{"id":12358,"date":"2013-04-01T00:00:28","date_gmt":"2013-03-31T22:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12358"},"modified":"2022-07-26T14:22:25","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:25","slug":"der-teutonische-tsunami","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/04\/der-teutonische-tsunami\/","title":{"rendered":"Der &#8222;teutonische Tsunami&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>An einem sch\u00f6nen Sonntagmorgen im August ger\u00e4t die Erdkruste                 bei Konstanz, wo der Bodensee sich in den Rhein ergie\u00dft, f\u00fcr knapp                 neunzehn Sekunden in ein Beben der St\u00e4rke 8,3, das den Grund des                 Seeausgangs metertief aufrei\u00dft. <\/p>\n<p>Die Folgen sind verheerend.<\/p>\n<p>9000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde dr\u00e4ngen auf die erweiterte                 \u00d6ffnung zu. Eine Wasserwalze schie\u00dft nach Basel hinab, rei\u00dft einen                 guten Teil der chemischen Industrie mit sich und erreicht wenig                 sp\u00e4ter den Atommeiler Fessenheim, dessen altersschwache Fundamente                 den entfesselten Naturkr\u00e4ften nichts entgegenzusetzen haben. <\/p>\n<p>Der &#8222;teutonische Tsunami&#8220; l\u00f6st eine nukleare Kettenreaktion aus,                 und aus der zerst\u00f6rten Anlage steigt eine radioaktive Wolke auf,                 die &#8211; beg\u00fcnstigt von einer Brise aus der burgundischen Pforte                 &#8211; sanft auf Freiburg zutreibt. Dieses apokalyptische Szenario                 ist der Stoff, aus dem die neue Novelle von J\u00fcrgen Lodemann gewebt                 ist. Seine literarische Antwort auf Fukushima, mit Fabulierlust                 vorgetragen. <\/p>\n<p>Wer nun denkt, hier sei jemandem die Phantasie durchgegangen,                 der sollte eines Besseren belehrt werden. Die Region Basel z\u00e4hlt                 weltweit zu den Zonen mit dem gr\u00f6\u00dften Erdbebenrisiko, Basel geh\u00f6rt                 mit San Francisco zu den zehn am meisten gef\u00e4hrdeten St\u00e4dten.                 Ein Blick zur\u00fcck in die Geschichte gen\u00fcgt. Am Abend des 18. Oktober                 1356 legte ein gewaltiger Erdstoss Basel in Tr\u00fcmmer.<\/p>\n<p>Noch acht Tage sp\u00e4ter w\u00fctete die Feuersbrunst. Es war das st\u00e4rkste                 Erdbeben n\u00f6rdlich der Alpen seit Menschengedenken. Nach Ansicht                 des Schweizer Erdbebendienstes ist eine Wiederholung nicht ausgeschlossen.                 Doch w\u00e4hrend die Sicherheits-Fachleute im Ernstfall dramatische                 Katastrophen-Szenarien f\u00fcr realistisch halten, verdr\u00e4ngt die Bev\u00f6lkerung                 die Gefahr erfolgreich. Im Gegensatz zu San Francisco gibt es                 im Raum Basel &#8211; von einigen Bem\u00fchungen der Industrie abgesehen                 &#8211; weder generelle bauliche Vorkehrungen noch eine breite Verhaltensschulung                 der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Die fortschreitende Erderw\u00e4rmung er\u00f6ffnet ein weiteres Szenario                 des Schreckens: das sogenannte Flash Flooding, das in j\u00fcngster                 Zeit in Europa vor allem Italien und Frankreich heimgesucht hat.                 Ein dreit\u00e4giger sturzbachartiger Dauerregen am Rhein zwischen                 Winterthur und L\u00f6rrach w\u00fcrde mit seiner Flutwelle Fessenheim wegsp\u00fclen                 und einen Super-GAU ausl\u00f6sen. <\/p>\n<p>Der Atomunfall in Fukushima hat Japan bisher ungef\u00e4hr 200 Milliarden                 Euro gekostet. Laut einer soeben ver\u00f6ffentlichten Studie des franz\u00f6sischen                 Instituts f\u00fcr Strahlenschutz und nukleare Sicherheit w\u00fcrde ein                 mit Fukushima vergleichbarer Atomunfall in Frankreich rund 430                 Milliarden Euro kosten.<\/p>\n<p>100.000 EinwohnerInnen w\u00e4ren auf der Flucht und die Ernten vernichtet.                 Franz\u00f6sische Agrarprodukte w\u00fcrden unverk\u00e4uflich werden, kein Mensch                 w\u00fcrde mehr franz\u00f6sischen Wein trinken wollen. Die Japaner haben                 noch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig Gl\u00fcck gehabt. G\u00fcnstige Winde haben die atomare                 Wolke aufs Meer hinaus geweht. Diesen Vorteil gibt es am Oberrhein                 nicht. Die radioaktiven Partikel aus Fessenheim w\u00fcrden eingeschlossen                 von Schwarzwald und Vogesen das gesamte Dreiecksland verseuchen.<\/p>\n<p>Mit einer geh\u00f6rigen Portion S\u00fcffisanz beschreibt J\u00fcrgen Lodemann,                 wie das beschauliche Freiburg sich in eine Geisterstadt verwandelt                 und die \u00fcberrumpelten EinwohnerInnen auf der Flucht die steilen,                 schmalen T\u00e4ler des Schwarzwaldes verstopfen. <\/p>\n<p>Die Beh\u00f6rden sind auf den GAU nicht vorbereitet, es gibt keinen                 Evakuierungsplan, Panik greift um sich, jeder ist sich selbst                 der N\u00e4chste. Und das in einer Stadt, die in der Bundesrepublik                 als Flagschiff einer vorausplanenden Umweltpolitik gilt, weltweit                 anerkannt als Trendsetter einer funktionierenden Energiewende,                 in deren Vorzeigestadtteil Vauban es nur so wuselt von gr\u00fcn-alternativen                 Projekten und Werkst\u00e4tten f\u00fcr eine bessere \u00f6kologische Zukunft.               <\/p>\n<p>J\u00fcrgen Lodemann, der aus dem Ruhrpott stammt, wohin es ihn regelm\u00e4\u00dfig                 zur\u00fcckzieht, lebt hier mittendrin und hat schon in seinem vorherigen                 Roman &#8222;Salamander&#8220; diese Gemengelage aus Suche nach alternativen                 Lebensformen und selbstzufriedener neuer B\u00fcrgerlichkeit bissig                 aufs Korn genommen.<\/p>\n<p>Ihn verbindet eine tiefe Zuneigung mit seiner Wahlheimat und                 dem angrenzenden Schwarzwald, dem Ort, wo Wilhelm Hauffs M\u00e4rchen                 &#8222;Das kalte Herz&#8220; entstand,- eine radikale Abrechnung mit der Entfremdung                 des Menschen im heraufziehenden Kapitalismus. <\/p>\n<p>Hier haben schon immer Aufkl\u00e4rer und Aufr\u00fchrer gelebt, von Erasmus                 von Rotterdam bis zu den badischen Radikaldemokraten und Fr\u00fchsozialisten                 um Friedrich Hecker, die 1848\/49 im Gro\u00dfherzogtum Baden die Monarchie                 st\u00fcrzen und eine Republik zu errichten versuchten. <\/p>\n<p>Hauptfigur Ben Busch, ein sprachbegabter Nachwuchsjournalist,                 nachhaltig gef\u00f6rdert von Josef Oberst (!), Chef der Reportageseite                 bei der Freiburger Zeitung, begegnet der sch\u00f6nen Geologin Petra                 &#8222;mit kurvigem Haar wie Wasserf\u00e4lle&#8220;, die nachts feinste seismographische                 Ersch\u00fctterungen am Rhein bei Konstanz protokolliert. <\/p>\n<p>Mit ihrer Hilfe beschreibt er unter dem Titel &#8222;Wenn Meiler explodieren&#8220;                 eine &#8222;unerh\u00f6rte Begebenheit&#8220;, die im &#8222;harmonies\u00fcchtigen&#8220; Freiburg                 wie eine Bombe einschl\u00e4gt und durch den Abdruck in einer gro\u00dfen                 Berliner Zeitung auch die Hauptstadt ersch\u00fcttert. Lodemanns vorw\u00e4rtsdr\u00e4ngende                 Prosa erinnert mich teilweise an Christian Geisslers Stil in seinem                 Roman &#8222;Brot mit der Feile&#8220;. Sie hat aber auch etwas M\u00e4rchenhaftes.                 Politisches Pl\u00e4doyer verschmilzt mit Traumsequenzen am Rhein,                 wenn die Geologin und Kundschafterin erdgeschichtlicher Verwerfungen                 ihrem n\u00e4chtlichen Gef\u00e4hrten &#8222;von unaufh\u00f6rlich wirksamen Transitzust\u00e4nden&#8220;                 ins Ohr fl\u00fcstert, &#8222;von Zeichen aus br\u00fcchigen Gr\u00fcnden, aus diesen                 dauerhaft labilen Verworfenheiten namens Leben, dem unendlich                 Launischen, ewig Gebrechlichen&#8220;. Lodemann glaubt unersch\u00fctterlich                 an die Erneuerung, die Novellierung. <\/p>\n<p>Bei ihm geschieht sie durch Frauen wie Petra, &#8222;die bestm\u00f6gliche                 Verbesserung des Sternstaubs, ein Materienzauber, der zu Ende                 denken kann&#8220;. <\/p>\n<p>Er \u00fcberrascht seine LeserInnen mit profunden Kenntnissen aus                 der Welt der Geologie, und Ben Busch erf\u00e4hrt so nebenbei von Petra,                 dass der Sohn von Alfred D\u00f6blin, Wolfgang D\u00f6blin, ein mathematisches                 Genie war, der sich auf der Flucht vor den Nazis 1940 in den Vogesen                 das Leben nahm. Solche und andere Details machen den Band lesenswert,                 weit \u00fcber die unmittelbare Geschichte hinaus. <\/p>\n<p>Wie schon in fr\u00fcheren &#8222;Schwarzwaldgeschichten&#8220; kreist Lodemanns                 Novelle erneut um das Dreiecksland. Ist er deshalb ein Heimatdichter?                 Nein, sondern einer, der einen genauen Blick auf seine n\u00e4chste                 Umgebung wirft, um das gro\u00dfe Ganze zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An einem sch\u00f6nen Sonntagmorgen im August ger\u00e4t die Erdkruste bei Konstanz, wo der Bodensee sich in den Rhein ergie\u00dft, f\u00fcr knapp neunzehn Sekunden in ein Beben der St\u00e4rke 8,3, das den Grund des Seeausgangs metertief aufrei\u00dft. Die Folgen sind verheerend. 9000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde dr\u00e4ngen auf die erweiterte \u00d6ffnung zu. 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