{"id":12407,"date":"2013-05-01T00:00:27","date_gmt":"2013-04-30T22:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=12407"},"modified":"2022-07-26T14:22:25","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:25","slug":"der-papst-und-die-moerder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/05\/der-papst-und-die-moerder\/","title":{"rendered":"Der Papst und die M\u00f6rder"},"content":{"rendered":"<p>Circa 30.000 Menschen &#8222;verschwanden&#8220; w\u00e4hrend dieser Zeit. Sie wurden in staatlich organisierten Razzien verschleppt, in illegalen Haftzentren auf milit\u00e4rischem Gel\u00e4nde, in Polizeiwachen oder Autogaragen bestialisch gefoltert, monate-, wenn nicht gar jahrelang ohne jegliche Rechtsgrundlage festgehalten und schlie\u00dflich in der \u00fcberwiegenden Mehrzahl der F\u00e4lle ermordet.<\/p>\n<p>Man qu\u00e4lte sie zu Tode, erschoss sie in geheimen Massenhinrichtungen und verscharrte ihre Leichen auf Baustellen und \u00c4ckern, oder man warf sie bet\u00e4ubt, aber noch lebend, aus Flugzeugen ins Meer. Schwangere Gefangene wurden so lange am Leben gehalten, bis sie entbunden hatten. Dann ermordete man sie und gab ihre Kinder an &#8222;regimetreue Familien&#8220;, um auf diese Weise f\u00fcr k\u00fcnftige Generationen die &#8222;Saat der Subversion&#8220; auszutilgen.<\/p>\n<p>Zweifellos war die Debatte um Bergoglios m\u00f6gliche Verstrickung in die Verbrechen der Diktatur in seinem Heimatland Argentinien am intensivsten.<\/p>\n<p>Aber auch in Deutschland wurde mit harten Bandagen gek\u00e4mpft. Die <i>taz<\/i> etwa sah den Niedergang der katholischen Hierarchie durch die Wahl Bergoglios endg\u00fcltig besiegelt: Auf den &#8222;Hitlerjungen Ratzinger&#8220; sei ein Diktatorenknecht gefolgt. Auf der anderen Seite schrieben katholische Medien von &#8222;b\u00f6swilliger Hetze&#8220; unverbesserlicher &#8222;Kirchenhasser&#8220; und wiesen alle Vorw\u00fcrfe pauschal zur\u00fcck. Als \u00fcberm\u00e4\u00dfig sachlich konnte man diese Debatte nicht bezeichnen.<\/p>\n<h3>Die Vorw\u00fcrfe<\/h3>\n<p>Dabei sind die Vorw\u00fcrfe gegen Bergoglio schwerwiegend. Sie wurden schon lange vor seiner Wahl zum Papst erhoben und h\u00e4tten eine genauere Pr\u00fcfung verdient gehabt.<\/p>\n<p>Bergoglio habe, so die erste Anschuldigung, Mitglieder seines eigenen damaligen Ordens, der Jesuiten, den Mordkommandos der Junta aus politischen Gr\u00fcnden absichtlich ausgeliefert. Diese Anschuldigung ist umso gewichtiger, als in Argentinien durchaus F\u00e4lle bekannt sind, in denen Industrieunternehmen, kirchliche Einrichtungen oder Einzelpersonen w\u00e4hrend der Diktatur missliebige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Hilfe von &#8222;schwarzen Listen&#8220; den M\u00f6rdern in die H\u00e4nde spielten.<\/p>\n<p>Eine simple Denunziation gen\u00fcgte, ihr Schicksal zu besiegeln. Insbesondere die Niederlassung von Mercedes Benz in Buenos Aires hat in dieser Hinsicht eine d\u00fcstere &#8222;Vita&#8220;.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts war es auch innerhalb der katholischen Kirche Argentiniens in Reaktion auf die Beschl\u00fcsse des II. Vatikanischen Konzils und die Konferenz von Medell\u00edn (1968) zu einer starken Politisierung und Polarisierung gekommen.<\/p>\n<p>Gegen eine privilegierte, wohlhabende und konservative Kirchenspitze, die traditionell das B\u00fcndnis mit den Herrschenden suchte, eine <i>konstantinische Elite <\/i>sozusagen, organisierten sich an der Basis sozial engagierte Priester und Gl\u00e4ubige.<\/p>\n<p>Geistliche und Laien gingen in die Elendsviertel von Buenos Aires und gr\u00fcndeten sogenannte Bibelkreise, in denen die Heilige Schrift gemeinsam mit den kaum gebildeten Bewohnerinnen und Bewohnern der &#8222;Villas&#8220; als Aufforderung zu sozialem Handeln oder gar als revolution\u00e4res Manifest gelesen und gedeutet wurde.<\/p>\n<p>Solche Bibelkreise gab es auch in anderen L\u00e4ndern Lateinamerikas. In Nicaragua, El Salvador und Guatemala gaben sogar nachmalige Guerillaf\u00fchrer an, ihre erste Politisierung in eben diesen Bibelkreisen erfahren zu haben. Auch in Argentinien hatten die <i>Montoneros<\/i> und andere Guerillabewegungen katholische Wurzeln.<\/p>\n<p>Die kirchliche Nomenklatura Argentiniens sah diese Entwicklung &#8211; mitten im Kalten Krieg &#8211; als bedrohliche kommunistische Unterwanderung an. Sowohl von Rom als auch von den nationalen Bischofssitzen aus wurde sie entschieden bek\u00e4mpft. Hinzu kam die argentinische Besonderheit des <i>Peronismus<\/i>, der sich nach dem Sturz Per\u00f3ns in einen rechten und einen linken Fl\u00fcgel aufgespalten hatte, die schlie\u00dflich die Waffen gegeneinander erhoben.<\/p>\n<p>Als Bergoglio am 31. Juli 1973, gerade einmal 36 Jahre alt und erst seit sieben Jahren Priester, zum Provinzial der argentinischen Jesuiten ernannt wurde, geh\u00f6rte er eindeutig dem konservativen Fl\u00fcgel an. Er war Mitglied der &#8222;Guardia de Hierro&#8220; [&#8218;Eiserne Garde&#8216;], einer rechtsperonistischen Gruppe, in deren Reihen sich sowohl bekennende Atheisten als auch gl\u00fchende Katholiken fanden und die sich in ihrem Namen auf eine paramilit\u00e4rische, nationalistische und antisemitische Gruppe in Rum\u00e4nien bezog.<\/p>\n<p>In einem Bericht des argentinischen Geheimdienstes <i>Side<\/i> aus dem Jahr seiner Ernennung wird behauptet, Bergoglio habe sein Amt mit dem Vorsatz angetreten, &#8222;linke Jesuiten&#8220; zu bek\u00e4mpfen. Ob diese Behauptung glaubw\u00fcrdig ist, darf allerdings bezweifelt werden. Der Verdacht jedoch, auch Bergoglio k\u00f6nnte seine H\u00e4nden w\u00e4hrend der Diktatur in Blut getaucht haben, war (zumindest auf den ersten Blick) nicht leichthin abzutun.<\/p>\n<p>Die zweite Anschuldigung bezieht sich auf Bergoglios Rolle w\u00e4hrend des systematischen Raubs von in der Gefangenschaft geborenen Kindern. Er habe von diesem Verbrechen &#8211; dem einzigen \u00fcbrigens, das zu allen Zeiten in Argentinien justiziabel war und von keiner Amnestieregelung erfasst wurde &#8211; weit fr\u00fcher Kenntnis gehabt, als er sp\u00e4ter habe zugeben wollen. Er habe sich den verzweifelten Angeh\u00f6rigen gegen\u00fcber kalt und abweisend verhalten, nichts getan, um dem unmenschlichen Treiben Einhalt zu gebieten und sei m\u00f6glicherweise sogar ein stiller Parteig\u00e4nger dieser Art des &#8222;antisubversiven Kampfes&#8220; gewesen.<\/p>\n<p>Auch in dieser Hinsicht ist die Geschichte der argentinischen Kirche w\u00e4hrend der Diktatur nicht dazu angetan, den Verdacht vor der Zeit zu entkr\u00e4ften. Denn es ist wahrscheinlich, dass viele konservative Kirchenf\u00fcrsten den Raub von Kindern (angeblich oder tats\u00e4chlich) &#8222;linker&#8220; Eltern als Akt der Barmherzigkeit ansahen, als &#8222;Rettung unschuldiger Seelen&#8220; vor dem verderblichen Einfluss ihrer &#8222;teuflischen&#8220; Erzeuger.<\/p>\n<p>In Spanien waren katholische Einrichtungen noch Jahre nach Francos Tod hauptverantwortlich f\u00fcr einen vergleichbaren, systematischen &#8222;Kinderdiebstahl&#8220;, auch wenn die Eltern dort nicht, wie in Argentinien, ermordet, sondern &#8222;nur&#8220; \u00fcber das Schicksal ihrer Kinder get\u00e4uscht wurden.<\/p>\n<p>Was also ist von diesen Vorw\u00fcrfen zu halten, die mit gleicher Vehemenz erhoben wie bestritten werden? Sie konkretisieren sich im Wesentlichen an zwei F\u00e4llen:<\/p>\n<h3>Fall 1: Die Entf\u00fchrung der Jesuiten Orlando Yorio und Francisco Jalics<\/h3>\n<p>Orlando Yorio und Francisco Jalics geh\u00f6rten w\u00e4hrend der siebziger Jahre dem Orden der Jesuiten an. Sie waren zwei jener Geistlichen, die, beeinflusst durch die <i>Theologie der Befreiung<\/i> und die Beschl\u00fcsse von Medell\u00edn, die bisherige soziale Rolle ihrer Kirche und ihres Ordens mit Unwillen sahen.<\/p>\n<p>In ihren Augen war die Erl\u00f6sung von Armut, Unrecht und Elend nichts, was auf das Jenseits verschoben werden durfte, sondern die Aufgabe eines jeden aufrechten Christen im Hier und Jetzt. Beide engagierten sich gemeinsam mit anderen Glaubensbr\u00fcdern als <i>Katecheten<\/i> (Religionslehrer au\u00dferhalb offizieller Bildungseinrichtungen) in einem Armenviertel von Buenos Aires namens Bajo Flores.<\/p>\n<p>Am 24. Mai 1976 wurden sie von einem Greifkommando des Milit\u00e4rs verschleppt. Sechs Monate lang folterte man sie u.a. in der <i>Escuela de Mec\u00e1nica de la Armada<\/i> (ESMA), dem gr\u00f6\u00dften und ber\u00fcchtigten Foltergef\u00e4ngnis der Marine. Schlie\u00dflich warf man sie, bet\u00e4ubt und halbnackt, aber noch lebend, wie Unrat aus einem Lieferwagen auf ein Feld. Jalics floh zuerst in die USA, dann nach Deutschland.<\/p>\n<p>Yorio lebte bis zu seinem Tod im Jahre 2000 im Exil in Uruguay. Beide beschuldigten Zeit ihres Lebens ihren ehemaligen Provinzial Jorge Mario Bergoglio, sie nicht nur nicht gesch\u00fctzt, sondern absichtlich den Milit\u00e4rs ausgeliefert zu haben.<\/p>\n<p>Auch in ihren schriftlichen Lebenserinnerungen wiederholten sie diesen Vorwurf, der eine verklausuliert, der andere direkt. 2005 wurde Bergoglio in Argentinien wegen seiner m\u00f6glichen Verstrickung in den Entf\u00fchrungsfall offiziell angeklagt. Zum Prozess kam es allerdings nie.<\/p>\n<p>Jalics und Yorio waren in den Jahren unmittelbar vor der Diktatur innerhalb ihres Ordens alles andere als wohlgelitten gewesen. Zahlreiche b\u00f6swillige Ger\u00fcchte zirkulierten \u00fcber die &#8222;marxistischen Armenpriester&#8220;: Sie spr\u00e4chen &#8222;sonderbare Gebete&#8220;, lebten mit Frauen zusammen, seien im Grunde H\u00e4retiker und unterhielten Kontakte zur Guerilla.<\/p>\n<p>Nach dem Putsch der Milit\u00e4rs im M\u00e4rz 1976 wurden solche \u00fcblen Nachreden f\u00fcr die beiden Geistlichen lebensbedrohlich.<\/p>\n<p>Auch Bergoglio war dies bewusst. In einem Interview, das er nach seiner Wahl zum Papst gab und in dem er erstmals wieder auf Jalics und Yorio zu sprechen kam, sagte er: &#8222;Ich habe nie geglaubt, dass sie mit &#8217;subversiven Aktivit\u00e4ten&#8216; zu tun hatten, wie ihre Verfolger behaupteten. Und das hatten sie auch wirklich nicht. Aber durch ihre Kontakte zu einigen Priestern in den Armenviertel waren sie zu exponiert f\u00fcr die damalige Paranoia und Hexenjagd&#8220;.<\/p>\n<p>Mehrfach wurden Jalics und Yorio bei Bergoglio vorstellig, um ihn zu bitten, den bedrohlichen Ger\u00fcchten entschiedener entgegenzutreten.<\/p>\n<p>Der habe ihnen das auch zugesichert, behaupteten sie, in Wahrheit aber habe er in ordens- und kircheninternen Schreiben die Ger\u00fcchte als Tatsachen verbreitet, um sie aus dem Orden zu dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Horacio Verbitsky, Argentiniens bekanntester investigativer Journalist und ein profunder Kenner der argentinischen Kirchengeschichte, hat ein Dokument entdeckt (und ver\u00f6ffentlicht), das beweist, dass Bergoglio selbst nach der Freilassung von Yorio und Jalics noch die alten Vorw\u00fcrfe gegen sie wiederholte, um zu verhindern, dass sie wieder innerhalb der Kirche Fu\u00df fassen konnten.<\/p>\n<h3>Aber gen\u00fcgt das alles, um ihm ein stillschweigendes Mordkomplott zu unterstellen?<\/h3>\n<p>Nichts beweist, dass Bergoglio vorgehabt haben k\u00f6nnte, die Schergen der Junta die &#8222;schmutzige Arbeit&#8220; tun zu lassen. Im Gegenteil: Er bezahlte Jalics die Flucht nach Europa, und auch an der Behauptung, Bergoglio habe nichts getan, um die beiden Entf\u00fchrten frei zu bekommen, sind Zweifel angebracht. Denn nur einen Monat, nachdem ihre Peiniger Jalics und Yorio auf dem Feld abgeladen hatten, erhielt Admiral Massera, eine der drei Spitzen der Junta, in einer feierlichen Zeremonie die Ehrendoktorw\u00fcrde der <i>Universidad del Salvador<\/i> (Usal) &#8211; der Universit\u00e4t der Jesuiten.<\/p>\n<p>Zwei Jahre zuvor hatte Bergoglio die Universit\u00e4t an einen zivilen Tr\u00e4gerverein \u00fcbergeben, dem allerdings zwei seiner Freunde aus der &#8222;Guardia de Hierro&#8220; vorstanden. Sein Einfluss auf die Uni war also gesichert. Bergoglio hatte im Sommer 1976 nach eigenen Angaben zweimal mit Massera und General Videla gesprochen.<\/p>\n<p>Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die durch nichts zu rechtfertigende Ehrung des ber\u00fcchtigten Schl\u00e4chters Massera ein &#8222;Dankesch\u00f6n&#8220; gewesen sein k\u00f6nnte, eine Art grausiges Gesch\u00e4ft: <i>Titel gegen Leben<\/i>. Denn man darf bezweifeln, dass die beiden exponierten und verleumdeten Jesuiten ohne die F\u00fcrsprache einer m\u00e4chtigen Institution \u00fcberhaupt eine \u00dcberlebenschance gehabt h\u00e4tten. Bergoglio hat dieser Darstellung nie widersprochen, wohl aber seinen Einfluss heruntergespielt. Benimmt sich so ein M\u00f6rder?<\/p>\n<p>Weit eher meint man bei Ansicht der Quellen einen ehrgeizigen und karrierehungrigen Geistlichen vor sich zu haben, der seinen Kirchenoberen zeigen will, dass er die ihm gestellten Aufgaben mit Entschlossenheit bew\u00e4ltigen kann. Dass er &#8222;Ordnung schaffen kann in seinem Laden&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;In den siebziger Jahren&#8220;, schreibt der Kirchenhistoriker Mart\u00edn Obreg\u00f3n, &#8222;verfolgte die katholische Hierarchie [in Argentinien] das Ziel, die Kirche nach konservativen Richtlinien neu zu organisieren. Und das hie\u00df: Disziplinierung der radikalsten Sektoren des katholischen Feldes&#8220;.<\/p>\n<p>Obreg\u00f3n spricht von einem dramatischen &#8222;Rechtsschwenk&#8220; und stellt fest, Disziplinierung habe nicht selten die &#8222;Isolierung [&#8230;] und den Ausschluss&#8220; missliebiger Mitglieder bedeutet.<\/p>\n<p>Bergoglio war in dieser Hinsicht ganz <i>his masters voice<\/i>.<\/p>\n<p>Er schreckte weder vor interner Denunziation noch vor Heuchelei zur\u00fcck, um seine Ziele zu erreichen, und nutzte die ostentative Abgrenzung von in Ungnade gefallenen Kollegen, um sich selbst mehr Profil zu geben. Zu anderen Zeiten w\u00e4re ein solches Verhalten, so traurig das sein mag, (auch) innerhalb kirchlicher Einrichtungen nichts Besonderes gewesen.<\/p>\n<p>Und strafbar ist es auch nicht. Bergoglio, kein Freund linker Theologie, arbeitete gewisserma\u00dfen nur mit den &#8222;\u00fcblichen Mitteln&#8220;, um seine Karriere innerhalb der Kirche voranzubringen. Er tat dies auch noch, als diese Mittel pl\u00f6tzlich weit gef\u00e4hrlicher (f\u00fcr andere) geworden waren, als er selbst es vielleicht zun\u00e4chst wahrhaben wollte.<\/p>\n<p>Sein schlie\u00dfliches Handeln mag nicht zuletzt dem Schrecken \u00fcber diesen Wandel geschuldet gewesen sein. Er wollte Jalics und Yorio sicher aus dem Orden dr\u00e4ngen. Tot sehen aber wollte er sie nicht.<\/p>\n<h3>Fall 2: Der Raub der kleinen Ana de la Cuadra<\/h3>\n<p>Estela de la Cuadra ist die Tochter einer Legende der argentini<\/p>\n<p>schen Menschenrechtsbewegung: Alicia de la Cuadra, genannt &#8222;Licha&#8220;, war eine der drei Gr\u00fcnderinnen der <i>Abuelas de Plaza de Mayo<\/i> [&#8218;Gro\u00dfm\u00fctter des Mai-Platzes&#8216;], einer Organisation, die sich bis heute mit gro\u00dfem Engagement bem\u00fcht, die sch\u00e4tzungsweise 500 Kinder wiederzufinden und ihren wahren Familien zuzuf\u00fchren, die w\u00e4hrend der Diktatur zur Zwangsadoption freigegeben worden waren.<\/p>\n<p>Auf die Familie de la Cuadra war die blutige Faust der Diktatur mit besonderer Gewalt niedergegangen: sieben (!) Familienmitglieder &#8222;verschwanden&#8220;, unter ihnen Estelas Ehemann Gustavo Fraire und ihr Bruder Roberto Jos\u00e9.<\/p>\n<p>Am 23. Februar 1977 entf\u00fchrten die Milit\u00e4rs ihre Schwester Elena und deren Partner H\u00e9ctor Baratti. Elena war im f\u00fcnften Monat schwanger.<\/p>\n<p>Am 7. Juli erhielt die Familie erste Nachrichten, dass Elena im Foltergef\u00e4ngnis des F\u00fcnften Kommissariats von La Plata eine Tochter zur Welt gebracht habe: Ana. Von ihr fehlt bis heute jede Spur.<\/p>\n<p>\u00dcber jesuitische Kontakte in Italien gelang es Alicia und ihrem Mann, eine Audienz bei Bergoglio zu erhalten. Der versprach zu helfen und bat den Bischof von La Plata, Mario Piqui, sich bei den zust\u00e4ndigen Stellen nach dem Schicksal von Elena und Ana zu erkundigen. Was dieser auch tat.<\/p>\n<p>In einem Schreiben, das er an die Familie de la Cuadra sandte, best\u00e4tigte er die Geburt Anas. Die weiteren Informationen waren grausam: Das Baby werde &#8222;in einer anst\u00e4ndigen Familie&#8220; aufwachsen. Ihrer Mutter k\u00f6nne &#8222;niemand mehr helfen&#8220;. All dies sei nun &#8222;nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen&#8220;. Elena war also tot, und die kleine Ana verschwunden.<\/p>\n<p>Im Rahmen eines gro\u00dfen Prozesses zum systematischen Kindsraub w\u00e4hrend der Diktatur erhob Estela de la Cuadra als Zeugin im Mai 2011 schwere Vorw\u00fcrfe gegen Bergoglio. Er habe behauptet, erst nach dem Ende der Diktatur vom Diebstahl der Kinder erfahren zu haben. Das sei nachweislich falsch: &#8222;Bergoglio hat im Prozess um die ESMA behauptet, er habe erst vor zehn Jahre von verschwundenen Kindern erfahren. Ich finde es unmoralisch, so etwas zu sagen. Er verspottet die M\u00fchen dieser M\u00e4nner und Frauen. Es ist nun schon das dritte Mal, dass er so etwas [&#8230;] sagt. Wie beabsichtigen Sie, mit Bergoglio umzugehen? Er hat sich in der Angelegenheit um Ana engagiert, aber was ist dabei herausgekommen? Welche Schritte hat er unternommen? Was ist mit Ana geschehen? W\u00e4re es nicht angemessen, dass Bergoglio auf diese Fragen antwortet?&#8220;.<\/p>\n<p>Das Gericht zog sich zur Beratung zur\u00fcck. Im gleichen Jahr wurde Bergoglio tats\u00e4chlich erneut als Zeuge vorgeladen.<\/p>\n<p>Aber auch ohne die scharfe Anklage von Estela de la Cuadra l\u00e4sst sich Bergoglios Aussage, er habe erst lange nach der Diktatur vom systematischen Kindsraub erfahren, als Schutzbehauptung entlarven. Selbst im ber\u00fchmten <i>Nunca m\u00e1s<\/i>-Bericht von 1984, der erstmals einen Teil der Verbrechen der Junta einer gr\u00f6\u00dferen \u00d6ffentlichkeit bekannt machte, findet sich ein kurzes Kapitel \u00fcber Kindsraub. Schon 1979 jedoch hatten sich die <i>Abuelas de Plaza de Mayo<\/i> mit einem umfassenden Dossier, das F\u00e4lle verschwundener Kinder dokumentierte, an die kirchlichen Autorit\u00e4ten gewandt. Kardinal Ra\u00fal Primatesta hatte der Organisation daraufhin zur\u00fcckgeschrieben: &#8222;Wir sind \u00fcber ihre Situation informiert [&#8230;]. Wir w\u00fcrden ihnen gerne helfen, ihre Enkel zur\u00fcckzubekommen, aber sie kennen die begrenzten Handlungsm\u00f6glichkeiten der kirchlichen Hierarchie. Wir werden am Grabe der Apostel f\u00fcr sie beten, f\u00fcr sie und alle, die in ihrer Situation sind.&#8220;<\/p>\n<p>Warum Bergoglio mit Blick auf den Diebstahl der Kinder und vor allem auf das Verschwinden von Ana de la Cuadra die Unwahrheit gesagt hat, wei\u00df wohl nur er selber. Aus einer Schutzbehauptung aber eine stille Parteinahme zu konstruieren, ist unzul\u00e4ssig.<\/p>\n<h3>Schlussfolgerungen<\/h3>\n<p>Viele von Bergoglios Aussagen \u00fcber seine Rolle w\u00e4hrend der Diktatur sind widerspr\u00fcchlich und wirken zuweilen sattsam bekannt. Seine Behauptung etwa, er habe vielen Verfolgten der Diktatur das Leben gerettet, indem er sie im <i>Colegio M\u00e1ximo<\/i> der Jesuiten versteckt oder au\u00dfer Landes gebracht habe, ist zwar m\u00f6glicherweise zutreffend &#8211; auch andere Zeugen best\u00e4tigen dies &#8211; l\u00e4sst den Betrachter aber doch mit Misstrauen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Denn der erfahrene Kirchenf\u00fchrer Bergoglio, der sich an andere Ereignissen seines Lebens mit Pr\u00e4zision und Details erinnern kann, bringt es nicht fertig, sich auch nur einen einzigen Namen eines der von ihm angeblich Geretteten ins Ged\u00e4chtnis zu rufen.<\/p>\n<p>Auch andere Rechtfertigungsversuche Bergoglios klingen seltsam vertraut: Zum Beispiel, dass er zu jung und einflusslos gewesen sei, um sich ernsthaft der Verfolgung entgegenstellen zu k\u00f6nnen. Gleichzeitig leugnet er nicht, zweimal mit den Spitzen der Junta, General Videla und Admiral Massera, zusammengetroffen zu sei, und deutet zumindest an, diese Treffen k\u00f6nnten Einfluss auf das \u00dcberleben der zwei entf\u00fchrten Jesuiten gehabt haben.<\/p>\n<p>Graciela Yorio, die Schwester Orlandos, fragte 2013 bissig in einem Interview: &#8222;Wenn er so jung war und keine Kontakte hatte, wieso konnte er dann Massera und Videla treffen?&#8220;.<\/p>\n<p>Aber auch die Aussagen seiner Ankl\u00e4ger sind keineswegs frei von Widerspr\u00fcchen.<\/p>\n<p>Die Vorw\u00fcrfe von Yorio und Jalics beispielsweise versch\u00e4rften sich im Laufe ihres Lebens. An \u00dcberzeugungskraft gewannen sie dadurch nicht. Und noch andere Ungereimtheiten lassen sich finden. So will Jalics &#8222;belastende Dokumente&#8220; (vor allem) gegen Bergoglio 1980 verbrannt (!) haben, um, wie er sagte, seine &#8222;Seele zu erleichtern&#8220;. Warum sollte der Verfolgte eines Regimes, der sich ins Exil retten konnte, belastendes Material verbrennen, solange das Regime noch an der Macht ist?<\/p>\n<p>War nicht zu erwarten, dass er es nach einem Sturz der Junta gut w\u00fcrde brauchen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Und wie &#8222;erleichtert&#8220; ist die Seele eines Menschen, der noch Jahrzehnte sp\u00e4ter dieselben Vorw\u00fcrfe wiederholt, die er mit Hilfe der vernichteten Dokumente doch angeblich so leicht h\u00e4tte beweisen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Ebenso wenig ist zu bestreiten, dass sich in Argentinien politische Animosit\u00e4ten in die Suche nach der Wahrheit \u00fcber Bergoglio mischen. Pr\u00e4sidentin Cristina Fern\u00e1ndez de Kirchner und der ehemalige Erzbischof von Buenos Aires waren (und sind) nicht die besten Freunde. Horacio Verbitsky, dessen Vorw\u00fcrfe gegen Bergoglio von der internationalen Presse breit rezipiert wurden, ist einerseits, wie erw\u00e4hnt, ein anerkannter investigativer Journalist und Kirchenkenner, andererseits aber auch ein entschiedener Parteig\u00e4nger der Kirchners.<\/p>\n<p>So fiel es Bergoglio relativ leicht, seine Anschuldigungen als &#8222;politisches R\u00e4nkespiel&#8220; abzutun.<\/p>\n<p>Unter Bergoglio als Erzbischof von Buenos Aires entschuldigte sich die katholische Kirche Argentiniens \u00f6ffentlich f\u00fcr ihre Rolle w\u00e4hrend der Diktatur.<\/p>\n<p>Gleichzeitig aber weigerte er sich hartn\u00e4ckig, als Zeuge vor Gericht auszusagen.<\/p>\n<p>Als er es 2010 schlie\u00dflich doch tat, war die Entt\u00e4uschung der Menschenrechtsorganisationen \u00fcber seine unverbindlichen Aussagen gro\u00df.<\/p>\n<p>Wollte man die bisherigen Ergebnisse zusammenf\u00fchren, so m\u00fcsste man wohl sagen: Schuld im Sinne verbrecherischen Handelns tr\u00e4gt Jorge Mario Bergoglio mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht. An seinen H\u00e4nden klebt <i>kein<\/i> Blut. Verantwortung aber tr\u00e4gt er ohne allen Zweifel: seiner einflussreichen Position, seiner Verantwortung f\u00fcr andere und nichts zuletzt seines selbstformulierten christlichen Auftrags wegen.<\/p>\n<p>In Chile benahm sich die katholische Kirchenspitze nach dem Putsch Augusto Pinochets nur drei Jahre zuvor anders als in Argentinien: Sie stellte sich klar auf die Seite der Opfer und prangerte die Menschenrechtsverletzungen der Diktatur an. Verantwortung ist trotzdem etwas, das sich nur schwer messen oder beurteilen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Auch auf moralischer Ebene sollten Nachgeborene sich gro\u00dfer Vorsicht beflei\u00dfigen, wenn sie einzusch\u00e4tzen versuchen, inwieweit ein einzelner Mensch in einer Situation m\u00f6rderischer Gewalt seiner Verantwortung gerecht wurde. Die Berufung zum selbstlosen, mutigen &#8222;Helden&#8220; ist nur wenigen gegeben.<\/p>\n<p>Die Unterst\u00fctzung der katholischen Hierarchie Argentiniens f\u00fcr eine der blutgierigsten Diktaturen Lateinamerikas steht dabei au\u00dfer Frage. Die Schuld und Verstrickung vieler argentinischer Kirchenf\u00fchrer in die Verbrechen der Junta ist um ein Vielfaches gr\u00f6\u00dfer und eindeutiger als alles, was Bergoglio vorgeworfen werden konnte.<\/p>\n<p>&#8222;Es ist unm\u00f6glich&#8220;, schreibt der Historiker Jos\u00e9 Mar\u00eda Ghio, &#8222;das Ausma\u00df und die Tiefe der Repression in Argentinien zu verstehen, wenn man als entscheidenden Faktor deren Legitimation durch die Mehrheit der Kirche, vor allem der Milit\u00e4rgeistlichkeit, au\u00dfer acht l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Sie war ein &#8218;Rechtfertigungsapparat&#8216; f\u00fcr den V\u00f6lkermord&#8220;. Die Spitzen der Junta gaben sich ihrerseits gro\u00dfe M\u00fche, ihre Fr\u00f6mmigkeit und Kirchentreue ideologisch herauszustellen.<\/p>\n<p>Dass es Einflussm\u00f6glichkeiten gab, hat Bergoglios eigenes Handeln bewiesen. Er war, so gewinnt man den Eindruck, ein im oben erl\u00e4uterten Sinne weitgehend schuldloser Mensch innerhalb einer zutiefst schuldhaften Organisation.<\/p>\n<p>Er war aber gleichzeitig nicht bereit, seine Karriereaussichten und m\u00f6glicherweise seine Sicherheit zu gef\u00e4hrden, um sich entschiedener der tobenden Unmenschlichkeit der Diktatur entgegenzustellen. Dass seine Sicherheit bei einem solchen Handeln, trotz seines hohen Amtes, gef\u00e4hrdet gewesen w\u00e4re, steht au\u00dfer Frage: Gleich zwei kritische Bisch\u00f6fe haben die Schl\u00e4chter der Junta mit hoher Wahrscheinlichkeit auf dem Gewissen. Gleichzeitig jedoch war ein hoher Kirchenf\u00fchrer, wie der Lateinamerikahistoriker Stephan Ruderer anmerkt, in einem Regime, das sich als katholisch darstellte, grunds\u00e4tzlich gesch\u00fctzter als ein x-beliebiger Staatsb\u00fcrger.<\/p>\n<p>Was nun weiter geschieht, bleibt abzuwarten. Wahrscheinlich ist, dass die Diskussionen \u00fcber Bergoglios Rolle w\u00e4hrend der Diktatur abebben und sich das \u00fcbliche Schweigen \u00fcber die grausige Vergangenheit der katholischen Kirche Argentiniens w\u00e4hrend der Diktatur legen wird &#8211; wie immer. Jorge Mario Bergoglio wird sich mehr und mehr in Papst Franziskus verwandeln und damit, zumindest f\u00fcr weite Teile der katholischen \u00d6ffentlichkeit, im Grunde keine Geschichte und pers\u00f6nliche Vita mehr haben.<\/p>\n<p>Dabei b\u00f6ten die neuerlich aufgeflammten Diskussionen eine M\u00f6glichkeit (vielleicht auch f\u00fcr Bergoglio pers\u00f6nlich) sich offen und \u00f6ffentlich dieser Vergangenheit zu stellen und vielleicht f\u00fcr Konsequenzen zu sorgen, die die Struktur und Ausrichtung der Kirche insgesamt betreffen m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Selbst eine jener sonst so unverbindlichen symbolhaften Anerkennungen schuldhafter Verstrickungen der eigenen Institution, gesprochen von einem <i>Beteiligten<\/i> auf dem Stuhl Petri, w\u00e4re ein Anfang.<\/p>\n<p>Denn in Argentinien k\u00f6nnte sie die Aufarbeitung der Vergangenheit der Kirche w\u00e4hrend der Diktatur beschleunigen.<\/p>\n<p>Sie steht dort noch immer ganz am Anfang. Wahrscheinlich aber ist nicht einmal dies.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Circa 30.000 Menschen &#8222;verschwanden&#8220; w\u00e4hrend dieser Zeit. Sie wurden in staatlich organisierten Razzien verschleppt, in illegalen Haftzentren auf milit\u00e4rischem Gel\u00e4nde, in Polizeiwachen oder Autogaragen bestialisch gefoltert, monate-, wenn nicht gar jahrelang ohne jegliche Rechtsgrundlage festgehalten und schlie\u00dflich in der \u00fcberwiegenden Mehrzahl der F\u00e4lle ermordet. 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