{"id":12343,"date":"2013-04-01T00:00:02","date_gmt":"2013-03-31T22:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12343"},"modified":"2022-07-26T14:12:13","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:13","slug":"von-der-revolution-zur-erleuchtung-und-zurueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/04\/von-der-revolution-zur-erleuchtung-und-zurueck\/","title":{"rendered":"Von der Revolution zur &#8222;Erleuchtung&#8220; und zur\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>Auch wenn wir intellektuell die Destruktivit\u00e4t des Systems erkannt haben, bedeutet das noch lange nicht, dass wir frei davon w\u00e4ren. Im Gegenteil reproduzieren wir dieses System, das zu bek\u00e4mpfen wir uns zur Aufgabe gemacht haben, permanent selbst in unterschiedlichem Umfang.<\/p>\n<p>In vielen Politgruppen findet sich der Kampf um Status in \u00e4hnlicher Auspr\u00e4gung wie in kapitalistischen Unternehmen.<\/p>\n<p>Oft ist kein Platz f\u00fcr heftige Emotionen wie das Gef\u00fchl der Ohnmacht oder Wut, die fast unausweichlich mit radikalen K\u00e4mpfen einhergehen.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt in vielen F\u00e4llen dazu, dass sich Menschen, die viel Energie in solche K\u00e4mpfe gesteckt haben, in Richtung Therapieszene oder zu spirituellen Praktiken umorientieren. Solche Menschen werden meist argw\u00f6hnisch be\u00e4ugt und stehen unter dem Verdacht des Verrats &#8222;der politischen Sache&#8220;.<\/p>\n<p>Das kommt nicht von ungef\u00e4hr, denn in dem weiten Feld, das pauschal als &#8222;Esoterik&#8220; oder &#8222;New Age&#8220; bezeichnet wird, tummeln sich reaktion\u00e4re Ideologien, Personal-Happiness-Gurus, die &#8222;Gl\u00fcck und Erfolg&#8220; zu horrenden Preisen verh\u00f6kern, Wunderheiler_innen etc.<\/p>\n<p>Meist wird unterstellt, die ehemaligen Genoss_innen h\u00e4tten von heute auf morgen (meist durch esoterische Gehirnw\u00e4sche) einen radikalen Gesinnungswandel vollzogen.<\/p>\n<p>Da ein solcher blitzartiger Gesinnungswandel jedoch erfahrungsgem\u00e4\u00df selten ist, scheint diese These wenig plausibel. Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen.<\/p>\n<p>Die meiste Kritik an der &#8222;Esoterik&#8220; kommt von marxistischer Seite. Deshalb werde ich hier in kurzen Z\u00fcgen einen blasphemischen Vergleich wagen: und zwar zwischen den Grundannahmen des Zen-Buddhismus (einer besonders popul\u00e4ren Str\u00f6mung unter den spirituellen Praktiken) und denen der Marxschen Sozialtheorie.<\/p>\n<p>Der wesentliche inhaltliche Kritikpunkt an der &#8222;Esoterik&#8220; ist, dass diese ein v\u00f6llig autonomes Subjekt suggeriere, das f\u00fcr sein Gl\u00fcck und Leid selbst verantwortlich sei und damit die Ideologie des Neoliberalismus widerspiegele ((1)).<\/p>\n<p>Diese Frage nach der Souver\u00e4nit\u00e4t des Subjekts ist in der Tat wichtig f\u00fcr die politische Praxis. Das System ist uns als Selbstdisziplinierung so tief in unser Denken eingebrannt, dass es oft kaum mehr von unserem Willen unterscheidbar ist. Nach dieser Erkenntnis wird die Frage nach der M\u00f6glichkeit des emanzipatorischen Handelns im schlechten System zentral.<\/p>\n<p>Die verbreitetste marxistische Position dazu ist die Negation eines jeden wirksamen Subjekts und die Deutung von Individuen als blo\u00dfe &#8222;Personifikationen der \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse&#8220; ((2)). Aus dieser Konzeption wurde eine messianische Vorstellung von der Revolution abgeleitet, die automatisch eintrete, wenn die Zeit reif w\u00e4re. Bis dahin gilt jedes Auflehnen gegen die Verh\u00e4ltnisse als konterrevolution\u00e4r, weil die Revolution hinausz\u00f6gernd.<\/p>\n<p>Es gibt bei Marx jedoch auch eine andere Konzeption des Subjekts, die wesentlich weniger rezipiert wurde. Marx spricht dabei von der &#8222;Universalit\u00e4t des Menschen&#8220; ((3)).<\/p>\n<p>Das Subjekt ist hier materiell und geistig ein Teil seiner Umwelt und kann sich in deren (\u00f6konomischen, politischen&#8230;) Strukturen wiedererkennen, diese jedoch, aufgrund der Tatsache, dass sie auf menschliches Handeln zur\u00fcckgehen, auch ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Es wird also ein dialektisches Subjekt konzipiert, das weder v\u00f6llig autonom, noch v\u00f6llig fremdbestimmt ist. Entfremdung versteht Marx dann als fehlendes Bewusstsein der Einheit von Subjekt und Objekt ((4)).<\/p>\n<p>An diesem zentralen Punkt steht Marx \u00fcberraschend nahe an der Lehre des Zen-Buddhismus. Die zentrale Lehre des Zen ist eben diese Einheit allen Seins, die auch Marx&#8216; Subjekt-Konzept zugrunde liegt. Wie bei Marx gibt es auch im Zen keinen von der Materie getrennten Geist und vor allem keine Trennung von Subjekt und Objekt ((5)).<\/p>\n<p>Durch die Illusion eines von seiner Umwelt getrennten Selbsts entsteht f\u00fcr den Zen-Buddhismus Egoismus und Gier, die er zu \u00fcberwinden sucht. Hierzu wird eine Praxis der Achtsamkeit vorgeschlagen, die versucht, alle abstrakten Konzepte zu vermeiden und im Hier und Jetzt zu leben.<\/p>\n<p>Das kann durchaus eine politische Dimension haben. So folgert der Zen-Meister und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh aus der Einheit allen Seins: &#8222;Die einzige Alternative zu Ko-Existenz ist Ko-Nichtexistenz. Eine Zivilisation, in der wir andere t\u00f6ten und ausbeuten m\u00fcssen, um zu leben, ist keine gesunde Zivilisation.&#8220; ((6))<\/p>\n<p>Der Ausgangspunkt und das Anliegen unn\u00f6tiges Leid zu \u00fcberwinden, \u00e4hneln sich also bei Marx und im Zen-Buddhismus. Die Wege, die dazu f\u00fchren sollen, weisen jedoch in gegens\u00e4tzliche Richtungen.<\/p>\n<p>Bei Marx wird die Dialektik von Individuum und Gesellschaft in Richtung letzterer aufgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Bei ihm ist &#8222;die Produktion, [\u2026] die Grundlage aller Gesellschaftsordnung [\u2026] Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen und politischen Umw\u00e4lzungen zu suchen nicht in den K\u00f6pfen der Menschen&#8220; ((7)).<\/p>\n<p>Die Revolution begreift er als &#8222;Aufl\u00f6sung aller Widerspr\u00fcche&#8220;, nach der der Kommunismus als &#8222;objektive historische Wahrheit&#8220; hervortritt.<\/p>\n<p>Zen schl\u00e4gt den gegenl\u00e4ufigen Weg ein und sucht die Aufl\u00f6sung der Widerspr\u00fcche mit der Meditation in der kontinuierlichen Arbeit an sich selbst. Am Endpunkt dieses Prozesses soll die Erleuchtung stehen, die ebenfalls mit dem Erkennen der &#8222;objektiven Wahrheit&#8220; einhergeht ((8)).<\/p>\n<p>Dieses Eintauschen der Dialektik gegen eine &#8222;Wahrheit&#8220; hatte in beiden F\u00e4llen drastische reale Konsequenzen.<\/p>\n<p>In der &#8222;Sowjetunion&#8220; wurden bekanntlich diejenigen, die die &#8222;objektive Wahrheit&#8220; nicht einsehen wollten, zu Tausenden ermordet oder deportiert. Weniger bekannt ist die Verbindung, die der Zen-Buddhismus mit dem japanischen Faschismus vor und w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs eingegangen ist. Eine zentrale Pers\u00f6nlichkeit (jedoch keine Ausnahme, denn die Zen-Kl\u00f6ster stellten sich fast ausnahmslos hinter die Expansionspolitik der Regierung) ist dabei der Zen-Meister D.T. Suzuki, der auch wesentlich zur Popularit\u00e4t der Zen-Lehre im &#8222;Westen&#8220; beigetragen hat. Unter anderem ver\u00f6ffentlichte er zusammen mit verschiedenen Offizieren die Schrift &#8222;Die Essenz des Bushido&#8220;. Darin enthalten ist ein &#8222;Verhaltenskodex f\u00fcr Soldaten im Felde&#8220;, den alle Soldaten der kaiserlichen Armee auswendig lernen mussten.<\/p>\n<p>Darin hei\u00dft es u.a.: &#8222;Was Leben und Tod pr\u00e4gt, ist der erhabene Geist der Selbstaufopferung f\u00fcr das \u00f6ffentliche Wohl. Gehe \u00fcber Leben und Tod hinaus, indem du entschlossen vorangehst, um deine Pflicht zu erf\u00fcllen. Durch die v\u00f6llige Verausgabung der Kraft deines K\u00f6rpers und Geistes findest du gelassen deine Freude darin, in der ewigen Pflicht zu leben.&#8220; ((9))<\/p>\n<p>Suzuki nutzt hier Autorit\u00e4t, die ihm als &#8222;Erleuchtetem&#8220; zukam, um dem Militarismus der Regierung einen spirituellen Anstrich zu geben, indem er Aufopferung f\u00fcr das Vaterland mit dem Streben nach Erleuchtung gleichsetzte.<\/p>\n<p>In sp\u00e4teren Auflagen des Buches schreibt der Herausgeber in seiner Einf\u00fchrung: &#8222;Dr. Suzukis Schriften sollen den milit\u00e4rischen Geist des nationalsozialistischen Deutschland stark beeinflu\u00dft haben.&#8220; ((10))<\/p>\n<p>Die meisten linksradikalen Politgruppen (und nicht nur orthodox marxistische) sind stark nach au\u00dfen auf die Umwandlung gesellschaftlicher Strukturen orientiert.<\/p>\n<p>Das verhindert oft, dass eigene destruktive Denk- und Verhaltensweisen erkannt und \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen und l\u00e4sst schwierige Emotionen unter den Tisch fallen.<\/p>\n<p>Das wiederum beg\u00fcnstigt ein Polit-Burnout. M\u00f6glicherweise liegt darin eine plausiblere Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, dass sich ehemalige Genoss_innen in Richtung &#8222;Spiritualit\u00e4t&#8220; oder Therapieszene verabschieden, als im Gehirnw\u00e4sche-Argument.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass sowohl dem Marxismus als auch dem Zen-Buddhismus die Suche nach einer radikalen Befreiung zugrunde liegt und beide Traditionen sich in ihrer Struktur teilweise \u00e4hnlich sind. In der Spiritualit\u00e4ts- und Therapieszene werden Abgewanderte jedoch in den meisten F\u00e4llen auf die gegenteilige Problematik sto\u00dfen, also eine Orientierung nach innen, die alle politischen Voraussetzungen der Freiheit vergisst.<\/p>\n<p>Es bedarf also einer Praxis, die die Dialektik zwischen Individuum und Umwelt nicht einfach in die eine oder andere Richtung aufl\u00f6st, sondern sowohl nach &#8222;innen&#8220; als auch nach &#8222;au\u00dfen&#8220; schaut. Statt sich in einer genauso bequemen wie gef\u00e4hrlichen &#8222;objektiven Wahrheit&#8220; einzurichten, die einmal gefunden auf alles angewandt werden kann, muss eine solche Praxis die eigene Widerspr\u00fcchlichkeit anerkennen: Wir wissen, dass wir niemals Heilige sein werden und doch versuchen wir, unsere Utopie in unserem Handeln vorwegzunehmen. Dazu geh\u00f6rt auch, bin\u00e4re Kategorien wie Inl\u00e4nder_in\/Ausl\u00e4nder_in, Mann\/Frau, Freund_in\/Feind_in etc. aufzubrechen. Konkret wird es dabei darum gehen, die Elemente des destruktiven Systems in uns selbst zu erkennen und an ihrer \u00dcberwindung zu arbeiten, ohne dabei die Handlungsf\u00e4higkeit nach au\u00dfen zu verlieren.<\/p>\n<p>Dazu braucht mensch viel Achtsamkeit und Mu\u00dfe. Diese sind aber weder im kapitalistischen Normalbetrieb noch in den meisten Politgruppen verankert, sondern m\u00fcssen hart erk\u00e4mpft und erlernt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch wenn wir intellektuell die Destruktivit\u00e4t des Systems erkannt haben, bedeutet das noch lange nicht, dass wir frei davon w\u00e4ren. Im Gegenteil reproduzieren wir dieses System, das zu bek\u00e4mpfen wir uns zur Aufgabe gemacht haben, permanent selbst in unterschiedlichem Umfang. 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