{"id":12350,"date":"2013-04-01T00:00:02","date_gmt":"2013-03-31T22:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12350"},"modified":"2022-07-26T14:12:13","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:13","slug":"von-der-leichtigkeit-des-libertaeren-daseins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/04\/von-der-leichtigkeit-des-libertaeren-daseins\/","title":{"rendered":"Von der Leichtigkeit des libert\u00e4ren Daseins"},"content":{"rendered":"<p>Zu Recht fordert er einen &#8222;notwendigen Reflexionsprozess&#8220; \u00fcber                 die Frage, ab wann &#8222;Heterogenit\u00e4t bzw. Rigidit\u00e4t sch\u00e4dlich f\u00fcr                 die Bewegung&#8220; werde &#8211; gerade auch, wenn man &#8211; wie er und der Autor                 dieser Zeilen &#8211; die Auffassung vertritt, dass &#8222;Heterogenit\u00e4t&#8220;                 grunds\u00e4tzlich als ein &#8222;Zeichen von Vitalit\u00e4t&#8220; zu verstehen und                 zu begr\u00fc\u00dfen ist, man aber nicht in &#8222;Beliebigkeit&#8220; verfallen will.               <\/p>\n<p>Im Folgenden soll allerdings nicht dieser Problematik nachgegangen,                 sondern ein anderer Punkt angesprochen werden. Die Differenz zwischen                 dem CrimethInc-Kollektiv und Schmidt\/van der Walt betrifft ja                 anscheinend nicht nur die Frage, was genau als Anarchismus zu                 gelten hat, sondern es geht auch um die Frage nach dem Umgang                 mit der Geschichte des Anarchismus. W\u00e4hrend die Autoren von <i>Black                 Flame<\/i> stark auf eine bestimmte Geschichte des Anarchismus                 reflektieren, tendiert allem Anschein nach das CrimethInc-Kollektiv                 dazu, die Geschichte des Anarchismus beiseite zu schieben. <\/p>\n<p>Anhand des soeben ins Deutsche \u00fcbersetzten Buchs von Cindy Milstein                 &#8211; <i>Der Anarchismus und seine Ideale<\/i> (Unrast, 2013) &#8211; m\u00f6chte                 ich eine Position vorstellen und diskutieren, die sich eher in                 der Mitte der von Sebastian vorgestellten Ans\u00e4tze platziert und                 dabei vielleicht am ehesten dem common sense im gegenw\u00e4rtigen                 Anarchismus entsprechen mag.<\/p>\n<p>Milstein ist eine nordamerikanische Aktivistin aus dem Umfeld                 des &#8222;Institute for Anarchist Studies&#8220; und hat es sich zum Ziel                 gesetzt, &#8222;in den Anarchismus von der Warte des fr\u00fchen 21. Jahrhunderts                 aus einzuf\u00fchren&#8220; (S.7f.). Das ist zu begr\u00fc\u00dfen und tats\u00e4chlich                 &#8211; sollte es stimmen, dass der &#8222;Anarchismus wieder auf den Plan                 getreten&#8220; ist (S.92) &#8211; auch eine Notwendigkeit, um alte Antworten                 zu durchdenken, neue Fragen zu stellen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Milstein ist Anarchismus eine &#8222;kompromisslose Philosophie                 der Freiheit!&#8220; (S.8), deren &#8222;Kernfrage&#8220; w\u00e4re: &#8222;Wie kann eine Welt                 aussehen, in der sowohl alle Individuen als auch die Gesellschaft                 als Ganze frei sind?&#8220; (S.72) <\/p>\n<p>Dieser Ausgangspunkt scheint mir zutreffend, denn <i>die<\/i>                 Frage ist wirklich, inwieweit ein &#8222;innere[r] Ausgleich zwischen                 den allseitigen Bed\u00fcrfnissen des Einzelwesens und den sozialen                 Bindungen des Gemeinwesens (\u2026), durch welche sich beide erg\u00e4nzen                 und miteinander verwachsen f\u00fchlen&#8220; (Rocker 1949: S.85), hergestellt                 werden kann.<\/p>\n<p>Schwieriger wird es, wenn als &#8222;gemeinsame[s] Ziel&#8220; aller AnarchistInnen                 eine &#8222;Welt ohne Staat und Kapital&#8220; (S.41) angef\u00fchrt wird, bzw.                 das Zerst\u00f6ren von &#8222;Warenform&#8220; und &#8222;Herrschaft&#8220; (S.54). Denn hier                 w\u00e4re n\u00e4her zu kl\u00e4ren, was unter &#8222;Kapital&#8220; und &#8222;Warenform&#8220; genau                 zu verstehen ist und &#8211; welche Position man in dieser Frage auch                 einnehmen mag &#8211; klarzustellen, dass es hierzu m\u00f6glicherweise,                 ich w\u00fcrde sagen: ziemlich sicher, auch verschiedene Positionen                 im historischen und gegenw\u00e4rtigen Anarchismus gibt. <\/p>\n<p>Ohne eine solche Kl\u00e4rung stellt sich dagegen leicht die durch                 Assoziationen hervorgerufene Tendenz ein, den Anarcho-Kommunismus                 in seiner rigiden Form bei Kropotkin zu <i>dem<\/i> Anarchismus                 zu erkl\u00e4ren &#8211; was historisch schon einmal verh\u00e4ngnisvoll war,                 f\u00fcr Max Nettlau gar die &#8222;Trag\u00f6die des modernen Anarchismus&#8220; (Nettlau                 1927a: S.236). <\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde als allgemeine Gemeinsamkeit des Anarchismus &#8222;<i>die                 Verneinung des autorit\u00e4ren Prinzips in der sozialen Organisation<\/i>&#8220;                 vorschlagen, damit die Ablehnung aller &#8222;<i>Zwangsmittel, die aus                 Institutionen hervorgehen, die auf diesem Prinzip gegr\u00fcndet sind<\/i>&#8220;                 (Faure 1925: S.25). <\/p>\n<p>Diese Definition l\u00e4sst sich dann weit interpretieren &#8211; was ich                 vorteilhaft finde. Milstein sieht richtig in der Potenz zu einer                 &#8222;umfassende[n] Kritik von Hierarchie und Herrschaft&#8220; die Einzigartigkeit                 des Anarchismus &#8222;unter allen politischen Philosophien&#8220; (S.46).               <\/p>\n<p>Diese Potenz hat ihr zufolge aber der klassische Anarchismus                 nicht entfaltet, er habe vielmehr &#8222;viele Herrschaftsformen&#8220; \u00fcbersehen                 (S.26). <\/p>\n<p>Genannt werden &#8222;<i>Gender<\/i> und <i>Race<\/i>&#8220; (S.26). Nun scheint                 mir dies nicht ganz \u00fcberzeugend, denn AnarchistInnen haben erstens                 immer wieder darauf hingewiesen, dass es &#8222;wider alle und alles&#8220;                 gehen m\u00fcsse, &#8222;die und was da presst und saugt und b\u00fcttelt&#8220;<i>                 <\/i>(Most 1899: S.56), sei dies nun &#8222;elterliche, priesterliche                 und g\u00f6ttliche, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche                 und moralische Autorit\u00e4t&#8220; (Berkman 1929: S.9). Zweitens wurden                 z.B. Geschlechterverh\u00e4ltnisse als Herrschaftsbeziehungen problematisiert                 &#8211; z.B. vom mexikanischen Anarchisten Pr\u00e1xedis Guerrero zu Beginn                 des 20.Jahrhunderts: ohne Geschlechtergleichheit &#8222;im Haushalt&#8220;                 w\u00fcrde dort &#8222;immer der Samen der Tyrannei liegen&#8220; (zit.n. Trejo                 2005: S.217). Auch das Problemfeld <i>Race<\/i> wurde im Kontext                 des Internationalismus gestellt. <\/p>\n<p>Was Milstein allerdings konkret unter Schlagworten wie &#8222;<i>Gender<\/i>&#8220;                 und &#8222;<i>Race<\/i>&#8220; versteht bleibt eher im Dunkeln. Dabei w\u00e4re                 gerade an dieser Stelle eine Kl\u00e4rung notwendig, da ich beim besten                 Willen nicht behaupten m\u00f6chte, dass im klassischen Anarchismus                 schon alles wichtige zu diesen Themen gesagt wurde. <\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich zeigen z.B. der Umgang mit den &#8222;Mujeres Libres&#8220;                 im Spanischen B\u00fcrgerkrieg (vgl. Bianchi 2003) oder das konkrete                 Versagen in Sachen Internationalismus (vgl. Nettlau 1927b: 123ff.),                 dass man hier keine Sch\u00f6nf\u00e4rberei betreiben sollte. Man k\u00f6nnte                 sogar weiter gehen und sagen, dass es eine nicht unbetr\u00e4chtliche                 Tendenz zu einem &#8222;Rassenanarchismus&#8220; (Max Nettlau) gab &#8211; vor allem                 in der Differenzierung zwischen potentiell anarchistischen und                 eher autorit\u00e4tsh\u00f6rigen V\u00f6lkern (z.B. bei Bakunin, die Gegen\u00fcberstellung                 von Slaven und Deutschen), der immer wieder verh\u00e4ngnisvoll durchschlug                 (z.B.: im Ersten Weltkrieg bei Kropotkin u.a.). Aber zu sagen,                 dass <i>der<\/i> klassische Anarchismus diese Fragen einfach &#8222;\u00fcbersah&#8220;                 (S.26), scheint mir dann doch \u00fcberzogen, der Hinweis er habe sie                 &#8222;oft vernachl\u00e4ssigt&#8220; (S.26) schon eher zutreffend. <\/p>\n<p>Milstein schreibt selbst, dass einer der &#8222;Grundwerte, die dem                 Anarchismus seit jeher seinen Charakter&#8220; gegeben h\u00e4tten, der &#8222;Internationalismus&#8220;                 gewesen sei (S.28) und gegen Ende des B\u00fcchleins hei\u00dft es, dass                 der Anarchismus im 19. Jahrhundert seiner Zeit voraus war, &#8222;als                 er eine Welt transnationaler und multidimensionaler Identit\u00e4ten                 propagierte&#8220; (S.92). <\/p>\n<p>Als wichtiges Thema w\u00e4re im \u00dcbrigen auch noch der mehr oder weniger                 stark ausgepr\u00e4gte Antisemitismus mancher AnarchistInnen zu nennen.               <\/p>\n<p>Kernpunkt von Milsteins Kritik ist jedenfalls, dass sich &#8222;der                 Anarchismus in seinen Anf\u00e4ngen auf die zwei vermeintlich gr\u00f6\u00dften                 Hindernisse auf dem Weg zu einer befreiten Gesellschaft: Staat                 und Kapital&#8220; konzentrierte (S.37). Hier f\u00e4llt auf, dass die Religion                 nicht erw\u00e4hnt wird &#8211; zuvor war einmal von der &#8222;Kirche&#8220; die Rede                 (S.26). Auff\u00e4llig ist dies, weil f\u00fcr nicht wenige AnarchistInnen                 des 19. Jahrhunderts die Religion und mit ihr die &#8222;geistige Versklavung&#8220;,                 als das eigentliche Fundament von Herrschaft betrachteten &#8211; diese                 werde &#8222;immer mit nat\u00fcrlicher Konsequenz zur politischen und sozialen                 Versklavung f\u00fchren&#8220; (Bakunin 1868: S.65). <\/p>\n<p>Mit diesem Fokus unterlief der klassische Anarchismus denn auch                 immer wieder eine einfache Fokussierung auf Staat und Kapital                 und thematisierte das Problem herrschaftsf\u00f6rmiger Subjektkonstitution,                 z.B. auch die &#8222;freiwillige Knechtschaft&#8220;. Dieser Linie folgend,                 konnte beispielsweise der Anarchist Alexander Berkman betonen,                 dass wir lernen m\u00fcssen &#8222;anders \u00fcber Regierung und Autorit\u00e4t zu                 denken, denn solange wir so denken und handeln wie heute, wird                 es Intoleranz, Verfolgung und Unterdr\u00fcckung geben, selbst wenn                 die organisierte Regierung abgeschafft ist&#8220; (Berkman 1929: S.50).               <\/p>\n<p>Der wiederum nicht ganz unberechtigte Vorwurf Milsteins, wonach                 \u00fcbersehen wurde, dass &#8222;zahlreiche gesellschaftliche Herrschaftsformen                 (\u2026) auch im Falle einer \u00dcberwindung von Staat und Kapital weiter                 bestehen w\u00fcrden&#8220; (S.44), w\u00e4re daher auch zu nuancieren. <\/p>\n<p>Dass der klassische Anarchismus den &#8222;Bedarf an der Entwicklung                 nicht-hierarchischer Strukturen (\u2026) untersch\u00e4tzt&#8220; h\u00e4tte (S.26),                 scheint mir ebenfalls nicht zutreffend zu sein; seit dem &#8222;Jurazirkular&#8220;                 war dies immerhin <i>das<\/i> organisationspraktische Thema. Man                 muss bei solchen Fragen auch die historischen Umst\u00e4nde ber\u00fccksichtigen,                 z.B. die Verfolgungen, die das Organisieren erschwerten; au\u00dferdem                 der weitverbreitete Glaube, dass man &#8211; eine nahende Revolution                 vor Augen &#8211; gar keine Zeit und Kapazit\u00e4ten zum Aufbau selbstverwalteter                 Strukturen besitze. Das Thema selbst aber war immer pr\u00e4sent. <\/p>\n<p>Milsteins Ausf\u00fchrungen erscheinen mir &#8211; ihres Hinweises auf die                 &#8222;W\u00fcrde der anarchistischen Geschichte&#8220; (S.79) zum Trotz &#8211; eher                 simplifizierend, nichtsdestotrotz geben sie Fingerzeige auf Probleme                 im klassischen Anarchismus, die diskutiert werden sollten. Problematisch                 erscheint mir nun aber, dass diese Kritik nicht den Ausgangspunkt                 f\u00fcr eine fundierte Auseinandersetzung mit dem klassischen Anarchismus                 setzen m\u00f6chte, sondern vor allem dazu dienen scheint, ein Lob                 &#8211; vor allem &#8211; auf den gegenw\u00e4rtigen Anarchismus anzustimmen. Auf                 einmal erf\u00e4hrt man n\u00e4mlich die sch\u00f6nsten Dinge: AnarchistInnen                 seien &#8222;immer ehrlich genug&#8220;, sich &#8222;die Sackgassen einzugestehen,                 in die sie sich auf ihrer Reise verirren&#8220; (S.28). <\/p>\n<p>Als wahre K\u00fcnstlerInnen des Widerstands suchen sie, sobald &#8222;die                 revolution\u00e4re Spitze eines Projekts oder einer Kampagne stumpf                 geworden ist, was im Kapitalismus oft passiert, (\u2026) nach neuen                 Wegen&#8220; (S.40). Immer w\u00fcrde versucht werden, &#8222;ehrlich und offen,                 Gemeinsamkeiten zu finden, ohne Gegens\u00e4tze zu verleugnen&#8220; (S.75)                 und anarchistische Projekte &#8222;eine Ahnung davon&#8220; vermitteln, wie                 eine egalit\u00e4re Gesellschaft aussehen k\u00f6nnte (S.84). Kurz: &#8222;was                 z\u00e4hlt, ist die Lebendigkeit, von der Menschen berichten, nachdem                 sie dem Anarchismus zum ersten Mal in der Praxis begegnet sind&#8220;                 (S.50f.). <\/p>\n<p>Das nimmt bisweilen eine religi\u00f6se F\u00e4rbung an: &#8222;Viele, die den                 Anarchismus entdecken und sich zum ersten Mal eine Welt ohne Hierarchien                 vorstellen, beschreiben diese Erfahrung als Aufgehen eines Lichtes.&#8220;                 (S.47) <\/p>\n<p>Nun h\u00f6rt sich das sch\u00f6n und aufbauend an, aber ich vermute, dass                 nicht aus der Welt geschafft wurde, was Erich M\u00fchsam anl\u00e4sslich                 der Auseinandersetzung zwischen Gustav Landauer und Otto Gross                 im Juli 1911 in sein Tagebuch notierte: &#8222;Wir wollen neuen Anstand,                 neue Beziehungen zwischen den Menschen schaffen und schon unter                 uns ist keine ehrliche, freie, sch\u00f6ne Verst\u00e4ndigung m\u00f6glich.&#8220;                 (zit.n. Wolf 2010: S.47) <\/p>\n<h3>Milsteins Ausf\u00fchrungen vor Augen, kann man sich nur wundern,                 warum der Anarchismus bei solch einer Attraktivit\u00e4t eigentlich                 keine internationale Massenbewegung ist <\/h3>\n<p>Nicht zuletzt, weil er doch auch die dem Menschen ad\u00e4quate Form                 des Lebens zu sein scheint. So scheint Milstein zu wissen, worin                 &#8222;[w]irklich menschliches Verhalten&#8220; besteht &#8211; n\u00e4mlich darin, &#8222;\u00dcberfluss                 frei zu verteilen und sich aller Menschen anzunehmen&#8220; (S.39).                 Sollte es hier Abweichungen geben, kann dies mit Hilfskonstruktionen                 kompensiert werden, wonach die &#8220; Menschen&#8220; die Dinge &#8222;gemeinsam,                 basisdemokratisch, freiwillig und solidarisch&#8220; eigentlich &#8222;im                 Grunde gerne tun m\u00f6chten&#8220; (S.51).<\/p>\n<p>Hoffnungsfroh hei\u00dft es: &#8222;Hierarchische Formen gesellschaftlicher                 Organisation k\u00f6nnen niemals die Bed\u00fcrfnisse und W\u00fcnsche der meisten                 Menschen erf\u00fcllen, w\u00e4hrend nicht-hierarchische Formen immer wieder                 bewiesen haben, dazu f\u00e4hig zu sein.&#8220; (S.28) Warum aber gibt es                 sie dann nicht in viel umfassenderer Form? <\/p>\n<p>&#8222;Es hat etwas Euphorisches, die Annahme zu \u00fcberwinden, dass Hierarchien                 ein notwendiger Teil unserer Existenz sind.&#8220; (S.47) Aber macht                 es nicht auch Angst? Ist die &#8222;Furcht vor der Freiheit&#8220; (Erich                 Fromm) nicht ernster zu nehmen? Was ist mit dem Problem der &#8222;Ordnungssicherheit&#8220;                 (Heinrich Popitz), womit wir zu einem, u.a. von Malatesta betonten                 Problem kommen: &#8222;Zerst\u00f6rung der bestehenden gesellschaftlichen                 Institutionen, Mechanismen und Organisationen? Gewi\u00df, wenn es                 sich um repressive Organisationen handelt, aber diese sind im                 Grunde nur ein kleiner Teil in der Komplexit\u00e4t gesellschaftlichen                 Lebens. Polizei, Armee, Gef\u00e4ngnisse, Justiz &#8211; die als m\u00e4chtige                 Faktoren sehr viel \u00dcbel anrichten &#8211; erf\u00fcllen nur eine parasit\u00e4re                 Funktion. Es sind andere Organisationen und Institutionen, denen                 es mehr schlecht als recht gelingt, der Menschheit das Leben zu                 sichern, und diese Institutionen k\u00f6nnen nur dann sinnvoll zerst\u00f6rt                 werden, wenn man ihre Stelle etwas Besseres setzt. Handel mit                 Rohstoffen und Produkten, Verteilung der Lebensmittel, Eisenbahnen,                 Post\u00e4mter, s\u00e4mtliche \u00f6ffentlichen, vom Staat oder von privaten                 Unternehmern erbrachten Dienstleistungen, wurden in einer Weise                 organisiert, da\u00df sie kapitalistischen, monopolistischen Interessen                 dienen, doch entsprechen sie auch tats\u00e4chlichen Bed\u00fcrfnissen der                 Bev\u00f6lkerung. Wir k\u00f6nnen sie nicht desorganisieren (und dies w\u00fcrde                 uns im \u00fcbrigen auch die betroffene Bev\u00f6lkerung nicht gestatten),                 wenn wir sie nicht auf bessere Weise neu organisieren.&#8220; (Malatesta                 1922: 128f.) <\/p>\n<p>F\u00fcr nicht wenige klassische AnarchistInnen, die Milstein als                 weitgehend naiv gekennzeichnet hat, waren die Menschen (auch)                 durch eine zu ber\u00fccksichtigende Tr\u00e4gheit und Autorit\u00e4tsh\u00f6rigkeit                 charakterisiert. Bei Milstein scheint dagegen eher die Sonne zu                 scheinen: &#8222;Die Menschheit hat sich zu beinahe unbegrenzter Vorstellungskraft                 und enormem Erfindungsreichtum f\u00e4hig gezeigt.&#8220; (S.57) Sicher,                 aber eben nicht nur und vielleicht nicht einmal in erster Linie.               <\/p>\n<p>Mehrere Andeutungen &#8211; wie diese &#8211; legen nahe, dass Milstein selbst                 einer m.E. naiveren Linie im Anarchismus folgt, die mit dem Namen                 Kropotkin in Verbindung gebracht werden kann (im Gegensatz z.B.                 zur Linie Bakunin-Malatesta). <\/p>\n<p>Mit diesem Anschluss verbunden ist auch die Wiederkehr schon                 in der Vergangenheit diskutierter Probleme, die bei Millstein                 &#8211; weil sie ihre Kropotkin&#8217;sche Auffassung von Anarchismus als                 <i>den<\/i> Anarchismus darstellt &#8211; als Gemeinsamkeiten unterstellt,                 wo eigentlich Differenzen sind. Man kann das an ihrer emphatischen                 Darstellung der &#8222;Gegenseitigen Hilfe&#8220; (Kropotkin) nachvollziehen,                 die eine &#8222;grenzenlose Gro\u00dfz\u00fcgigkeit&#8220; impliziere (S.66) und &#8222;Empathie                 zu einem allgemeinen Prinzip&#8220; mache (S.66). <\/p>\n<p>Dieser \u00dcberschwang bringt Probleme mit sich, die eher verdeckt                 als offen thematisiert werden. So hei\u00dft es: &#8222;Es bedarf eines Gef\u00fchls                 der Verbundenheit und des gegenseitigen Respekts &#8211; genauso wie                 in Freundschaften.&#8220; (S.71) <\/p>\n<p>Mir scheint der gegenseitige Respekt ausreichend. Setzt dieser                 zwar irgendeine Form von &#8222;Verbundenheit&#8220; voraus, so doch sicher                 nicht etwas, was mit einer Freundschaft vergleichbar w\u00e4re. Gustav                 Landauer hat zurecht angemerkt, dass es &#8222;allgemeine Menschenliebe                 (\u2026) nur in der Art&#8220; geben k\u00f6nne, &#8222;dass man gerechterweise anerkennt,                 alle anderen seien ebenso viel wert&#8220;, dass es aber &#8222;Allerweltsliebe                 im Sinne wirklicher Herzlichkeit&#8220; nicht geben k\u00f6nne (Landauer                 1910: 22). <\/p>\n<p>Sollte es anders sein, umso besser, aber man muss bei diesen                 Fragen vorsichtig sein, dass man nicht in eine &#8222;Diktatur der erzwungen                 Freundlichkeit&#8220; kommt. Milstein scheint mir hier nahe dran zu                 sein.<\/p>\n<p>Wenn sie z.B. schreibt, &#8222;dass wir alles, was wir tun, unter Ber\u00fccksichtigung                 der Bed\u00fcrfnisse und W\u00fcnsche anderer tun&#8220; sollten, dann h\u00f6rt sich                 das erstmal gut an. Wenn es aber direkt anschlie\u00dfend hei\u00dft, dass                 wir &#8222;an all dem Lust empfinden&#8220; werden\/sollen (S.74), wird die                 Sache problematisch. <\/p>\n<p>Denn was passiert mit denen, die einfach &#8222;nur&#8220; vern\u00fcnftig miteinander                 umgehen wollen, ohne deshalb gleich Feste der allgemeinen Liebe                 zu feiern? Ich empfinde solche Positionen als Zumutung und GesinnungspolizistInnen                 hatten wir schon: Man denke an die Idee eines &#8222;Generalinquisitor[s]                 des moralischen Verhaltens seiner Nachbarn&#8220; bei William Godwin                 (zit. n. Degen\/Knoblauch 2006: S.29)<\/p>\n<p>Es ist vor diesem Hintergrund auff\u00e4llig, dass Milstein Menschen,                 die z.B. gegenseitige Versprechen nicht halten, sogleich das Verfolgen                 einer &#8222;Herrschaftslogik&#8220; unterstellt (S.71). Als m\u00fcsste man als                 AnarchistIn dem Zwang unterliegen, das, was einen nervt, zugleich                 in einer Art zu politisieren, die mir eher in einen &#8222;mikropolitischen                 Faschismus&#8220; (Gilles Deleuze) f\u00fchrt, als dass er die Grundlage                 f\u00fcr eine nach Umst\u00e4nden m\u00f6glichst entspannten Konfliktkultur abgibt.               <\/p>\n<p>Milstein hingegen verdeckt solche Fragen und Problematiken, weil                 sie es allen Recht machen m\u00f6chte. So wird erkl\u00e4rt, dass AnarchistInnen                 &#8222;allen Basisbewegungen gegen\u00fcber offen&#8220; seien und sich &#8222;- auf                 der Grundlage kritischer Solidarit\u00e4t &#8211; als deren Verb\u00fcndete&#8220; verst\u00fcnden,                 &#8222;immer mit der Absicht, von ihnen zu lernen.&#8220; (S.94) <\/p>\n<p>Andererseits scheint das dann doch nicht so ganz hinzukommen,                 denn: &#8222;&#8218;Freie Assoziation&#8216; zur Unterdr\u00fcckung von Homosexuellen                 steht in v\u00f6lligem Gegensatz zu anderen grundlegenden Werten des                 Anarchismus.&#8220; (S.73) Mit Letzterem hat sie Recht und es w\u00e4re ehrlicher,                 deutlich zu machen, auf welcher Grundlage offensichtlich mit Basisbewegungen                 umzugehen ist. <\/p>\n<p>Malatesta hat dies in einer \u00e4hnlichen Frage gemacht, als er sich                 dem Trend entgegenstellte, wonach der Syndikalismus sich selbst                 gen\u00fcge (analog bei Millstein: die Basisbewegungen) und stattdessen                 eine Solidarit\u00e4t mit dem Syndikalismus forderte, dabei aber die                 genuin anarchistische Identit\u00e4t dar\u00fcber nicht zu vergessen, gar                 zu meinen, sie seien in diesem aufgehoben (vgl. Nettlau 1922:                 S.124ff.). Auch der Anschluss an \u00f6konomische Vorstellungen Kropotkins                 als Vorstellungen des Anarchismus verdeckt die keineswegs unberechtigte                 historische Kritik an Kropotkin.<\/p>\n<p>Wenn Milstein n\u00e4mlich paradigmatisch am Beispiel einer Bibliothek                 anf\u00fchrt &#8211; &#8222;Alle k\u00f6nnen ausleihen, was sie wollen und so oft sie                 es wollen&#8220; (S.65) &#8211; stellt sich die Frage, ob nicht vielmehr \u00fcber                 Regelungen nachzudenken w\u00e4re, wer, wann und wie lange welche B\u00fccher                 ausleihen kann &#8211; weil es eben keinen \u00dcberfluss in allem gibt.                 Landet man sonst nicht bei einer wenig realistischen und auch                 &#8211; z.B. in Anbetracht der \u00f6kologischen Frage &#8211; nicht w\u00fcnschenswerten                 Vorstellung des &#8222;Alles-vom-Haufen-nehmen&#8220; \u00fcber deren Probleme                 Leute wie z.B. Merlino und Nettlau schon einiges gesagt haben?               <\/p>\n<p>Scheint in der Welt des Anarchismus die solidarische Sonne, wirken                 manche Nebenbemerkungen Milsteins wie nicht weiter ernst gemeinte                 Reflexe, die eben zum guten Ton geh\u00f6ren. So, wenn es hei\u00dft, dass                 Anarchismus &#8222;kein Honigschlecken&#8220; sei, und den &#8222;Anarchismus zu                 verwirklichen, (\u2026) alles andere als einfach&#8220; (S.46). <\/p>\n<p>Hart &#8222;an der Ver\u00e4nderung seiner selbst und der Gesellschaft&#8220;                 gelte es hierf\u00fcr zu arbeiten (S.48). Man f\u00fchlt sich an Elis\u00e9e                 Reclus erinnert: &#8222;Unter Gleichen ist die Aufgabe schwieriger,                 aber auch vornehmer: Man mu\u00df streng die Wahrheit suchen, die pers\u00f6nliche                 Pflicht entdecken, sich selbst kennenlernen, fortw\u00e4hrend an seiner                 Erziehung arbeiten, sich so verhalten, da\u00df die Rechte und Interessen                 der Genossen respektiert werden. Nur dann wird man ein wirklich                 moralischer Menschen, gelangt man zum Gef\u00fchl seiner Verantwortlichkeit.&#8220;                 (Reclus 1895: 251) <\/p>\n<p>Auch hier zeigt sich im Vergleich, dass Milstein die eigentlichen                 Schwierigkeiten \u00fcberspielt, wenn nicht die Reclus&#8217;sche Pflicht,                 sondern &#8222;Lust&#8220; und &#8222;Liebe&#8220; im Vordergrund stehen. Gegen Lust und                 Liebe ist nichts zu sagen, mir scheint aber, dass &#8222;die Prinzipien,                 die Menschen im Kampf um eine bessere Welt antreiben&#8220; (S.73) eher                 im Rechtsbewusstsein und einer Vorstellung von eigener W\u00fcrde liegen.                 Vor allem scheint mir Milstein damit eine freundliche, aber problematische                 Vorstellung vom anarchistischen Kampf zu transportieren. <\/p>\n<p>Fritz Brupbacher schrieb 1931 an Nettlau: Kropotkins Optimismus                 &#8222;hat uns einiges geschadet in der Bewegung \u00fcberhaupt, wie ein                 jeder Optimismus. Er zog uns Leute an, die nur wegen der falschen                 Perspektive kamen und dann abfielen als sie merkten, dass der                 Optimismus nicht gerechtfertigt ist.&#8220; (zit.n. Burazerovic 1996:                 S.105) <\/p>\n<p>Nun h\u00e4tte es etwas absurd \u00dcberhebliches, wenn ich Stubenhocker                 hier einer langj\u00e4hrigen Aktivistin \u00fcber Aktivismus doziere &#8211; mir                 scheint nur, dass hier wirklich Probleme thematisiert werden m\u00fcssen.               <\/p>\n<h3>Max Nettlau hat die wichtige Frage gestellt: &#8222;Welche Schuld                 immer die Sozialdemokraten (\u2026) tragen, haben wir es besser gemacht?&#8220;<\/h3>\n<p>Milstein braucht sich diese Frage im Grunde nicht zu stellen,                 weil sie wie Friedrich Engels in seinem selbstkritischen R\u00fcckblick                 &#8211; die &#8222;Geschichte&#8220; hat &#8222;uns unrecht gegeben&#8220; (Engels 1895: S.514)                 &#8211; geschichtsphilosophisch die Schuld <i>der<\/i> Geschichte anlastet,                 die &#8222;damals keine libert\u00e4re Entwicklung&#8220; zugelassen habe (S.31).                 Der kurze Zeit sp\u00e4ter gemachte Hinweis auf die &#8222;Kr\u00e4fte der Geschichte&#8220;                 (S.32) bleibt vage und ungekl\u00e4rt. <b><\/b><\/p>\n<p>Milstein scheint sich schon in einer anderen Zeitrechnung zu                 bewegen: &#8222;Nat\u00fcrlich ist es unser Ziel zu gewinnen, aber auf zahlreiche                 Weisen, gro\u00dfe und kleine, haben wir das bereits getan.&#8220; (S.79)                 Man wiederholt auch hier Kropotkin: &#8222;Was fr\u00fcher zu den unbestreitbaren                 Funktionen von Staat und Kirche geh\u00f6rte, wird heute von den freien                 Gruppen \u00fcbernommen. Diese Tendenz ist augenf\u00e4llig.&#8220; (Kropotkin                 1913: S.93) Nur kam dann der Weltkrieg\u2026 <\/p>\n<h3>Das B\u00fcchlein ist dennoch gut zu lesen und mag Menschen, die                 weniger pessimistisch sind als ich, Mut und Freude bereiten<\/h3>\n<p>Es ist ja auch nicht alles schlecht &#8211; mehr als der &#8222;Aufbau horizontaler                 gesellschaftlicher Organisationsformen&#8220; (S.10) f\u00e4llt mir erstmal                 auch nicht ein, und gegen eine &#8222;Wiederaneignung der Vorstellungskraft&#8220;                 (S.47) ist nichts einzuwenden. F\u00fcr eine Debatte scheint es mir                 aber wichtig, gerade auch problematische Aspekte zu thematisieren.               <\/p>\n<p>So sei das B\u00fcchlein nichtsdestotrotz allen ans Herz gelegt, wenngleich                 wichtige Fragen f\u00fcr einen tragf\u00e4higen Anarchismus heute nicht                 gestellt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Recht fordert er einen &#8222;notwendigen Reflexionsprozess&#8220; \u00fcber die Frage, ab wann &#8222;Heterogenit\u00e4t bzw. Rigidit\u00e4t sch\u00e4dlich f\u00fcr die Bewegung&#8220; werde &#8211; gerade auch, wenn man &#8211; wie er und der Autor dieser Zeilen &#8211; die Auffassung vertritt, dass &#8222;Heterogenit\u00e4t&#8220; grunds\u00e4tzlich als ein &#8222;Zeichen von Vitalit\u00e4t&#8220; zu verstehen und zu begr\u00fc\u00dfen ist, man aber nicht in &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/04\/von-der-leichtigkeit-des-libertaeren-daseins\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Von der Leichtigkeit des libert\u00e4ren Daseins - graswurzelrevolution","description":"Zu Recht fordert er einen \"notwendigen Reflexionsprozess\" \u00fcber die Frage, ab wann \"Heterogenit\u00e4t bzw. 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