{"id":1201,"date":"1997-06-01T00:00:18","date_gmt":"1997-05-31T22:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1201"},"modified":"2022-07-26T14:26:34","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:34","slug":"besuch-fur-osman-murat-ulke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/06\/besuch-fur-osman-murat-ulke\/","title":{"rendered":"Besuch f\u00fcr Osman Murat \u00dclke&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>In <a title=\"Erneuter Proze\u00df gegen Osman Murat \u00dclke\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/05\/erneuter-prozes-gegen-osman-murat-ulke\/\">GWR 219<\/a> war zum Dilemma der Kriegsdienstverweigererbewegung in der T\u00fcrkei zu lesen, da\u00df &#8222;ein einzelner KDV&#8217;er, der vom Staat m\u00e4chtig Pr\u00fcgel bezieht, keine gro\u00dfe Mobilisierung bewirken wird und wenn die Bewegung die H\u00fcrde daf\u00fcr hoch h\u00e4ngt, wer sich als KDVer erkl\u00e4ren sollte, wird das die Zahl der Mutigen eher kleiner machen. Was soll sie tun? Komme was wolle Kriegsdienstverweigerer mobilisieren auf die Gefahr hin, da\u00df sie dann doch massenhaft in der Armee landen? Oder nach einem zweiten Osman suchen und hoffen, da\u00df es davon bald mehr geben m\u00f6ge? Wie die Frage beantwortet wird, ist in diesen Wochen ungewi\u00df.&#8220;<\/p>\n<p>Statt einer Mobilisierung von hunderten M\u00e4nner, die ihre Kriegsdienstverweigerung erkl\u00e4rten, erreichte die Aktion von Osman Murat \u00dclke als ersten inhaftierten Kriegsdienstverweigerer den Respekt der t\u00fcrkischen und kurdischen Linken. Das, was der Verein der KriegsgegnerInnen (ISKD) seit 1992 propagiert, setzt er konsequent in die Tat um. Diese Konsequenz und der dazugeh\u00f6rige Mut wird anerkannt und f\u00fchrt dazu, da\u00df sich andere Gruppen ernsthaft mit der Problematik besch\u00e4ftigen. So hat sich die Jugendorganisation der HADEP (einer pro-kurdischen Partei, vgl. GWR 205) f\u00fcr die Unterst\u00fctzung von Osman Murat \u00dclke ausgesprochen.<\/p>\n<p>Der Verein der KriegsgegnerInnen in Izmir und die kleinen Solidarit\u00e4tskomitees sind jedoch zu schwach, um viele weitere Kriegsdienstverweigerer zu benennen. Sie m\u00fcssen weiter auf entschlossene Einzelne setzen, ehe eine breite Bewegung initiiert werden kann. So begann am 15. Mai, dem Internationalen Tag zur Kriegsdienstverweigerung, Erkan Calpur seine Aktion. W\u00e4hrend einer Pressekonferenz erkl\u00e4rte er erneut seine Kriegsdienstverweigerung: &#8222;Wir alle wissen, da\u00df der Staat f\u00e4lschlicherweise glaubt, jeder Mann in diesem Staat m\u00fcsse bewaffnet sein und in den Krieg gehen. Der Staat \u00fcbertreibt diese Idee so sehr, da\u00df sie wirklich alle M\u00e4nner holen wollen und daf\u00fcr sogar Gewalt anwenden. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir \u00fcber diesen Unsinn nur lachen. (&#8230;) Ossi ist in einem verschlossenen Raum durch die Gewalt bewaffneter Personen, und es ist ihm nicht erlaubt, Besuch zu empfangen. Ich erkl\u00e4re hier zu meinen Freunden und zu meinen Gegnern, da\u00df ich ohne Waffe, au\u00dfer meiner nakten Anwesenheit, Ossi besuchen gehen werde. Ich werde zu Fu\u00df gehen, weil das die sch\u00f6nste Art ist, von einem Platz zum anderen zu kommen. Ich wei\u00df nicht, ob das irgendjemanden st\u00f6ren wird.&#8220;<\/p>\n<p>Mit diesen Worten schulterte Erkan Calpur seinen Rucksack und machte sich auf den Weg von Izmir in das 600 km entfernte Eskisehir, der Stadt, in der Osman seit Ende Januar 1997 inhaftiert ist. Die \u00f6ffentliche Aktion wurde von rund 50 Personen begleitet, die sich aus Anla\u00df des 15. Mai vor der Hauptpost in Izmir versammelt hatten. Erkan Calpur ist seither unterwegs und hat bereits 150 km zur\u00fcckgelegt, ohne von der Polizei behelligt worden zu sein. Angekommen in Eskisehir wird er Einla\u00df ins Gef\u00e4ngnis begehren, um zu Ossi zu gelangen. Vermutlich wird er sp\u00e4testens dann zu seiner Milit\u00e4reinheit \u00fcberstellt, denn wie Ossi ist Erkan wehrfl\u00fcchtig und m\u00fc\u00dfte sich dem Krieg zur Verf\u00fcgung stellen. In der Armee will er konsequent jeden Befehl verweigern.<\/p>\n<p>Auch Osman braucht weiter den Schutz der \u00d6ffentlichkeit. In einer Zelle im Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis von Ankara traf Osman einen islamischen Gl\u00e4ubigen, der sich dem Waffendienst verweigerte. Er wurde nach eigenen Angaben vom Milit\u00e4r in ein Milit\u00e4rkrankenhaus gebracht und bekam dort eine Injektion, in deren Folge er seine Bewegungsabl\u00e4ufe nicht mehr koordinieren konnte. So ans Bett gefesselt wurde er von einem Arzt f\u00fcr untauglich befunden und ausgemustert. Er konnte Osman diese Erlebnisse noch berichten und ist seitdem unter der von ihm angegebenen Telefonnummer nicht zu erreichen. Die Leitung ist stillgelegt. Zur Zeit stellt der Verein Nachforschungen an, um etwas \u00fcber den Verbleib des Mannes zu erfahren.<\/p>\n<p>Wie sicher \u00f6ffentlich erkl\u00e4rte Kriegsdienstverweigerer wie Osman und Erkan vor solcher Behandlung sind, ist ungewi\u00df. Aber wenn \u00fcberhaupt etwas Schutz gew\u00e4hren kann, dann eine breite \u00d6ffentlichkeit. Im Verlauf der folgenden Prozesse wird es Ende Juni\/Anfang Juli wieder eine internationale Delegation geben, die die Gerichtsverhandlungen beobachten wird. Daf\u00fcr und f\u00fcr die Solidarit\u00e4tsarbeit brauchen wir Spenden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In GWR 219 war zum Dilemma der Kriegsdienstverweigererbewegung in der T\u00fcrkei zu lesen, da\u00df &#8222;ein einzelner KDV&#8217;er, der vom Staat m\u00e4chtig Pr\u00fcgel bezieht, keine gro\u00dfe Mobilisierung bewirken wird und wenn die Bewegung die H\u00fcrde daf\u00fcr hoch h\u00e4ngt, wer sich als KDVer erkl\u00e4ren sollte, wird das die Zahl der Mutigen eher kleiner machen. 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