orten, wo Menschen dem Rassismus zum Opfer gefallen sind. Damit der Rassismus in der \u00d6ffentlichkeit gezeigt wird. Damit der Tod nicht vergessen wird und er f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen nicht nur als sinnlos erscheint.<\/p>\n<p><b>Geht es auch darum, die damalige Situation f\u00fcr MigrantInnen \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich zu machen?<\/b><\/p>\n<p>Das ist eine Mammutaufgabe. Unsere Kapazit\u00e4ten sind begrenzt.<\/p>\n<p>Wir schaffen es weder personell noch finanziell. Langfristig haben wir auch dar\u00fcber nachgedacht, ob es nicht ein Museum oder eine Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr die Opfer des Rassismus nach 1945 in Deutschland geben m\u00fcsste, damit zentral die Informationen gesammelt und dokumentiert werden k\u00f6nnten. Aber wir arbeiten alle neben unseren Berufen an diesen Sachen. Vielleicht ist es ja ein Ansto\u00df f\u00fcr viele Andere, aktiv zu werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hamburgs MigrantInnen waren geschockt, Polizei und Politik deckten und verharmlosten die T\u00e4ter und die Tat. Aus den folgenden antirassistischen Protesten entstand 1986 die T\u00fcrkische Gemeinde. 2010 gr\u00fcndete sich die Ramazan-Avci-Initiative, die sich f\u00fcr ein w\u00fcrdiges Gedenken einsetzt. Ein Interview mit der Initiative erschien im M\u00e4rz 2011 in der GWR 357. 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