{"id":12266,"date":"1998-03-03T00:00:46","date_gmt":"1998-03-02T22:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12266"},"modified":"2022-07-26T14:26:31","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:31","slug":"kommentar-zum-vorlaufigen-ausgang-der-golfkrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/03\/kommentar-zum-vorlaufigen-ausgang-der-golfkrise\/","title":{"rendered":"Kommentar zum vorl\u00e4ufigen Ausgang der Golfkrise"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Die Gener&auml;le der Wall Street lieben den Krieg&#8220;, schrieb Daniel               Kadlec in der &#8222;Time&#8220; unter Anspielung auf den 20%-Kursanstieg des               Dow-Aktienindex w&auml;hrend des 2. Golfkrieges aufgrund der Wertsteigerungen               der US-R&uuml;stungspapiere (FR, 25.2.98). Da&szlig; sich 1998 nicht               die Wall-Street-Gener&auml;le, sondern der UN-Generalsekret&auml;r               durchsetzen konnte, hatte vielf&auml;ltige Gr&uuml;nde unter den               verschiedenen Akteuren.               <\/p>\n<p><h3>1. Irak<\/h3>\n<p>               Henry Kissinger brachte bereits im November \u00b497 in der &#8222;Los Angeles               Times&#8220; die Sache auf den Punkt: &#8222;Zwar wird Saddam Hussein oft als               Verr&uuml;ckter beschrieben. Aber seine Strategie zur Lockerung               und schlie&szlig;lichen Aufhebung jener Einschr&auml;nkungen, die               ihm durch die UNO-Inspektionen auferlegt werden, ist bemerkenswert               rational&#8220;. Mit der neuen UN-Resolution, nach der das Land nun statt               2,14 Milliarden $ ab sofort Erd&ouml;l f&uuml;r 5,2 Milliarden $               pro Halbjahr ausf&uuml;hren kann, hat Saddam Hussein einen Teilsieg               errungen. Allerdings m&uuml;&szlig;ten zun&auml;chst f&uuml;r rund               30 Milliarden Dollar noch die im 2. Golfkrieg zerst&ouml;rten Anlagen               wiederaufgebaut werden, bevor diese Menge &uuml;berhaupt rein technisch               erreicht werden kann. Mit einem humanit&auml;ren Hilfspaket &uuml;ber               20 Millionen DM Soforthilfe beruhigt die EU-Kommission in Br&uuml;ssel               vorerst ihr schlech tes Gewissen, seit 1990 am Hungertod von rund               800 000 Menschen in Irak mitschuldig zu sein. Ohne die von Saddam               Hussein provozierte Krise w&auml;re dieser Skandal wohl nicht in               die breitere Welt&ouml;ffentlichkeit gedrungen. Laut neuem Vertrag               sollen nicht mehr nur Unscom-Mitarbeiter, sondern auch Diplomaten               die Pal&auml;ste Saddam Husseins durchsuchen. Die irakische F&uuml;hrung               erhofft sich davon, da&szlig; die R&uuml;ckmeldung an den UN-Sicherheitsrat               dar&uuml;ber, da&szlig; das Land &#8222;sauber&#8220; von Massenvernichtungswaffen               sei und das Embargo aufgehoben werden kann, nicht mehr so leicht               wie bisher von den US-dominierten Inspektoren-Teams verz&ouml;gert               wird. Da&szlig; Saddam Hussein seine acht Privatresidenzen inclusive               der islamischen Tabuzonen auch feindlich eingestellten Ausl&auml;ndern               nun zeigen mu&szlig;, ist f&uuml;r ihn kulturpsychologisch ein erheblicher               Imageverlust in der arabischen Welt. Angesichts seines taktischen               Geschickes, die entscheidenden M&auml;chte des Weltsicherheitsrates               gegeneinander ausgespielt und sich selbst ins Bild eines honorigen               Staatsmannes ger&uuml;ckt zu haben, scheint dieser Verlust allerdings               verschmerzbar.               <\/p>\n<p><h3>2. USA und Gro&szlig;britannien<\/h3>\n<p>               Die Widerspr&uuml;chlichkeit der US-Politik gegen&uuml;ber Irak               fa&szlig;te Henry Kissinger im bereits erw&auml;hnten Beitrag folgenderma&szlig;en               zusammen: &#8222;1996 lie&szlig; Saddam die F&uuml;hrung der in einem               autonomen Gebiet im Norden lebenden Kurden umbringen, denen die               USA Schutz zugesagt hatte. Washington reagierte v&ouml;llig inkonsequent               mit Angriffen auf Radarstellungen im tiefen S&uuml;den Iraks &#8211; rund               tausend Kilometer entfernt vom Ort der Provokation. Derart &uuml;berzeugt,               da&szlig; er von amerikanischen Milit&auml;raktionen wenig zu bef&uuml;rcht               en habe, sah Saddam eine politische Chance, dem Inspektionsprogramm               der UNO die Z&auml;hne zu ziehen&#8220;. Die Tatsache, da&szlig; Bill               Clinton im November 1997 vollmundig das Ende des Embargos von der               Beseitigung Saddam Husseins abh&auml;ngig machte &#8211; gedeckt von keiner               UN-Resolution &#8211; d&uuml;rfte ein schwerwiegender Fehler gewesen sein.               Weil dem US-Kongre&szlig; bis zum Schlu&szlig; unklar blieb, was               die eigentlichen Ziele der USA sind, konnte Clinton in entscheidenden               Momenten keine Mehrheit hinter sich bringen. Wie gespalten zudem               die US-Bev&ouml;lkerung war, zeigte das CNN-TV-Ohio-Debakel. Einen               Tag nur nach dem Verhandlungserfolg Annans wurde in den USA eine               US-Heeres-Studie ver&ouml;ffentlicht, die die gleichzeitige Eind&auml;mmung               von Irak und Iran wegen der zu hohen Kosten und Risiken als falsch               bezeichnet. &#8222;Clintons `nationale Interessen\u00b4 in Irak buchstabieren               sich wie &Ouml;l&#8220;, titelte die FR am 15.2.98 &#8211; warum eigentlich               erst so sp&auml;t? &#8211; und f&uuml;hrte aus: &#8222;Ein Land mit zerst&ouml;rter               Infrastruktur und neu herbeigebombter Feindschaft gegen&uuml;ber               den USA dient weder einer sicheren Energieversorgung noch den Gesch&auml;ften               der ebenfalls m&auml;chtigen amerikanischen &Ouml;lgesellschaften.               Also ist eine vertretbare diplomatische L&ouml;sung, die vielleicht               in &uuml;berschaubarer Zeit die Wirtschaftssanktionen &uuml;berfl&uuml;ssig               machen und US -Firmen zur&uuml;ck ins Irak-Gesch&auml;ft bringen               k&ouml;nnte, eher im nationalen Interesse der USA&#8220;. Nachdem die               USA es immerhin fertig gebracht hatten, den damals noch amtierenden               UN-Generalsekret&auml;r Boutros-Ghali erfolgreich an einer Wiederkandidatur               zu hindern, mu&szlig;ten sie diesmal erkennen, da&szlig; die Weltmacht               Nummer 1 nicht in der Lage ist, die UN v&ouml;llig f&uuml;r ihre               eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Gro&szlig;britannien war               zwar politisch f&uuml;r die USA von gro&szlig;er Wichtigkeit, im               Falle eines m&ouml;glichen Krieges allerdings nahezu milit&auml;risch               bedeutungslos. F&uuml;r sein militaristisches S&auml;belrasseln               mu&szlig;te Tony Blair sich vom EU-Parlament heftige Kritik anh&ouml;ren               &#8211; ebenso von der kritischen englischen Presse, die sehr viel mehr               Demokratiebewu&szlig;tsein zeigte als die deutsche.               <\/p>\n<p><h3>3. UNO und UNSCOM<\/h3>\n<p>               Nachdem die UNO im Bosnien-Krieg von der NATO entmachtet worden               war und sich auf einem Tiefpunkt ihrer Bedeutung befand, erfuhr               sie durch den Erfolg Kofi Annans wieder eine erhebliche Aufwertung.               Richard Butler, der Leiter der Unscom, versch&auml;rfte die Krise               sehr fr&uuml;h, indem er im amerikanischen Fernsehen behauptete,               Saddam Hussein wolle F&uuml;hrer der arabischen Welt werden und               den fr&uuml;hzeitigen Einsatz von Gewalt rechtfertigte. Die Schw&auml;che               und Gefahr der in sich gespaltenen Unscom-Delegationen wurde diesmal               &uuml;berdeutlich. Die USA gingen sogar so weit, den russischen               Inspektoren vorzuwerfen, irakische Stellen vor Inspektionen vorzuwarnen.               UN-Inspektoren &#8211; laut &#8222;The Independent&#8220;, 12.2.98, h&auml;ufig ehemalige               Geheimdienstagenten &#8211; , stehen im Verdacht, ihr Wissen nicht nur               an die UN, sondern auch an die jeweiligen nationalen Verteidigungsministerien               weiterzugeben. Wie kritisch dies werden kann, zeigte ein F.A.Z Beitrag               am 6.2.98 : &#8222;Landvermessen im Irak ergibt auch Zielkoordinaten f&uuml;r               Marschflugk&ouml;rper&#8220;.               <\/p>\n<p><h3>Frankreich und Ru&szlig;land<\/h3>\n<p>               F&uuml;r die Europapolitik in der Irak-Krise war die eigentliche               Frage: Setzt sich die an die USA anlehnende britische oder die auf               mehr europ&auml;ische Eigenst&auml;ndigkeit hinarbeitende franz&ouml;sische               Haltung durch. In den entscheidenden Telefonaten zwischen Chirac               und Clinton soll es dabei &#8222;st&uuml;rmisch&#8220; (laut &#8222;Liberation&#8220;) zugegangen               sein. Die Drohung Jelzins mit einem Weltkrieg zeigte die heutige               milit&auml;rische Hilflosigkeit der einstigen Weltmacht, die allerdings               auf diplomatischer Ebene Frankreich sehr gut zuarbeitete. Frankreich               und Ru&szlig;land haben erhebliche Milliarden-Kredite an Irak vergeben,               w&uuml;nschen deren baldige R&uuml;ckzahlung &#8211; und erhoffen sich               &uuml;ber ihre bereits im Land t&auml;tigen &Ouml;lgesellschaften               entsprechende wirtschaftliche Vorteile.               <\/p>\n<p><h3>Israel<\/h3>\n<p>               Da&szlig; der israelische Ministerpr&auml;sident erstmals seit 1973               wieder die israelischen Atomraketensilos &ouml;ffnen wollte und               nur mit viel M&uuml;he davon abgebracht werden konnte, weist ihn               als erhebliches Sicherheitsrisiko f&uuml;r die gesamte Region aus.               In Unscom-Berichten, die auf Wunsch des US-Au&szlig;enministeriums               nachtr&auml;glich abge&auml;ndert wurden (laut &#8222;Le Monde Diplomatique&#8220;,               Dez. 97) ist nachzulesen, da&szlig; von Irak wegen der Zerst&ouml;rung               der Raketensysteme keine Gefahr mehr f&uuml;r die Nachbarstaaten               ausgeht. Clinton selbst mu&szlig;te zugeben, da&szlig; Tel Aviv               diesmal nicht von Saddam Husseins Raketen bedroht ist. Vor diesem               Hintergrund diente das Sch&uuml;ren massiver &Auml;ngste in Israel               wohl mehr innenpolitischen Gr&uuml;nden sowie der Legitimation eines               Milit&auml;rschlages.               <\/p>\n<p><h3>Arabische Welt<\/h3>\n<p>               Nur wenige Golfmonarchien standen diesmal den USA und Gro&szlig;britannien               bei. Am gleichen Tag, als die amerikanische Au&szlig;enministerin               in Kairo um Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die USA warb, die arabische               Welt vor den Waffen Saddam Husseins zu sch&uuml;tzen, machte der               Sprecher der arabischen Liga ebenfalls in Kairo deutlich, da&szlig;               diese Art von Schutz die eigentliche Bedrohung darstelle. &#8222;Bedrohlicher               als die Bedrohung empfinden die Bedrohten offensichtlich den angedrohten               Schutz vor der Bedrohung&#8220; (FR, 25.2.98). Die nationalen amerikanischen               und britischen Interessen wurden diesmal f&uuml;r die arabische               Welt schonunglos offengelegt. &#8222;Laut Ger&uuml;chten aus Saudiarabien               soll der amerikanische Verteidigungsminister Cohen bei seinem Besuch               in Riad auch schon einen Kostenvoranschlag f&uuml;r den Truppenaufmarsch               in zweistelliger Milliardenh&ouml;he vorgelegt haben. Der saudische               Kronprinz Abdallah soll darauf geantwortet haben, der Schutz vor               m&ouml;glichen Sch&auml;den durch den Irak komme sein Land bald               ebenso teuer zu stehen wie diese selbst&#8220; (Neue Z&uuml;rcher Zeitung,               24.2.98).               <\/p>\n<p><h3>Deutschland<\/h3>\n<p>               Am k&uuml;rzesten brachte es Jochen Hippler auf den Punkt: &#8222;Die               USA rasen am Golf mit Volldampf in die Sackgasse. Kinkel steht mit               entschlossener Fassungslosigkeit treu zur hilflosen Politik der               Amerikaner&#8220; (Freitag, 6.2.98). Helmut Kohl, von amerikanischen Senatoren               auf der Wehrkundetagung in M&uuml;nchen entsprechend bearbeitet,               fragte erst gar nicht mehr seine Regierungsmannschaft, als er den               USA politische Unterst&uuml;tzung versprach. Konnte man von ihm               wenig anderes erwarten, stellte der Auftritt Scharpings ei nen Skandal               allererster Ordnung dar. Die Erosion politischer Grunds&auml;tze               und Pfeiler der Demokratie wie des Grundgesetzes scheint in Deutschland               mit einer Geschwindigkeit voranzuschreiten, die allen demokratisch               Gesinnten dieser Republik gr&ouml;&szlig;te Sorge machen m&uuml;&szlig;te.               <\/p>\n<p><h3>Friedensbewegung<\/h3>\n<p>               1990 u.a. noch von der Angst angetrieben, im Falle langanhaltender               &Ouml;lbr&auml;nde vielleicht selbst in Europa noch vom Golfkrieg               betroffen zu sein, kamen diesmal die letzten Friedensbewegten erst               sehr sp&auml;t und zahlenm&auml;&szlig;ig &auml;u&szlig;erst gering               in die G&auml;nge. In den USA erwachten die AktivistInnen sehr viel               fr&uuml;her aus dem politischen Tiefschlaf als in Europa.               <\/p>\n<p><h3>Ausblick<\/h3>\n<p>               Die Krise ist keineswegs ausgestanden. Sollte in absehbarer Zeit               &#8211; die der Irak vermutlich in Monaten bemi&szlig;t &#8211; das Embargo               nicht aufgehoben werden, sind neue Provokationen Saddam Husseins               nicht ausgeschlossen. Was derzeit fehlt, ist ein schl&uuml;ssiges               Nahost-Konzept f&uuml;r die Zukunft, wie es Johan Galtung bereits               nach dem 2. Golfkrieg eingefordert hat. Sicherheit und Frieden wird               es f&uuml;r alle Staaten des Nahen Ostens nicht gegeneinander geben               k&ouml;nnen. Daher w&auml;re eine Konferenz &uuml;ber eine ABC-Waffenfreie-Zone               &uuml;berf&auml;llig. F&uuml;r die Industriestaaten, wollen sie               zur Befriedung des Nahen Ostens beitragen, lautet die Hauptbotschaft,               eine 180-Grad-Wende in der Energiepolitik zu vollziehen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die Gener&auml;le der Wall Street lieben den Krieg&#8220;, schrieb Daniel Kadlec in der &#8222;Time&#8220; unter Anspielung auf den 20%-Kursanstieg des Dow-Aktienindex w&auml;hrend des 2. Golfkrieges aufgrund der Wertsteigerungen der US-R&uuml;stungspapiere (FR, 25.2.98). Da&szlig; sich 1998 nicht die Wall-Street-Gener&auml;le, sondern der UN-Generalsekret&auml;r durchsetzen konnte, hatte vielf&auml;ltige Gr&uuml;nde unter den verschiedenen Akteuren. 1. 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