{"id":12338,"date":"2013-04-01T00:00:29","date_gmt":"2013-03-31T22:00:29","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12338"},"modified":"2022-07-26T14:22:25","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:25","slug":"occupy-war-eine-generalprobe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/04\/occupy-war-eine-generalprobe\/","title":{"rendered":"&#8222;Occupy war eine Generalprobe&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b><i>Graswurzelrevolution: <\/i>Was macht Occupy aus?<\/b><\/p>\n<\/p>\n<p> <i>Steven:<\/i> Der Charakter von Occupy im Vergleich zu anderen                 Initiativen und bestehenden linken Gruppen besteht r\u00fcckblickend                 darin, dass es einen niederschwelligen Einstieg in die Politisierung                 geboten hat, jenseits eines politischen Programms, das von vornherein                 gegeben ist. Das Zusammenfinden, das Kennenlernen ist in einem                 ganz anderen Rahmen verlaufen, als bei anderen Gruppen, die mit                 ihren Inhalten eine bestimmte Klientel bedienen.<\/p>\n<p><i>Carla:<\/i> Das macht es aber auch schwierig. Die Organisation                 von Occupy hatte schon starke anarchistische Z\u00fcge, gerade dieser                 basisdemokratische Anspruch, aber da hat dann doch die Theorie                 gefehlt. Es war zum Beispiel schnell unklar, ob es nur diese eine                 Versammlung, also die Asamblea am Camp, geben soll: Wer tagt da                 wann und welche Entscheidungskompetenzen haben die?<\/p>\n<p><i>Jule:<\/i> Umgekehrt haben sich diese von dir angesprochenen                 anarchistischen Z\u00fcge immer mehr entwickelt. Zum Beispiel das Prinzip,                 dass jede Stimme gleich gez\u00e4hlt wird, egal ob man im Camp wohnt                 oder nicht, oder auch dass wir keinen Pressesprecher hatten.<\/p>\n<p><i>Steven:<\/i> Es ist auch zu beachten: Da sind schon Leute mit                 theoretischem Background hingekommen, also nicht nur Leute, die                 auf dieses &#8222;Emp\u00f6rt euch!&#8220; oder &#8222;Wir sind die 99 Prozent&#8220; oder                 &#8222;Brecht die Macht der Banken&#8220; reagiert haben, sondern die mit                 einer umfassenderen Kritik der Produktionsverh\u00e4ltnisse an die                 Sache herangegangen sind. Bei denen war klar, dass man mehr fordern                 muss als &#8222;Banken in die Schranken&#8220;. In den AKs hat sich St\u00fcck                 f\u00fcr St\u00fcck herauskristallisiert, mit welchen Menschen man zu welchen                 Themen und Aktionen zusammenarbeiten kann. <\/p>\n<p>Im Prinzip wurde so das &#8222;Zentralorgan Asamblea&#8220; St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck                 delegitimiert und die Gruppen haben dann einfach dezentral agiert,                 ohne auf irgendetwas zu warten.<\/p>\n<p><i>Carla:<\/i> Man h\u00e4tte viele Konflikte vermeiden k\u00f6nnen, wenn                 man \u00fcber die eigenen Strukturen st\u00e4rker gesprochen h\u00e4tte und gerade                 die Leute, die bereits Erfahrung und Konzepte hatten, haben zu                 wenig Input gegeben, denn man muss das Rad nicht immer neu erfinden.                 Nat\u00fcrlich haben sich dann Gruppen abgesondert und ihre eigenen                 Sachen gemacht, aber das hat das Konfliktpotenzial erh\u00f6ht und                 es gab eine Menge Fronten.<\/p>\n<p><i>Jule:<\/i> Ich erinnere mich gut daran, dass oft in der Asamblea                 \u00fcber etwas Einigkeit bestand. Aber da war dann eine Woche oder                 manchmal sogar nur einen Tag sp\u00e4ter eine ganz neue Asamblea-Zusammensetzung.<\/p>\n<\/p>\n<p> <i><b>GWR:<\/b><\/i><b> Da dr\u00e4ngt sich die Frage auf, inwiefern                 so ein Campleben in der Innenstadt von Frankfurt Aufschluss dar\u00fcber                 geben kann, wie eine befreite Gesellschaft funktioniert oder nicht                 funktioniert. Ist es nicht so, dass genau diese Probleme, wie                 ihr sie beschreibt, in einer befreiten Gesellschaft ununterbrochen                 auftreten w\u00fcrden, sodass man sich damit st\u00e4ndig auseinandersetzen                 m\u00fcsste? <\/b><\/p>\n<\/p>\n<p> <i>Carla:<\/i> Zun\u00e4chst einmal ist zu beachten, dass wir besondere                 Bedingungen hatten, weil unser Camp mitten im Bahnhofsviertel                 in Frankfurt stand. <\/p>\n<p>Es waren viele Leute mit psychischen Problemen da, mit Drogenproblemen,                 Wohnungslosigkeit hat eine Rolle gespielt und es gab Leute, die                 ihre Konflikte in erster Linie \u00fcber Gewalt l\u00f6sten.<\/p>\n<p><b><i>GWR:<\/i> Davon auszugehen, dass wir den Kapitalismus \u00fcberwinden                 und schon gibt es keine gewaltt\u00e4tigen Leute und Drogens\u00fcchtigen                 mehr, ist unrealistisch.<\/b><\/p>\n<p><i>Carla:<\/i> Ja, aber wir hatten erschwerte Bedingungen, weil                 es geballt war. In der Regel hat nur ein Bruchteil von Leuten                 innerhalb einer Gesellschaft solche Probleme, bei uns war das                 aber ein gro\u00dfer Teil der Leute. Es wurde im Camp nie grunds\u00e4tzlich                 diskutiert, bestimmte Personengruppen nicht mehr zuzulassen. Aber                 als es gewaltt\u00e4tige \u00dcbergriffe gab, kam nat\u00fcrlich die Frage auf:                 Was machen wir jetzt damit? Und da waren die Leute dann \u00fcberfordert.               <\/p>\n<p><i>Steven:<\/i> In dem Camp ging es erst einmal darum zu kl\u00e4ren,                 was wir ben\u00f6tigen und wie wir das m\u00f6glichst kostenlos herstellen                 k\u00f6nnen. Sei es, dass Trupps losgezogen sind und Essen f\u00fcr die                 Gemeinschaftsk\u00fcche containert haben, sei es, dass Baumaterial                 vom Sperrm\u00fcll organisiert wurde. <\/p>\n<p>Es wurde versucht, die materiellen Dinge, die notwendig waren                 auch f\u00fcr das soziale Gef\u00fcge, als erstes zu erledigen und das ist                 f\u00fcr mich der Ansatz zu einer postkapitalistischen Gesellschaft.                 Und dass man in so einer kleinen Gemeinschaft so viele suchtkranke                 Menschen hat, ist nicht zu tragen, aber man hat es trotzdem versucht.               <\/p>\n<p><b><i>GWR:<\/i> Wie k\u00f6nnten also Strukturen beschaffen sein, die                 nicht hierarchisch sind und nicht zu neuen Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnissen                 f\u00fchren, aber trotzdem gew\u00e4hrleisten, dass man sich nicht selber                 blockiert?<\/b><\/p>\n<\/p>\n<p> <i>Carla:<\/i> Ich glaube, das muss man erst wieder neu lernen.                 In der kapitalistischen Denkweise ist ein dauerndes Misstrauen                 angelegt. Was man auch in politischen Gruppen lernen muss, ist                 anderen zu vertrauen. Daf\u00fcr muss sich das Bewusstsein \u00e4ndern und                 das ist eher ein Problem der kapitalistischen Gedankenwelt als                 eines von Occupy. <\/p>\n<p><i>Jule:<\/i> Es gab im Camp auch immer Positivbeispiele, wo Menschen                 verschiedener Herkunft und Vorgeschichte in Arbeitsprozesse eingebunden                 waren. Da haben Alt und Jung, Wohnungsloser und Student, Azubi                 und Prostituierte zusammengearbeitet. Die Verschiedenartigkeit                 der Leute kann anstrengend und uneffektiv sein, sie kann aber                 auch belebend wirken, wenn die Leute offen sind f\u00fcr andere Vorstellungen                 und sich gegenseitig akzeptieren.<\/p>\n<p>Viele Menschen in unserer Gesellschaft denken aber nur an Konkurrenz:                 Ich muss Recht haben, Ich muss der Beste sein.<\/p>\n<p>Das war auch im Camp immer ein Hindernis. Es gab aber auch positive                 Beispiele, wo sich eine gewisse Stellung h\u00f6chstens durch F\u00e4higkeiten,                 durch Talent entwickelt hat. Eine gewisse Ordnung kann sich also                 ganz vielf\u00e4ltig einstellen. <\/p>\n<p><i>Steven:<\/i> Auch Bakunin sagt, dass es eine nat\u00fcrliche Autorit\u00e4t                 geben kann, wenn zum Beispiel jemand ein Meister seines Fachs                 ist. Dieser kann seine Kenntnisse dann weitergeben, damit auch                 die anderen unabh\u00e4ngiger werden. Von einer Hierarchie kann man                 dabei nicht reden, eher von einem Lehr-Lernverh\u00e4ltnis. Was wir                 schaffen m\u00fcssen, ist es, solche Themen in einen breiteren Diskurs                 zu bringen. Es ist notwendig, das auch au\u00dferhalb der innerlinken                 Informationsfl\u00fcsse zu verbreiten und das k\u00f6nnte eine Integrationsfunktion                 von Occupy sein, die uns von anderen Gruppen unterscheidet: Wie                 bekommen wir linke Themen in den offiziellen Diskurs ohne das                 Linkssein zu sehr zu betonen und damit viele Leute abzuschrecken.               <\/p>\n<p><i>Carla:<\/i> Ich komme eher aus dem linksradikalen Spektrum                 und dort fehlt diese Offenheit. Dort musst du von vornherein eine                 hohe politische Bildung mitbringen; du brauchst ein spezielles                 Wording, das du an den Tag legen musst, sonst wirst du quasi direkt                 wieder ausgeschlossen. Um also \u00fcberhaupt da hineinzukommen, musst                 du schon eine ganze Menge mitbringen und viele Gruppen, die auch                 hier in Frankfurt existieren, sind nicht mehr offen. Das ist auch                 verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Wenn man als Gruppe einmal funktioniert, verschlie\u00dft man sich                 automatisch gegen Neuzug\u00e4nge, weil es dann wieder komplizierter                 wird. Aber ich hatte irgendwann das Gef\u00fchl, dass man so nicht                 weiterkommt. <\/p>\n<p>Du brauchst die Gesellschaft hinter dir. Auch wenn man sich mit                 der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft nicht identifiziert, muss man offen                 bleiben und eine Kommunikation herstellen. <\/p>\n<p>Von daher hat mich diese Offenheit an Occupy fasziniert, aber                 genau diese hat in der radikalen linken Szene zu einer Distanzierung                 gef\u00fchrt. Die Toleranz hat sich im Camp schlie\u00dflich in Entschlossenheit                 dahingehend verwandelt, dass etwa die Drohung der Stadt Frankfurt,                 das Camp zu schlie\u00dfen, wenn nicht die Roma das Camp verlie\u00dfen,                 nicht zur Debatte stand. Unser Selbstverst\u00e4ndnis war: Dann soll                 die Stadt ihre rassistische Propaganda machen, wir machen da nicht                 mit. <\/p>\n<\/p>\n<p> <i><b>GWR:<\/b><\/i><b> Das war dann auch der Punkt, an dem die                 \u00f6ffentliche Stimmung anfing, sich gegen euch zu richten. Wie habt                 ihr das erlebt?<\/b><\/p>\n<p><i>Jule:<\/i> Da muss man trennen zwischen Sympathien mit dem                 Camp und mit Occupy allgemein. Die Sympathien mit einer Bewegung,                 die nicht mit allem einverstanden ist &#8211; da ist die Sympathie immer                 noch gro\u00df.<\/p>\n<p>Selbst in konservativen Kreisen herrscht ein Unmut, selbst FAZ-Leser                 merken: Irgendetwas l\u00e4uft hier falsch. Was das Camp betrifft,                 da hatte die BILD-Zeitung schon im Winter einen Versuch gestartet,                 da hatte das noch nicht funktioniert, aber sp\u00e4ter dann, die Geschichte                 mit den Ratten und den Roma, wohl gemerkt in einem Atemzug genannt.                 Das hat dann schon reingehauen. <\/p>\n<p><i>Steven:<\/i> Zu der Ratten-Roma-M\u00fcll-Propaganda der BILD-Zeitung:                 Wir h\u00e4tten das zu Kampfbegriffen machen m\u00fcssen. Die Tatsache,                 dass wir Menschen im Camp hatten, die durch die sozialen Netze                 fallen, das w\u00e4re eine M\u00f6glichkeit gewesen, sich st\u00e4rker mit den                 Menschen am unteren Ende der Gesellschaft zu solidarisieren. Das                 haben wir vers\u00e4umt.<\/p>\n<p><i>Ralph:<\/i> Die durch die Massenmedien verwaltete \u00d6ffentlichkeit                 ist ja schon ein gefl\u00fcgeltes Wort. Da hinein zu kommen mit Themen,                 die nicht sofort mainstreamf\u00e4hig sind, das ist tats\u00e4chlich schwierig.                 Die Medien hatten sich auf einen gewissen Diskurs \u00fcber die entfesselten                 Finanzm\u00e4rkte eingestellt, waren dann aber schon nicht mehr bereit                 mitzugehen, wenn es um grunds\u00e4tzliche Fragen des Kapitalismus                 ging. <\/p>\n<p>Das war schwierig und da bin ich auch ein bisschen ratlos, wie                 man solche Themen in den Massenmedien platzieren kann. Es gibt                 einige kleinere Zeitschriften, Radiostationen, Videoprojekte usw.,                 wo diese Themen aufgegriffen sind, aber solange sie nicht die                 gro\u00dfe \u00d6ffentlichkeit erlangen, ist es schwierig einen Integrationseffekt                 zu bekommen.<\/p>\n<p><i>Carla:<\/i> Nat\u00fcrlich hat man die Mainstreammedien gegen sich,                 denn diese sind systemtragend und das werden sie auch bleiben.                 Ich fand es auch falsch, den Medien hinterher zu rennen, damit                 sie einen positiven Bericht schreiben, statt zu sagen: Okay, das                 ist Teil des Systems und wir m\u00fcssen unsere eigenen Medien voranbringen.<\/p>\n<\/p>\n<p> <i><b>GWR:<\/b><\/i><b> H\u00e4tte man nicht als erstes ein Presseteam                 einrichten m\u00fcssen, das die Anfragen sortiert und beantwortet?                 Es gab auch den Versuch von Seiten der Medien, einzelne Personen                 zu Gesichtern der Bewegung zu machen. Man hatte den Eindruck,                 Occupy hatte nicht die Hoheit \u00fcber sich selbst.<\/b><\/p>\n<p><i>Carla:<\/i> Dass das alles so zuf\u00e4llig war, stimmt nicht und                 es gibt auch immer Rampens\u00e4ue, die das gerne machen. Aber der                 Versuch der Personalisierung der Bewegung durch die Medien ist                 ja gescheitert! Und das lag daran, dass wir immer gesagt haben:                 Wir haben keine Sprecher.<\/p>\n<p><i>Jule:<\/i> Es gab zwar im Camp Einzelpersonen, die mediengeil                 waren, aber bei der Mehrheit war es nicht so, dass wir den Medien                 hinterhergerannt sind, sondern eher umgekehrt. <\/p>\n<p>Wir wurden von einer Medienflut \u00fcberschwemmt und mussten irgendwie                 darauf reagieren.<\/p>\n<p>Mir gef\u00e4llt auch dieses pauschale &#8222;Massenmedien sind systemtragend&#8220;                 nicht. Es gibt Unterschiede und es gibt mittlerweile Schlupfl\u00f6cher                 wie Arte oder 3sat, da kann man auf Formate treffen, die das Ziel                 haben, Alternativen aufzuzeigen. Die waren auch bei uns. Es gab                 also eine Menge M\u00f6glichkeiten f\u00fcr uns, sich die richtigen herauszusuchen.                 Das haben wir vers\u00e4umt. Wir haben dann der &#8222;Welt&#8220; ein Interview                 gegeben und da h\u00e4tte ich nein gesagt.<\/p>\n<p><i>Carla:<\/i> Wir hatten auch eine Menge eigene Medien wie z.B.                 das <i>Radio 99%<\/i>, das Videoteam und das Online-Team. Es wurde                 also schon auch versucht, die eigenen Medien voranzutreiben. Sicher                 gibt es auch kritischere Formate, aber in der Regel waren hr-online,                 SAT1, RTL und BILD im Camp. Und das waren auch die Leute, die                 die meiste Propaganda gegen uns gemacht haben. Dann hie\u00df es intern,                 wir h\u00e4tten versagt, wir h\u00e4tten es nicht richtig gemacht, und deshalb                 schreiben die jetzt schlecht \u00fcber uns. Bei den Mainstreammedien                 stecken Interessen dahinter und es ist ein Trugschluss, die Fehler                 bei uns zu suchen nach dem Motto: H\u00e4tten wir alles richtig gemacht,                 h\u00e4tten wir auch eine gute Presse. <\/p>\n<p><i>Ralph:<\/i> Wir hatten teilweise keine Chance, bestimmte Thematiken                 oder Forderungen so abgebildet zu bekommen wie wir uns das vorgestellt                 haben.<\/p>\n<p>Aber das w\u00e4re auch illusorisch zu glauben, dass das so einfach                 geht. Abseits von den Massenmedien haben aber die sozialen Netzwerke                 eine sehr interessante Rolle gespielt. Occupy war vor allem eine                 Art Generalprobe f\u00fcr einen weltweit gleichzeitig aufkommenden                 Protest, der sich selbstt\u00e4tig vernetzt und eigentlich gar nicht                 so sehr auf diese etablierten Medien angewiesen ist, zumindest                 in der Anfangszeit. Das war neu an Occupy und das ist spannend.<\/p>\n<p><i>Steven:<\/i> Es stellt sich die Frage: Ist es m\u00f6glich, dass                 die Unverd\u00e4chtigen, was die Occupyer ja erst einmal sind, es schaffen,                 Begriffe wie &#8222;kapitalistische Produktionsverh\u00e4ltnisse&#8220; oder &#8222;Transformation&#8220;                 in den Mainstreamdiskurs einzubringen?<\/p>\n<p>Ich glaube, dass das m\u00f6glich ist. Insofern ist auch eine Zusammenarbeit                 mit Mainstreammedien sinnvoll. Diese Begriffe aufzuwerfen, damit                 die \u00fcberhaupt mal wieder ins allgemeine Bewusstsein kommen, das                 kann man \u00fcber Mainstreammedien erreichen. <\/p>\n<p><b><i>GWR:<\/i> Ungemach drohte aber auch von anderer Seite. Ihr                 wart Thema auch im radikal linken Akademikerzirkel, so etwa im                 Krisengespr\u00e4ch der Zeitschrift &#8222;konkret&#8220;. Da hat man stark gesp\u00fcrt:                 Die sind zum einen beleidigt, weil sie seit Jahren versuchen,                 ihre Themen in die \u00d6ffentlichkeit zu bringen und dann kommen so                 ein paar Typen, setzen sich vor die EZB und pl\u00f6tzlich redet die                 ganze Welt dar\u00fcber.<\/b><\/p>\n<p><b>Andererseits haben die sich zu Recht dar\u00fcber ge\u00e4rgert, dass                 die riesige Medienaufmerksamkeit, die pl\u00f6tzlich da war, nicht                 genutzt wurde. Die Kritik der alteingesessen radikalen Linken                 zielte dann auch genau darauf: Jetzt m\u00fcsste eigentlich das, was                 wir seit Jahrzehnten erarbeiten, was alles vorhanden ist, transportiert                 werden. Und das wurde es nicht. Stattdessen ging es mal um Einzelpersonen,                 mal um Geldreformen, mal hie\u00df es, dass keiner etwas Genaues wei\u00df                 und alle nur Fragen stellen. So gesehen wurde das Chaos im Camp                 in den Medien durchaus abgebildet und die Frage w\u00e4re: Was lernt                 man aus all dem?<\/b><\/p>\n<p><i>Jule:<\/i> Ich habe mich ge\u00e4rgert, dass von den akademischen                 Linken so wenige an Occupy teilgenommen haben, weil ich wollte,                 dass genau die Dinge, die da erarbeitet wurden, einen Raum finden.                 Das ist nicht passiert und das lag auch, aber nicht nur an uns.                 Wir sind mit vielen Dingen \u00fcberfordert gewesen, h\u00e4tten auch anders                 auf Leute zugehen m\u00fcssen, h\u00e4tten vielleicht \u00fcberhaupt auf die                 Leute zugehen m\u00fcssen, aber genauso k\u00f6nnte man auch umgekehrt fragen:                 Warum ist die linke Szene nicht vor Ort gewesen? Es waren am Anfang                 ja hin und wieder Leute da, die sich aber von Dingen abgeschreckt                 f\u00fchlten, die f\u00fcr mich eben kein Grund waren, zu sagen: Mit diesen                 Leuten will ich nichts zu tun haben. <\/p>\n<p><b><i>GWR:<\/i> Das sagt viel \u00fcber den linken Diskurs insgesamt.<\/b><\/p>\n<\/p>\n<p> <i>Jule:<\/i> Genau, das ist dieses Schwimmen im eigenen Sud.<\/p>\n<p>Wenn man unter seinesgleichen ist, ist man sich seiner Sache                 sicher, steigert sich da immer weiter hinein, bis man am Ende                 auch nichts anderes mehr zulassen kann. Es w\u00e4re sch\u00f6n gewesen,                 wenn solche Diskurse im Camp st\u00e4rker vertreten gewesen w\u00e4ren.               <\/p>\n<p><b><i>GWR:<\/i> Thomas Ebermann hat gesagt, er w\u00e4re jederzeit                 bereit gewesen zu kommen, wenn er eingeladen worden w\u00e4re. Da finde                 ich dein Argument richtig, wenn du fragst: Warum ist er nicht                 einfach gekommen? Trotzdem macht es keinen Sinn, sich auf diese                 Position zur\u00fcckzuziehen. Es bleibt also die Frage, wie man damit                 umgeht, wenn jetzt z.B. im Zuge der anstehenden Blockupy-Tage                 wieder mehr \u00d6ffentlichkeit entstehen wird. Wie geht man auf die                 Leute zu, wie bekommt man eine klare Linie auch in die eigene                 Darstellung?<\/b><\/p>\n<\/p>\n<p> <i>Carla:<\/i> F\u00fcr uns stellt sich die Frage: Wo stehen wir?                 Ich glaube, dass wir am Anfang stehen. Das Bewusstsein der Menschen,                 denen man tagt\u00e4glich begegnet, ist kapitalistisch zerfressen und                 da etwas dagegen zu setzen und langsam wieder andere Konzepte                 in das Bewusstsein zu bekommen, braucht Zeit. Da kannst du die                 Leute nicht unter Druck setzen und sagen: Jetzt m\u00fcsst ihr Erfolge                 vorweisen. Das ist auch schon wieder kapitalistisch. <\/p>\n<p>Ein Bewusstseinswandel geht langsam vonstatten, mit immer mehr                 Informationen, immer mehr Durchdringung und Verbindungen, die                 die Leute in ihren K\u00f6pfen herstellen. Der Protest, der Widerstand                 wird sich steigern, wenn sich das Bewusstsein soweit entwickelt                 hat.<\/p>\n<p><i>Ralph:<\/i> Was diese Erfolgsdebatte angeht, da wurde viel                 mit Kategorien operiert, die uns aus der Privatwirtschaft bekannt                 sind: Man muss eine starke Produktivit\u00e4t aufweisen, effizient                 sein, m\u00f6glichst gradlinig, sich gegen andere Meinungen durchsetzen                 oder sein Produkt platzieren. Das ist ein Mentalit\u00e4tsproblem,                 das auch mit unserer seit Jahrhunderten bestehenden Involviertheit                 in das kapitalistisches System zu tun hat.<\/p>\n<p><b><i>GWR:<\/i> Nochmal zu den Lehren, die man aus all dem zieht:                 W\u00fcrdet ihr sagen, dass man das k\u00fcnftig genau so weitermacht, dass                 man also sein eigenes Ding macht, egal was die gro\u00dfen Medien dar\u00fcber                 schreiben, weil man es ohnehin nicht gro\u00df beeinflussen kann? Oder                 w\u00fcrdet ihr versuchen, auch solche Kreise einzubeziehen, die von                 diesen Stra\u00dfenbewegungen Abstand zu halten versuchen?<\/b><\/p>\n<p><i>Steven:<\/i> Wir haben in den letzten anderthalb Jahren Interesse                 geweckt sowohl bei den Medien als auch bei anderen Institutionen.                 Zum Beispiel werden wir eine gemeinsame Veranstaltung mit dem                 historischen Museum \u00fcber Occupy machen.<\/p>\n<p>Dabei werden einige Campobjekte an das Museum \u00fcbergeben werden                 und eine prominent besetzte Diskussionsveranstaltung wird sich                 mit dem Thema der aktuellen Proteste in Frankfurt besch\u00e4ftigen.                 Wir erhoffen uns ein gewisses Medienecho. Die Veranstaltung findet                 kurz vor Blockupy statt, ist daher auch noch eine M\u00f6glichkeit                 der Mobilisierung. <\/p>\n<p>Wir gehen hier auf Institutionen zu, die nicht antikapitalistisch                 sind, wie ein Museum, versuchen es in die Diskussion einzubinden,                 um den Diskurs \u00fcber die linken Gruppen hinaus zu verbreitern und                 um klar zu machen, dass die Einzelprobleme alle mit dieser kapitalistischen                 Gesellschaftsformation zusammenh\u00e4ngen.<\/p>\n<p><i>Carla:<\/i> Die Vernetzung mit anderen Gruppen hat auch l\u00e4ngst                 stattgefunden. Im Blockupy-B\u00fcndnis etwa sind etliche Gruppen zusammengekommen,                 zum Beispiel Aktivisten von Attac, der Linkspartei, der Interventionistischen                 Linken, von Occupy, Erwerbsloseninitiativen und vielen anderen                 (weitere Gruppen sind die anarchistische Gewerkschaft FAU oder                 das &#8222;Um&#8217;s Ganze&#8220;-B\u00fcndnis, in dem auch viele antifaschistische                 Gruppen vertreten sind, N.H.). Dieses B\u00fcndnis h\u00e4tte es ohne Occupy                 nie gegeben und es ist das erste Mal seit langem, dass in Deutschland                 so viele linke Gruppen zusammenkommen. Blockupy findet auch 2013                 statt und hat leider nur punktuellen Charakter. Wir mobilisieren                 alle f\u00fcr einen Termin, n\u00e4mlich den 31. Mai und 1. Juni, aber es                 ist ein guter Anfang f\u00fcr die Linke in Deutschland. <\/p>\n<p><b><i>GWR:<\/i> Die Blockupy-Proteste richten sich explizit auch                 gegen die Sparpolitik in S\u00fcdeuropa. Obwohl im Grunde seit Jahren                 von Seiten des offiziellen Diskurses erkl\u00e4rt wird, die Krise sei                 zu Ende, es gehe jetzt wieder aufw\u00e4rts, passiert genau das nicht.                 Im Gegenteil: In Griechenland, Spanien und Portugal schl\u00e4gt die                 Verarmungspolitik l\u00e4ngst auf die Bev\u00f6lkerung durch. Warum ist                 die Protestbewegung dennoch nach wie vor so klein und wie k\u00f6nnte                 eine Solidarisierung mit den betroffenen L\u00e4ndern auch der antikapitalistischen                 Bewegung aus ihrer Protesthaltung heraushelfen? Wie k\u00f6nnte eine                 Perspektive entwickelt werden?<\/b><\/p>\n<p><i>Carla:<\/i> Ich glaube, die Zukunft ist d\u00fcster. Wir werden                 Zeugen vermehrter wirtschaftlich motivierter Kriegseins\u00e4tze werden                 und einen Zuwachs an sozialem Elend erleben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Man kann sich nur in kleineren Gruppen selbst organisieren.<\/p>\n<p>Egal ob es Gartenprojekte oder Hausbesetzungen sind oder Versorgungsprojekte,                 wie es in Griechenland viele gibt. Die einzige Chance, die wir                 haben, sind selbstverwaltete Projekte, damit wir so autonom wie                 m\u00f6glich existieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><i>Steven:<\/i> Ich glaube auch, dass es ein Schrecken ohne Ende                 wird. Ich glaube nicht, dass der Kapitalismus zu Ende geht. Es                 wird immer M\u00f6glichkeiten geben, das Ganze \u00fcber das n\u00e4chste Jahr,                 \u00fcber das n\u00e4chste Jahrzehnt zu retten. Das geht nicht von selbst                 den Bach runter. Da wird Blut flie\u00dfen, mit allen faschistischen                 Tendenzen. <\/p>\n<p>Der einzige Weg, der uns offen steht, ist der, m\u00f6glichst autonom                 zu werden und sich dabei m\u00f6glichst so zu vernetzen, dass es eine                 kooperative Zivilgesellschaft gibt, die daf\u00fcr sorgt, dass alle                 materiellen Bed\u00fcrfnisse befriedigt werden, damit ein gutes Leben                 m\u00f6glich sein kann jenseits von k\u00fcnstlich erzeugten Bed\u00fcrfnissen.<\/p>\n<p><b><i>GWR:<\/i> Libert\u00e4re Zentren, Stadtteile, Gebiete gibt es                 schon lange, das hat aber nicht dazu gef\u00fchrt, dass sich etwas                 zum Besseren wendet. Es ist wenig plausibel, das jetzt einfach                 fortzusetzen. Au\u00dferdem kann eine Stadt wie Frankfurt sich nicht                 selbst versorgen.<\/b><\/p>\n<p><b>Sind also in einer Welt totaler Arbeitsteilung nicht ganz                 andere Konzepte gefragt? Etwa Konzepte der Aneignung, statt sich                 immer noch die Tomaten selber z\u00fcchten zu wollen?<\/b><\/p>\n<p><i>Steven:<\/i> Man darf die globale Perspektive nicht vergessen                 und muss sich im Klaren dar\u00fcber sein, dass Produktionsprozesse                 heute global organisiert sind. Wir leben nicht mehr zu Zeiten                 Kropotkins mit der Eroberung des Brotes, wo die Commune de Paris                 sich mit der Landbev\u00f6lkerung organisiert. <\/p>\n<p>Die Grundidee, die darin steckt, muss aber auf jeden Fall weitergetragen                 werden, damit der Gedanke einer Reorganisation von unten weiter                 verbreitet wird.<\/p>\n<p>Wenn man das graswurzelhaft an vielen Stellen macht und das medial                 verbreitet und damit zeigt, dass es gelingen kann, dann kann sich                 so ein Gedanke verbreiten. <\/p>\n<p><i>Jule:<\/i> Ich habe auch eher ein d\u00fcsteres Bild von der Zukunft.                 Diese Vorstellung, dass irgendwie alles funktioniert, das br\u00f6ckelt.                 Durch diese Krise gibt es die Hoffnung, dass mehr Leute nicht                 nur \u00fcberlegen, wie sie sich selbst versorgen, sondern auch dar\u00fcber                 nachdenken, was es f\u00fcr Alternativkonzepte gibt f\u00fcr eine solidarische,                 kooperierende Gesellschaft. <\/p>\n<p>Es gibt diesen Trend und den sollte man nutzen und pushen. Es                 ist salonf\u00e4hig geworden, von einer Systemkrise zu reden und solche                 Ent- bzw. Aneignungskonzepte k\u00f6nnten auch in Zukunft wieder salonf\u00e4hig                 werden. Es ist nicht mehr so aussichtslos wie in den 80er Jahren,                 wo es hie\u00df: Eigentlich l\u00e4uft ja alles gut. Das ist eine Chance.<\/p>\n<p><i>Steven:<\/i> Du sagst Salonf\u00e4higkeit und das meint das b\u00fcrgerliche                 Spektrum?<\/p>\n<p><i>Jule:<\/i> Genau das meine ich auch!<\/p>\n<p><i>Carla:<\/i> Wenn man sich die autonomen Zentren in Griechenland                 anschaut\u2026<\/p>\n<p><b><i>GWR:<\/i> Da werden aber gerade viele abgerissen\u2026<\/b><\/p>\n<p><i>Carla:<\/i> Das stimmt, aber es gibt dort eine ganz andere                 Notwendigkeit. Die autonomen Zentren haben pl\u00f6tzlich eine existenzsichernde                 Funktion. Das f\u00e4ngt da an, wo bestimmte Aspekte des Gesundheitssystem                 autonom werden, wo sich \u00c4rzte in Kollektiven zusammenschlie\u00dfen                 und Leute behandeln; wo sich Bauern in Kollektiven zusammenschlie\u00dfen                 und die Bev\u00f6lkerung mit Lebensmitteln versorgen; wo es Werkbesetzungen                 gibt und die Arbeiter die Produktionsmittel \u00fcbernehmen. Das sind                 Tendenzen, die kann man in Griechenland beobachten und das hat                 eine andere Dimension als die autonomen Zentren in Deutschland.               <\/p>\n<p>Das ist der Weg, wo wir hin m\u00fcssen. Man muss global denken, lokal                 handeln und solche Projekte vorantreiben. Die werden eine andere                 Dimension bekommen als bisher.<\/p>\n<p><i>Ralph:<\/i> Ich schlie\u00dfe mich der d\u00fcsteren Prognose an und                 bin auch der Meinung, dass einige Chancen in der Selbstorganisation                 auf lokaler Ebene liegen.<\/p>\n<p>Was einen aber verdrie\u00dflich macht, ist, dass wir seit f\u00fcnf Jahren                 eine sich nicht wesentlich bessernde Krisensituation haben und                 dass zwar in der Bev\u00f6lkerung ein Krisenbewusstsein da ist, dass                 dieses aber nicht zum Handeln seitens der Bev\u00f6lkerung f\u00fchrt. <\/p>\n<p>Das liegt einerseits an einer gewissen Perspektivlosigkeit; man                 steckt in diesem System und es scheint keine nahe liegenden Alternativen                 zu geben, die man ergreifen kann. Es liegt auch an der ungebrochenen                 Macht des Sachzwangarguments und unseren technokratischen L\u00f6sungsversuchen,                 die \u00fcberall auf Regierungsebene angestrebt werden. <\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte die Rolle von internationalen Nichtregierungsorganisationen                 hervorheben.<\/p>\n<p>Auch auf dieser Ebene liegen Chancen, die in den n\u00e4chsten Jahren                 wichtig werden k\u00f6nnen, weil gerade diese NGOs gegen\u00fcber der Politik                 und den Massenmedien die M\u00f6glichkeit haben, praktische Ziele in                 den \u00f6ffentlichen Diskurs einzuschleusen, sodass man sich in Bezug                 auf praktische Vorstellungen dahingehend, was besser sein k\u00f6nnte,                 was falsch l\u00e4uft und welche Alternativen man hat, bestimmen kann.                 Auch diese M\u00f6glichkeit sollte man nicht abschreiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Was macht Occupy aus? Steven: Der Charakter von Occupy im Vergleich zu anderen Initiativen und bestehenden linken Gruppen besteht r\u00fcckblickend darin, dass es einen niederschwelligen Einstieg in die Politisierung geboten hat, jenseits eines politischen Programms, das von vornherein gegeben ist. Das Zusammenfinden, das Kennenlernen ist in einem ganz anderen Rahmen verlaufen, als bei anderen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/04\/occupy-war-eine-generalprobe\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Occupy war eine Generalprobe\" - graswurzelrevolution","description":"Graswurzelrevolution: Was macht Occupy aus? 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