{"id":12078,"date":"2002-11-06T00:00:27","date_gmt":"2002-11-05T22:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12078"},"modified":"2022-07-26T14:26:11","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:11","slug":"turkei-kdver-im-hungerstreik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/11\/turkei-kdver-im-hungerstreik\/","title":{"rendered":"T\u00fcrkei: KDVer im Hungerstreik"},"content":{"rendered":"<p>Am 24. Oktober 2002 erkl\u00e4rte Mehmet Bal seine Verweigerung. Er                 entschied sich zu diesem Schritt nach 9,5 Monaten Kriegsdienst,                 die mit 7 Jahren Gef\u00e4ngnisaufenthalt unterbrochen wurden. Er wurde                 mit &#8222;Entfremdung des Volkes vom Milit\u00e4r&#8220; und &#8222;wiederholtem Ungehorsam&#8220;                 angeklagt und am 25. Oktober ins Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis von Adana eingeliefert.<\/p>\n<p>Mehmet wurden gewaltsam die Haare geschnitten und man zog ihm                 eine Uniform an, die er bei jeder Gelegenheit wieder auszog. Er                 wurde in eine Zwei-Person-Zelle gef\u00fchrt und trat dort am selben                 Tag in den Hungerstreik.<\/p>\n<p>Nun wird er jeden Tag zur \u00e4rztlichen Untersuchung gebracht. Der                 Oberst begr\u00fcndet dies mit Sorge um seine Gesundheit, doch wir                 nehmen an, dass es sich um verdeckte Schikane handelt, weil Mehmet                 jedes Mal, wenn er die Zelle verl\u00e4sst die Uniform wieder aufgezwungen                 wird und er in Handschellen gelegt wird, damit er sich nicht ausziehen                 kann.<\/p>\n<p>In Ankara, Istanbul und Izmir sind Solidarit\u00e4tskomitees f\u00fcr Mehmet                 Bal entstanden. Drei Anw\u00e4ltInnen verfolgen den Fall und setzen                 sich gegen die Misshandlung im Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis ein.<\/p>\n<p>An dieser Stelle ist internationale Unterst\u00fctzung und Solidarit\u00e4t                 ebenso gefordert. Um die Bedingungen f\u00fcr eine fr\u00fchzeitige Beendung                 des Hungerstreiks zu gew\u00e4hrleisten und Mehmet Bal in seiner Position                 als KDVer zu sch\u00fctzen und zu st\u00e4rken, muss dem Milit\u00e4rapparat                 und den unmittelbaren &#8222;Vorgesetzten&#8220; klar gemacht werden, dass                 Mehmet Bal weder verr\u00fcckt, noch alleine ist.<\/p>\n<p>Wir hoffen auf jede Art von Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p><b>Mehmet Bal Solidarit\u00e4tskomitee &#8211; Izmir<\/b><\/p>\n<h3>Hintergrund<\/h3>\n<p>Mehmet Bals Weg zur Kriegsdienstverweigerung ist ungew\u00f6hnlich.                 An ihrem Anfang steht die Begegnung mit Osman Murat \u00dclke, dem                 ersten inhaftierten t\u00fcrkischen Kriegsdienstverweigerer. Als Osman                 Murat \u00dclke Ende 1996 ins Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis kam, wurde er in eine                 Gemeinschaftszelle gebracht, deren Zellenchef Mehmet Bal war.                 Mehmet Bal war wegen Mordes angeklagt worden und trat anfangs                 Osman Murat \u00dclke ablehnend gegen\u00fcber. Weiter berichtet Osman Murat                 \u00dclke: &#8222;Zun\u00e4chst grenzte er mich aus, als ich aber nach einem Monat                 wegen einer erneuten Verurteilung wieder in diese Zelle gebracht                 wurde, waren er und seine Zellengenossen \u00fcberrascht: Sie sahen,                 dass meine Kriegsdienstverweigerung eine ernsthafte Entscheidung                 war. Wir fingen an, \u00fcber Ethik, Religion, Politik, Nationalismus,                 Philosophie und anderes zu diskutieren. Mehmet Bal begann zudem,                 B\u00fccher zu lesen, die mir von meinen Freunden gebracht wurden.                 Seine Ansichten kamen mehr und mehr ins Wanken und ver\u00e4nderten                 sich gravierend.&#8220;<\/p>\n<p>Mehmet Bal wurde 1999, nach inzwischen vier j\u00e4hrigem Gef\u00e4ngnisaufenthalt,                 wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Nach                 einer Amnestie entlie\u00df man ihn vor vier Monaten aus der Haft und                 \u00fcbergab ihm zugleich einen Marschbefehl zu seiner Einheit in Mersin.                 Er verweigerte dort das Tragen einer Waffe. Das wurde akzeptiert,                 Mehmet Bal hatte seinen Milit\u00e4rdienst in der B\u00fccherei abzuleisten.<\/p>\n<p>Da er auch im unbewaffneten Dienst die Hierarchie und Gewalt                 des Milit\u00e4rs nicht aushielt, entschied er sich, den Milit\u00e4rdienst                 nach einem Urlaub nicht wieder anzutreten und mit folgender Erkl\u00e4rung                 zu verweigern:<\/p>\n<h3>Ich verweigere!<\/h3>\n<p>Ich war Soldat f\u00fcr neuneinhalb Monate und habe mich entschieden                 ab dem 18. Oktober 2002 nicht mehr zu &#8222;dienen&#8220; und meine Kriegsdienstverweigerung                 zu erkl\u00e4ren. Ich werde die Gr\u00fcnde, die mich zu dieser Entscheidung                 gef\u00fchrt haben, kurz zusammenfassen:<\/p>\n<p>Der Militarismus sieht Vernichtung als eine Methode zur L\u00f6sung                 von Problemen an. Er legitimiert sich durch Anf\u00fchrung verschiedener                 Argumente und stellt sich mit Hilfe von Gesetzen von der Verantwortung                 der Folgen seiner Taten frei. Nat\u00fcrlich geschieht dies in \u00dcbereinkunft                 mit den Herrschenden. Damit dient der Militarismus einerseits                 den Zielen der Herrschenden und schafft sich andererseits seine                 finanziellen Quellen. Dieses wechselseitige Zusammenspiel ist                 best\u00e4ndig. Wer immer sich gegen dieses Zusammenspiel stellt und                 Widerstand leistet, wird mundtot gemacht, bestraft und sogar eliminiert.                 Die Geschichte ist voll mit Beispielen. Jedes Mal werden verschiedene                 Versionen des gleichen Spiels inszeniert und erfolgreich abgewickelt.                 Dieser Ablauf ist derart offensichtlich, dass mensch trotz aller                 Versuche, ihn zu ignorieren, unweigerlich an das eigene Gewissen                 st\u00f6\u00dft &#8211; welches der Verleugnung die Wahrheit entgegensetzt. Doch                 der als Vernunft verkleidete Konformismus blockiert diese Einsicht                 immer wieder mit verschiedensten Begr\u00fcndungen und fordert Ignoranz                 und sogar eine freiwillige Komplizenschaft im Spiel. Selbst wenn                 der Mensch sich in die sichere H\u00fclle dieser &#8222;Vernunft&#8220; begibt,                 ist diese Sicherheit auf lange Dauer tr\u00fcgerisch.<\/p>\n<p>Ein anderer elementarer Bestandteil des Militarismus ist der                 unbedingte Gehorsam. Die Wege, die zu diesem unbedingten Gehorsam                 f\u00fchren, werden mit gro\u00dfer Sorgfalt vorbereitet. Der Zwang f\u00e4ngt                 schon mit der Einf\u00fchrung in die sogenannten Sicherheitsbed\u00fcrfnisse                 der Region und Gesellschaft an, in die mensch hinein geboren wird.                 Wenn mensch dann an die Reihe kommt, ist die Teilnahme obligatorisch.                 Die Person wird dabei nicht nach ihrer Meinung gefragt. Die Argumente                 stehen schon bereit und auf diesem Weg vollbrachte Taten werden                 geheiligt und zum Ma\u00dfstab erkl\u00e4rt. Die Gesellschaft und selbst                 die Eltern haben keine Zweifel an der Heiligkeit dieser Taten.                 Sie sind bereit, ihre Kinder f\u00fcr diesen Weg zu opfern und \u00fcbernehmen                 ihre Rolle, um ihre Kinder dieser Anforderung anzupassen. Selbst                 wenn es Ausnahmen gibt, kann die Mehrheit sich eine Alternative                 nicht einmal vorstellen.<\/p>\n<p>Die durch den Militarismus angezettelten Kriege schaden nicht                 nur den Menschen. Welche Begr\u00fcndung kann Zerst\u00f6rung durch nukleare                 und biologische Waffen rechtfertigen? Die Inhaber dieser Waffen,                 die diese -eigenen Behauptungen nach- als Garanten f\u00fcr die Sicherheit                 der Menschen horten, wissen dabei selbst genau, in welchen Zustand                 sie die Welt versetzen w\u00fcrden, falls sie diese Waffen tats\u00e4chlich                 einsetzen sollten. Nat\u00fcrlich sind sie sich dieses Widerspruchs                 bewusst. <\/p>\n<p>Die momentane Situation, in der sich die Welt befindet, widerspiegelt                 diese Spiele recht deutlich. Jede\/r wei\u00df, dass es der USA und                 ihren Bef\u00fcrwortern, die den 11. September als Vorwand genutzt                 haben, um Afghanistan zu bombardieren und jetzt den Angriff auf                 Irak vorzubreiten, nicht um Sicherheit etc. geht. Doch die sicheren                 Arme der &#8222;Vernunft&#8220; scheinen alle zu umschlingen. Wie k\u00f6nnen Menschen                 ihr Gewissen im Angesicht einer Landschaft von zerbombten Lebewesen                 beruhigen? Ist es nicht wahr, dass die USA und ihre Bef\u00fcrworter                 Kraft aus der Tatsache sch\u00f6pfen, dass die Resonanz auf Aufrufe                 gegen den Krieg so gering ist? Nat\u00fcrlich sollte sich niemand auf                 Andere verlassen. Diese Entscheidungen m\u00fcssen Ergebnis einer inneren                 Reflexion sein. Genauso wie Big Brother uns vor die Wahl stellt,                 f\u00fcr oder gegen ihn zu sein, m\u00fcssen wir entscheiden, ob wir den                 Krieg wollen oder nicht. Denn die kriegerische Logik durch Zerst\u00f6rung                 aufzubauen, die ihre Waffen heute auf andere richtet, kann diese                 morgen genauso gegen mich richten.<\/p>\n<p>Sowohl meine bitteren Erfahrungen aus meinem bisherigen Leben,                 als auch meine Beobachtungen w\u00e4hrend neuneinhalb Monaten Kriegsdienst,                 haben mir klar gemacht, dass ich die Stimme meines Gewissens nicht                 weiter verleugnen kann. Ab jetzt werde ich mir von keiner milit\u00e4rischen                 oder zivilen Autorit\u00e4t, keiner Person oder Institution, Haltungen                 und Handlungen aufzwingen lassen, die im Widerspruch zu meinem                 Gewissen und meinem Willen stehen, und erkl\u00e4re der \u00d6ffentlichkeit                 hiermit meine Kriegsdienstverweigerung.<\/p>\n<p>Nur kurz will ich noch den bisherigen Ablauf skizzieren. Im Mai                 1995 trat ich den Kriegsdienst an. Am 9. September 1995 wurde                 ich wegen einer Straftat verhaftet. Nach ca. sieben Jahren Gef\u00e4ngnis                 wurde ich am 23. Mai 2002 entlassen und sofort wieder an die Kaserne                 weiter geleitet, wo ich bis zum 18. Oktober 2002 &#8222;gedient&#8220; habe.<\/p>\n<p>Ich will unterstreichen, dass ich nicht vorhabe zu desertieren.                 Ich werde mich ein weiteres Mal in die Einheit begeben und Milit\u00e4rausweis                 und -kleidung abgeben.<\/p>\n<p>Mehmet Bal<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 24. Oktober 2002 erkl\u00e4rte Mehmet Bal seine Verweigerung. Er entschied sich zu diesem Schritt nach 9,5 Monaten Kriegsdienst, die mit 7 Jahren Gef\u00e4ngnisaufenthalt unterbrochen wurden. Er wurde mit &#8222;Entfremdung des Volkes vom Milit\u00e4r&#8220; und &#8222;wiederholtem Ungehorsam&#8220; angeklagt und am 25. Oktober ins Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis von Adana eingeliefert. 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