{"id":12159,"date":"2002-06-26T00:00:33","date_gmt":"2002-06-25T22:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12159"},"modified":"2022-07-26T14:26:12","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:12","slug":"politisches-engagement-trotz-drohender-abschiebung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/06\/politisches-engagement-trotz-drohender-abschiebung\/","title":{"rendered":"Politisches Engagement trotz drohender Abschiebung"},"content":{"rendered":"<p>Die Familie Cetiner k&ouml;nnte zur wohlsituierten Mittelschicht                 in der T&uuml;rkei geh&ouml;ren. F&uuml;r den Vermessungsingenieur                 Mehmet Cetiner h&auml;tte eine Offizierskarriere in der t&uuml;rkischen                 Armee sicherlich zu den beruflichen Optionen geh&ouml;rt. Schlie&szlig;lich                 hatte die Einberufungsbeh&ouml;rde eine gro&szlig;z&uuml;gige                 Freistellung vom Wehrdienst f&uuml;r die Zeit des Ingenieurstudiums                 ausgesprochen, die gr&ouml;&szlig;te Armee Europas braucht eben                 dringend technisch hochqualifiziertes F&uuml;hrungspersonal.<\/p>\n<p>K&ouml;nnte, h&auml;tte &#8211; w&auml;re da nicht der schmutzige Krieg                 im eigenen Land und die Gewissensqual. Mehmet und seine Frau Elif                 sind Kurden, f&uuml;r Mehmet selber, so betont er ausdr&uuml;cklich,                 eigentlich ein v&ouml;llig unwichtiges Kriterium. Nicht so f&uuml;r                 den t&uuml;rkischen Staat. Das Negieren seiner kulturellen Identit&auml;t,                 der als &quot;Kampf gegen den Terrorismus&quot; etikettierte Staatsterror                 im kurdischen Teil der T&uuml;rkei sind f&uuml;r Mehmet Grunderfahrungen,                 die es ihm unm&ouml;glich machten, einer bevorstehenden Einberufung                 Folge zu leiten. Der unbedingte Schutz der Menschenrechte, die                 Achtung der kulturellen Identit&auml;t sowie die Ablehnung jeglicher                 milit&auml;rischer Gewalt sind f&uuml;r ihn zum Ma&szlig;stab                 f&uuml;r politisches und pers&ouml;nliches Handeln geworden. Ein                 Recht auf Kriegsdienstverweigerung existiert nicht in der T&uuml;rkei.                 Untertauchen innerhalb der T&uuml;rkei, wie es viele Tausende                 haupts&auml;chlich kurdischer Wehrpflichtige machen, ist schwierig                 mit Familie und dreij&auml;hriger Tochter. <\/p>\n<p>Der einzige Ausweg: die Flucht nach Deutschland im Fr&uuml;hjahr                 1995. Seitdem wohnt die Familie Cetiner in Kranenburg (Kreis Kleve),                 einer Kleinstadt am Niederrhein in unmittelbarer N&auml;he der                 holl&auml;ndischen Grenze. Das Leben in den folgenden Jahren ist                 f&uuml;r die mittlerweile vierk&ouml;pfige Familie gepr&auml;gt                 vom Wechselbad aus Hoffnung, Entt&auml;uschung und Angst. Der                 erste Asylantrag, sowie ein Folgeantrag wurden abgelehnt. Kurden                 drohe im &quot;Allgemeinen weder bei der Erf&uuml;llung ihrer                 Wehrpflicht noch im Zusammenhang mit einer etwaigen Bestrafung                 wegen Wehrdienstentziehung oder Fahnenflucht politische Verfolgung&quot;,                 so die Begr&uuml;ndung des Oberverwaltungsgerichts M&uuml;nster                 vom M&auml;rz diesen Jahres. Die Realit&auml;t jedoch sieht leider                 erwiesenerma&szlig;en anders aus. Mehrere mit obiger Begr&uuml;ndung                 in die T&uuml;rkei abgeschobene kurdische Kriegsdienstverweigerer                 sind der Folter ausgeliefert worden. Am 08.05.2002 wurde der dritte                 Asylantrag gestellt, bei Ablehnung droht die Abschiebung. <\/p>\n<p>Alles zu tun um dies zu verhindern hat sich die evangelische                 Kirchengemeinde in Kleve und der Unterst&uuml;tzerkreis zum Ziel                 gesetzt. F&uuml;r Mehmet Cetiner sind lange Arbeitstage in schlecht                 bezahlten Jobs der Preis, um nicht von der Sozialhilfe abh&auml;ngig                 zu sein. Trotzdem findet er, unterst&uuml;tzt von seiner Frau,                 noch Zeit, sich f&uuml;r seine &Uuml;berzeugung zu engagieren.<\/p>\n<p>Er ist Mitglied der DFG-VK (Deutsche Friedensgesellschaft -Vereinigte                 KriegsdienstgegnerInnen) . In einer &ouml;ffentlichen Verweigerungsaktion                 vor dem t&uuml;rkischen Konsulat in Hannover im Dezember 2000                 erkl&auml;rte er seine Kriegsdienstverweigerung. Diese ist f&uuml;r                 ihn nicht nur eine individuelle Konsequenz seines Gewissens, sondern                 zugleich ein Akt des politischen Widerstandes gegen den Militarismus                 in seiner Heimat. Auf mehreren Seminaren mit t&uuml;rkisch-kurdischen                 geflohenen Wehrpflichtigen, in kurdischen Vereinen, und vor Ort                 als aktives Mitglied der Klever DFG-VK wirbt Mehmet f&uuml;r die                 antimilitaristische Handlungsperspektive der Kriegsdienstverweigerung                 und f&uuml;r Aktionen zur Durchsetzung eines Rechtes auf KDV in                 der T&uuml;rkei.<\/p>\n<p>Kriege, Menschenrechtsverletzungen und Folter &#8211; so erkl&auml;rt                 es Mehmet &#8211; seien die Folgen der &uuml;ber allen Parteien stehenden                 Staatsideologie des Kemalismus, bei dem die Verherrlichung des                 Milit&auml;rs und der t&uuml;rkische Nationalismus zu Glaubensgrunds&auml;tzen                 erhoben w&uuml;rden. Im Verzicht der PKK auf Gewalt und in der                 Neugr&uuml;ndung einer Partei, die sich auf gewaltlosem Weg f&uuml;r                 die legitimen Rechte des kurdischen Volkes engagiert, sieht Mehmet                 eine unterst&uuml;tzenswerte Entwicklung. Angesichts des aktuell                 drohenden Krieges gegen den Irak findet Mehmet in seiner Rede                 bei der Schlusskundgebung des Ostermarsches in Dortmund eindeutige                 Worte :<\/p>\n<p>&quot;Ich erkl&auml;re meine Solidarit&auml;t mit allen Menschen,                 die sich jeglicher Kriegsbeteiligung entziehen und Widerstand                 leisten gegen einen weltweiten Krieg, der zur Zeit aktiv im Pentagon                 und in den F&uuml;hrungsetagen der NATO vorbereitet wird. Ich                 m&ouml;chte uns Mut machen mit dem Motto der antimilitaristischen                 Bewegung in der T&uuml;rkei: ASKERE GITME (auf deutsch: geht nicht                 zum Milit&auml;r)&quot;<\/p>\n<p>Mehmet Cetiner, seine Familie und alle Menschen, die sich durch                 ihr Gewissen geleitet einer Kriegsbeteiligung entziehen, setzen                 Zeichen der Hoffnung. Sie brauchen Schutz vor Verfolgung. Ihnen                 Asyl zu gew&auml;hren sollte in unserem Lande eine Selbstverst&auml;ndlichkeit                 sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Familie Cetiner k&ouml;nnte zur wohlsituierten Mittelschicht in der T&uuml;rkei geh&ouml;ren. F&uuml;r den Vermessungsingenieur Mehmet Cetiner h&auml;tte eine Offizierskarriere in der t&uuml;rkischen Armee sicherlich zu den beruflichen Optionen geh&ouml;rt. Schlie&szlig;lich hatte die Einberufungsbeh&ouml;rde eine gro&szlig;z&uuml;gige Freistellung vom Wehrdienst f&uuml;r die Zeit des Ingenieurstudiums ausgesprochen, die gr&ouml;&szlig;te Armee Europas braucht eben dringend technisch hochqualifiziertes F&uuml;hrungspersonal. K&ouml;nnte, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/06\/politisches-engagement-trotz-drohender-abschiebung\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Politisches Engagement trotz drohender Abschiebung - graswurzelrevolution","description":"Die Familie Cetiner k&ouml;nnte zur wohlsituierten Mittelschicht in der T&uuml;rkei geh&ouml;ren. 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