{"id":12318,"date":"2013-04-01T00:00:07","date_gmt":"2013-03-31T22:00:07","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12318"},"modified":"2022-07-26T14:22:25","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:25","slug":"meine-heimatstadt-fukushima-hat-viel-verloren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/04\/meine-heimatstadt-fukushima-hat-viel-verloren\/","title":{"rendered":"&#8222;Meine Heimatstadt Fukushima hat viel verloren&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Jahre sind seit der Atomkatastrophe von Fukushima Daiichi                 vergangen. Die Stilllegung von Atomkraftwerken erfolgt nicht wie                 erwartet. <\/p>\n<p>Es ist unglaubw\u00fcrdig, dass die Arbeiten wie geplant bis 2050                 beendet sein werden. <\/p>\n<p>Im Dezember 2012 wurde Abe, ein ausgesprochener Atomkraftbef\u00fcrworter,                 zum Premierminister von Japan gew\u00e4hlt. <\/p>\n<p>Im Moment laufen zwei Atomreaktoren in Japan. Um weitere AKWs                 wieder zu aktivieren sollen neue Sicherheitsstandards ausgearbeitet                 werden. Obwohl 70% der japanischen Bev\u00f6lkerung die Atomkraftwerke                 abschalten m\u00f6chten, geht die Politik in Japan in die falsche Richtung.<\/p>\n<p>Im September 2012 habe ich meine Heimatstadt Fukushima-City besucht.                 Es war das erste Mal seit dem atomaren Unfall. Anderthalb Jahre                 danach.<\/p>\n<p>Als ich aus dem Zug stieg schien auf den ersten Blick alles so                 wie ich es in Erinnerung hatte. Der wundersch\u00f6n flie\u00dfende Fluss                 Abukuma und die Berge sind dicht und tief gr\u00fcn. Als ich mich erinnerte,                 dass all das radioaktiv kontaminiert ist, wurde ich sehr bedr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Hause sah ich keine Kinder im Freien spielen.                 Stattdessen sieht man immer wieder Messstationen f\u00fcr Strahlung,                 die von der Regierung aufgestellt wurden. So etwas gab es fr\u00fcher                 nat\u00fcrlich nicht. <\/p>\n<p>Die Atmosph\u00e4re war unwirklich. Die Messstationen zeigen immer                 die aktuellen Strahlungswerte an diesem Ort. Viele Gesch\u00e4fte waren                 dicht verschlossen wegen Gesch\u00e4ftsaufgabe. Pl\u00e4tze zum Sammeln                 von kontaminierter Erde wurden eingerichtet. Sie liegen nicht                 weit entfernt von Wohngebieten. Au\u00dferdem gibt es Lager f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge                 aus der Evakuierungszone.<\/p>\n<h3>Ich war schockiert, wie extrem sich meine Heimatstadt ver\u00e4ndert                 hat.<\/h3>\n<p>Viele Menschen haben jetzt einen eigenen Geigerz\u00e4hler. <\/p>\n<p>Ich benutzte den Z\u00e4hler meines Vaters, um die Strahlung selbst                 zu messen. Um das Haus meiner Eltern lagen die Werte bei 0,5 Micro-Sievert                 pro Stunde.<\/p>\n<p>Im Zentrum von Fukushima-City, am Rande eines Parkplatzes habe                 ich 1,35 Micro-Sievert gemessen. Ein Anwohner sagte, dass er eine                 Stra\u00dfe weiter 3,0 Micro-Sievert gemessen hat.<\/p>\n<p>Vor dem Atomunfall lagen die Strahlenwerte unter 0,1 Micro-Sievert.                 Heute sind sie 10 bis 30mal h\u00f6her.<\/p>\n<p>Dort, wo Gras und B\u00fcsche wild wachsen und das Regenwasser von                 den D\u00e4chern flie\u00dft, ist die Strahlung oft h\u00f6her. F\u00fcr Kinder wurden                 deswegen Spielpl\u00e4tze in Geb\u00e4uden eingerichtet. <\/p>\n<p>Als ich ein Kind war, habe ich kleine Fische und Fr\u00f6sche aus                 den Teichen rund um unser Haus gefangen. Wir konnten so lange                 wir wollten in der Natur spielen, ohne Angst und Sorgen. Durch                 den atomaren Unfall wurde uns all das genommen.<\/p>\n<p>Um mein Elternhaus gibt es einige Orte, die dekontaminiert werden.                 Diese Orte sind durch ein blaues Plastikband abgegrenzt. Die kontaminierte                 Erdschicht wird abgetragen, in Plastiks\u00e4cke gef\u00fcllt und in einem                 Loch vergraben. Die kontaminierte Erde wird also nur an der gleichen                 Stelle etwas tiefer wieder vergraben. Es tut mir im Herzen weh                 das zu sehen. Ich glaube, dass wir dadurch den kommenden Generationen                 nur noch mehr Leid zuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Dort gab es einen seltsamen Anblick, den ich nicht vergessen                 kann.<\/p>\n<p>Genau neben dem blauen Abgrenzungsband zur Dekontamination lag                 ein kleiner Garten. Jemand hatte dort Tomaten, Gurken und Gew\u00fcrze                 gepflanzt.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte einen Artikel aus der Zeitung Asahi Shimbun vom 13.                 Februar 2013 zitieren:<\/p>\n<p>&#8222;Die Pr\u00e4fektur Fukushima teilt mit, dass bei drei Kindern, die                 zum Ungl\u00fcckszeitpunkt unter 18 Jahre alt waren, Schilddr\u00fcsenkrebs                 diagnostiziert wurde. Bei sieben Kindern gibt es einen starken                 Verdacht darauf. Bisher lag die H\u00e4ufigkeit von Schilddr\u00fcsenkrebs                 bei Kindern bei 1 bis 2 Personen pro 1 Million.&#8220;<\/p>\n<p>Im April 2012 hatte die medizinische Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t                 von Fukushima ihre Ergebnisse zur Kontrolle von Schilddr\u00fcsen bei                 Kindern vorgestellt.<\/p>\n<p>Etwa 80.000 Kinder unter 18 Jahren wurden untersucht. Im Jahr                 2011 hatten 35% der Kinder Probleme mit der Schilddr\u00fcse (Knoten                 mit bis zu 5,0 mm und Zysten mit bis zu 20,0 mm). <\/p>\n<p>Im Jahr 2012 hatten bereits 43% der Kinder Probleme. Ich kenne                 keine vergleichbaren Daten aus Deutschland oder anderen L\u00e4ndern.                 Aber wenn ich daran denke, dass die Zahl eindeutig stark ansteigt                 und heute mehr als 40% der Kinder in Fukushima Schilddr\u00fcsenprobleme                 haben, dann kann ich meine Angst und Sorge nicht mehr zur\u00fcckhalten.<\/p>\n<p>Radioaktive Strahlung verursacht genetische Sch\u00e4den. Es macht                 mich traurig und w\u00fctend, dass die Menschen ihr Leben lang mit                 dieser Situation leben m\u00fcssen, \u00fcber viele Generationen. Die Menschen                 in Fukushima m\u00fcssen diese Last ihr Leben lang tragen.<\/p>\n<p>Meine Heimatstadt hat sich sehr ver\u00e4ndert und sehr viel verloren.<\/p>\n<p>Glaubt die Welt immer noch, dass AKW sicher sind?<\/p>\n<p>Braucht die Welt noch Energie aus Atomkraftwerken?<\/p>\n<p>Wollen Sie noch weitere AKW bauen?<\/p>\n<p>Glaubt die Welt noch immer, dass atomare Energie saubere Energie                 ist?<\/p>\n<p>Atomkraftwerke d\u00fcrfen nicht existieren. Sie sind es nicht wert.                 Sie m\u00fcssen abgeschaltet werden.<\/p>\n<p>Lasst uns weiter unsere Stimme erheben, bis zu dem Tag, an dem                 alle AKWs am Ende sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Jahre sind seit der Atomkatastrophe von Fukushima Daiichi vergangen. Die Stilllegung von Atomkraftwerken erfolgt nicht wie erwartet. Es ist unglaubw\u00fcrdig, dass die Arbeiten wie geplant bis 2050 beendet sein werden. 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